Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums von mica – music austria widmeten wir uns im Jahr 2024 intensiver auch einem der ersten mica-Projekte, dem „Lexikon zeitgenössischer Musik aus Österreich“ (mica-Lexikon). Zunächst wurden alle 422 Komponist:innen, die im Lexikon im Jahr 1997 vorgestellt wurden, in der Musikdatenbank von mica – music austria in einem eigenen Bereich sichtbar und zugänglich gemacht (vgl. https://db.musicaustria.at/bernhard-guenther-lexikon-zeitgenoessischer-musik-aus-oesterreich-1997). Teil 1 dieser Serie findet sich hier.
Im Zuge der Aktualisierungen der Musikdatenbank von mica – music austria haben wir all jene 29 Komponistinnen, die bereits im „Lexikon zeitgenössischer Musik aus Österreich“ aus dem Jahr 1997 (mica-Lexikon) vorgestellt wurden, u. a. um Interviews gebeten. Wir wollten mit persönlichen Geschichten beleuchten, wie es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts war, Komponistin zu werden. Welche Vorbilder gab es? Wie gestaltete sich die Ausbildung? Welche Hürden oder Brücken gab es? Wie begann der Weg mit dem Beruf „Komponistin“?
Insgesamt drei Komponistinnen erklärten sich zu einem persönlichen Gespräch bereit. Neben Gabriele Proy und Elfi Aichinger war dies MAYAKO KUBO, die sich mit Nicola Benz im Café Engländer zu einem Interview traf und interessante sowie individuelle Einblicke in ihren künstlerischen Werdegang gab. Im Anschluss des Interviews wird die Komponistin kurz vorgestellt.
Uns ist aufgefallen, wie deutlich das Ungleichgewicht im mica-Lexikon von 1997 noch war: Komponistinnen waren dort stark unterrepräsentiert. Das zeigt, wie wenig selbstverständlich dieser Beruf für Frauen gegen Ende des 20. Jahrhunderts noch war. Wenn man heute auf die Situation von Komponistinnen zurückblickt, ist es spannend zu fragen, wie anders damals die Bedingungen waren.
Mayako Kubo: Ja, das stimmt. Ich bin 1972 nach Wien gekommen und geblieben. 1973 habe ich die Aufnahmeprüfung für Komposition an der damaligen Hochschule für Musik und darstellenden Kunst Wien gemacht, wurde aufgenommen und war tatsächlich die einzige Kompositionsstudentin. Bei der Aufnahmeprüfung waren etwa 50 Personen. Das Kompositionsstudium war damals gemeinsam mit dem Dirigierstudium und anderen Fächern in der sogenannten Abteilung 1 organisiert. Gerade das Dirigieren war stark männlich geprägt. Ich habe nur eine einzige Studentin kennengelernt, die Dirigentin werden wollte, und in der Komposition gab es überhaupt keine andere Frau.
Ich hatte damals eigentlich überhaupt keine Vorkenntnisse. Bei der Aufnahmeprüfung habe ich offen gesagt: „Ich habe noch gar nichts komponiert, nichts gelernt, aber ich möchte bei null anfangen, und ich werde Komponistin.“ Viele andere brachten bereits eigene Kompositionen mit. Ich dagegen hatte nur diesen Entschluss. Dass ich trotzdem aufgenommen wurde, war für mich ein großes Glück.
Weil ich keine Grundlagen hatte, musste ich zuerst alles nachholen: Kontrapunkt, Harmonielehre, Generalbass, Choralsatz und so weiter. Das war gut, aber extrem streng. Es gab jeden Tag Aufgaben, die am nächsten Tag vorgelegt werden mussten. Und der Professor hat mich wirklich fertiggemacht. Er sagte Dinge wie: „Sie Mädchen, das geht ja gar nicht, Sie können das nicht.“ Damals habe ich das nicht ausdrücklich als antifeministisch bezeichnet, aber natürlich war es herabsetzend. Ich musste oft weinen. Gleichzeitig war ich nicht jemand, der dann aufgibt. Ich dachte mir: Ich muss besser werden. Ich werde zeigen, dass ich es kann.
