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Interview mit Wolfgang Descho

“Die Kunst, es allen recht zu machen. beherrsche ich nicht und will sie auch nicht beherrschen.” Wolfgang Descho, Geschäftsführer Rockhouse Salzburg, im Gespräch. In vielen Städten herrscht Proberaumknappheit. Nicht so in Salzburg Stadt, seit es das Rockhouse gibt, dessen Konzept sich als über einen bloßen Veranstaltungsort weit hinaus gehende Serviceeinrichtung für MusikerInnen versteht. Von Räumen über Seminare und Musiker-Workshops bis hin zu einer eigenen “Local-Heroes”-Konzertreihe hat das Rockhouse so einiges an Bandförderung zu bieten. Trotz dieser Errungenschaften, von denen andere Landeshauptstädte nur träumen können, schaffen nur wenige Salzburger Bands den Durchbruch zu nationaler oder gar internationaler Anerkennung. Das weiß auch Wolfgang Descho. Seit bald 25 Jahren kämpft er in der Mozartstadt an vorderster Front gegen alle politischen Widerstände und für die Breitenförderung von Pop und Rock. Mit dem mica sprach er über seinen langen politischen Kampf, strukturelle Mängel und das Stiefkind “Verteilungsgerechtigkeit”.

Wie viele Proberäume habt ihr eigentlich zur Verfügung?

Wolfgang Descho: Sechs Proberäume, in denen zwischen 20 und 22 Bands proben. Die Laufzeit beträgt mindestens ein Jahr.

Wie kommt man zu einem dieser Räume?

Wolfgang Descho: Per Anmeldung. Während des laufenden Jahres aber nur dann, wenn eine Band ausfällt oder einen privaten Proberaum gefunden hat. Es gibt eine Warteliste mit Reihung. Die jeweils oberste rückt nach. Im Dezember kommt der ganze Haufen und dann werden die Räume neu vergeben. Jüngere sollen dabei die gleiche Chance haben wie die Alten, die nicht glauben sollen, sie säßen hier im Schrebergarten. Bei der Vergabe der Räume schaue ich aber auch, dass die Mischung zwischen jung und alt stimmt.

Damit sich die Jungen was von den Alten abschauen?

Wolfgang Descho: Ja. Aber auch, damit die jungen ein bisschen flach gehalten werden. Es handelt sich ja schließlich um keine Party-, sondern um Arbeitsräume. Ich bin zwar nicht streng, aber gewisse Regeln müssen schon eingehalten werden. Grundsätzlich geht es mir wirklich um Chancengleichheit. Schon in den 80er-Jahren, als ich die damaligen Kulturzentren abklapperte, um mir Anregungen zu holen, sah ich, dass das bei den meisten einfach nicht funktionierte. Ein gutes Beispiel war die alte ARGE: Jene Leute, die die Institution mit aufgebaut hatten, gingen davon aus, dass sie Anrecht auf einen Raum hätten. Das ist zwar durchaus verständlich, aber so kommt halt nichts nach. Darum werden die Räume bei uns jedes Jahr neu vergeben.

Nach welchen Kriterien?

Wolfgang Descho: Das erste Kriterium ist Eigenständigkeit. Bands, die selbst komponieren und texten, haben Vorrang vor Cover-Bands. Wobei Cover-Bands bei uns ohnedies eher spielen als proben wollen. Trotzdem ist die Eigenständigkeit ein Aspekt. Wenn es hart auf hat ginge, wäre ein weiteres Kriterium, wer wie oft wo auftritt. Das heißt, ob es für die betreffende Band wirklich darum geht, für anstehende Gigs zu prüfen, oder ob eine Band eben nur im Proberaum ist oder – die denkbar schlechteste Variante – eben gar nicht im Proberaum ist. Das Wichtigste ist ja, dass der Raum genutzt wird. Ob dem so ist, kriege ich auch, ohne groß Kontrollgänge zu machen, mit. Anders gesagt: Um nicht mitzubekommen, wenn ein Raum wenig genutzt wird, habe ich einfach viel zu viel Kontakt mit den Bands. Umgekehrt: Wenn jemand zwischendurch eine Notsituation hat, dann hilft man kurzfristig mit dem Seminarraum aus. Oder wir finden eine andere Lösung.

