
Die lange Jahre in Wien ansässige, hier auch immer wieder exzellente Vorträge haltende Pianistin und Professorin Rosario Marciano übernahm 1997 noch die Leitung der Vienna International Pianists, die heute für sie im 10.Todesjahr ein Gedenkkonzert im Schubert-Geburtshaus veranstalten. Einer ihrer Freunde, den sie bereits als jungen Studenten förderte, war übrigens Jorge Sánchez-Chiong, der dieses Forum für Künstler und Nachwuchsmusiker seit ihrem frühen Ableben gemeinsam mit dem Pianisten Stephan Möller-Spaemann auch leitet.
Erinnerungen an Rosario Marciano
Bevor der Verfasser dieses Artikels Jorge Sánchez-Chiong überhaupt mit Namen kannte, traf er ihn in den Anfängen seiner eigenen SN-Musikkritikerlaufbahn Ende der achtziger Jahre im Umfeld von Rosario Marcianos Vorträgen – etwa in der Alten Schmiede. Der gutaussehende und sympathische junge Student der Komposition und Jazztheorie (in Wien seit 1988) assistierte ihr bei ihren Vorträgen und Recherchearbeiten (etwa über komponierende Frauen) und dafür bekam er wohl auch von ihr Geld, das er dringend brauchte. Man ging oft und gerne gemeinsam mit Marciano nach ihren Vorträgen zum Beispiel über die Schülerinnen Mozarts Martinez oder Aurnhamme, wo sie gerne auch selbst Klavier spielte, unbeschwert plaudernd noch in ein Lokal. Sie spielte manchmal auch auf einem ihrer Sammlung historischer Instrumente und ließ auch andere noch junge MusikwissenschaftlerInnen in ihrem Auftrag vortragen.
Die Uraufführenden des heute von Susanna Spaemann & Stephan Möller auf dem Bösendorfer-Hammerklavier von 1823 gespielten Stücks von Jorge Sánchez-Chiong, das er Rosario widmete, waren – 1993 in Caracas – übrigens keine anderen als Rosario Marciano und Jorge Sánchez-Chiong selbst (Titel: “El Reflejo de lo Invisible”, Zusatztitel: für Klavier und Saitenspieler, veranstaltet im Teatro Teresa Carreño, Sala Rios Reyna.
Über Teresa Carreño (1853- 1917) hat Rosario Marciano übrigens eine anerkannte Biographie veröffentlicht. 1853 in Caracas als Tochter des venezuelanischen Finanzministers geboren, wurde Carreño in Venezuela und in Paris ausgebildet – sie galt als größte Pianistin ihrer Zeit und wurde als “Walküre des Klaviers” bezeichnet. Zeitweise hatte sie Unterricht bei Anton Rubinstein, in dritter Ehe war sie mit dem 11 Jahre jüngeren Eugen d’ Albert verheiratet. Sie dirigierte und komponierte, so z.B. die Nationalhymne von Venezuela und starb 1917 in Koblenz.
Rosario selber gab ihr erstes Solokonzert mit Orchester schon mit sechs Jahren, erhielt wichtige Preise schon in jungen Jahren. Sie war unter den ersten Pianisten, die auf historischen Fortepianos spielten, so bereits in den frühen 70-er Jahren Franz Schubert. Ihre umfangreiche Diskographie umfasst auch Aufnahmen kaum gehörter Aufnahmen von weiblichen Komponistinnen wie Cécile Chaminade, Germaine Tailleferre, Amy Beach und vielen anderen, natürlich auch Teresa Carreño oder Clara Schumann. Fanny Hensel-Mendelssohn (natürlich hielt sie auch schon in den achtziger Jahren und früher Vortäge über sie) gab sie teils in Erstausgaben im Furore-Verlag heraus.
Ihre Kollektion von historischen Instrumenten schenkte sie einem von ihr gegründeten Museum in Caracas. Ihr Leben widmete sie der geglückten Verbindung von Aufführung, Forschertätigkeit und Ausbildung, 1994-1998 wurde sie auch Klavierprofessorin an der Wiener Musikuniversität. Ihren Andenken gewidmet ist der Rosario Marciano Preis, der von den Vienna International Pianists in Kooperation mit VenKultur, der Venezuelanischen Kulturorganiation in Österreich, vergeben wird.
Gegründet wurden die Vienna International Pianists im Jahre 1988 von dem spanischen Pianisten José Francisco Alonso. Zu den Veranstaltungen dieses Forums gehören eine Konzertreihe in Wien, Workshop-Konzerte für studentische Mitglieder und, als Hauptprojekt, die jährlich stattfindende VIP Academy mit Konzerten und Meisterkursen für junge Pianisten aus aller Welt. Den jüngsten Pianisten widmen sich die 2004 neu gegründeten Vienna Young Pianists.
Zum heutigen Konzert – mit ausgezeichneten SolistInnen wie Patricia Kopatchinskaja (Violine) – und mit einer Lesung mit Gabriele Schuchter aus Texten von Rosario Marciano sollte man also wirklich in die Nussdorferstraße in den Konzertsaal des Schubert-Hauses pilgern und auch brav den Eintrittspreis bezahlen – der Verein braucht Geld!
Heinz Rögl
Vienna International Pianists: Gedenkkonzert Rosario Marciano
Nussdorferstr. 54
1090 Wien
Beginn 19:30 Uhr – Konzertsaal des Schubert-Geburtshauses
In memoriam: Rosario Marciano, 1944-1998
Programm:
Franz Schubert (1797-1828) – Sonate a-moll für Arpeggione und Klavier, D. 8211. Satz: Allegro moderato
Jorge Sánchez-Chiong (*1969) – “El Reflejo de lo Invisible” für zwei Spieler an einem Klavier (Rosario Marciano gewidmet)
Franz Schubert Fantasie f-moll für Klavier zu vier Händen, D. 940 (op. 103) – Allegro molto moderato – Largo – Allegro vivace – Tempo I
Vier Goethe-Vertonungen von Komponistinnen des 19. Jahrhunderts:
Johanna Kinkel (1810-1858) – An den Mond
Fanny Hensel (1805-1847) – Mignon
Clara Schumann (1819-1896) – Das Veilchen
Josephine Lang (1815-1880) – Frühzeitiger Frühling
Franz Schubert – Fantasie C-Dur für Violine und Klavier, D. 934, Andante molto – Allegretto – Andantino – Tempo I – Allegro vivace
Ausgewählte Texte von Rosario Marciano
Besetzung:
Patricia Kopatchinskaja (Violine)
Marie Spaemann (Violoncello)
Karin Tripp (Mezzosopran)
Susanna Spaemann, Stephan Möller (Hammerklavier, Bösendorfer 1828)
Gabriele Schuchter (Rezitation)
Fotos:
R.Marciano 1976 mit ihrer Tochter © literanova.eduardocasanova.com
Furore Verlag Ausgabe von Noten von Fanny hensel-Mendelssohn © free-scores.com/boutique