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Kam dieser Druck nur von Lehrenden oder auch von den Mitstudierenden?
Mayako Kubo: Vor allem von den Lehrenden. Aber natürlich war auch unter den Studierenden spürbar, dass ich als Frau auffiel. Ich habe mir damals sogar die Haare kurz geschnitten, keine Schminke getragen und Hemden angezogen. Ich wollte burschikoser wirken, damit mein Frausein nicht sofort im Vordergrund stand.
Ich hatte in Biografien von Komponistinnen und auch von Bauhaus-Frauen gesehen, dass viele einen ähnlichen Weg gingen. Es ging darum, nicht zuerst als Frau wahrgenommen zu werden, sondern als jemand, der in diesem Feld bestehen kann.
Ich erinnere mich zum Beispiel auch daran, als ich einen Schlüssel für einen Übungsraum brauchte, um Klavier zu üben, und man mir sinngemäß sagte: „Der Schlüssel ist für die Jungs.“ Man konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass ein Mädchen Theorie oder Komposition studiert.
„Mich interessierte, wie europäische Musik überhaupt entstanden ist.“
Wie sind Sie überhaupt zur Komposition gekommen? War das von Anfang an Ihr Ziel?
Mayako Kubo: Ursprünglich wollte ich Musikphilosophie studieren. Aber an der Universität Wien hätte ich dafür Matura und Latein gebraucht. An der damaligen Hochschule für Musik und darstellende Kunst war das anders. Dort konnte ich mit meinem Klavierabschluss aus Osaka weiterstudieren. Für die Universität hätte ich auch die Matura nachholen müssen. So entschied ich mich, Klavier zu studieren. Aber die Klavieraufnahmeprüfung habe ich nicht geschafft. Ich war einfach nicht gut genug. Gleichzeitig kam ich aus Japan mit dem Wunsch, die europäische Musik von Grund auf kennenzulernen. In Japan hatte ich Beethoven, Mozart und Bach kennengelernt, aber nicht die lange Entwicklung davor: Gregorianik, frühe Musik, Minnesang, diese historischen Zusammenhänge. Mich interessierte, wie europäische Musik überhaupt entstanden ist.
Dieses spezielle Interesse hängt mit meiner Herkunft zusammen. Ich stamme aus einer der wenigen protestantischen Familien in Japan. Kirchenmusik gehörte für mich von Anfang an selbstverständlich dazu. Schon als kleines Kind habe ich in der Sonntagsschule und in der Kirche Choräle gesungen. Das war für mich eine musikalische Grundlage. Insofern war die europäische Musik für mich nichts Äußerliches oder bloß Fremdes, sondern etwas, zu dem ich schon früh einen Zugang hatte. Ich bin mit dem Christentum, mit Kirchenmusik und mit Chorälen aufgewachsen. Deshalb war dieser Weg für mich sehr naheliegend.
So führte der Weg eher zufällig zur Komposition. An der Musikhochschule gab es gerade auch eine Aufnahmeprüfung für Komposition, und so hat sich das ergeben. „Zufall“ klingt vielleicht etwas leicht, aber im Grunde war es so. Und dann hatte ich das Glück, aufgenommen zu werden.
Weil ich noch keine kompositorischen Grundlagen hatte und noch nicht im traditionellen Sinn komponierte, habe ich mich sehr schnell zur elektronischen Musik hin orientiert. Dort musste man nicht sofort Noten schreiben, sondern konnte mit Synthesizern, Klängen und Experimenten arbeiten. Das entsprach meinem Charakter sehr. Eine Kollegin sagte damals zu mir: „Je verrückter du bist, desto besser.“ Und ich dachte: Ja, das passt zu mir.
Parallel habe ich mich an einer Maturaschule, einer Abendschule angemeldet und dort österreichische Geschichte, Wirtschaftskunde, Geografie und vieles andere gelernt. Vor allem Latein hat sehr lange gedauert. Ich bin einmal durchgefallen und habe insgesamt zwei zusätzliche Jahre gebraucht. Es war wirklich aufwändig. Aber danach konnte ich schließlich auch an die Universität gehen.
