Koreanische Volksmusik und Neue Musik im Dialog

Gesellschaftspolitische Beobachtungen bildeten bei den vergangenen „bludenzer tagen zeitgemäßer musik“ (btzm) den Ausgangspunkt der künstlerischen Auseinandersetzung. In dieser Festivalsaison und aus Anlass des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums des Vereins „allerArt“ werden die letztjährigen Leitgedanken nun in einem größeren Format fortgeschrieben. Kompositionen für Klavier solo und Ensemble von Wolfram Schurig, Marc Sabat und Dietrich Eichmann, interpretiert vom Klangforum Wien und dem Schweizer Ensemble „Contrechamps“, stehen im Mittelpunkt.

Mit den Kompositionen von Wolfram Schurig, Marc Sabat und Dietrich Eichmann werden drei unterschiedliche Zugänge zur Gattung des „Klavierkonzertes“ dargestellt. Marc Sabats Werk „Lying in the grass, rivers und clouds“ ist Teil eines Zyklus, in dem sich der kanadische Komponist intensiv mit reiner Intonation und Obertonreihen auseinander setzt. Dietrich Eichmann thematisiert in seiner Komposition „Entre deux guerres“ die Zeit zwischen zwei Kriegen. Seine Arbeit verbindet die Wurzeln des Free-Jazz und der improvisierten Musik mit einer avancierten zeitgemäßen kompositorischen Sprache. Wolfram Schurig verwendete technische Verfahren, die den Naturwissenschaften entlehnt sind und formulierte diese künstlerisch um.

In Beziehung zueinander
In einen Dialog treten die Werke aus dem mitteleuropäischen Kulturkreis mit traditioneller Musik aus Korea. Alexander Moosbrugger, Kurator der btzm, hat die Konzertprogramme kontrastierend zusammengestellt und dabei genau darauf geachtet, dass die künstlerischen Positionen in einer anregenden  Wechselwirkung zueinander stehen. Authentisch wird die koreanische Volksmusik von MusikerInnen aus Südkorea dargeboten. Sie spielen auf den typischen Nationalinstrumenten Geomungo, einer Wölbbrettzither, Daegeum, einer Bambus-Traversflöte, und Piri, einem Oboeninstrument.

Körperhafte Energien
Im vergangenen Jahr hat Alexander Moosbrugger einige Monate in Südkorea verbracht. Auf Einladung des internationalen Gugak-Centers erhielt er Einblicke in die Praktiken der koreanischen Volksmusik und präsentiert einen kleinen Ausschnitt daraus nun in Bludenz.

Sanjos werden mit einem Melodieinstrument und einer Trommel gespielt. Sie haben sich am Ende des 19. Jahrhunderts etabliert und werden weitgehend mündlich tradiert. Dabei führt ein Meister seinen Schüler in die Kunst der Improvisation ein. Die Musik lebt von fein abgestimmten Nuancierungen in der melodischen und rhythmischen Variation und entwickelt im improvisierenden Dialog zwischen zwei Spielern eine körperhafte Energie. Die Zeitgestaltung orientiert sich nahe an der Sprachmelodie und ist eng mit dem Atem verwoben.

Ihren spezifischen Charakter erhalten die Sanjos durch die verwendeten Instrumente. Die Geomungo wird mit Plektron gespielt und besitzt einen harten, perkussiven Klang. Durch eine zusätzliche Membran klingt die Traversflöte körperlich und laut, sie schnarrt und dient unter anderem einer direkten Affektdarstellung. Die Piri ist zwar ein kleines Oboeninstrument, sie füllt jedoch mit ihrem eindringlichen Klang den Raum aus.

Ein Ort der konzentrierten Auseinandersetzung
Wichtig ist dem künstlerischen Leiter der btzm ein inspirierender Diskurs zwischen den Komponisten, den MusikerInnen und dem Publikum. Das Festival in der Bludenzer Remise bietet hierfür einen guten Rahmen. Die konzentrierte Atmosphäre ist bei den Konzerten unmittelbar erfahrbar und stellt inzwischen in der Konzertlandschaft Vorarlbergs und darüber hinaus eine Rarität dar. Ein Grund dafür liegt wohl darin, dass die btzm von einem Komponisten kuratiert und geleitet werden. Alexander Moosbrugger stellt die Werke sehr durchdacht in einen Bezug zueinander und sieht darin Ähnlichkeiten mit einer kompositorischen Arbeit.

