mica-Symposium: New Music and Media: Radio and Web 2.0. (II) – Vortrag: Winfried Ritsch

in ihren Vorträgen das Verhältnis von Neuer Musik und dem Internet im Zeitalter des Web 2.0. Anschließend eine Zusammenfassung des Vortrages von Winfried Ritsch.

Seit dem Jahr 1993 gibt es am Institut für Elektronische Musik und Akustik (IEM) an der Kunstuniversität Graz einen Computer mit Internetzugang. Dieser hatte einen eingebauten Webserver und die erste eigene Website wurde ohne große Sicherheitsvorkehrungen kreiert und mit allen möglichen Inhalten gefüllt. Ferner hegten Künstler_innen den Wunsch neben Informationen   auch Netart-Projekte im Internet durchzuführen. Doch zu diesem Zeitpunkt gab es noch große Probleme Zugang zum Internet als Provider zu bekommen. So wurde die gemeinschaftliche Plattform mit dem Namen mur.at in Graz gegründet, mit der Vision, einen völlig demokratischen Cyberspace zu schaffen. Die Idee dahinter war eine strategisch vorteilhafte Plattform zu schaffen, die allen teilnehmenden Künstler_innen die Möglichkeit bietet als eigener Internetprovider aufzutreten. Der Leitspruch dieses Netzwerks war und ist “we reject art center, portals and hit counters, we believe in content and active communities”. Mur.at besteht nun über mehr als 10 Jahre und ist mittlerweile ein fixer Bestandteil der lokalen Grazer Netcommunity.

Eine Grundlage der Internetkultur ist es Communites zu gründen. Hierfür müssen persönliche Daten ausgetauscht werden um zu wissen wer online ist und wo man Inhalte online stellen kann. Diese Handhabe ist nicht nur typisch für die Netzkultur sonder auch für den Bereich der Neuen Musik, da es in diesem Genre nicht so viele Rezieptent_innen gibt und es deshalb notwendig ist diese zu erfassen um eine größtmögliche, auch internationale, Verbreitung der Musik zu erreichen.

Ein weiteres Anliegen war die Möglichkeit, Musik über das Internet hörbar zu machen. So gab es an der Kunstuniversität Graz einen Raum voll mit CDs mit Neuer Musik. Um Backups von diesen und von 400 weiteren CDs aus dem Internationalen Digitalen Elektroakustischen Musikarchiv (IDEAMA) Karlsruhe zu erstellen, wurden sie eingelesen und 2002 das Internetarchiv für Elektronische Musik (IAEM) gegründet, um sie den Studierenden zugänglich zu machen. Ein Problem hierbei war die Rechte von der AKM und der LSG zu bekommen um die Werke im Internet als Streams zu veröffentlichen. Der Zugang für die Studierenden des IEM ist für Ausbildungszwecke normalerweise frei. Über das Internet jedoch war dies illegal, und so wurde im Jahr 2003 ein Vertrag mit der AKM abgeschlossen um eine Lizenz für Streams zu erhalten. Die Kosten beliefen sich auf ? 4000 an AKM-Abgaben um die Musik für für 4 Jahre den Studierenden zugänglich zu machen. Es war also sehr schwer diese neue Technologien für diverse Communities nutzbar zu machen um eine Verbesserung der Vernetzung für den Bereich der Neuen Musik möglich zu machen.

Ebenfalls hat sich ein Künstler_innen-Kollektiv 1998 zu einem CD-Label namens Tonto zusammengeschlossen. Auf der Website gibt es einige Stücke, die als MP3-Files zugänglich sind. Das Problem hier ist, dass ausschließlich Künstler_innen die keinen Vertrag mit einer Verwertungsgesellschaft wie der AKM oder GEMA haben, “Stücke” frei ins Internet stellen können. Dies ist jedoch wichtig für Musiker_innen, einerseits für die öffentliche Wahrnehmung, andererseits um sich gegenseitig auszutauschen. Es wurden unter anderem Beispiele der Arbeiten von Komponist_innen und Musiker_innen online gestellt, für Promotionzwecke und als Hörproben für Festival- und Konzertveranstalter_innen.

Eine weitere Strategie für Musikschaffende um ihre Musik legal im Internet zu vertreiben sind  Creative Commons (CC) Lizenzen. Diese Art der Lizenzierung ist jedoch nicht erlaubt, wenn Musiker_innen bei einer Verwertungsgesellschaft Mitglieder sind, was wiederum problematisch ist.

