Musikleben mit Kindern – wie geht es Musiker:innen im Berufsalltag? Teil 16: MARLENE LACHERSTORFER

In der Serie „Musikleben mit Kindern“ geht mica – music austria der Frage nach, wie es professionellen Musiker*innen geht, wenn sie Kinder haben. Im sechzehnten Teil teilt Marlene Lacherstorfer ihre Erfahrungen: Wie ist es mit einem Baby auf Tour und welche Transportmittel sind am besten für das Reisen geeignet? Was wäre insbesondere auch in Bezug auf den Veranstaltungsorte hilfreich und wie könnte man Musiker*innen mit Kindern besser unterstützen? MARLENE LACHERSTORFER ist Bassistin u.a. bei ALMA, Pressyes, Ernst Molden und Clueso (D). René Mühlberger (Pressyes, Clueso) und sie sind seit kurzem Eltern ihrer gemeinsamen Tochter Mona Sophia, die bereits auf mehreren Konzerten mit dabei war.

Was hat sich für euch verändert, seitdem ihr Eltern geworden seid?

Marlene Lacherstorfer: Bei uns ist das ein recht neuer Zustand, es hat sich sehr viel verändert und auch wieder gar nicht so viel. Ich habe es mir um einiges anstrengender vorgestellt, aber Mona ist eher gechillt und unser Leben als Musiker*innen ist im Normalzustand auf eine Art schon permanent anstrengend, daher sind wir einiges gewohnt. Nach bald zwanzig aktiven Jahren plötzlich täglich neben einem breit grinsenden Baby aufzuwachen, ist schon eine wirklich gute Abwechslung. Wir lachen mehr, ich schlafe mehr als zuvor, aber zu zweit haben wir noch weniger Zeit. Ich bin dankbar, dass mich Mona einen Teil meiner Musikerinnen-Identität aufrechterhalten lässt und ich bin gleichzeitig am Herausfinden, wie viel ich uns allen mit gutem Gewissen zumuten kann. Meine Hebamme sagt, Kinder passen sich dem Leben der Eltern an – bis zu einem gewissen Grad stimmt das sicher. Im deutschsprachigen Raum ist es ungewöhnlich, bald wieder zu arbeiten, aber im europäischen oder weltweiten Vergleich stellt das die große Ausnahme dar. Besonders für Künstler*innen-Mütter hängt die Vereinbarkeit stark vom beruflichen und privaten Umfeld ab. Selbständigkeit ist meiner Erfahrung nach aber nicht prinzipiell schwerer vereinbar mit Elternschaft als Unselbständigkeit – im Gegenteil: Die freie Einteilbarkeit und eigene Verantwortlichkeit bieten große Vorteile, die ich in der letzten Zeit nochmal neu zu schätzen gelernt habe. Aber aus finanzieller Sicht kann es für viele auch extra-schwierig sein.

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„Obwohl es viele betrifft und auch ein politisch-feministisches Thema ist, wird die Vereinbarkeit nicht groß thematisiert […]“

Werden Mütter in der Musikszene anders behandelt als Väter?

Marlene Lacherstorfer: Es wird wenig über das Thema Elternschaft im Musikbusiness geredet, es wird als Privatsache gesehen. Es ist eben nicht mehr besonders „Rock ‘n‘ Roll“, mit Kind auf Tour zu sein und entspricht nicht dem traditionell eher jugendlichen Ideal. Obwohl es viele betrifft und auch ein politisch-feministisches Thema ist, wird die Vereinbarkeit nicht groß thematisiert, kleine Initiativen wie diese Interviewreihe können dazu aber viel beitragen.
Musiker mit Kindern werden auf jeden Fall nochmal anders wahrgenommen als Musikerinnen mit Kindern. Ich habe das Gefühl, dass Frauen diese Doppelrolle vielleicht stärker wahrnehmen oder mehr Bedürfnis haben, diese zu kommunizieren. Sie tauschen sich häufiger öffentlich darüber aus als Männer, seit Covid habe ich das in den sozialen Medien nochmal stärker positiv wahrgenommen. Diese Plattformen sind ein gutes Sprachrohr für persönliche Probleme und Anliegen – man kann jederzeit private Gedanken teilen, sich mit Personen in ähnlichen Situationen vernetzen und auszutauschen und so auch Veränderungsprozesse in Gang bringen. 
Bei Musiker-Vätern nehme ich dieses Mitteilungsbedürfnis weniger stark wahr, vielleicht müssen sie bewusster danach befragt werden. Diese Rolle auch in der Öffentlichkeit zu repräsentieren, ist immer noch unkonventionell. Speziell auch die Väter im Musikbusiness sichtbar zu machen, wäre wichtig für eine ausgeglichene Wahrnehmung.

