
Du hast schon bei der Pressekonferenz zum Popfest angedeutet, dass die Entscheidung, dich als neuen Kurator einzusetzen, nicht sofort gefällt wurde. Wie ist man eigentlich auf dich gekommen?
Patrick Pulsinger: Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Ich kenne Christoph Möderndorfer seit vielen, vielen Jahren. Wir haben immer wieder peripher miteinander zu tun gehabt und ich kannte ihn noch von früher als DJ. 2012 habe ich beim Popfest ja auch das Programm für den Prechtlsaal zusammengestellt, das doch ganz gut angekommen ist. Auf jeden Fall dürften sich Christoph und sein Team gedacht haben, dass eine Zusammenarbeit zwischen mir und ihnen ganz gut funktionieren könnte. Daraufhin sind sie an mich herangetreten und haben mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, das Festival zu kuratieren. Wobei ich dazu sagen muss, dass zu der Zeit wahrscheinlich drei, vier Personen zur Auswahl standen.
Zuerst war ich unsicher, weil es einfach eine Frage der Zeit ist. Dann haben sie gemeint, dass Robert (Rotifer) erhalten bleibt und die Texte schreiben wird. Das war gut, weil das die Sachen sind, die ich hasse. Ich bin kein Journalist. Als ich erfuhr, dass der bisherige Booker des Popfests in Karenz geht, habe ich David Krispel engagiert. Mit ihm habe ich die letzten sechs Jahre gemeinsam in der SKE gearbeitet und viel Musik gehört und entdeckt. Er ist jemand, der zu jeder Liveband etwas zu sagen hat, weil alle schon mal bei ihm im Chelsea waren. Soviel wie er schon gesehen hat, kann ich mir gar nicht anschauen. Als er zugesagt hat, war das das Killerargument. David und ich sprechen musikalisch eine ähnliche Sprache, Robert deckt ab, was ich nicht kann. So gesehen ein perfektes Team.
Der erste Zugang war schon schwierig. Man kennt so 250 Bands in Wien, teilweise sogar persönlich. Aus denen muss man dann eine Auswahl treffen und 48 davon buchen. Viele erhofften sich vielleicht, dass ich, weil ich mit ihnen in der Vergangenheit zusammengearbeitet habe, auch sie herauspicke. Natürlich habe ich besonders aufgepasst, dass ich eben nicht auf die Acts zurückgreife, mit denen ich vorher schon etwas zu tun hatte. Klar, Bauchklang ist dabei und ich habe das Album produziert, aber es ist ein neues Album und sie haben am Popfest auch noch nie gespielt. Bei anderen gibt es vielleicht auch leichte Überschneidungen, aber es gibt insgesamt vielleicht fünf Bands im ganzen Popfest, mit denen ich schon peripher zu gehabt habe. Das kann man vermutlich nicht vermeiden und es wäre absurd, diese Bands von vornherein auszuklammern. Und wenn jemand unbedingt eine Angriffsfläche sucht, dann findet er sie eh immer. Das kann man nicht vermeiden. Kurator zu sein, ist ein öffentlicher Job. Entweder es ist dir völlig gleich oder du musst dich zu jeder Zeit verteidigen können. Ehrlich gesagt, tendiere ich zu ersterem. Wenn sich jemand aufregt… was solls.
Hast du, als du die Zusage getroffen hast, schon eine Vorstellung davon im Kopf gehabt, wo du Schwerpunkte setzen willst?
Patrick Pulsinger: Nein. Ich habe mir aber in den letzten Jahren im Rahmen meiner Tätigkeit beim SKE immer wieder die Namen von Bands und Projekten notiert, die mir gefallen haben. Pro Sitzung sind es ja fast fünfzig Einreichungen, zu vierzig Tonträgern und anderen Sachen, eine Menge also. Diese Liste habe ich mir dann eben wieder hervorgeholt und sie ins Spiel gebracht.
Was ich dagegen von Anfang an wusste, war, dass ich ein Popfest machen wollte, dass so sein sollte, wie das Popfest auch die letzten Jahr funktioniert hat. Das heißt, ich habe eigentlich nie im Sinn gehabt, jetzt plötzlich mehr auf Elektronik zu machen.
