Musikvermittlung 4.0 - Tagung der Plattform Musikvermittlung Österreich 2019
Musikvermittlung 4.0 - Tagung der Plattform Musikvermittlung Österreich 2019

„DIGITAL – PARTIZIPATIV – SOZIAL. MUSIKVERMITTLUNG 4.0“ – BERICHT ÜBER DIE TAGUNG MUSIKVERMITTLUNG 2019 IN LINZ – Teil 1

Die PLATTFORM MUSIKVERMITTLUNG ÖSTERREICH lud gemeinsam mit der ANTON BRUCKNER PRIVATUNIVERSITÄT sowie ARS ELECTRONICA vom 28. Februar bis zum 2. März 2019 zur biennalen Tagung mit dem Thema Musikvermittlung und Digitalisierung. Mit der Tagung wurden nicht nur zehn Jahre Musikvermittlung an der Bruckneruniversität gefeiert – bereits 70 Absolventinnen und Absolventen kann der Master-Lehrgang „Musikvermittlung – Musik im Kontext“ bislang verzeichnen –, sondern auch 15 Jahre Anton Bruckner Privatuniversität.

Ursula Brandstätter, Rektorin der Bruckneruni (c) Bruckneruni
Ursula Brandstätter, Rektorin der Bruckneruni (c) Bruckneruni

Für Ursula Brandstätter, Rektorin der Bruckneruniversität, agiert Musikvermittlung als Zwitterwesen – zwischen künstlerischem und pädagogischem Tun, zwischen Theorie und Praxis sowie zwischen Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit – und leistet einen erheblichen Beitrag zur Öffnung der Gesellschaft und zum Überschreiten von sozialen und kulturellen Grenzen. Sowohl Markus Achleitner, Landesrat von Oberösterreich, als auch Michael Rosenmayr, Mitglied des Gemeinderats und des Kulturausschusses der Stadt Linz, unterstrichen die Bedeutung des Themas Digitalisierung, welches nicht nur in der Musikvermittlung eine immer größere Rolle spielt, sondern insbesondere in der Wirtschaft und in der Politik konkretere Antworten benötigt. Constanze Wimmer, Studiendekanin und Leiterin des Studiengangs Musikvermittlung an der Bruckneruniversität, führte anschließend mit Analogien zwischen Musikvermittlung 4.0 und Web 4.0 thematisch in die Tagung ein. Sie erläuterte, dass Musikvermittlung 1.0 in den 80er- und 90er-Jahren stattfand, hauptsächlich geprägt durch Kinder- und Gesprächskonzerte. Bei Musikvermittlung 2.0 wurden Komponistinnen und Komponisten in den 90er-Jahren mit der Response-Methode aktiv und es fand mehr Kommunikation und Interaktion zwischen Bühne und Publikum statt. In den so genannten Nuller-Jahren etablierten eine Vielzahl von Orchestern und Konzerthäusern ihre eigene Abteilung für Musikvermittlung, die zunehmend mit anderen Bereichen wie Dramaturgie, Regie, szenischer Arbeit zusammenwirkte. Angekommen bei Musikvermittlung 4.0 – das Web 4.0 stellt mit Alexa und Siri den Nutzerinnen und Nutzern digitale „Dienerinnen“ zur Verfügung – soll hier der Fokus auf die zukünftigen Entwicklungen und Veränderungen gelegt werden, da die Musikvermittlung eine permanente Neuerfindung durchlebt, wobei Digitalisierung einen entscheidenden Beitrag leistet.

Demokratie und Kunstvermittlung

Der Keynote-Vortrag wurde von Philippe Narval, Geschäftsführer des Europäischen Forums Alpbach, zum Thema Demokratie und Kunstvermittlung gehalten. Den Ausspruch „Democracy is dead“ verneinte Narval, wobei er die Demokratie jedoch in Gefahr sieht, auch aufgrund der Digitalisierung, da diese zu Polarisierung und damit zu indirekten Wahl-Manipulationen führen kann. Seiner Meinung nach muss die Demokratie erneuert werden, indem Menschen diese neu denken und auf Vertrauen in Politikerinnen und Politiker setzen, um eine partizipative Demokratie entstehen zu lassen.

Philippe Narval (c) Bruckneruni
Philippe Narval (c) Bruckneruni

Aus seinem 2018 erschienenen Buch „Die freundliche Revolution“ präsentierte Narval drei Beispiele, die dazu dienen könnten, die Demokratie als Ganzes zu stärken. Zunächst berichtete er von einer Kindergartendirektorin in Vorarlberg, die einen Kindergarten mit eigener Verfassung entwickelt hat, in dem die Kinder Demokratie erleben und selbst vollziehen. In Irland traf er auf einen Politikwissenschaftler, der das Konzept der Bürgerräte vorstellte, die klare Forderungen an Politikerinnen und Politiker stellen und repräsentativ für die Allgemeinbevölkerung im Gremium sitzen. Weiters besuchte Narval eine Anwältin in Frankreich, die später zur 1. Digitalisierungsministerin Frankreichs ernannt werden sollte, welche die Bürgerinnen und Bürger mehr in das politische Geschehen einbezog, indem Gesetze im Vorhinein online einsehbar und diskutierbar gemacht wurden. Den Bezug von Musikvermittlung zur Demokratie sieht Narval darin, dass Musikvermittlung Räume der echten Begegnung schafft, Identität stiftet und Rituale erzeugt. Weiter erzielt Musikvermittlung zwei der wohl wichtigsten Fähigkeiten des 21. Jahrhunderts – nämlich Kreativität und Kommunikationsfähigkeit – und ermöglicht dadurch wirklich in Beziehung mit anderen treten zu können.