Auf Tour mit (kleinen) Kindern? Abends im Konzert und Kinderbetreuung? 

Marlene Lacherstorfer: Als stillende Mutter ist die Rollenverteilung gezwungenermaßen etwas einseitiger und für mich ist es durchaus ungewohnt, mich plötzlich in einer so traditionell weiblichen Rolle zu finden. Aber diese Phase geht ja auch schnell wieder vorbei. Dafür habe ich Zeit, dieses Interview auszufüllen, während René ganz klassisch auf Tour ist und unser Gartenhaus renoviert, haha 😉
Bedürfnisse von Kindern auf Tour ändern sich schnell, sind angeblich später in jedem Alter sehr unterschiedlich und die Vereinbarkeit zunehmend schwieriger. 
Wir waren zum ersten Mal auf Tour, als Mona vier Wochen alt war, und haben bisher in erster Linie Erfahrung mit Papa, Tante, Großeltern und einigen Bekannten und Freunden – also ihr fremden Personen – gesammelt. Im Großen und Ganzen hat es bis auf ein bis zwei Ausreißer gut funktioniert. Einmal musste ich für vier Songs spontan von der Bühne gehen, aber es war mit der Band so abgesprochen, dass das passieren kann. Ich habe festgestellt, dass es momentan ideal ist, in der Mitte des Sets eine kurze, flexible Pause für Notfälle einzuplanen. Das greift natürlich stark ins Künstlerische ein und geht nicht bei jedem Ensemble.
Was Fahrten betrifft, hat sich bis jetzt Zugfahren am besten bewährt (ICE besser als Railjet), die Strecken im Auto können zunehmend länger werden. Demnächst werde ich Flüge und länger angelegte Touren ausprobieren – der passende Flugbuggy ist schon zu Hause. Mit Stand Ende August haben wir auf der Clueso-Festivaltour alle Transportmittel einmal ausprobiert: Flug, Mietauto, Taxi/Shuttle, Züge, Nightliner. Am schlechtesten hat für uns Auto funktioniert, am besten der Nightliner, weil wir dadurch zwar keinen optimalen Schlaf aber mehr Freizeit hatten. Bei der anstehenden Tour werden wir es sehr wahrscheinlich so lösen, das ist aber alles nur mit einem gut schlafenden Baby möglich. 
Ein großer Dank gilt Clueso, der mit uns dreien das Experiment Tour mit Babysitter bei Konzerten vor bis zu 30.000 Leuten eingegangen ist. Denn auch wenn es heutzutage so sein sollte – im Rock´n Roll-Business ist das alles andere als eine Selbstverständlichkeit!

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Welche Netzwerke nützen Musiker*innen?

Marlene Lacherstorfer: Bisher nutzen wir in erster Linie private Netzwerke, aushilfsweise mit Bekannten oder ortsansässigen Personen, beim ersten Mal hat überhaupt die Bookerin des Clubs aufgepasst. Auf lange Sicht wird es sinnvoll sein, eine oder zwei fixe Betreuungspersonen zu engagieren – wir werden sehen, wie lange wir privat noch gut durchkommen. Andy Baum – nettester Proberaumvermieter, den man sich vorstellen kann – hat seinen angrenzenden Studio-Aufenthaltsraum für Betreuungen zur Verfügung gestellt. So kann ich jederzeit proben, was essenziell für mich ist, um in der Babyphase weiterhin aktiv sein zu können.

„Barrierefreiheit macht nicht nur mit Rollstühlen, sondern auch mit Kinderwägen oder Kontrabässen sehr viel Sinn.“

Was würdest du dir von Veranstalter*innen wünschen und wo muss man dringend etwas verändern?

Marlene Lacherstorfer: Wichtig ist für uns, abgesehen von einem Backstage-Raum, aktuell ein optimalerweise ruhiges, ebenerdiges (oder mit Lift erreichbares), verdunkelbares Extra-Zimmer. Besonders im Subkultur-Bereich, wo es zum Teil schon an vernünftigen Backstage-Räumen mangelt, sind räumliche Kapazitäten oft das Hauptproblem. Im Sommer ist das bei Schönwetter Outdoor lösbar, bei Regen oder im Winter jedoch wäre das nicht machbar. Wir haben u. a. aus diesem Grund das letzte Release-Konzert in die Sargfabrik gelegt: Wir durften dort den hausinternen Kindergarten benutzen, von dem aus man mit dem Lift barrierefrei direkt zur Bühne oder ins Freie gelangt. Apropos – Barrierefreiheit macht nicht nur mit Rollstühlen, sondern auch mit Kinderwägen oder Kontrabässen sehr viel Sinn.