Ich finde das Popfest, so wie es erfunden worden ist und es auch funktioniert, nämlich wirklich super. Meine Grundidee war, es breit aufzustellen und im Bezug auf die Genres vielleicht noch ein bisschen zu erweitern. Auch um Sachen, bei denen ich mich ein wenig mehr auskenne. Bei Dingen, mit denen ich bislang eher weniger zu tun hatte, habe ich Hilfe gebraucht. Und diese Hilfe habe ich von David Krispel erhalten, der bei Gitarrenbands einfach unschlagbar ist. Er kennt aus seiner Tätigkeit im Chelsea genau die Bands, die live einfach super funktionieren. Und solche wollte ich auch buchen, weil das Popfest eben ein Live-Festival ist. Aus diesem Grund habe ich bewusst auf DJs verzichtet. Die kann man sowieso an jedem beliebigen Wochenende in 40 verschiedenen Locations anschauen. Außerdem hätten wir aufgrund des Budgets bei der Zahl der Bands runtergehen müssen, was ich aber ganz bewusst nicht im Sinn hatte. Ich wollte lieber zwei Bands mehr haben, als sechs DJs.
Wie siehst du die Funktion des Popfests? Es sind ja wirklich viele Leute da. Wie weit ist das Festival ein Spiegel der heimischen Musikszene? Du hast auch schon schwierigere Zeiten miterlebt. Welche Bedeutung hat ein solches Festival? Oder hat es überhaupt eine Bedeutung?
Patrick Pulsinger: Ich denke, das Popfest hat sehr wohl eine Bedeutung, weil es eben einen eigenen Stellenwert hat. Diese Festivalkultur ist in Österreich ja erst spät angelaufen. Mit Ausnahme von ein paar wenigen, wie etwa Wiesen, haben sich die wirklich großen Festivals in Österreich spät entwickelt. Das war in Deutschland und in den nördlichen Ländern anders, dort gab es diese schon früher. Und der Showcase Festival-Gedanke, wo Bands quasi nichts bezahlt bekommen, sich aber einer Bookingelite präsentieren können, ist ja auch relativ neu – siehe Waves Vienna. Das Popfest dagegen ist ein Gratisfestival. Und da bietet sich natürlich die Möglichkeit, sich abseits des Mainstreams zu bewegen. Was ja Robert seit Anbeginn in seiner Programmierung auch gemacht hat.
Dadurch, dass das Popfest gratis ist, gibt es im Unterschied zu anderen Festivals keinen Programmdruck im Bezug auf Headliner und Namedroping. Ich konnte sehr frei buchen. Dass ich nicht ein experimentelles Saxofon-Duo auf die Seebühne stelle und alle sich aufregen, ist auch klar. Trotzdem habe ich versucht – etwa mit Punda Omar – die Hörgewohnheiten der Leute, die wegen einem Act kommen und bleiben, herauszufordern. So etwas wird bei kommerziellen Festivals kaum gemacht. Da gibt es die Ankündigungen mit drei großen Namen am Plakat und nach unten hin werden die Namen immer kleiner. Nonames und Freunde des Veranstalters spielen dann irgendwann um sieben in der Früh die Afterhour. Das stellt programmtechnisch und künstlerisch für niemanden eine Herausforderung da. Das ist natürlich ok und zeugt von einer Feierphilosophie, die dahinter steckt, aber ich finde, dass das Popfest speziell ist, weil es einerseits einem großen Festival mitten in der Stadt gleicht und andererseits fast Showcase-Charakter besitzt. Darüber hinaus, und das ist besonders wichtig, bekommen die Bands angemessene Gagen.
Nach welchen Kriterien hast du die Hauptbühne programmiert. Stilistisch wird es auf der doch sehr abwechslungsreich zugehen.
