salute (c) Agnes Lloyd-Platt

“Felix, 21, high top, noch immer aus Wien” – SALUTE im Interview

Das erste Interview mit SALUTE seit dem Anschlag in Manchester. Aber auch, seit er ordentlich Momentum zugelegt hat. Es läuft bei ihm so richtig, die Kollaborationen werden größer, er wird immer besser. Dabei ist SALUTE noch immer sehr jung. Er wohnt nun schon fast drei Jahre in England, kommt immer wieder nach Wien. Hier ist er aufgewachsen, hier musste er dem Rassismus in die hässliche Fratze sehen, redet im Interview erstmals ausführlich über den Moment, als er als 14-Jähriger mit einem Messer attackiert wurde. Mittlerweile hat er ein exzellentes Netzwerk aus Musikerfreunden und einen direkten Draht zu SPOTIFY. Ende Juli kommt er nach Wien, um beim POPFEST live als Headliner auf der Seebühne am Karlsplatz zu spielen. Wie er das alles so findet, hat er Stefan Niederwieser erzählt.

Light Up“ hat bald zwei Millionen Plays und salute 600.000 monatliche Hörerinnen und Hörer allein auf Spotify. Wie geht das? 

salute [lacht]: Sehr gutes Timing. Ich habe mit dem Song schon letzten Juli begonnen und nie aufgehört, daran zu arbeiten, ich war nie zufrieden und es gibt irre viele Versionen. Als meine Mutter, mein Vater und mein großer Bruder begeistert waren, wusste ich, dass er fertig ist. Die haben einen „normalen“ Musikgeschmack. Dass er besser performen wird, wusste ich, aber dass es so schnell ging, hat mich wirklich überrascht. Mein nächster Song kommt bald, da habe ich ein noch besseres Gefühl.

Ein Song mit D.R.A.M., die EP, ein Mix für Fader, ein Banks-Remix und jetzt Liv Dawson – der Output hat sich deutlich erhöht, oder?

salute: Ja, ich komme richtig in den Schwung rein, habe viel mehr Disziplin. Ich mache richtig viel Musik und arbeite schnell, will nicht alles raushauen und auswählen können. Nachts kann ich generell viel besser arbeiten, von zwei bis sieben in der Früh, vor allem wenn ich müde bin. Da habe ich keine Hemmungen mehr.

“Mozart bin ich keiner”

Wie steht es mit den Piano-Fähigkeiten?

salute: Es reicht, damit ich in Sessions schnell eine Idee skizzieren oder Teile schreiben kann. Das Piano ist mein Lieblingsinstrument, damit kann ich viele Einflüsse aus dem Gospel verarbeiten. Aber es zu spielen ist schwierig, denn meine Feinmotorik ist nicht die beste. Den Song mit D.R.A.M. habe ich stundenlang mit MIDI gezeichnet, weil ich es nicht schnell genug spielen konnte. Mozart bin ich keiner [lacht]. Manche Sachen bringe ich mir mit Tutorials auf YouTube bei. Aber die besten Ideen habe ich, wenn ich keine Ahnung habe, was ich eigentlich mache.

Hat es geholfen, ganz offiziell eine Nummer eins im Vereinigten Königreich remixt zu haben? 

salute: Der Sam-Smith-Remix hat mir anfangs viele Bookings und gute Kontakte gebracht, heute haben den alle vergessen. Ich finde ihn ziemlich scheiße, habe mir geschworen, nie wieder etwas in dieser Richtung zu machen. Und heute wäre ich ohne ihn auch da, wo ich jetzt bin.

Wie kommt man an Abra oder D.R.A.M. ran? 

salute: Sie einfach anschreiben [lacht]. Man sollte nicht zu stolz oder zu ängstlich sein. Es ist egal, wie bekannt sie sind, im Endeffekt sind es Menschen, die gute Musik mit interessanten Leuten machen wollen. In beiden Fällen war Glück dabei und das Timing war richtig, also jeweils kurz, bevor sie richtig groß wurden.

Gibt es weiterhin Kontakt zu Mura Masa? Und Jamsessions mit Sam Gellaitry konnte man auf Instagram sehen… 

salute: Mura Masa habe ich auf dem Campus kennengelernt, seit drei Jahren sind wir befreundet, mit seinem Manager bin ich wegen mehrerer Dinge in Kontakt. Sam kenne ich auch seit Jahren, er ist ein irrsinnig netter Typ, ich war einmal in seiner Nähe in Schottland, auf Twitter war die Location an und er hat mich zu sich eingeladen. Er wohnt noch bei seinen Eltern, macht den ganzen Tag nur Musik in seinem Zimmer.