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Hatten Sie auf diesem Weg besondere Unterstützerinnen oder Unterstützer? Sie sind ja aus Japan nach Wien gekommen – gab es Personen oder Institutionen, die Ihnen geholfen haben?
Mayako Kubo: Ich hatte sehr, sehr nette Eltern, und sie haben mich natürlich unterstützt. Gleichzeitig war ich damals auch trotzig und wollte unbedingt ein Stipendium beantragen, statt von meinen Eltern abhängig zu sein. Aber gerade am Anfang war ihre Unterstützung sehr wichtig.
Dann war für mich das Umfeld um Dieter Kaufmann und die elektronische Musik sehr wichtig. Dort hatte ich sehr nette Lehrende sowie Kolleginnen und Kollegen, die sehr kollegial waren und mich unterstützt haben. Das war ein starker Gegensatz zum Grundstudium.
Dort war es sehr antifeministisch. Da hieß es ganz offen: Frauen können nicht komponieren, Frauen können nicht hören, Frauen haben kein Ohr. Solche Vorurteile gab es wirklich noch. Das waren bittere Lehrjahre.
Im Rückblick muss ich aber auch sagen: Ganz schlecht war diese Zeit nicht. Ich habe unglaublich viel gelernt. Ich habe 1973 und 1974 im 17. Bezirk gewohnt, und wenn ich mit der Straßenbahn Richtung Johannesgasse gefahren bin, habe ich auf dem Weg oft schon eine ganze Choralharmonisierung im Kopf gemacht. Das war eine sehr intensive Lernzeit. Wenn man jung ist, hält man das aus. Aber vergessen kann man es nicht.
Wir haben uns ein paar Fragen überlegt, weil wir immer wieder feststellen, dass manche Themen bis heute relevant sind. Haben Sie das Gefühl, dass Ihnen im Lauf Ihrer Karriere Fragen gestellt wurden, die einem Mann wahrscheinlich nie gestellt worden wären?
Mayako Kubo: Oh ja, nicht nur das. Ich habe einmal ein frühes Stück geschrieben, in dem die Pianistin mit Fingerhüten spielt. Das Stück arbeitet mit Klick- und Klack-Geräuschen, mit den Fingern auf den Saiten, auf dem Instrument, mit ganz feinen klanglichen Reibungen. Und ein Kritiker schrieb darüber sinngemäß, auf so etwas kämen eben nur Frauen. Diese Verbindung von angeblich weiblicher Handarbeit und Komponieren war für ihn ganz selbstverständlich.
Dann werde ich oft gefragt, ob ich eine „weibliche Ästhetik“ habe. Das halte ich für Unsinn. Musik ist nicht männlich oder weiblich. Ich habe neulich bei einem 24-Stunden-Klaviermarathon mit 300 Werken von 100 Komponistinnen erlebt, wie unterschiedlich diese Musik ist. Jedes Stück hatte seinen eigenen Charakter. Keine einheitliche „weibliche Handschrift“.
Bei mir kam noch etwas anderes dazu: Diskriminierung nicht nur als Frau, sondern auch wegen meiner Herkunft. Ich komme von einem anderen Kontinent, und das war immer wieder spürbar. Ich hatte einmal eine sehr schöne Aufführung bei einem Festival für Neue Musik in Saarbrücken, in einem Mozart-Jahr. Ich bekam dafür einen Auftrag und bezog mich auf eine Stelle aus einem Mozart-Brief, in der es sinngemäß heißt: „Ich kann nicht malen, ich kann nicht dichten, aber ich kann durch Töne sprechen.“ Das fand ich wunderbar. Nach der Aufführung sagte ein Kritiker zu mir sinngemäß: „Wissen Sie überhaupt, was Mozart für uns bedeutet? Für Sie ist dieser Brief bloß Literatur, aber uns gehöre dieser kulturelle Hintergrund.“ Das war, als würde man mir sagen: „Sie greifen mit bloßen Händen in eine Schatzkammer, die Ihnen nicht zusteht.“
Und die größte Krise kam später. Ich glaube, es war 1986. Ich hatte ein Klavierkonzert geschrieben, ein Auftragswerk für Donaueschingen. Das war für mich ein Debüt, ein großes Stück von mehr als 30 Minuten, und ich hatte das Gefühl, jetzt beginnt mein Weg als freie Komponistin. Ich hatte darin auch einen Wiener Walzer zitiert, und die Uraufführung war sehr schön. Aber in einigen Zeitungsberichten wurde sinngemäß gefragt, wie jemand von außerhalb Europas überhaupt so eine europäische Musik schreiben könne. Das war 1986 — und trotzdem stand so etwas noch in Kritiken. Ich war schockiert. Ich hatte damals wirklich eine Krise und dachte, ich höre auf zu komponieren.