Patrick Pulsinger: Bei den größeren Indiebands Österreichs, wie etwa Catastrophe & Cure, hatten wir Schwierigkeiten, überhaupt einen Termin zu bekommen, weil sie so gut gebucht sind. Bauchklang ist live großartig. HVOB sind vom Setting her eine halbelektronische Band. Meiner Meinung nach transportieren sie auf der Bühne einen modernen Popgedanken. Wie wird elektronische Popmusik heute auf die Bühne gebracht? Es gibt kaum mehr Leute, die einfach hinter ihrem Laptop stehen und Files abspielen. HVOB haben einen Drummer dabei, einen Keyboarder, die Frontfrau spielt selbst Keyboard und singt. Die finde ich echt cool.
Giantree agieren live völlig anders als die Maja Osojnik Band oder das A.G. Trio. Trotzdem sind sie alle in der Lage, eine große Bühne zu bespielen und ein großes Publikum in ihren Bann zu ziehen. Ich würde mich als Besucher über einen solchen Stilmix freuen. Ich finde, dass gerade ein solcher stilistischer Bogen ein Konzert interessant macht und die Leute dazu animiert, auch zu bleiben.

Patrick Pulsinger: Zunächst zur Zeitfrage. Du sagst, du bist 2006 eingestiegen. Dann war das zu einer Zeit, wo es meiner Meinung nach nach einer langen Dürre wieder nach oben gegangen ist. Die 90er Jahre waren ein eigenes Kapitel. Das lässt sich auch nicht vergleichen, weil es eine andere Zeit war. Heute verhält es sich völlig anders, auch im Bezug auf die Medien, die Industrie und ganz im Allgemeinen. Anfang der 2000er Jahre war in Wien ein bisschen die Luft draußen. Nicht nur im elektronischen Bereich, sondern fast überall. Da hat sich die alles verändernde Krise auch auf die Labels, die Vertriebe usw. ausgewirkt. Da war die Musikbranche kurz in einem Schockzustand. Bis eine neue Generation nachgekommen ist, die trotz allem ihr Ding machen wollte und sich einfach Tools zurechtgelegt hat, wie man daraus Vorteile ziehen kann, indem man sich langsam über die Jahre ein eigenes, unabhängiges Ding aufbauen kann, hat es gedauert. Erst so ab 2005/2006 hat es angefangen, wieder nach oben zu gehen.
Wenn du sagst, dass die Leute jetzt selbstbewusster auftreten, dann geschieht das deshalb, weil man aus einer schwierigen Situation immer gestärkt hervorgeht. Die, die durch das Tal gewandert sind und ihre Verkäufe in den Keller sinken gesehen haben, die kommen gestärkt zurück. In den 90er-Jahren haben wir mit unseren Plattenverkäufen noch gut verdient. Wir konnten 30.000/40.000 Platten verkaufen. Das macht schon schwarze Zahlen. Da war – und das können wir uns heute kaum mehr vorstellen – der Verkauf eines Produktes noch eine ernst zu nehmende Größe. Das ist ja heute nicht mehr so. Im besten Fall dienen Veröffentlichungen als ein erweitertes Promotool. Viele Musiker aus meiner Generation haben aus diesem Grund auch das Handtuch geworfen.
Später sind neue Labels entstanden. Die haben sich neue Strategien zurechtgelegt und auf kleinerer Flamme gekocht. Die haben kein Geld für zweiseitige Annoncen rausgeschmissen. Die haben ihre Musiker realistischer darüber aufgeklärt, was geht und was nicht. Das war eine gesunde Entwicklung. In dieser Zeit bin ich beim SKE eingestiegen, nämlich 2007. Da habe ich gemerkt, dass neuer Wind in die Sache rein kommt und sich die Leute etwas überlegen, weil sie sich nicht aufgeben wollten.
Es hat sich eine Selbstverständlichkeit dafür entwickelt, was funktioniert und was nicht funktioniert. Die Leute haben wieder größeres Augenmerk auf den Live-Bereich gelegt, weil man einfach hingehen und sich eine Fangemeinde erspielen und darüber hinaus durchaus noch Tonträger verkaufen kann. Wenn man gut ist, kann man durchaus Geld verdienen. Am Anfang ist das natürlich sehr schwierig, weil jeder mit 100 Euro nach Hause geht. Aber mit der Zeit werden die Gagen größer und irgendwann ist es deine Einnahmequelle. Das hat in den 90ern keiner gemacht. Da gab es diesen Livezirkus nicht.