Seit einigen Jahren gibt es im Rahmen von Web 2.0 die Möglichkeit Netzwerke einfacher zu gründen. Dies sind große Sammelportale wie YouTube oder Facebook u.a. Bei diesen Portalen sind jedoch die Verträge meist problematisch. Denn sämtliches Material, das auf die Portale upgeloaded werden, geht in den Besitz der Portalbetreibenden über und kann nach deren Vorstellungen verwendet werden. Man verliert quasi die Kontrolle über die eigenen Inhalte.

Dennoch sind solche Portale mittlerweile notwendig um eine breitere Wahrnehmung im Internet zu bekommen. Durch die Etablierung großer Portale wie YouTube und Facebook und großer Suchmaschinen wie Google stagniert die Vision eines demokratisches Cyberspace. Hier gilt es gegenzusteuern, deshalb wurde in Graz die Initiative Murspace gegründet. Es funktioniert ähnlich wie YouTube, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Rechte beim Urheber bzw. der Urheberin bleiben.

Ebenfalls gibt es mittlerweile eine Art Monopolstellung im Internet, wenn man online Musik kaufen möchte. So benötigt man spezielle Hardware um die Stücke spielen zu können. Auf der anderen Seite ist es eine weitere Möglichkeit, dass Musikschaffende ihre Musik verkaufen können und so durch die Downloads zusätzlich Geld zu verdienen.

Diese Form der Distribution wird jedoch selten im Bereich der Neuen Musik verwendet, weil einerseits die Klangqualität von Mp3-Files nicht die beste ist und die Inhalte der Stücke nicht ausreichend kommuniziert werden können.

Dennoch stellt sich die Frage: Wie bekomme ich als Hörer_in neue Stücke, die noch nicht im Handel oder auf CD erhältlich sind aber im Radio gespielt worden sind? In den meisten Fällen tauscht man im Freund_innenkreis Musik aus. Es gibt auch hierfür Portale, so kann man beispielsweise auf Piratebay immer wieder interessante und neue Stücke aus dem Bereich der Neuen Musik finden. Dieses Netzwerk ist keine Piraterie sondern basiert auf einem Peer-to-Peer Konzept, d.h. ein tatsächlicher Austausch von Musik zwischen Personen, die an Neuer Musik interessiert sind. Dennoch ist diese Form des Austausches nach den österreichischen Gesetzen eher halblegal. Denn wenn man in Österreich eine CD besitzt, kann man eine Kopie (als Backup) an andere weitergeben, die Kopien dürfen jedoch nicht verkauft werden. Dies gilt auch für Kopien die ins Internet gestellt werden.

Heutzutage ist es bei Personen, die Neue Musik sammeln, oft so, dass sie die Stücke mit Hilfe von Onlinerecodern von digitalen Satellitenstreams aufnehmen. Das alles sind Vertriebsformen abseits klassischer Medienformate wie der CDs um Musik zu vertreiben und sich innerhalb der unterschiedlichen Communities zu etablieren.

In der Zukunft wird man jedoch vor dem Problem stehen wie man einen legalen Status im Internet behält. Wem wird das Internet gehören und wer wird dort bestimmen? Es ist momentan heiß umkämpft, denn mittlerweile erkennen Politiker_innen die Wichtigkeit dieses Mediums und möchten es kontrollieren. Darum werden immer striktere Gesetze gemacht um bestimmteInhalte im Cyberspace kontrollieren oder gar sperren zu können.

Ebenso ist dies bei den Betreiber_innen der großen Internetportale, denn wer die meisten Inhalte und Information hat, bestimmt den Markt mit Hilfe rechtlicher Bestimmungen, die besagen, dass, wenn sie die Information einmal haben, ihnen niemand mehr wegnehmen kann. Ähnlich war das bei der Entwicklungen der Filmindustrie am Beginn des 19.Jahrhunderts in Amerika. Hier gab es anfangs nur “Piratenkinos”, da es noch keinerlei gesetzliche Grundlagen gab. Diese haben die Filme einfach gespielt bis zu dem Zeitpunkt, an dem, ausgehende von der Nordküste bis später im Süden, immer striktere Gesetzte gemacht wurden. Hier sind die großen Firmen wie FOX mit diesen Kinos mitgezogen um die Rechtefreiheit aus zu nützen, bis sie so groß waren, dass sie selbst die Rechtslage bestimmen konnten und eine Umkehrung stattfand. Heutezutage nutzen Portalbetreiber_innen es aus, dass die Inhalte überall frei sind, sammeln diese und versuchen sich im schlimmsten Fall rechtlich so abzusichern, dass sie diesen Content kontrollieren. Diesen Entwicklungen gilt es gegenzusteuern.
(as)