Das heißt, zu den Erfahrungen als Frau kam bei Ihnen noch hinzu, dass Sie nicht aus Europa kamen.
Mayako Kubo: Ja, genau. Das kam noch dazu. Früher war das sehr deutlich spürbar. Das war ein sehr machohaftes Umfeld. Es hatte oft etwas von: Ich mache dich kaputt. Solche Haltungen gab es tatsächlich. Auch andere Kollegen sagten damals, das könne gar nicht echt sein, dass ich so komponiere. Dahinter stand die Vorstellung: Weil sie Japanerin ist, kann das nicht authentisch sein.
Zum Glück hat sich da inzwischen vieles verändert. Ich habe im Lauf der Jahre sehr viel erlebt, aber es hat sich am Ende auch in eine positive Richtung entwickelt. Diese Art von offener Diskriminierung erlebe ich heute so nicht mehr. Aber natürlich bleibt die Frage, wie man in einem Betrieb wirklich sichtbar wird. Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass große Institutionen wie die Berliner Philharmoniker oder Festivals auch Komponistinnen stärker berücksichtigen. Ich brauche keine Quote als Etikett, aber man muss durchsetzen, dass Frauen tatsächlich vorkommen. Sonst ändert sich nichts.
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Beim Komponieren geht es ja auch um die Möglichkeit, Aufführungen und Aufträge zu bekommen. Wie war das bei Ihnen, wie war Ihr Weg?
Mayako Kubo: Ich hatte durchaus viele Aufführungen. Aber eine Künstlerin ist ja nie zufrieden, man will immer mehr. Wenn ich selbstkritisch bin, muss ich auch sagen: Ich war nicht geschickt genug für diese Welt. Ich habe mich zu wenig um das Musikbusiness gekümmert, habe Kontakte nicht systematisch gepflegt, war nicht gut darin, Netzwerke zu bilden oder mich strategisch zu positionieren. Vielleicht hätte ich das vor 50 Jahren stärker tun müssen.
Leben Sie eigentlich ganz vom Komponieren?
Mayako Kubo: Ja, und insofern haben Sie wirklich das Glück, eine hundertprozentig freischaffende Komponistin vor sich zu haben. Das ist nicht selbstverständlich. Ich habe einen Sohn, ich war alleinerziehend, und irgendwann, mit etwa 45, habe ich entschieden: Ich mache keinen Nebenjob mehr. Ich wollte nicht immer nur abwesend sein und meinem Sohn ständig den Rücken zeigen. Ich wollte tagsüber für ihn da sein, mit ihm spielen, und abends komponieren. So habe ich es organisiert.
Man muss deutlich sagen: Frauen entwickeln sich oft später, weil die Kinder zunächst einfach Zeit und Kraft beanspruchen. Erst wenn die Kinder aus dem Haus sind, können sich viele wirklich konzentriert ihrer Arbeit widmen – es sei denn, sie bleiben ohne Kinder oder leben allein. Aber sobald Kinder da sind, und erst recht, wenn man alleinerziehend ist, verändert das alles. Während dieser Zeit habe ich vor allem viele kleine Stücke geschrieben, Miniaturen, kurze Werke. Nicht die langen, großen Formen. Das hat ganz direkt mit der Lebenssituation zu tun. Für ein großes Werk braucht man viel Zeit, auch um einen Gedanken wirklich durchzukomponieren. Wenn man diese Zeit nicht hat, weil ständig Unterbrechungen da sind, dann entstehen eben eher kleinere Stücke. Das ist ein ganz praktischer Zusammenhang. Vielleicht gilt das nicht für alle, aber für viele sicher schon. Darüber müsste man viel genauer nachdenken.