Ich war einen Tag nach der Pressekonferenz im Studio 2 und habe mir Fijuka angehört. Zwei Mädels und ein Typ am Schlagzeug. Die haben erst eine EP gemacht, aber einen unglaubliches Konzert hingelegt. Ich habe Bands gesehen, die seit 10 Jahren zusammenspielen und bei weitem nicht so spielfreudig, kaltschnäuzig, professionell und geil performt haben. Früher haben die Leute Platten gemacht und sich irgendwann überlegt, dass es auch geil wäre, einmal live zu spielen. Heute wird das mitgedacht. Das kommt der Qualität vom Popfest und auch anderen Veranstaltungen natürlich zu Gute. Man hat einfach wirklich was zu zeigen. Ich habe natürlich geschaut, welche Band gerade ein neues Album herausbringt, damit es auch für sie interessant ist, dort aufzutreten.
Inwieweit kann das Popfest als Vehikel dafür dienen, auch Promotion für die österreichische Szene im Ausland zu sein?
Patrick Pulsinger: Ich denke mir, dass die Festivalbesucher eine eigene Kultur entwickelt haben. Es gibt auch Bands, die ganz stark auf Festivals bauen, um aus den kleineren Clubs raus zu kommen. Es ist einfach so, dass sowohl Bands, als auch Fans und Festivals sich immer stärker vernetzen. Es tauchen Videos, Mitschnitte usw. im Netz auf und die Leute informieren sich, wenn eine Band spielt. Wenn du am Karlsplatz vor dieser geilen Kulisse spielst und 10.000 bis 15.000 Leute vor dir stehen, dann sammelst du unglaublich viel Erfahrung, die du auch international brauchen kannst. Klarerweise wird in London keiner sagen, dass man auf das Popfest in Wien gehen muss, aber es ist eine Positionierung eines Festivals, das ausschließlich österreichische Künstler präsentiert und einen Rahmen hat, der mit großen internationalen Festivals und Bedingungen mithalten kann. Das finde ich gut. Es sind auch immer wieder internationale Booker da. Die bekommen Sachen in die Hand und schauen sich auch das eine oder andere Konzert an. Zum Beispiel werden heuer einige Eurosonic-Leute kommen, weil beim Eurosonic Festival im nächsten Jahr Österreich das Gastland ist. Ich denke schon, dass das Auswirkungen hat.
Die Frage ist natürlich auch, ob immer alles, was national eine Wichtigkeit hat, auch von Außen rezipiert werden muss. Das kann man überlegen, aber das ist nicht immer ein ganz so wichtiger Punkt. Für mich ist es wichtiger, draufzukommen, wie es hier in Wien, in Österreich rezipiert wird. Wird das Popfest für die Künstler und das Publikum ein Festival, auf das sich alle gleichermaßen freuen? Nämlich deshalb freuen, weil das Setting und die Stimmung geil sind und nicht weil man als Band einfach mal schnell 1500 Euro mitnimmt und schnell einen Gig runter spielt. Ich hatte im Vorfeld einfach das Gefühl, dass sich die Bands wirklich freuen. Und das zeigt doch schon die Qualität.
Wie sich das Popfest im Vergleich zu internationalen Festivals positioniert, kann man nach vier Jahren wohl noch schwer sagen. Andere Festivals brauchen zehn bis fünfzehn Jahre, bis sie sich etablieren. Daneben darf man einfach auch nicht vergessen, dass es sich beim Popfest um ein Gratisfestival handelt. Und aus diesem Grund müsste man es eigentlich mit anderen Gratisfestivals vergleichen. Und da gibt es nicht so viele, die so ein Line-up haben.
Kann man dennoch, auch nach dieser kurzen Zeit schon sagen, dass sich das Popfest langsam im Bewusstsein der Leute festgesetzt hat und es inzwischen auch ein Fixtermin für die Musikfans ist.
