Bild Helmut Schmidinger
Bild (c) Helmut Schmidinger

„Grundlage der Qualitätssicherung“ – HELMUT SCHMIDINGER im mica-Interview

Als bisher einziges Institut im deutschsprachigen Raum bietet die GRAZER KUNSTUNIVERSITÄT seit dem Studienjahr 2013/14 das vierjährige Bachelorstudium „Kompositions- und Musiktheoriepädagogik“ an. Christian Heindl sprach mit dem Initiator und inhaltlich Verantwortlichen HELMUT SCHMIDINGER über die Zielsetzung dieser Innovation.

Herr Mag. Schmidinger, ich möchte Sie heute primär in Ihrer Rolle als Gastprofessor an der Kunstuniversität Graz (KUG) zu dem neuen Bachelorstudium „Kompositions- und Musiktheoriepädagogik“ befragen, was nicht ausschließen soll, dass dabei auch der Komponist Helmut Schmidinger zu Wort kommt. Was war für Sie ausschlaggebend, in einer Zeit, in der es scheinbar ohnedies ein viel zu großes Angebot an Studienrichtungen gibt, eine neue Studienrichtung zu initiieren?

Helmut Schmidinger: Die Frage müsste eigentlich lauten: Warum gab es bis Oktober 2013 mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der es zum Beispiel ein Klavier- oder Violinpädagogikstudium gibt, nicht auch ein Kompositions- bzw. Musiktheoriepädagogikstudium?
Es war eine Summe von Erfahrungen und Erlebnissen, die dazu geführt hat, mich für die Einrichtung so eines Studiums zu engagieren. Da ist zuerst die ganz persönliche Erfahrung: Ich bin im Alter von zwölf Jahren mit einem Klavierstück zu meiner Klavierlehrerin gekommen und habe ihr das vorgespielt. Sie hat mich nicht entmutigt, sondern eingeladen, das Stück für einen Klassenabend auszufeilen – allerdings ohne Handreichungen, wie denn das Ausfeilen gehen könnte. Nach dem Vorspielabend hat sie mich an einen Klavierlehrerkollegen der Musikschule vermittelt, der am Brucknerkonservatorium Komposition studiert hatte und bei dem ich ab dann zusätzlich einmal wöchentlich „Kompositionsunterricht“ erhielt. Das Fach gab es natürlich im Fächerkanon nicht, sondern das war eine Sonderregelung, die wieder verschwand, als ich die Musikschule verlassen hatte. Und wie es ein glücklicher Zufall wollte, war dieser Lehrer in Personalunion Leiter des Schülerstreichorchesters und so konnte ich gleich meine erste Sinfonie komponieren, deren ersten Satz dann das Orchester sofort in einem Schulkonzert uraufgeführt hat – einen zweiten Satz hat es nie gegeben. Später, als ich selbst als Lehrer im Oberösterreichischen Landesmusikschulwerk war, war es mein Ziel, diese von mir erlebte Kette an glücklichen Zufällen und Umständen in den Musikschulen zu institutionalisieren. Und damit die zukünftigen Kompositionslehrerinnen und -lehrer auch entsprechend entlohnt werden, ist es notwendig, dass sie eine adäquate Ausbildung vorweisen können. Und weil es diese Ausbildung nicht gab, musste sie eingerichtet werden.

Konnten Sie Beobachtungen machen, dass Derartiges auch andernorts überlegt wurde?

Helmut Schmidinger: Durchaus. Ich machte die Beobachtung, dass beim Gedankenaustausch mit Kolleginnen und Kollegen dieses Thema „in der Luft“ lag. Ich darf hier Dieter Kaufmann zitieren, der anlässlich eines MusikZeitGesprächs am 23. September 2008 anmerkte: „IGP, da fehlt ein Buchstabe, IGKP: Wo bleibt die Kompositionspädagogik?“

Fanden Sie mit dieser Idee von Anfang an offene Ohren und Partner an der Grazer Kunstuniversität oder war doch einiges an Überzeugungsarbeit nötig?

Helmut Schmidinger: Gerd Kühr hat mich 2009 zu einem Gastvortrag an die KUG eingeladen, um von den Erfahrungen meiner Kompositionsklasse an einer Musikschule und meinen Ideen für so ein Studium zu erzählen. Kühr war Schüler von Hans Werner Henze und mit dem von Henze 1984 gegründeten Jugendmusikfest in Deutschlandsberg auf das Engste verbunden, hat sich also persönlich stark für den voruniversitären Kompositionsunterricht engagiert und hat daher mit seiner Begeisterung auch an der KUG das Feld für die Kompositionspädagogik maßgeblich aufbereitet. Daher habe ich von Anfang an eine große Offenheit und Neugierde für dieses Vorhaben erlebt, und diese wohlwollende Unterstützung hält bis heute an.

Verbindet dieses neue Studium Inhalte eines klassischen Musikpädagogikstudiums mit jenen eines Kompositionsstudiums?