Kosten die Proberäume etwas?

Wolfgang Descho: Selbstverständlich. Wenn sie nichts kosten würden, wären sie allesamt schon kaputt. Im Prinzip kosten die Räume das, was sie uns kosten. Im Schnitt pro Band zwischen 70 und 80 Euro im Monat inklusive Heizung, Strom und geputzten Toiletten. Die Räume müssen selbst gereinigt werden.

Inwiefern wäre alles schon kaputt, wenn es nichts kosten würde?

Wolfgang Descho: Ganz einfach: Was überhaupt nichts kostet, ist auch nichts wert. Wer seinen Proberaum verschönern will, bekommt sogar gratis Farben von uns. Irgendwann müssten wir es schließlich selbst machen. Das heißt: Wir zahlen die Farben, nicht aber die Arbeitszeit. Das Angebot haben auch schon einige in Anspruch genommen, wegen der vielen Poster und Sprüche, die irgendwann einmal nerven. Ich versuche, die Musiker auf allen Ebenen mit einzubeziehen. Gleichzeitig gibt es aber mich als klar übergeordnete Instanz, die sich, so weit es geht, im Hintergrund hält. Ich mische mich etwa nicht ein, wie die vier Bands, die sich einen Proberaum teilen, miteinander umzugehen haben. Ich predige immer, dass sie sich vorher ausmachen sollen, wer womit spielen kann und wer was zahlt, wenn etwas kaputt geht. Ich greife letzten Endes wirklich nur in Streitfällen als Schlichter ein. Wenn sich etwa eine Band über die andere beschwert, dass immer nur sie putze.

Das wird dann ausdiskutiert?

Wolfgang Descho: Je nachdem. Manchmal lade ich beide Bands zu mir. Manchmal schaue ich mir die Räume einfach an und wo es nicht funktioniert, gibt es dann einfach einen Putzplan. Da tragen sich die Bands ein und ich kontrolliere das dann auch. Ich habe erst zwei Bands unter dem Jahr raus geschmissen.

In der gesamten Rockhouse-Zeit nur zwei Bands?

Wolfgang Descho: Zwei aus hygienischen Gründen, zwei aus anderen (führt die rechte Hand zum Mund und imitiert das Inhalieren von Zigarettenrauch). Von einem Raum hab ich sogar mal ein Foto gemacht. Eine Müllhalde war wirklich nichts dagegen, eigentlich schon fast ein Kunstwerk. Im großen und ganzen will ich die Leute aber in Ruhe lassen und nur dann eingreifen, wenn es wirklich notwendig ist. Das ist ja kein Staatsbetrieb hier.

Wie schaffst Du es, die Räume zum Selbstkostenpreis anbieten zu können?

Wolfgang Descho: Indem wir Förderungen für unser Jahresprogramm bekommen. Das habe ich gemeinsam mit anderen Musikern erkämpft.

Vielleicht erzählst Du ein bisschen über diesen Kampf?

Wolfgang Descho: Wir fingen an, als es in dieser Stadt weder Proberäume noch Auftrittsmöglichkeiten, geschweige denn überhaupt einen tauglichen Treffpunkt für Jugendliche gab.

Wann war das genau?

Wolfgang Descho: Anfang der 80er Jahre.

Eröffnet wurde das Rockhouse aber erst 1993…

Wolfgang Descho: Dass es bis zur tatsächlichen Realisierung so lange dauerte, war gar nicht so schlecht, weil in dieser unglaublich langen Zeitspanne unser Konzept von schlichter Fantasie auf ein sehr realistisches Abdecken von Bedürfnissen heran wuchs. Das Um und Auf dabei war es, sich mit möglichst vielen Leuten auszutauschen. Erst vergangene Woche, als ich in Wien war, meinte Muff Sopper (Planet Music, Anm.), dass wir im Rockouse aus ihren Fehlern gelernt hätten. Natürlich! Ich habe mir in diesen dreizehn Jahren ja nicht nur in Österreich, sondern in ganz Europa und sogar in New York Clubs angeschaut und überlegt, wie man die besten Ideen daraus zusammen klauen kann. Dadurch, dass das Haus ein von Musikern getragenes ist, werden Musiker auch durch die Bank gut behandelt. Dadurch haben wir nicht nur in einer Szene, sondern sehr sehr breit einen wirklich guten Ruf. Im Prinzip ist bei uns jeder willkommen. Und da müssen auch junge Musiker hingeführt werden. Aber der Selbstkostenpreis muss bezahlt werden.