Patrick Pulsinger: Ja, klar. Wenn man in der Stadt ist und es ist Popfest, dann freut man sich natürlich. Ich kenne diese Gespräche ja schon seit vielen Jahren. Immer hat es geheißen, dass Wien ein eigenes Festival braucht, damit sich die Szene besser positionieren kann. Letztlich auch um Wien nicht nur als Ort der Hochkultur zu präsentieren, sondern – zum Teil auch aus plakativ politischen Gründen – die zeitgenössische Popkultur hochzuhalten. Und diesbezüglich ist es mir auch egal, ob das Budget eines ist, dass vom Kunst und Kultur-Büro kommt und dadurch zu 100 Prozent subventioniert ist. Das ist kein Kritikpunkt. Wichtig ist, dass es klappt und das Geld nicht versickert, sondern genau dort ankommt, wo es auch etwas ausmachen kann. Das funktioniert beim Popfest super.

Patrick Pulsinger: Dieses hat sich aufgedrängt. Was man beobachten kann, ist, dass immer mehr Bands auftauchen, wie etwa König Leopold, die eigentlich aus dem Jazz kommen, nun aber im Pop reüssieren. In den 90ern war das undenkbar. Man hat hin und wieder Musiker ins Studio eingeladen, um mit ihnen aufzunehmen. Aber die hatten keine Ahnung, was wir wirklich tun und was Samplen bedeutet. Umgekehrt hatten wir keine Ahnung davon, wie man mit Musikern kommuniziert. Das hat sich aufgehört. Beide Planeten haben sich angenähert. Die Musiker haben sich irgendwann einmal dafür zu interessieren begonnen, sich mit elektronischen Produktionsmitteln auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite, haben sich Leute, die aus der Elektronik kommen, immer mehr dafür interessiert, wie das ist, wenn man wirklich Musik produziert und nicht nur Sounds zusammenbastelt. Da war in den letzten zehn Jahren eine gewisse Gravitation da und in Wien ist wirklich etwas extrem Geiles daraus entstanden.
Ich finde Wien mit seiner Mischung aus Hochkultur, Jazz usw. sehr spannend. Viel Menschen lernen hier, angefangen von chinesischen Geigerinnen bis russischen Saxophonistinnen. Viele von ihnen kommen nach Wien, weil hier die Lebensqualität sehr hoch und die Stadt gleichzeitig auch leistbar ist. Es ist zwar vielleicht nicht so geil wie in Berkeley, aber man kann hier in der Mitte von Europa gut leben und arbeiten. Wenn Wien schlauer wäre, könnte man sich noch eine bessere Stellung erarbeiten. Man könnte Musiker anlocken, die nicht nur Mozart und Haydn aus dem Effeff können, sondern auch Leute, die vielleicht Interesse an der gesamten hiesigen Szene zeigen, weil sie hier spannende neue Projekte starten können. Das fände ich sehr interessant. Das wäre ein neuer Ansatz.
Was sehen deine Hoffnungen und Erwartungen im Bezug auf das Festival aus?
Patrick Pulsinger: Ich hoffe auf gutes Wetter. Ich hoffe, dass das Programm ankommt und gut angenommen wird. Ich hoffe, dass genug Burner auf der Hauptbühne vertreten sind, die auch Leute anlocken. Ich wünsche mir auch, dass manche einiges Neues für sich entdecken. Super wäre es, wenn die Umbauzeiten sehr kurz blieben, damit sich ein schöner Bogen entwickeln kann und die Leute dazwischen nicht immer wieder raus gehen und wieder reinkommen müssen, sondern vielleicht auch mal einen ganzen Abend in einer Location verbringen. Dadurch könnte es sein, dass sie auch mal Bands sehen, die sie nicht kennen.
Vielleicht können wir zum Abschluss noch eine andere Frage besprechen, die ein aktuelles Thema betrifft. Was sagst du zu den Plänen des ORF, die Musikförderung streichen zu wollen?
Patrick Pulsinger: Was soll man dazu sagen? Ich weiß über die finanziellen Nöte des ORF nicht wirklich Bescheid, aber das musikprotokoll zu streichen und den Musikfonds nicht weiter zu unterstützen ist so ungefähr das Dümmste, was man machen kann. Im Falle des musikprotokolls steigt der ORF nach 25 bis 30 Jahren Förderung aus. Das kann doch keine finanzielle Entscheidung sein. Es wirkt mir eher nach einem Signal. Dem ORF ist diese Sparte Musik nichts wert. Dabei hat sich diese Szene in den letzten Jahren – dank Veranstaltungen wie dem musikprotokoll, dem steirischen herbst usw. – wirklich einen Platz erkämpft. Das wird auch international wahrgenommen, sogar extrem stark wahrgenommen. Ich kann es nicht verstehen.