Selbstbewusst widersetzten sich Alexander Moosbrugger und seine Vorgänger der Tendenz, das Festival zu einem nach oberflächlichen Kriterien gemanagten Event zu machen. Die btzm bewegen sich künstlerisch auf einem sehr hohen Niveau, das international beachtet wird. Dies zeigt sich auch daran, dass die aktuell vergebenen Kompositionsaufträge vom „Canada Council“ sowie der „Ernst von Siemens Musikstiftung“ unterstützt werden. Allerdings fehlen finanzielle und personelle Ressourcen, um die Inhalte des Festivals publikumswirksam an die Öffentlichkeit zu tragen. So füllen die btzm mit höchsten Qualitätsansprüchen seit Jahren eine wichtige Nische aus, finden jedoch nicht den Zuspruch, der ihnen zusteht.

Neues und Außergewöhnliches als Geschenk erleben
Räume für ein konzentriertes Zuhören und für sich selbst sprechende Konzertereignisse anzubieten, stellen für den Festivalkurator Alexander Moosbrugger den einzigen und richtigen Weg dar. Bestätigung findet diese Überzeugung unter anderem bei der renommierten Ruhrtriennale, die eine Programmschiene mit „no education“ betitelt. Die Ausgangsüberlegungen decken sich mit den Intentionen der btzm. „Fixiert auf kulturelle Bildung unterschätzen wir häufig, was ein Mensch, also auch ein Kind, an Fähigkeiten und Intuition mitbringt. Dazu gehört auch, die Sprache der Kunst zu verstehen. Ohne Sinnzwang und mit Gefühl für ihre Vielfalt und ihre Ordnung. Sie basiert auf der Beobachtung, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen offen sind für solche Wahrnehmungen. Es gibt keinen Grund, einem Zuschauer Komplexität zu ersparen.“

Wolfram Schurig bei den btzm
Es ist ein seltenes Ereignis, wenn Musik des Vorarlberger Komponisten Wolfram Schurig in Vorarlberg zu hören ist. Seit einem Porträtkonzert im Rahmen der Bregenzer Festspiele 2005 waren keine Werke mehr in Vorarlberg zu hören. Allerdings feierte Wolfram Schurig in anderen Bundesländern sowie im Ausland namhafte Erfolge. „… vom gesang der wasserspeier…“ wurde im Rahmen des Festivals „Wien modern“ vor zwei Jahren uraufgeführt. Nun musiziert das Klangforum Wien in Bludenz diese Komposition, die Charles Darwin gewidmet ist.

Wolfram Schurig verwendet gerne technische Verfahren, die den Naturwissenschaften entlehnt sind und formuliert diese künstlerisch um. „Mich interessieren viele Entdecker früherer Zeiten. Wie es ihnen auf ihren abenteuerlichen Exkursionen ergangen ist, darüber könnte ich viele Bücher verschlingen. In ihrem Tun sehe ich auch etwas, das mich mit meiner Tätigkeit verbindet. Die Naturwissenschaftler früherer Zeiten haben ja nicht gewusst, was sie finden werden und keine Ahnung gehabt, was auf sie zukommt. Oft hat ihre Phantasie, das was sie real gesehen haben so korrumpiert, dass sie gar nicht akzeptieren konnten, wie beispielsweise ein neu entdecktes Lebewesen tatsächlich aussieht. Das Entdecken, die Kunst und die Wissenschaft hatten bis ins 18. Jahrhundert viele Berührungspunkte“, erzählt Wolfram Schurig seine Intentionen zum Werk „… vom gesang der wasserspeier…“

„Für mich war der Gedanke spannend, so etwas wie eine stammesgeschichtliche Herkunft von Wesen, die es nur in unserer Phantasie gibt, zu entwickelt“ so der Komponist. „Der Reiz bestand darin, diese Beobachtung systematisch anzugehen. In der Musik wollte ich die musikalischen Elemente und Bausteine quasi wie Objekte meiner Phantasie behandeln und daraus eine bestimmte Methodik entwickeln, aus der man ihre Abstammung ihre Phylogenese rekonstruieren kann.“

Das Werk „blick:verzaubert“ widmet sich ebenfalls dieser Thematik. Darin gibt es „gewissermaßen zwei Realitäten – eine kompositorische und eine auditive, also das, was der Zuhörer wahrnimmt. Die Kluft zwischen beiden ist teilweise groß, manchmal gar nicht vorhanden; das ist eine Spannung, die sich letztlich mitteilen sollte und ein Drittes entfachen, nämlich die Fantasie des Hörers beim Hören“, erklärt Wolfram Schurig.
Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Oktober 2012 erschienen.

Foto Klangforum: Lukas Beck

http://www.btzm.at
http://www.klangforum.at/