“Die Mentalität hier im Norden ist anders, wir verlangen nichts voneinander”

Und Bondax? 

salute: Ich habe vor Jahren mit ihnen in der Pratersauna gespielt und geredet. Später noch einmal in Paris. Die wohnen um die Ecke hier in Manchester. Wenn ich nicht bei mir bin, bin ich bei ihnen. Wir gesellen uns [lacht] und hören dann Jazz. Oder wir nehmen stundenlang Musik auf, helfen uns, wenn wir mit einer Idee nicht weiterkommen, Karma Kid gehört da auch dazu. Die Mentalität hier im Norden ist anders, wir verlangen nichts voneinander. Ich war gerade in London für ein Meeting mit Sony, sie wollten mir Sessions mit richtig guten Leuten geben, hatten sicher gute Absichten, aber es fühlte sich an, als müsste ich ihnen meine Seele verkaufen.

Ein Album ist heute nicht mehr so wichtig, oder? 

salute: Für mich schon. Ich habe schon damit begonnen, geplant ist es nächstes Jahr. Ich weiß, es klingt total nach Klischee, aber es soll eine Geschichte erzählen. Ich werde auch darauf singen, durch Autotune, das habe ich mich bisher nicht getraut. Ich will Songs schreiben und clubby Sachen genauso, diese beiden Welten möchte ich zusammenbringen. Ich baue gerade mein Momentum dafür auf. „Light Up“ hätte ohne das Material davor nicht so gut funktioniert. Daran muss ich anknüpfen, sonst vergeude ich das.

Wer sind Sie eigentlich? „17 Jahre alt, mit Afro, aus Wien“?

salute [lacht]: An den Satz kann ich mich erinnern, aus dem ersten Interview mit dir. Heute, Felix, 21, high top, noch immer aus Wien. Ich habe mich seither sehr verändert, als Musiker und als Person.

Über salute steht im FM4 Soundpark: „[…] mit UK Bass und US Dance groß geworden.“ 

salute: Mein großer Bruder hat mir sehr früh Hip-Hop gezeigt, Tupac, Nelly, Ginuwine, R Kelly, Aaliyah, damit bin ich aufgewachsen, später bin ich im Netz auf James Blake, Mount Kimbie und Post-Dubstep gestoßen. Diese beiden Einflüsse hört man heute noch.

“Damals hatte ich eine große Wut […]“ 

Mit 14 kam es in Wien zu einer Messerattacke, wie ist das abgelaufen? 

salute (c) Agnes Lloyd-Platt

salute: Das war im 22. Wiener Gemeindebezirk, in Aspern, in der Nähe meiner Eltern. Seit ich denken kann, habe ich mit Rassismus zu tun gehabt, im Gymnasium sowieso, aber so ist mir das noch nie passiert. Die beiden habe ich nicht gekannt, sie wollten mir Angst machen, haben mich mit einem Messer angegriffen, dies und das genannt, und dass ich in diesem Land keinen Platz habe. Ihnen war mein Wiener Akzent egal, es ging nur um meine Hautfarbe. Es sind ein paar andere Leute um die Ecke gekommen, da sind sie weg, ich bin heimgelaufen. Damals war ich sehr wütend, ein Jahr lang war ich ziemlich komisch drauf. Aber heute spüre ich keinen Hass mehr. Es geht es mir nur mehr darum, Leute aufzuklären, ihnen zu sagen, dass das auch in Wien alltäglich passiert. Ich hatte da schon wahnsinnig viele Diskussionen mit Freundinnen und Freunden. Manche fühlen sich persönlich angegriffen, wenn man ihnen sagt, dass sie privilegiert sind. Sie wollen nicht Mitschuld an einer Situation haben. Dabei wäre Verständnis allein schon wichtig.

Haben Sie Ihr Studium abgeschlossen? 

salute: Das Studium habe ich Ende 2015 abgebrochen, ich hatte zu viel anderes zu tun. Seither kann ich vom Musikmachen leben, das ist wirklich ein Segen. Man kann in England von Tantiemen leben, wenn man oft genug im Radio gespielt wird, das fand ich ziemlich überraschend. Spotify macht weniger aus, das geht hier eher ans Label.

Wo fällt der Kontakt mit Fans am leichtesten? 

salute: Ich kann Facebook überhaupt nicht mehr leiden, alles wird gecappt, ich muss 30 Pfund reinstecken, wenn ich meine Leute erreichen will. Instagram geht. Twitter verwende ich am liebsten. Ich mische mich auch in Diskussionen ein. Durch mein verifiziertes Profil sind meine Antworten oft gut sichtbar. Das kann anstrengend werden, aber wenn ich Menschen zum Nachdenken bringe und sie nächstes Mal nicht mehr so blöd herumschimpfen, war mir es das schon wert.