Im Bezug auf den Musikfonds ist es noch weniger zu verstehen, weil es so wenig Geld ist. 100.000 Euro sind doch nichts im Vergleich zum Budget vom ORF. Dieses Geld nicht mehr ausgeben zu wollen bedeutet, einfach nur nicht zu wollen. Der Musikfonds hat in den letzten Jahren extrem viel verändert. Es wurde Bands geholfen, die sozusagen am Sprung waren, sich zu professionalisieren. Sie wurden dabei unterstützt, eine Videoproduktion umzusetzen, professionellere Promotion zu machen, professioneller zu produzieren. Es war ja nie eine komplette Förderung. Die Bands haben trotzdem auch selbst Geld aufstellen müssen. Im Grunde genommen ist der Musikfonds eine Wirtschaftsförderung und keine Künstlerförderung. Es gibt zwar ein künstlerisches Gremium, aber dieses schaut sich an, wie die Band aufgestellt ist. Es geht nicht nur darum, dass die Musik geil ist, sondern auch darum, ob die Voraussetzungen auch erfüllt sind, sie zu fördern. Ich kenne ganz viele Bands, die es erst durch den Musikfonds geschafft haben, auch ein zweites und drittes Album nachzulegen. Du kannst zwar heute viel selber machen, aber es gibt Arbeiten, die möchte man vielleicht mit einem Produzenten umsetzen. Irgendwann will man ja auch die Freunde, die unentgeltlich an der Sache mitarbeiten und helfen, entschädigen können. Weil es nämlich auch alles Leute sind, die ihre kreativen Kräfte zur Verfügung stellen.
Dass der ORF aussteigt, ist ein sehr beunruhigendes Zeichen. Einerseits soll österreichische Musik gestärkt werden und mehr österreichische Musik ins Radio gelangen, aber andererseits werden Dinge wie der Musikfonds nicht unterstützt. Den SKE betrifft es natürlich auch, wenn man an den Rückgang der Leervergütung denkt. Da gibt es keinen politischen Willen, eine Möglichkeit zu finden. Ich bin ja kein Freund der Festplattenabgabe. Nicht weil ich sie falsch finde, sondern weil sie zu kurz greift. Ich kann kaum etwas reparieren, was es in fünf Jahren nicht mehr gibt. Wir werden in fünf Jahren keine Festplatten mehr besitzen, es wird alles nur mehr Online und über Streaming laufen. Man wird die Musik nicht mehr speichern. Wozu auch? Wenn jedes Handypacket für 3,99 im Monat schon 2 Millionen Songs inkludiert, ist das Problem nicht die Festplatte, sondern das Streaming.
Man muss jetzt ein innovatives, neues, nach vorne denkendes, futuristisch anmutendes Urheberrecht aufstellen. Da müssen andere Leute miteinander reden als die Wirtschaftskammer und Vertreter von Saturn. Das ist scheiße und oldschool. Das hätten sie in den 80er- und 90er-Jahren machen müssen. Jetzt geht es ums Internet und Streaming. Es geht um Spotify und derartige Dinge. Wenn man jetzt sieht, dass dort Geld rausgezogen wird, wo es wirklich bei den Künstlern ankommen würde und es keinen politischen Willen gibt, das Urheberrecht nachhaltig zu stärken, dann wird sich nie etwas ändern. Solange alle miteinander streiten, wird es so weiterlaufen. Die kleinen Labels bluten aus, die größeren warten bis die kleinen weg sind und teilen sich den Kuchen dann auf. Ich finde es schade, das Kunst- und Kulturschaffende im Stich gelassen werden. Kann man nur total scheiße finden. Anders kann man das nicht ausdrücken.
Fotos Patrick Pulsinger © Elsa Okazaki
Foto Popfest © Simon Brugner
http://popfest.at/