LINDA SHARROCK, MARIO RECHTERN, ITARU OKI, MAKOTO SATO, ERIC ZINMAN, YORAM ROSILIO – „no is no“

„no is no (don’t fuck around with your women)“ (improvising beings records) präsentiert Aufnahmen eines Ensembles um die in Wien lebende Musikerin LINDA SHARROCK und den Musiker MARIO RECHTERN, die live ständig in verschiedensten Kombinationen zusammenspielen. Hier endlich ein festgehaltenes Tondokument.

„There never is a comfort zone“ – so lautet der erste Satz im ausführlichen Booklet der sehr ansehnlich aufgemachten Doppel-CD, auf der sich eine Studio- und eine Livekonzertaufnahme – beide 2014 in Frankreich entstanden – des sechsköpfigen Improvisationsensembles befinden. Jedes Stück ist um die 50 Minuten lang und Linda Sharrock (Stimme), Mario Rechtern (Reeds), Itaru Oki (Trompete), Makoto Sato (Drums), Eric Zinman (Piano) und Yoram Rosilio (Bass) entfachen darauf Sounduniversen im Geiste des tatsächlich freien Jazz, gehen zusammen Risiken und Experimente ein, um auch für sich selbst ein Stück Neuland im Bewusstsein dazuzugewinnen.

Sharrock und Rechtern – beide viel unterwegs, aber mit Hauptwohnsitz Wien – spielen in zahlreichen Combos zusammen und suchen sich ihre musikalischen Partner gezielt aus. Linda Sharrock, die in den USA geboren und aufgewachsen ist, hat ab den 1960ern mit Pharoah Sanders zusammengearbeitet und im Folgenden mit ihrem damaligen Ehemann Sonny Sharrock wegweisende Alben aufgenommen, bei denen sie schon als vielseitige Vokalartistin glänzte: von nicht enden wollenden feinen Gesangsbögen, mystisch-magischen Melodiekaskaden bis hin zu berstenden Urschrei-Explosionen. Der in Deutschland geborene, jahrzehntelang die Welt erkundende Mario Rechtern hat ebenso ein überaus breites Oeuvre vorzuweisen und reizt die Möglichkeiten seiner zahlreichen Reeds – hauptsächlich jedoch des Saxophons – mit spielerischer Ernsthaftigkeit und feinsinnigem Humor aus. Rund um dieses Stammduo werden mit wechselnden Ensembles die Möglichkeiten von Klang und Freiheit ausgereizt.

Schauen, wo man steht

Was in den zwei Sets dieser CD vorgelegt wird, ist nicht einfach zu formulieren: Man hört die Suche nach Randzonen, gefolgt von musikalischen Pfaden in die entgegengesetzte Richtung; von treibenden Schlagzeug-Passagen bis hin zu raschelnden Blättern, schnoddrigen Saxophon-Läufen und dissonant-kräftigen Fanfaren zu sowohl be- als auch entschleunigenden Pianoläufen von Eric Zinman, mit dem Sharrock und Rechtern bereits mehrmals zusammengearbeitet haben. Flötensounds, die man hauptsächlich aus der sogenannten „Weltmusik“ kennt, werden hier in völlig neue Kontexte gerückt und entfalten dadurch ein Potenzial weit weg von Kitsch oder falscher Romantik. Dazu singt die seit 2010 im Rollstuhl sitzende Linda Sharrock, die oft über der ganzen Combo zu schweben und die Zügel in der Hand zu halten scheint. Sharrock hat – wieder – ihre eigene Sprache gefunden, die sie in ihrer Einzigartigkeit den instrumentalen Teilen anbietet und vorlegt. Wie eine Achterbahnfahrt mit harten Kurven und todesverachtenden Manövern – doch selbst die riskantesten Stellen werden bravourös und in voller Geschwindigkeit gemeinsam durchbrochen. Das Sextett gibt sich aber auch genug Zeit und Platz, sodass schamanistische Solo-Exkursionen das Gesamtbild für alle Beteiligten – sowohl Produzenten als auch Rezipienten – schärfen können.

Es mag nie eine „comfort zone“ geben oder gegeben haben, aber es mag eine sehr befreiende und bereichernde Erfahrung sein, sich den Grenzen verschiedener Zonen anzunähern und sich deren Existenz bewusst zu werden. Diese Aufnahmen sind ein hilfreicher, leuchtender Stern.

Clemens Marschall

http://www.improvising-beings.com/