Wenn Frauen Kinder haben wollen, dann sollen sie Kinder haben. Das darf doch kein Widerspruch sein. Gerade deshalb finde ich manche Förderlogiken problematisch. Es gibt oft Ausschreibungen, die ausdrücklich nur die jüngere Generation fördern wollen. Aber das greift zu kurz. Wenn Frauen Kinder haben, vielleicht sogar alleinerziehend sind, dann verschieben sich Entwicklungen oft nach hinten. Und plötzlich gelten sie nicht mehr als „jung“, obwohl sie künstlerisch gerade erst in eine neue Phase kommen. Das ist ein echtes Problem.
War für Sie damals sichtbar, dass es noch andere Frauen in diesem Feld gibt? Oder hatten Sie eher das Gefühl, allein zu sein? Kannten Sie die Komponistinnen, die damals im mica-Lexikon vertreten waren?
Mayako Kubo: In meiner Generation gab es kaum Frauen. Als ich mein Studium abgeschlossen hatte, war ich auf jeden Fall die Einzige. Später kamen dann natürlich mehr. Im Lexikon waren ältere Komponistinnen vertreten, und dann vor allem Jahrgänge aus den 1960er Jahren. Das ist auch logisch, weil das Lexikon 1997 erschienen ist und man zu diesem Zeitpunkt ja schon ein Werk vorweisen musste. Aber in meiner eigenen Studienzeit gab es praktisch keine Kolleginnen.
„Frau, Ausländerin und Komponistin – das waren drei Nachteile auf einmal.“
Sehen Sie sich selbst als Vorbild für jüngere Frauen, Komponistin zu werden?
Mayako Kubo: Als Vorbild würde ich mich nicht bezeichnen. Eher als jemand, der diesen Weg in der Praxis gegangen ist. Aber ich würde ihn nicht einfach empfehlen, denn dieses Leben war sehr steinig. Und auch heute ist es für viele schwierig, wirklich ausschließlich von der Komposition zu leben. Viele unterrichten, spielen, improvisieren oder arbeiten in anderen Bereichen. Nur vom Schreiben zu leben, ist schwer. Deshalb würde ich mich auch nicht vorschnell als Pionierin bezeichnen.
Wenn ich gewusst hätte, wie schwierig dieser Weg ist, hätte ich ihn wahrscheinlich niemandem empfohlen. Frau, Ausländerin und Komponistin – das waren drei Nachteile auf einmal. Und wenn man heute politische Entwicklungen betrachtet, dann merkt man auch, dass manche Fragen wieder schärfer werden.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Nicola Benz

Die Komponistin und Pianistin Mayako Kubo wurde am 5. Dezember 1947 in Kobe in Japan geboren. Von 1966 bis 1970 studierte sie am Osaka College of Music Konzertfach Klavier. Ab 1972 setzte sie ihre Ausbildung in Wien fort: Bis 1980 studierte sie an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien Tonsatz bei Augustin Kubizek, Komposition bei Erich Urbanner, Roman Haubenstock-Ramati und Friedrich Cerha sowie Konzertfach Klavier bei Dieter Weber; dieses Studium beendete sie mit Auszeichnung. Parallel dazu belegte sie von 1976 bis 1980 an der Universität Wien Musikwissenschaft und Philosophie. Ebenfalls in Wien absolvierte sie zwischen 1978 und 1980 ein Studium der Elektroakustik bei Dieter Kaufmann und Hellmut Gottwald an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst Wien. Von 1980 bis 1982 setzte sie ihre Studien in Deutschland an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater Hannover fort: Musikwissenschaft bei Hellmut Kühn und Komposition bei Helmut Lachenmann. Letztere war auch von 1982 bis 1983 ihr Kompositionslehrer an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Von 1985 bis 1987 folgte schließlich ein weiteres Studium an der Technischen Universität Berlin, wo sie Musikwissenschaft bei Carl Dahlhaus belegte.