Was ist für Musiker bei euch anders als für die normale Laufkundschaft? Bekommen sie eine Reduktion beim Eintrittspreis?

Wolfgang Descho: Es gibt grundsätzlich einmal die Möglichkeit, Mitglied zu werden. Diese Möglichkeit haben allerdings nicht nur Musiker, sondern alle Interessierten. Mitglieder bekommen Ermäßigungen auf die Eintrittspreise. Bei der Geburtstagsfeier, dem jährlich größten Event, ist der Unterschied am eklatantesten. Statt 20 zahlen Mitglieder nur 9 Euro, wobei die Mitgliedschaft für Schüler, Studenten und Lehrlinge nur 10 Euro im Jahr beträgt. Das heißt, dass sich die einmalige Investition schon durch den Kauf nur einer Eintrittskarte amortisiert. Aber die Geschichte, die du jetzt ansprichst, sind darüber hinaus verbilligte Karten, wenn ich – wie bei unserem gemeinsamen Tonbandtest-Event – der Meinung bin, dass zwei Bands kommen, die nur wenige kennen. Dann schicke ich eine Aussendung raus, dass es ermäßigte Karten gibt.

Eine Art Musiker-Newsletter?

Wolfgang Descho: Nein, nein. Wir haben schon einen offiziellen Newsletter. Das ist eher so einen Art privater Newsletter. Ganz einfach ein Mail, das ich an alle in meinem E-Mail-Verteiler gelisteten Leute mit dem Hinweis, es anderen Bandmitgliedern weiter zu sagen, verschicke. Für alle, die sich zurück melden, gibt es dann an der Abendkasse hinterlegte Karten zu einem verbilligten Preis, zu dem aber das Kind noch einen Namen hat. Dafür braucht man nicht Mitglied zu sein.

Bleiben wir bei der Musikerförderung. Was habt ihr im Rockhouse außer Proberäumen zum Selbstkostenpreis denn noch so Im Angebot?

Wolfgang Descho: Workshops für alle Altersklassen. Da fangen wir bei den Jüngsten (zwischen 4 und 10) an. Das Prinzip heißt “Work the family”. Da stehen alle Instrumente da. Nicht nur für Kinder, sondern auch deren Eltern, Onkels, Tanten. Nach der Abtastphase werden zwei Hits gespielt. Unter Anleitung des Fachpersonals wird dann ein Konzert im Workshop-Raum gegeben. Ziel ist nicht nur die Beschäftigung der Kinder, sondern schlicht und einfach die Förderung von Kreativität. Minimalziel ist es, dass die Jungen, die einmal an einem dieser Workshops teilnahmen, später einmal keine Hemmschwelle haben, ins Rockhouse zu kommen, um hier zu proben oder sich ein Konzert anzusehen.

Die, die da waren, wollen doch sicher gleich eine E-Gitarre haben.

Wolfgang Descho: Schon, aber ohne Geschäftemacherei. Beide großen Musikhäuser kooperieren mit uns. Und wenn das wirklich der Wunsch sein sollte, dann wird schon darauf geschaut, dass zuerst eine akustische Gitarre gespielt wird. Beim Schlagzeug ist es da natürlich schon ein wenig mühsamer. Die nächste Stufe sind dann die 10 bis 14-jührigen. Für die veranstalten wir die so genannten Schnupperworkshops. Da läuft es dann schon ein bisschen ernster und auch ohne Eltern ab. Für Leute, in deren Freundeskreis einfach zu wenige Musiker sind, ist das eine wichtige Kontaktbörse. Da finden sich mitunter auch Bands zusammen. Darüber nennt es sich dann schon “Rockshop”, bei denen Arrangements einstudiert und Sessions unter professioneller Anleitung gespielt werden. Sehr oft haben wir auch spezielle Themen. Im November etwa veranstalten wir einen Lötworkshop.

