mica-Interview Mia Zabelka – PhonoFemme, internationales Klangkunstfestival

Fünf Tage lang steht Wien diesen Monat ganz im Zeichen internationaler Klang- und Performancekunst, wenn von 21. bis. 25. April im KosmosTheater das PhonoFemme Festival, eine Kooperation von Enterprise Z, Deep Listening Institute und Mani D.O.O., abgehalten wird. Im Interview stellt die, mit der künstlerischen Leitung betraute, Musikerin Mia Zabelka das PhonoFemme vor. Das Interview führte Michael Masen.

Kannst du ein wenig über das Konzept des Festivals erzählen?

Das PhonoFemme ist ein internationales Klang- und Künstlerinnen-Festival. Das heißt, ich habe drei verschiedene, internationale Plattformen eingeladen, jeweils einen Abend zu programmieren. Beteiligt sind das Deep Listening Institute aus Kingston, New York, Mani D.O.O. aus Kroatien und meine eigene Plattform, Enterprise Z aus Wien.

Die Idee dahinter war es auch, Künstlerinnen aller Generationen einzuladen – es sind also sowohl 20-Jährige als auch 70-Jährige involviert. Gerade dieses generationenübergreifende Element finde ich sehr spannend. Und dann gibt es noch Künstlerinnen aus dem Osten und welche aus dem Westen – davon erwarte ich mir auch ganz verschiedene ästhetische und künstlerische inhaltliche Standpunkte.

Haben die Kontakte zu den Künstlerinnen und Plattformen in dieser Weise bereits vor dem Festival bestanden, oder haben sie sich erst im Zuge der Planungsphase herausgebildet?

Ich kenne die beiden Leiterinnen der anderen beiden beteiligten Plattformen. Das ist auch interessant, da bereits hier – mit Pauline Oliveros vom Deep Listening Institute und Zahra Mani von Mani D.O.O. – drei verschiedene Generationen vertreten sind. Die Verbindung zu den beiden bestand auch bereits vor der Planung zum PhonoFemme-Festival, wodurch schon eine gewisse Vertrauensbasis vorhanden war, um sie ihre eigenen Programme, völlig unabhängig gestalten zu lassen. Sie haben auch in weiterer Folge Künstlerinnen eingeladen, die mir persönlich gar nicht bekannt sind – auf diese Beiträge bin ich also auch schon sehr gespannt.

Gibt es eine Art “Roten Faden”, der sich durch das Festival ziehen soll, oder ist es mehr als Zusammensetzung individueller Programme gestaltet?

Das von mir vorgegebene Thema, das mich auch in meiner eigenen Arbeit sehr beschäftigt, ist “Körper-Klang-Maschine-Koppelung” – da hat mich auch vor allem interessiert, wie andere Künstlerinnen an dieses Thema herangehen. Es entstehen dadurch ja ganz verschiedene Standpunkte. Olga Neuwirth, beispielsweise, die ich über Enterprise Z eingeladen habe, legt den Fokus ihres Interesses auf die Maschine. Sie sieht sich selbst sozusagen mehr als Maschine denn als Performance-Künstlerin, wenn sie auf der Bühne steht. Dieser Aspekt ist ihr weniger wichtig, während andererseits eine Lydia Lunch, die Performance, diesen Live Act, ins Zentrum rückt.

Das Festival stellt ja Künstlerinnen in den Vordergrund, die im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen nach wie vor weniger stark wahrgenommen werden. Was sind deiner Meinung nach die Gründe hierfür? Gerade im Bereich avantgardistischer Musik sollte man doch annehmen können, dass sämtliche Beteiligte offener eingestellt sind.

Ich denke, dass sich da einfach Lobbys bilden, wo sich Männer gut vernetzen und es für Frauen schwieriger ist, in solche Netzwerke hinein zu kommen. Umso wichtiger ist es, dass es als Gegengewicht dann auch eigene Frauennetzwerke gibt. Das versuchen wir über PhonoFemme, über diese Webseite, die wir eingerichtet haben und die über das Festival hinausgehend bestehen bleiben wird und auch über Kooperationen, beispielsweise mit Female Pressure. Diese Möglichkeiten, dass Frauen sich auch miteinander vernetzen können, finde ich einfach sehr wichtig.

Ein anderer Punkt ist glaube ich auch, dass Frauen in diesem Feld schon mehr wahrgenommen werden, wenn sie Musik – nach wie vor – traditionell komponieren. Wenn eine Frau eine Oper schreibt oder Orchestermusik und sie die Möglichkeit hat, in diesen Markt hinein zu kommen, glaube ich, ist es für sie einfacher als für uns. Es heißt zwar immer, dass Frauen mit den neuen Medien auch neue Zugänge bekommen, aber ich sehe das eigentlich derzeit überhaupt nicht.