Braucht es allgemein mehr Sensibilität in der Szene? Was fehlt? Wird auf Special Needs eingegangen?

Marlene Lacherstorfer: Ich kann das nach unseren bisherigen fünfundzwanzig Konzerten noch schwer allgemein beurteilen. Zudem sind die Anforderungen in unterschiedlichen Altersgruppen extrem unterschiedlich und die Arbeitsbedingungen von Eltern in der Musikszene ja auch mehr als divers. 
Awareness ist da und es wird meiner Erfahrung nach versucht, auf Special Needs gut einzugehen. Aber es hat sich noch sehr wenig selbstverständlich eingespielt, und manchen Locations oder Festivals fehlen schlicht Kapazitäten oder finanzielle Mittel, um etwa für Zusatz-Übernachtungen für Betreuungspersonen aufzukommen. Überrascht hat mich beispielsweise, dass es im Porgy hinter der oberen Bar einen extra Kinder-Raum gibt. Er wird zwar als Abstellkammerl benutzt, aber in der Raumplanung wurde das irgendwann vor einigen Jahrzehnten schonmal mitbedacht.
Bewusstsein für notwendige Infrastruktur und finanzielle Mittel für Extra-Aufwendungen wie Übernachtung, Fahrtkosten, Verpflegung und Honorar für die Betreuung zu bekommen, wäre natürlich optimal, aber das kann man als Band schwer guten Gewissens in jeden Vertrag reinschreiben. 
Eine Refundierungsmöglichkeit von Kinderbetreuungskosten über Förderungen oder Einreichbarkeit bei Versicherungen wäre meiner Meinung nach eine gute Idee für eine sinnvolle Unterstützung!
Vor kurzem habe ich eine Umfrage über Elternschaft im Filmbusiness ausgefüllt, da waren einige gute Ideen dabei. Ich habe den Eindruck, dass das Thema Kinderbetreuung an Filmsets schon eher angekommen ist als im Konzertgeschäft. Ich erinnere mich an Vorschläge wie steuerliche Absetzbarkeit von Betreuung, einer von der Filmfirma angebotenen Kinderbetreuung am Set oder ein Gütesiegel für Festivals bzw. Veranstalter für besondere Familienfreundlichkeit – so wie es Auszeichnungen für Nachhaltigkeit in Form von Green Events gibt. Das könnte motivieren, Kinderbetreuung oder entsprechende spezielle Notwendigkeiten von sich aus selbstverständlich anzubieten.

Die Zeiten haben sich geändert, Social Media bedient das Privatleben als auch das professionelle Umfeld. Wie geht ihr damit in Hinblick auf die Doppelrolle als Mama bzw. Papa und Musiker*in um?

Marlene Lacherstorfer: Wie man mit Kinderfotos umgehen möchte, muss sich jede Person individuell gut überlegen. Nutzt man Social Media in erster Linie privat mit Freunden oder als Werbetool mit Businesspartnern? Will man seine Kinder auf Social Media zeigen oder auf WhatsApp verschicken, was datenschutzrechtlich oder in Bezug auf die Personenrechte der Kinder bedenklich ist, oder nicht? Wenn man ab und zu ein besonderes Foto teilen möchte finde ich das persönlich nicht verwerflich, aber ich bin absolut dafür, hier sehr genau abzuwägen.
Welche Aspekte der Elternschaft man teilt, welche private und öffentliche Balance zwischen Eltern- und Musiker*innendasein sich richtig anfühlt, ist sehr individuell. Ich teile gerne kleine Schnipsel, um zu zeigen, was mich gerade beschäftigt, um andere zu motivieren, oder, wie jetzt hier gerade, einen Diskurs zu starten oder zu unterstützen. 
Ich habe als Bassistin oder Musikerin nie Vorbilder egal welchen Geschlechts gesucht, aber als Musikerin in der Doppelrolle als Mutter lese ich gerne Erfahrungsberichte und tausche mich mit Personen in ähnlichen Situationen aus. Es hilft mir in dem Fall, Berichte zu lesen, ich bin dankbar für Role-Models und gebe meine Erfahrungen gerne weiter.

Gibt es sonst noch etwas, das du mit uns teilen möchtet?

Marlene Lacherstorfer: Danke für diese wichtige Initiative!

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