Cesar Sampson (c) Samir Novotny

„Popmusik wird immer repetitiver“ – CESÁR SAMPSON im mica-Interview

Dritter Platz beim SONG CONTEST. In 62 Jahren gab es für Österreich nur zwei höhere Platzierungen beim nationalen Wettsingen. Was ist bei CESÁR SAMPSON seither passiert? CESÁR SAMPSON war ja schon oft beim Song Contest. Er gehört zu einem Team, das als „Symphonix International mehrere Songs für Bulgarien produziert hat, aber auch für Mazedonien und Serbien. Er weiß, wie der Hase läuft und die Vögelchen zwitschern, welche Themen dort ankommen, welche weniger. Seit Lissabon hat er an seiner Karriere gearbeitet. Er habe keine Lust, auf Nummer sicher zu gehen, sagt er. Dass er das könnte, merkt man im Interview allerdings schnell. Stefan Niederwieser sprach mit CESÁR SAMPSON über Menschenrechte, unabhängige Frauen, PÆNDA und seine Pläne zur Welteroberung.

„Nobody But You“ war überaus erfolgreich. Wie glücklich sind Sie seither mit dem Support hier?

Cesár Sampson: Die Leute sprechen mich tagtäglich an, ich habe das Gefühl, die Österreicherinnen und Österreicher sind stolz darauf, so ein Lied zu haben. Ich bekomme Aufnahmen von Chören, die das singen, von Leuten, die das aufführen. In Island bin ich gleich am Flughafen erkannt worden. Der Song hat verdammt viel erreicht.

Sie hatten in Österreich nicht immer das Gefühl, als Musiker ernst genommen zu werden?

Cesár Sampson: Ich habe mit 17, 18, 19 fast nur im Ausland gearbeitet, da ich dachte, dass das, was ich mache, ohnehin nur im Ausland Wertschätzung findet. Auch aus bestimmten Erfahrungen heraus. Ich mag den Gedanken, dass ich für alle Musik mache, dass ich niemandem speziell die Musik näherbringe, und finde es schön, wenn auch Österreicherinnen und Österreicher meine Musik gerne hören.

Zum Song Contest fahren Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus über 40 Ländern und versuchen, international durchzustarten

Cesár Sampson: Die Frage ist, ob du als Künstlerin bzw. Künstler dafür gemacht bist. Am Song Contest wird sich das nicht ändern. Und der Prozentsatz, der einen internationalen Durchbruch hat, ist generell sehr klein. Der Song Contest möchte kontemporär sein, es wird belohnt, wenn etwas zeitgemäß klingt oder sich fürs Streaming und Radio eignet. Bei Mikolas Josef werden Leute in kürzester Zeit vergessen haben, wo er herkommt. Benjamin Ingrosso wird seine Downloads von überallher haben. Ich werde das genauso machen.

Wie finden Sie „Limits“ von PÆNDA?

Cesár Sampson: Um zu gewinnen, ist der Song von PÆNDA wahrscheinlich nicht der richtige. Ich nehme aber an, sie möchte ihr Ding machen, was ich gut finde.

„Wenn einer Frau heute etwas nicht taugt, ist sie schnell auf Distanz. Das finde ich auch gar nicht unromantisch.“

In „Stone Cold“ werden die Gefühle eines Mannes von einer Frau nicht erwidert. Es gibt die Theorie, dass in politisch turbulenten Zeiten Songs von unerfüllter Liebe Konjunktur haben.

Cesár Sampson: Wirklich? Das ist cool. Ich bin es simpel angegangen, mein Umfeld hat sich verändert, für viele Frauen heute hat Liebe nicht mehr den höchsten Stellenwert, das Klima ist unverbindlicher, sie können sich selbst ihre Existenz sichern. Diese Notwendigkeit früher und der Mangel an Optionen waren, ohne dass wir es gewusst haben, der Leim, der Beziehungen zusammengehalten hat. Heute brauchen Frauen das nicht mehr. Es muss schon wirklich angenehm sein, damit sie das machen. Außer die Frau ist sehr traditionell. Will eine Frau Kinder, gibt es genügend Typen, die bei einem freien Kinderprojekt mitmachen. Und es gibt viele Optionen. Früher hat man eher geglaubt, dass man keine bessere Person findet. Wenn einer Frau heute etwas nicht taugt, ist sie schnell auf Distanz. Das finde ich auch gar nicht unromantisch.

Wie viele Songwriter haben „Stone Cold“ geschrieben?

Cesár Sampson: Im Wesentlichen vier. Der Song stand schon fast als nächste Single fest, als ich noch nicht einmal richtig vom Song Contest zurück war. Der Song knüpft an den davor an, ist aber trotzdem deutlich anders. Wir sind ein Team, wer einen Einfall einbringt, steht in den Credits, auch wenn sie bzw. er nicht durchgehend beim Songwriting dabei war. Es ist besser, man sammelt alle guten Ideen. Die Sachen klingen deshalb so super, weil es im Team keinen Schwachpunkt gibt.

Wie schwierig ist es, sich im Team zu einigen?