Drei Beispiele aus der Praxis

Ein digitales Musikvermittlungskonzept stellten Svea Schenkel von der Oper Wuppertal gemeinsam mit Oliver Hödl von der Universität Wien vor. Die App Share your opera (auf der Basis der App Opera Guru) verfolgt die Idee, das Smartphone in die Opernvorstellung miteinzubinden, um neue Publikumsgruppen anzusprechen. Die App darf ausschließlich auf den so genannten Tweet Seats genutzt werden – die letzten drei Reihen der Oper –, um die weiteren Besucherinnen und Besucher nicht zu stören. Es werden zwei App-Profile angeboten: Das Profil Basic richtet den Fokus auf die schlichte Inhaltszusammenfassung und ermöglicht dabei nicht nur den Inhalt komprimiert darzustellen, sondern zudem die einzelnen Rollen zu präsentieren, auf die Inszenierung einzugehen oder zusätzliche Hinweise und Erklärungen anzubieten. Das Profil Plus bietet zudem spezielle Aktionen an. Fragen wie „Wie wird das Bühnengeschehen unterstützt und nicht gestört?“ oder „Wie viel Inhalt ist gewollt?“ werden bei jeder Oper in der Spielzeit neu eruiert.

Music:Eyes - Live-Anwendung (c) Simon Petrat
Music:Eyes – Live-Anwendung (c) Simon Petrat

Ein weiteres Beispiel für die Nutzung digitaler Medien bei der Vermittlung klassischer Musik bietet die App Music:Eyes. Maximilian Whitcher, Education und Project Manager bei Music:Eyes, bezeichnete die App als GPS für Musik, die auf Zeichnungen von Paul Klee und Stephen Malinowskis Music Animation Machine basiert. Music:Eyes dient als Tool für eine künstlerische Interpretation von Musik, bei der auch Laien eine Art Notation durch Formen, Farben und visuelle Muster zur Musik kreieren können. Mit Hilfe einer speziellen Vorrichtung kann Music:Eyes durch Echtzeit-Synchronisation auch im Live-Konzert eingesetzt werden. Seit 2010 arbeitet das Team fortlaufend an der Aktualisierung der Software, in Zukunft soll es neue Stil- und Ausdrucksmöglichkeiten geben sowie Übungen für bestimmte Zielgruppen.

Zuletzt präsentierte Norbert Trawöger, Künstlerischer Direktor des Bruckner Orchesters Linz (BOL), deren neues Konzept medialer Darstellung des Orchesters, durch die das BOL zunehmend als Mitgestalter der kulturellen Gesellschaft wahrgenommen werden soll und Aufmerksamkeit generiert. Durch Konsequenz und ein kleines, aber kompetentes Team, findet stets eine schnelle Ideenumsetzung statt, wobei die Frage nach dem „Warum“ im Mittelpunkt steht. Verschiedene Formate, die auf dem eigenen YouTube-Kanal des Orchesters zu finden sind, wurden etabliert: Mein BOL – Musikerportraits, um ein Gespür für die Menschen hinter den Instrumenten zu bekommen; Norbert Trawöger beaNTwortet –allgemeinen Fragen zum Konzertgeschehen werden besprochen; Wissenswertes aus dem BOLiversium – seltenere Musikinstrumente werden präsentiert.

Diskussion über Digitalisierung

Gerfried Stocker, Philippe Narval, Svea Schenkel, Hans Georg Nicklaus, Oliver Hödl, Maximilian Whitcher, Norbert Trawöger (v.l.n.r.)
Gerfried Stocker, Philippe Narval, Svea Schenkel, Hans Georg Nicklaus, Oliver Hödl, Maximilian Whitcher, Norbert Trawöger (v.l.n.r.) (c) Bruckneruni

Der erste Tag der diesjährigen Tagung Musikvermittlung wurde mit einer Podiumsdiskussion aller Vortragenden sowie Gerfried Stocker, künstlerischer Leiter von Ars Electronica, beendet. Hans Georg Nicklaus, der die Moderation übernahm, legte den Schwerpunkt zunächst auf eine Multitasking-Wahrnehmung bei der Verwendung von Apps in der Musikvermittlung. Svea Schenkel (Oper Wuppertal) betonte, dass die Nutzerinnen und Nutzer ihrer App selbst entscheiden können, ob und wann sie Share your opera anwenden, da auf keinen Fall vom Opernerlebnis abgelenkt werden soll. Gerfried Stocker sieht in dem Einsatz von Apps einen positiven Tabubruch, der der Arroganz und dem Anspruch der gebildeten Kulturbürgerinnen und Kulturbürger widerspräche. Hans Georg Nicklaus betonte, dass Apps viel Eigendynamik und einen eigenen Reiz besäßen und dadurch neues Publikum erreichen würden, dem Maximilian Whitcher von Music:Eyes zustimmte, da er die Erfahrung gemacht hat, dass junge Menschen einen viel leichteren Zugang fänden und mehr Interesse entgegenbrächten. Im weiteren Verlauf der Diskussion wurden die Aspekte Technologievermittlung und das Entstehen von Neuem thematisiert.

Malina Meier

Links:
Anton Bruckner Privatuniversität – Universitätslehrgang Musikvermittlung – Musik im Kontext
Ars Electronica
Philippe Narval: Die freundliche Revolution (Molden Verlag)
Europäisches Forum Alpbach
Oper Wuppertal – Share your Opera
Opera Guru
Music:Eyes
Bruckner Orchester Linz