Musik mit Philosophie – Hannes Tschürtz im Interview

Weltweit wird derzeit so viel Geld für Musik ausgegeben wie noch nie zuvor. Warum das so ist, wieso gerade er mit seiner Firma INK MUSIC davon profitiert und warum ihm der durchschnittliche Ö3-Hörer relativ „wurscht” ist, das erzählt der Rohrbacher Hannes Tschürtz im Interview mit Doris Seebacher (Kreativwirtschaft Burgenland).

Kreativwirtschaft: Bereits nach der Matura haben Sie Ihre ersten Erfahrungen im Musikgeschäft in Wiesen gesammelt. Erzählen Sie ein bisschen aus dieser Zeit vor der Gründung von INK MUSIC …

Hannes Tschürtz: Musik hat mich immer schon interessiert. Ich bin seit meiner Kindheit vor dem Radio gesessen und habe Hitparade gehört und habe auch sehr früh begonnen, in Lokalen Platten aufzulegen. Ich hatte dann das Glück, gerade in der „Festival-Hochblüte“ in Wiesen in einem kleinen Team mitzuarbeiten. Wir betreuten die Konzerte und die Künstler, entwarfen Plakate, verschickten Eintrittskarten, setzten Verträge auf und schrieben Pressetexte.

Kreativwirtschaft: Was war dann Ihr erster richtiger Auftrag?

Hannes Tschürtz: Während meiner Zeit in Wiesen habe ich die Jungs der Band „Garish“ kennengelernt. Und da sie mir sehr gut gefallen haben, habe ich angeboten, ihnen einen Auftritt im Jazzpub Wiesen zu vermitteln. Von da an ergab eines das andere und durch Beziehungen sind die Auftritte auch immer mehr geworden.

Kreativwirtschaft: Und wie haben Sie dann den endgültigen Sprung in die Selbständigkeit geschafft?

Hannes Tschürtz: Durch den Erfolg von „Garish“ kannten mich dann schon bald relativ viele Leute und immer mehr fragten mich, ob ich nicht für sie auch etwas arrangieren könnte. Als es dann darum ging, eine Platte mit der burgenländischen Band „Zeronic“ herauszubringen, habe ich einfach mein eigenes Plattenlabel gegründet.

Kreativwirtschaft: Wie hoch war Ihr Startkapital? Und wie haben Sie die Geschäftsgründung finanziert?

Hannes Tschürtz: Aus den Einkünften, die ich bis dorthin schon erwirtschaftet habe. Meine Investitionen waren überschaubar, da es sich bei meiner Arbeit hauptsächlich um ein Dienstleistungsgeschäft handelt. Anfangs arbeitete ich auch noch alleine von zuhause aus.

Kreativwirtschaft: Was machen Sie nun genau? Das Vermitteln von Auftritten ist ja nicht Ihr einziges Aufgabengebiet

Hannes Tschürtz: Wir sind DER Volldienstleister für Musiker. Wir veranstalten, vermitteln und buchen Konzerte, wir bringen Platten heraus, wir haben einen eigenen Musikverlag und wir machen die komplette Pressearbeit für den Künstler.

Kreativwirtschaft: Wer ist Ihre Zielgruppe? Junge, unbekannte Künstler oder kommt auch ein Robbie Williams zu Ihnen wegen eines Konzertauftritts?

Hannes Tschürtz: Eher unbekannte Künstler, denn die, die bereits etabliert sind, haben schon jemanden wie mich. Ich fange mit den Band meistens relativ „unten“ an.

Kreativwirtschaft: Können Sie uns ein Beispiel nennen? Von welcher jungen Band werden wir in nächster Zeit sicher sehr viel zu hören bekommen?

Hannes Tschürtz: Die letzte Band, die wir unter Vertrag genommen haben, heißt „Destroy, Munich“ und besteht aus 19- bis 20jährigen Leuten. Wir versuchen, die Bands soweit zu bringen, dass sie Platten verkaufen, Auftritte bekommen und dabei so viel Gage bekommen, dass sie wenigstens den Tourbus und den Tontechniker bezahlen können.

Kreativwirtschaft: Haben Sie auch schon einmal jemanden abgewiesen, der von Ihnen betreut oder vermittelt werden wollte?