Helmut Schmidinger: Genau. Wir haben uns von Anfang an bemüht, einen Studienplan zu entwickeln, der vom kreativen Spannungsfeld zwischen Komposition und Pädagogik profitiert, daher wurde er auch in Zusammenarbeit der Institute für Komposition und Musiktheorie bzw. Musikpädagogik entwickelt. Die Lehrveranstaltungen werden von Lehrenden beider Institute abgedeckt, wodurch neben der künstlerischen bzw. künstlerisch-wissenschaftlichen Ausbildung auch eine umfassende pädagogische Qualifikation gewährleistet ist.
Wir haben uns bewusst für die Verortung dieses pädagogischen Studiums an einem künstlerischen Institut entschieden, denn wenn Komponistinnen und Komponisten zum Beispiel mit Schulklassen arbeiten, haben die Schulklassen Pädagoginnen und Pädagogen, die auch eine hochwertige künstlerische Ausbildung in diesem Bereich vorweisen können. Unser Ziel ist es, die Komponistinnen und Komponisten mit einer pädagogischen Ausbildung dafür zu qualifizieren, als externe Expertinnen und Experten primär künstlerische Inputs mit dem nötigen pädagogischen Fingerspitzengefühl zu vermitteln. Diese Entscheidung ist also eine Frage des Blickwinkels, nicht der Wertung.
Ich sehe auch in der angestrebten Vernetzung der Studierenden beider Institute in gemeinsamen Lehrveranstaltungen eine Win-win-Situation, weil die Studierenden später im selben Arbeitsumfeld einer Regelschule oder Musikschule mitsammen arbeiten werden. In der Musikschule sind es in der Regel die Instrumentallehrenden, die in ihrem Unterricht kreativ „auffällige“ Schülerinnen und Schüler entdecken und diese dann an eine Kompositionslehrerin beziehungsweise Kompositionslehrer – so vorhanden – weitervermitteln. Ich erhoffe und wünsche mir, dass die Verknüpfung von Erfahrungen und Kenntnissen Studierender unterschiedlicher Institute zu einer gegenseitigen Bereicherung führen.

Die Ausbildung ist also dafür gedacht, dass künftig professionell verstärkt Komposition auch an Musikschulen angeboten werden kann?

Helmut Schmidinger: Der qualifizierte Unterricht an einer Musikschule in der Fächerkombination Komposition, Musikkunde und Improvisation bzw. Neue Musik ist nur eines von vielen möglichen Berufsfeldern. Die Absolventinnen und Absolventen dieses Studiums können aufgrund ihrer breiten Ausbildung im Gruppen- und Klassenunterricht auch an der immer wichtiger werdenden Schnittstelle zwischen Musik- und Regelschulwesen im Zuge der Etablierung ganztägiger Schulformen ebenso hilfreiche wie wertvolle Qualifikationen einbringen. Der Projektunterricht im institutionellen und öffentlichen Raum in Form von Workshops und Komponierwerkstätten und der sich rasch entwickelnde Bereich der Musikvermittlung an Konzerthäusern und bei Festivals eröffnen weitere Berufsfelder, auf die die Studierenden vorbereitet werden.

Gibt es eine Art Schnittstelle zwischen dem hier vermittelten Angebot und dem Kompositionsunterricht an einer Musikuniversität?

Helmut Schmidinger: Instrumental- und Gesangsunterricht haben an Musikschulen und Musikuniversitäten eine lange Tradition. Dementsprechend gut sind dort auch die Schnittstellen zwischen Musikschule und Musikuniversität ausgebildet: Lehrpraxis, Tutorensystem, Übernahme der Musikschulabgängerinnen und -abgänger als Studierende an die Universitäten und Übernahme der Uniabsolventinnen und -absolventen als zukünftige Lehrende an den Musikschulen. Damit ist ein „natürlicher“ Kreislauf entstanden, der die künstlerische Qualität und Tradition sichert und hebt. Im Bereich der Komposition ist das noch nicht so. Das langfristige Ziel muss es sein, auch im kreativen Bereich ein flächendeckendes Unterrichtsangebot im Fach Komposition an österreichischen Musikschulen zu etablieren, um den oben beschriebenen Kreislauf als Grundlage der Qualitätssicherung in Gang zu bringen bzw. in der Folge dann zu erhalten.

Untergräbt ein kompositionspädagogisches Studium nicht eine wichtige Arbeitsmöglichkeit für Komponistinnen und Komponisten? Bisher ist es doch so, dass nur die wenigsten von ihren Aufträgen und Aufführungen leben können und daher im Unterrichtsbereich ein wichtiges Standbein finden können. Wird man da nicht künftig bald einmal fragen: „Ja, haben Sie denn überhaupt eine pädagogische Ausbildung im Sinne dieses Studiums?“?

Helmut Schmidinger: So ein Studium untergräbt keine Arbeitsmöglichkeit, sondern es schafft eine, und zwar eine adäquat entlohnte zum Beispiel im Regel- bzw. Musikschulwesen. Durch den Bachelorabschluss, der dem IGP-Abschluss gleichgestellt ist, ist auch eine gleiche Bezahlung gewährleistet. Besonders im mancherorts stiefmütterlich behandelten Musikkundeunterricht erscheint mir eine pädagogisch-fachliche Ausbildung der Lehrenden ein Gebot der Stunde. Und auch für die Lehrenden an einer Universität kann eine pädagogische Zusatzausbildung zu ihrer künstlerischen Qualifikation kein Nachteil sein, ganz im Gegenteil.

Wo kann man sich detailliert über den Lehrplan informieren und ist es noch möglich, sich für das kommende Wintersemester anzumelden?

Helmut Schmidinger: Auf der Website http://kompositionspaedagogik.kug.ac.at findet man alle wichtigen Informationen rund um das Studium. Anmeldeschluss für die Zulassungsprüfung für das kommende Studienjahr ist der 3. Juni bzw. der 3. September.

Vielen Dank für das Gespräch!

Christian Heindl

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