Nach ersten Tätigkeiten als Konzertpianistin und Korrepetitorin in Tokio arbeitete sie ab Ende der 1970er Jahre unter anderem am Institut für Elektronische und Experimentelle Musik an der Hochschule für Musik und darstellenden Kunst Wien sowie später im Tonstudio der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Seit 1985 ist sie als freischaffende Komponistin, Konzertpianistin und Improvisationskünstlerin tätig. 1987 war sie Gründungsmitglied der Berliner Gesellschaft für Zeitgenössische Musik ZeitMusik, von 1989 bis 1990 musikalische Leiterin des Werkstatt-Theaters Wedding. Es folgten Lehr- und Vortragstätigkeiten im In- und Ausland sowie wiederholte Einladungen als Jurymitglied, etwa in Salzburg, Berlin und zuletzt 2024 beim Deutschen Musikautor*innenpreis der GEMA. Seit 2016 organisiert und kuratiert sie die Berliner Kammerkonzertreihe Mazel Tov International. Von 2008 bis 2014 war sie zudem Gründerin und musikalische Leiterin des Young Asian Chamber Orchestra Berlin.
Mayako Kubos Werkverzeichnis wird vor allem von Kammer- und Ensemblestücken (113 Werke) geprägt, häufig in Verbindung mit Stimme, Text und Szene. 38 Werke für verschiedene Soloinstrumente (z. B. Barocklautem Gitarre, Harfe, Perkussion, Akkordeon, Klarinette, Fagott, Klavier) finden sich hier ebenso wie 18 Orchesterwerke (6 mit Soloinstrument(e) bzw. -stimme(n)), 6 Vokalstücke (Stimme & Klavierbegleitung) oder 5 Chorwerke. Hinzu kommen 10 Werke der Elektronischen Musik sowie 8 Werke für Oper/Musiktheater. Typisch für Kubos Kompositionsstil ist Verflechtung japanischer und europäischer Elemente mit gegenwartsbezogenen, kritisch-humorvollen Akzenten. Kubo beschreibt ihre Musik selbst als transparent, von überflüssigen Tönen befreit und auf Klartext statt bloßer Kunstfertigkeit ausgerichtet.
Neben dem mica-Lexikon von 1997 konnte Mayako Kubo in folgenden im Rahmen des Projekts „frauen/musiklexika“ eingesehenen Lexika und Publikationen aus dem 20. Jahrhundert gefunden werden:
- 1997 Günther, Bernhard (Hg.): Kubo Mayako. In: Lexikon zeitgenössischer Musik aus Österreich: Komponisten und Komponistinnen des 20. Jahrhunderts. Wien: music information center austria, S. 640–643.
- 2001 Kubo Mayako. In: Marx, Eva / Haas, Gerlinde (Hg.): 210 österreichische Komponistinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Wien/Salzburg: Residenz Verlag, S. 484–486.
- 2008 | 2016 Saxer, Marion: Kubo, Mayako. In: Finscher, Ludwig (Hg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Personenteil. 2. Auflage Bärenreiter und Metzler & Laurenz Lütteken (Hg.): MGG Online, abgerufen am 3.12.2025 [https://www.mgg-online.com/mgg/stable/532978]
- 2009 | 2020 Walter, Felix: Mayako Kubo. In: Heister, Hanns-Werner / Sparrer, Walter-Wolfgang (Hg.): Komponisten der Gegenwart (KdG). edition text + kritik, München.
- Rausch , Alexander: Kubo, Mayako. In: Oesterreichisches Musiklexikon online, begr. von Rudolf Flotzinger, hg. von Barbara Boisits (letzte inhaltliche Änderung: 18.5.2003, abgerufen am 11.3.2026), https://dx.doi.org/10.1553/0x0001d651
Mehr Informationen über Mayako Kubo findet man in der Musikdatenbank von mica – music austria: Biografie Mayako Kubo. In: Musikdatenbank von mica – music austria. Online abrufbar unter: https://db.musicaustria.at/node/58378