Hannes Tschürtz: Immer wieder. Wir bekommen täglich Anfragen und Demos von Bands, die mit uns zusammenarbeiten wollen. Ich habe aber noch nie einen Künstler abgewiesen, bei dem ich mir im Nachhinein gedacht habe, vielleicht hätte ich doch ja sagen sollen.

Kreativwirtschaft: Wie schaut Ihrer Meinung nach der Musikmarkt der Zukunft aus? Den Schallplattenladen von früher gibt es ja jetzt schon kaum noch …

Hannes Tschürtz: Der Musikmarkt ist heutzutage ein komplett zersplitterter Markt mit unendlich vielen Möglichkeiten, Geld damit zu verdienen. Es stimmt zwar, dass der CD-Verkauf eingebrochen ist. Aber auf der anderen Seite geben die Leute so viel Geld für Musik aus wie noch nie zuvor.

Kreativwirtschaft: Und wofür wenn nicht für Schallplatten und CDs?

Hannes Tschürtz: Beispielsweise für Konzerte. Die Preise für Tickets sind in den letzten Jahren immens gestiegen. Und die Leute gehen auch viel mehr auf Konzerte als früher. Hier ist viel mehr Geld im Umlauf als es jemals bei den Platten war. Wenn 10.000 Leute beim „Kings of Leon“-Konzert in der Wiener Stadthalle waren, dann kaufen sich viele beim Hinausgehen noch schnell ein paar T-Shirts.

Kreativwirtschaft: Ihre Hauptkunden sind aber trotzdem österreichische Bands. Wie exportfähig ist deren Musik nun wirklich?

Hannes Tschürtz: Die Popszene in Österreich blüht. Ich war kürzlich bei einem Festival in in den Niederlanden, wo neue Künstler präsentiert wurden. Dorthin kommen jedes Jahr Festivalveranstalter aus ganz Europa, um sich neue Bands anzuschauen. Ich habe jahrelang darum gekämpft, jemanden von unseren Künstlern dorthin zu bringen. „Garish“ waren 2003 die ersten dort. Heuer waren es bereits vier österreichische Bands. Und das alleine zeigt, dass es sehr viel Interesse aus dem Ausland gibt.

Kreativwirtschaft: Der österreichische Durchschnittsbürger hört Ö3 und kennt gerade mal Christl Stürmer oder Falco als Exportschlager …

Hannes Tschürtz: Mir ist der Normalbürger eigentlich relativ wurscht. Nehmen wir als Beispiel die Steirerin Anna F. Sie verkauft zwar momentan in Österreich vier bis fünfmal so viele Platten wie „Garish“, aber im Ausland ist ihr Erfolg nicht so groß. Ihr Problem dabei: sie macht Popmusik und konkurriert damit in einem Land mit einer Million anderen Projekten. „Garish“ hingegen ist ein sehr spezielles Nischenprodukt. Da habe ich viel eher die Chance, dass ich in jedem Land der Welt ein Publikum finde, das an ihrer Musik interessiert ist.

Kreativwirtschaft: Inwieweit beeinflusst Sie das Burgenland bei Ihrer Arbeit?

Hannes Tschürtz: Das Burgenland ist als Wurzel und als Rückzugsort noch immer extrem wichtig für mich. Aber arbeitstechnisch ist es einfach der falsche Platz. Das Ausmaß an qualifizierten Mitarbeitern würde ich im Burgenland nicht so leicht finden wie hier in Wien. Und auch die Künstler sind alle hier.

Kreativwirtschaft: Wieso sollte ein Kunde gerade Ihre Dienste in Anspruch nehmen und nicht die der Konkurrenz?

Hannes Tschürtz: Ganz banal gesagt, weil wir die Besten sind (lacht). Ich glaube, dass wir mit unserem Geschäftsmodel und auch mit der Art und Weise, wie wir arbeiten, grundsätzlich ziemlich weit voraus sind und auch eine gewisse Art von Ideologie oder Philosophie mittransportieren.

Kreativwirtschaft: Was werden Ihre nächsten Projekte sein? Wird auch das Burgenland wieder von Ihrem Engagement in junge Künstler profitieren?

Hannes Tschürtz: In Wien gibt es seit kurzem den Stadtsaal, wo wir für die Musikveranstaltungen zuständig sein werden. Dann verfolgen wir ein paar kleine Festivalideen und es gibt eine Menge neuer CDs, die herauskommen, beispielsweise Soloprojekte der Jungs von „Garish“. Und, anlässlich des 35. Geburtstages der Cselleymühle in Oslip, gibt es dort am 28. Mai eine Festivität mit „Garish“, der „Hörspielcrew“, mit „Tanz, Baby“ …, kurz, mit allen Burgenländern, die dort mehr oder weniger zuhause sind.