Fast alle neuen Tracks stehen auf Spotify. Wie geht’s mit Soundcloud? 

salute: Scheiße, da werden dir fast alle dieselbe Antwort geben. Es gibt zu viele Leute, die denselben Sound machen. Das war früher anders. Ich gebe meine Songs rauf, für meine Follower, aber die Plays sind extrem zurückgegangen.

Und die Spotify-Zahlen?

salute: Ich schaue mir Spotify Insights ziemlich genau an. Man sieht, von wo die meisten Plays kommen, welche Tracks in den letzten 28 Tagen oder in einer Minute gleichzeitig gehört werden. Es ist arg, Lauren von der Girlband Fifth Harmony hat über einen Song von mir getwittert – mit über 10.000 Fans –, und hinterher haben irrsinnig viele Leute „Colourblind“ gehört. Den Zugang zu den Zahlen bekommt man von Spotify, ich war bei der Zentrale in London, hatte ein ziemlich gutes Gespräch mit dem artist ambassador. Es werden Tools für Künstlerinnen und Künstler kommen, mit denen man mit den größten Fans persönlich reden oder für bestimmte Shows Tickets für sie freigeben kann.

Wie kommt man auf die großen Playlists drauf, ist das nicht sehr schwer?

salute: Mich haben Leute von Spotify bei einer Industrie-Show gesehen und sind auf mich zugekommen. Wir haben ihnen die Demoversion von „Light Up“ im Büro vorgespielt, worauf sie meinten, sie würden den Song gerne promoten. So einfach kann es gehen. Der Song war dann auf elf New-music-friday-Playlists drauf, auch im Vereinigten Königreich, in Australien, den Niederlanden und Deutschland.

Hat es geholfen, mit „37 Adventures“ und „[PIAS]“ ein Label zu haben, das über den Indie-Verband „Merlin“ an Spotify beteiligt ist?

salute: „[PIAS]“ macht auch das Plugging für andere Streamingdienste, Deezer, Google Play.

Warum zogen Sie von Brighton nach Manchester? 

salute: Mir ist die Stadt zu klein geworden. Im Norden ist es viel günstiger und ich kann schöner leben.

“So eine arge Energie habe ich noch nie gespürt […]“

Hat sich dort mit dem Anschlag auf das Konzert von Ariana Grande die Stimmung verändert? 

salute: Ich wohne gleich neben der Manchester Arena, bin gerade zu einem Geschäft, als es passiert ist. Jetzt hat sich das Ganze erholt. Aber am Tag nachher war die Stimmung im Zentrum komplett angespannt. Bei jedem Geräusch sind die Leute sofort stehen geblieben, haben geschaut. Am Abend waren siebzig- oder achtzigtausend Leute vor dem Rathaus, Arme, Reiche, Moslems, Christen, Hindus. Die Stimmung war sehr friedlich und traurig, viele heulten. So eine arge Energie habe ich noch nie gespürt, als dann viele „Don’t Look Back In Anger“ gesungen haben. Das hat mich mitgerissen. Und es hat geholfen, dass alle so viel Solidarität gezeigt haben.

Hat sich mit dem Blick von außen die Wahrnehmung auf Wien verändert?

salute: Massiv. Mir ist aufgefallen, wie schön Wien ist, wie hoch die Lebensqualität, wie sauber die Stadt ist, wie billig es ist, dort zu leben. Andererseits, wie angepisst die Leute sind, wie unentspannt und unfreundlich. Und der unauffällige Rassismus, also wenn Leute nichts sagen, aber sich eigenartig verhalten, zum Beispiel, wenn sie sich in der U-Bahn lieber nicht neben dich setzen, egal wie voll sie ist, oder wenn du später als die anderen bedient wirst. Das ist nicht arg, aber wirklich nervig. Muss nicht sein.

Wie ist es, mit Liv Dawson am Eröffnungstag des Popfests als Headliner auf die Seebühne zu kommen?

salute: Ich weiß nicht … Ich kann das schwer einschätzen, wie relevant ich in Wien noch bin. Man sieht in Wien oft, wie manche Künstlerinnen und Künstler ein paar Monate gehypt werden und dann verschwinden. Ich freue mich darüber, finde das ein riesiges Kompliment, aber habe keine Ahnung, wie ich dazu stehen soll.

Im September steht die erste Headliner-Show in London an. 

salute: Genau, das ist im Vereinigten Königreich ein wichtiger Schritt. Man muss ein paar große Songs veröffentlicht haben, schauen, dass die Show ausverkauft ist. Die Industrie schaut zu. Der Ort ist nicht riesig, aber von da an soll es immer größer werden. Londoner Headliner-Shows sind megawichtig.

Vielen Dank für das Gespräch.

Stefan Niederwieser

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