Cesár Sampson: Es machen nicht alle militant gleich viel. Es kann sein, dass ein Lied in seinen wesentlichen Zügen besteht, jemand kommt dazu und hat eine entscheidende Idee.

Wo schreiben Sie Songs?

Cesár Sampson: Beim Spazierengehen oder am Klavier, ich gehe hin und her, habe ein Thema, das mich begleitet, es lösen sich Leitmelodien, aus einer Phrasierung, die für mich unausweichlich scheint, kann ein Laut kommen oder ein Schlagsatz.

Cesar Sampson (c) Stone Cold Videostill

Das Video zu „Stone Cold“ wurde auf Digster veröffentlicht, das zu „Universal“ gehört. Hilft das bei Platzierungen auf großen Playlists?

Cesár Sampson: Das nehme ich stark an.

Woher kommen die Streams?

Cesár Sampson: Die Streams verteilen sich schön international, wie ich es mir erhofft habe. Es ist aber zu früh für eine endgültige Beurteilung. Ich kenne ja meine nächsten Songs, sie sollen ein dreidimensionales Bild von Cesár Sampson ergeben.

Sie haben den Musiktheorie-Kanal von Adam Neely empfohlen. Was haben Sie von Neely gelernt?

Cesár Sampson: Ich habe gelernt, dass Popmusik immer repetitiver wird. Es soll nur mehr fünf Akkorde geben, die von der Masse geschätzt werden: Das ist wie eine self-fulfilling prophecy. Es braucht Handwerk, um anspruchsvollere Progressionen und ungewöhnliche harmonische Modi in einen Song zu verwandeln, der auch vielen gefällt. Jedes Mal, wenn das passiert, finde ich das cool.

Es gibt ein paar Akkorde, die ich nie verwenden werde, aus denen ich nichts Kreatives herausholen kann. Ich mache meine Musik nicht, um so viel wie möglich zu verkaufen, sondern ich möchte unterschiedliche Musik hören können. Viele Industrien sind heute geschwächt, die Risikobereitschaft wird immer geringer, Filme werden nur mehr budgetiert, wenn sie ein deppensicheres Ausgangsmaterial haben, ein Buch etwa wird dann verfilmt, wenn es Millionen gelesen haben.

„Man kann halbwegs Erfolg haben, wenn man auf Nummer sicher geht, gleichzeitig weiß man nicht, was wirklich funktioniert.“

Wir sitzen gerade bei „Universal Music Austria“, es gibt hier sicher Zwänge, oder?

Cesár Sampson: Lustigerweise nicht. „Universal Music“ versteht, wohin ich will, deshalb fühle ich mich hier so wohl. Vielleicht ist das ein Zeichen der Zeit. Man kann halbwegs Erfolg haben, wenn man auf Nummer sicher geht, gleichzeitig weiß man nicht, was wirklich funktioniert. Andauernd funktioniert etwas, was vorher nicht funktioniert hat. Leute schlagen mit etwas Neuem voll ein.

Cesar Sampson (c) Samir Novotny

„Uploadfilter haben nie existiert. Das Wort wurde von Konzernen erfunden, die möglichst kein Geld an Künstlerinnen und Künstler zahlen wollen.“

Was ist das größte Missverständnis, wenn es um Uploadfilter geht?

Cesár Sampson: Uploadfilter haben nie existiert. Das Wort wurde von Konzernen erfunden, die möglichst kein Geld an Künstlerinnen und Künstler zahlen wollen. Gleichzeitig scheffeln sie Millionen und Abermillionen mit Werbung. Die Software ist eine Erkennungssoftware, sie haben diese Software bereits, nur benutzen sie diese dazu, um Werbung zu schalten. Die Künstlerinnen und Künstler wollen diese Software verwenden, um zu erkennen zu können, welche Songs hochgeladen werden, damit sie entsprechend ihrer Lizenzvereinbarungen vergütet werden.

Leben Sie schon vegan?

Cesár Sampson: Was mich vom Veganismus trennt, ist das eine oder andere Ei. Vegetarismus ist eine Linie, die ich mit 20 gezogen habe, mein Körper hat mir klar mitgeteilt, dass das der bessere Weg ist. Veganismus ist dagegen eine Sache der Awareness, wie Dinge hergestellt werden, welche Schicksale damit verknüpft werden. Es gibt Ausnahmen, ein Ei vom eigenen Huhn würde ich essen.

Sie engagieren sich für die MALTESER, die Krebshilfe, das Jane Goodall Institute und Ich bin O.K.

Cesár Sampson: Ich mache das sehr gerne, um zu verstehen, was passiert. Es knüpft an meine sechs Jahre als Sozialarbeiter an, ich komme aus dem Bereich der Behindertenarbeit.

Wie viele Menschenrechte können Sie aufzählen?

Cesár Sampson: Das ist unmöglich, viele von ihnen wirken so selbstverständlich, dass man nicht das Gefühl hat, sie niederschreiben zu müssen. Ich habe diese Awareness-Kampagne gemacht, um etwas in den Pass hineinzufügen, was so selbstverständlich ist, dass man es beinahe vergisst.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Stefan Niederwieser

Links:
Cesár Sampson (Facebook)