Liegt das deiner Meinung nach auch zu einem gewissen Teil weniger an der Szene selbst, sondern mehr am Publikum, dass es an Frauen in der Rolle als Performer einfach nicht interessiert ist – aus was für Gründen auch immer?

Ja, das ist sicher ein guter Aspekt. Ich denke, dass das Publikum vor allem an Sängerinnen interessiert ist. Ich könnte mir aber jetzt beispielsweise auch keinen weiblichen Fan vorstellen – also, in dieser Breitenwirkung.

Denkst du, dass Männer einfach mehr den Hang zu diesem exzessiven Fan-Tum haben?

Musik als Hobby und als Leidenschaft, dem sich Männer mehr widmen, als Frauen? Es gibt sicher auch einige weibliche Ausnahmen, wie etwa Christina Nemec, die sich Tag und Nacht mit Musik beschäftigt, aber unterm Strich gibt es wohl wirklich weniger Frauen, das könnte als schon auch ein Grund sein.

Könnte das Konzept des PhonoFemme als eine Art “geschützte Werkstätte” missverstanden werden?

Nein, das glaube ich nicht und das war auch überhaupt nicht der Beweggrund hinter dem Festival. Es sind ja sehr viele Künstlerinnen vertreten, die international sehr präsent sind, Pauline Oliveros etwa, oder Miya Masaoka. Letztere hat übrigens auch schon einmal ein Chorstück für die Wiener Staatsoper komponiert. Zudem sind dann noch Olga Neuwirth und Lydia Lunch beteiligt, die ja nun auch nicht gerade unbekannt sind.

Vordergründig steht die Idee, sich wirklich einmal miteinander zu vernetzen und eine Standortbestimmung vorzunehmen. Wir veranstalten, einhergehend mit dem Festival, auch eine Diskursveranstaltung zum Thema “Klangkunst – the future of sound”, wo wir einmal miteinander forschen und diskutieren wollen, wo wir gerade in der Musiklandschaft stehen. Es ist einfach notwendig, sich auch einmal zurück zu ziehen, dann aber wieder nach außen zu gehen. Beides ist möglich und auch beides ist wichtig.

Ist auch eine Dokumentation dieses Festivals in irgendeiner Form, also etwa eine CD oder DVD, geplant?

Es wird sicher eine CD dazu produziert werden und ebenso eine DVD.

An zwei Projekten bist du ja auch selbst musikalisch beteiligt; kannst du ein wenig darüber erzählen, was man da zu sehen und hören bekommen wird?

Bei “Women Of The Ruins” handelt es sich um eine audiovisuelle Performance mit Katarina Matiasek und mir selbst. Dabei geht es um Frauen in Kriegs- bzw. Nachkriegssituation, einem Bereich, in dem ich schon seit längerem tätig bin und dazu auch bereits, gemeinsam mit Zahra Mani, ein Hörstück gemacht habe. Hierfür haben wir Interviews mit Trümmerfrauen geführt und daraus denn ein Radiostück kreiert. Und dieses Projekt, jetzt beim Festival, ist sozusagen der nächste Schritt, die Situation der Frauen in aktuell bestehenden Kriegsgebieten audiovisuell unter die Lupe zu nehmen, was eine wirklich ergiebige Auseinandersetzung zwischen Katarina und mir geworden ist.

Es wird auch eine Hommage an Phoolan Devi sein, die ja als “die Banditenkönigin” bezeichnet wird, eine Frau im Widerstand, eine Art Terroristin. In der Performance von Lydia Lunch wird schließlich dann auch thematisiert, dass Gewalt von Frauen einfach anders wahrzunehmen ist, als die von Männern ausgeübte. Damit spannt sich sozusagen der inhaltliche Bogen.

Das ist dann das zweite Projekt, an dem du mitwirkst?

Genau. “The Gun Is Still Loaded” von Lydia Lunch. Ihr Statement: Eine Frau sollte niemals unbewaffnet außer Haus gehen. Da geht es auch um das Thema “Gewalt von Frauen – gegen Frauen”, aber eben hauptsächlich um die andere Wahrnehmbarkeit von Frauen-Gewalt und die Notwendigkeit, diese anders zu beurteilen, weil es oft die einzige Möglichkeit ist, auf sich aufmerksam zu machen bzw. sich zur Wehr zu setzen.

Kann man anhand des bisherigen Kartenvorverkaufs schon prognostizieren, ob das Festival, im Sinne der Kostendeckung, ein Erfolg wird?