Kreativwirtschaft: Wie kann die burgenländische Wirtschaft von Ihnen profitieren?

Hannes Tschürtz: Ich möchte nicht arrogant oder eitel klingen, aber ich glaube schon, dass meine Arbeit dazu beigetragen hat, ein bisschen mehr Burgenland in die Welt hinaus zu tragen. Das Image des Burgenlands war auf der hochkulturellen Ebene – abgesehen von Massenevents wie Mörbisch, St. Margarethen oder Novarock – nicht vorhanden.

Kreativwirtschaft: Gibt es von burgenländischer Seite her Unterstützung für Ihr Engagement und für Ihre Pläne?

Hannes Tschürtz: Ich habe eine Zeitlang versucht, im Burgenland Veranstaltungen zu organisieren. Aber das war weder von der wirtschaftlichen noch von der kulturellen Seite großes Interesse vorhanden. Mit dem Festivalgelände in Wiesen, der Firma „Novarock“ in Mattersburg, mit meinen Unternehmen in Rohrbach, mit der Firma Backstage, dem größten Bühnenausstatter Österreichs in Wulkaprodersdorf und dann noch mit der Cselleymühle als Zentrum der Musik – damit hätte ich im Umkreis von 20 Kilometern einen Kulturcluster, von dem die gesamte Region profitiert hätte. Doch das Interesse, Kreativkapital im Burgenland zu halten, sehe ich im Burgenland als eigentlich nicht vorhanden.

Kreativwirtschaft: Welche Eigenschaften sind in Ihrem Job besonders wichtig? Geduld, Glück, die richtigen Kontakte?

Hannes Tschürtz: Geduld, Hartnäckigkeit und bis zu einem gewissen Grad Leidensfähigkeit. Man darf diesen Job nicht in der Erwartung machen, dass man reich und berühmt wird. Mir gibt Berühmtheit in diesem Sinne eigentlich nichts. Bereits während meiner Zeit in Wiesen habe ich gelernt habe, dass Künstler auch nur Menschen sind. Viele der „Stars“ waren einfach nur dankbar, wenn andere sie normal behandelt haben. Viele der Künstler haben mir ihr Leid geklagt, wie schwer es beispielsweise auch ist, wenn man sechs Monate im Jahr unterwegs ist und die eigene Familie nicht sieht.

Kreativwirtschaft: Was ist das Schöne an Ihrem Job?

Hannes Tschürtz: Dass ich genau das machen kann, was ich will und was mir Spaß macht. Es gefällt mir, mit Künstlern eng zusammenzuarbeiten und das Gefühl zu haben, dass man etwas entwickeln und etwas aufbauen kann.

Kreativwirtschaft: Wenn Sie sich eine Band oder einen Sänger wünschen dürften, für den Sie ein Konzert organisieren dürften, wer würde das sein?

Hannes Tschürtz: Momentan gibt es eine Band, um die ich die Jungs vom Novarock beneide, und das ist Arcade Fire

Zu Hannes Tschürtz: Die Karriere von Hannes Tschürtz begann bereits in seiner Jugend als DJ in burgenländischen Kellerbars. Seine ersten Erfahrungen mit Künstlern und Stars machte er in Wiesen. Und seine erste Band, für die er einen Gig vermittelte, waren die Burgenländer „Garish“, die heute, dank Tschürtz, weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt sind. Nach dem Studium der Öffentlichkeitsarbeit, nach Jobs bei der „Presse“ und der Musik-PR-Agentur „Monkey“ gründete er 2003 seine eigene Firma INK MUSIC, mit der der heute 34-jährige Rohrbacher Bands wie „Ja,Panik“, „Bilderbuch“ oder die Sängerin Clara Luzia vom Beginn ihrer Karriere bis zum endgültigen Durchbruch begleitet. Der Film „Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“, zu dem Tschürtz mit seinen Künstlern die Musik beisteuerte, gewann im Jänner den österreichischen Filmpreis.

Die Fotos und das Interview stammen von der Journalistin Doris Seebacher. Ein Teil des Interviews ist im Rahmen einer Kooperation in der Burgenländischen Wirtschaft erschienen.

 

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