Kostendeckend sind wir, denke ich, schon. Es geht sich sehr knapp aus, aber es sollte so funktionieren. Der Vorverkauf läuft, für diese kurze Zeit jetzt, eigentlich auch schon recht gut.

Das PhonoFemme findet ja zum ersten Mal statt, insgesamt dauert es fünf Tage lang. Hat es irgendwann mal Bedenken gegeben, dass es für den Anfang vielleicht zu groß angelegt gewesen sein könnte?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe das Festival auf Einladung von Barbara Klein, Direktorin vom Kosmostheater, programmiert. Zusammen mit Traude Kogoj, die für die kaufmännische Geschäftsführung zuständig ist, ein Dreier-Team also, haben wir das PhonoFemme programmiert und es war immer klar, dass wir jeder Plattform jeweils einen Abend widmen möchten, dann diese Diskursveranstaltung durchführen und am letzten Tag, als Abschluss sozusagen, alle Plattformen gemeinsam auftreten lassen wollen.

Im Vordergrund sind auch nicht so sehr die Quote und der Publikumserfolg gestanden sind, als vielmehr die inhaltlichen Überlegungen. Wenn sich daraus eine gute Quote ergibt, dann freuen wir uns natürlich sehr, aber es war nicht von vornherein darauf ausgelegt und ein Muss ist es schon gar nicht. Hätten wir das gewollt, so hätten wir das Programm jedenfalls unterhaltungsorientierter gestalten können. Das war jedoch in keiner Weise Vorgabe oder Auflage seitens der Theaterdirektion.

Du hast vorher bereits angesprochen, dass das, was jetzt mit dem Festival angestoßen wird, auch danach weiter geführt werden soll. In welcher Weise?

Die bereits bestehende Internet-Plattform (www.phonofemme.at; http://artinprogress.femalepressure.net) wird auch über das Festival hinausgehend online bleiben. Das heißt, hier gibt es die Möglichkeit, nicht nur seitens der Künstlerinnen, sich über ein Diskussionsforum zu vernetzen, sich auszutauschen, Sound- und Videofiles zu übermitteln, sondern auch, dass sich das Publikum am Prozess beteiligt. Es kann also jeder ein Audiofile, ein Sample, zur Verfügung stellen, dieses bearbeiten, Sounds runter laden und anschließend wieder als Remix uploaden, usw. – ein Never-Ending-Process sozusagen.

Dadurch wird dann praktisch auch eine Verwischung der Grenzen zwischen Künstler und Publikum angestrebt?

Genau, eine Art Demokratisierungsprozess, der ja sozusagen Soundart-immanent ist. Darüber hinaus ist auch geplant, das Festival international fortzusetzen, mit dem Programm quasi auf Tour zu gehen. Es gibt hierfür bereits einige Optionen, beispielsweise in New York, Kroatien und eventuell sogar London.

Sind dafür schon genauere Daten bekannt?

Da es ansonsten organisatorisch zu aufwändig wäre, ist ein Einjahresrhythmus vorgesehen – in jedem Jahr irgendwo anders.

Die Verwischung der Grenzen, die über diese Plattform funktioniert, könnte in weiterer Konsequenz vielleicht dann auch live passieren – gibt es dahingehend irgendwelche Überlegungen?

Im Grunde machen wir das bereits schon jetzt. Wir werden auch diesen Klangorganismus, der da gerade im Internet entsteht, in Form einer Klanginstallation im Kosmostheater an diesen fünf Tagen präsentieren. Darin werden auch die Samples eingearbeitet sein, die von den Internet-Usern kreiert wurden.

Wer wird an dieser Diskursveranstaltung, die auch im Rahmen des Festivals stattfindet, teilnehmen?

Es werden Werner Jauk aus Graz, Helga de la Motte von der TU in Berlin, die ja über Klangkunst sehr viel geforscht hat und eigentlich diesen Begriff auch, als eine der ersten überhaupt, definiert hat, Dieter Kaufmann, der Begründer des Instituts für Elektroakustische Musik in Wien und Christian Scheib an diesem Diskurs teilnehmen. Darüber hinaus auch noch Pauline Oliveros, als eine der Pionierinnen der Soundart und ich selbst. Eine international wirklich sehr prominent besetzte Veranstaltung, die, wie ich glaube, sehr spannend wird. Moderiert wird das Ganze von Irene Suchy.

Soll dieser Diskurs auch später in gedruckter Form veröffentlicht werden?

Ja, wir hoffen, dass wir hierfür die Finanzierung aufstellen können. Es gibt zu diesem Thema ja auch noch sehr wenig Literatur und alleine deshalb wäre es eine gute Sache, diese Diskussionsveranstaltung festzuhalten.

Vielen Dank fürs Inteview.

 

Mia Zabelka