Ein Workshop, in dem das Löten von Kabeln gelehrt wird?

Wolfgang Descho: So ist es. Die Idee dazu hatten wir, weil wirklich beinahe alle Bands mit kaputten Kabeln zu den Konzerten kommen. Ein Spezialist zeigt den MusikerInnen, worauf es ankommt. Zumindest einer pro Band sollte das wirklich können. So spart man nicht nur dem Techniker vor Ort Nerven, sondern auch viel Geld. Kommenden Sonntag findet der “Wie stelle ich meinen Verstärker ein?”-Workshop statt. Wobei eine Gruppe sich eher mit dem gemäßigten, die andere mit dem Metal-Sound beschäftigen wird. Das ist der Bedarf, weil die tägliche Praxis zeigt, dass die wenigsten Bands das Einstellen ihrer Verstärker wirklich beherrschen. Wenn da alle kommen, die zugesagt haben, weiß ich nicht, was ich tue, weil dann stehen an die hundert vor der Tür. Wenn genügend Interesse vorhanden ist, wovon ich einmal ausgehe, werden wir die Reihe auch fortsetzen. “Wie setze ich Effektgeräte richtig ein?” und so weiter. Über den Winter werden wir einen dreistufigen Workshop über das Erstellen einer Band-eigenen Homepage veranstalten, weil man im Netz einfach präsent sein muss. In einer ersten Stufe wird das Grundwerkzeug gelehrt. Wie man Foto und Kontaktdaten einhängt. Darüber hinaus sollen die MusikerInnen aber auch selbst programmieren. In einem dritten Segment werden dann Spezialisten vermittelt, die darüber hinaus helfen können. Je nach Bedürfnis. Beliebt sind auch unsere Songworkshops, wo professionelle Sänger Tipps zur richtigen Atemtechnik geben. Selbstverständlich kann man da die meisten Themen nur anreißen. Hauptsächlich geht es uns darum, ein Bewusstsein dafür schaffen, dass es speziell in der Rockmusik einfach ungemein wichtig ist, richtig zu atmen und über eine passable Mikro-Technik zu verfügen. Wieder gilt: Wer will, macht weiter oder wird an entsprechende Angebote weiter verwiesen.

In welcher Frequenz finden diese Workshops statt?

Wolfgang Descho: Ein Workshop pro Monat. Einzig die “Work The Family”-Veranstaltungen für die ganz Kleinen gibt es jeweils nur in den Schulferien.

Selbstmanagement ist ein wichtiges Thema für Dich?

Wolfgang Descho: Auf jeden Fall. Das größte Problem dabei ist aber die Faulheit der MusikerInnen. Deshalb muss man eine so wichtige Sache wie den geplanten rechtlichen Workshop, den Du abhalten wirst, auch so legen, dass durch eine zweite Veranstaltung, etwa einen Local-Heroes-Abend einfach schon eine gewisse Anzahl von Musikern im Haus ist, die es betrifft. Das heißt, man muss die Dinge aneinander koppeln.

Da wären wir bei den “Local Heroes” bzw der Salzrock-Reihe angelangt.

Wolfgang Descho: Salzrock hieß es noch, als die Initiative von der Jugendservicestelle ausging. In die setzte man mich von der Stadt aus rein, weil man hoffte, mich damit vertrösten oder überhaupt loswerden zu können. Damals kümmerte sich die Jugendservicestelle um junge Bands, heute ist es das Rockhouse, weil die Agenden entsprechend mitwanderten. Aber schon seit 1989 heißt die Reihe “Local Heroes”.

Was genau passiert bei Local Heroes?

Wolfgang Descho: Bei “Local Heroes” spielen pro Monat vier Bands an einem Abend jeweils 45 Minuten unter professionellen Bedingungen. Davon kommen meistens drei aus dem Großraum Salzburg, Bayern, OÖ, und eine von außerhalb. Diese Mischung hat sich bewährt. Nähme ich etwa vier Bands aus Wien, hätte ich aller Wahrscheinlichkeit gute Qualität, aber einen leeren Saal.
Die Gage wird mit den Eintrittskarten bestritten. Damit ist gesichert, dass sich die Bands engagieren, denn 50% des Eintrittspreises gehören ihnen. In Fakten: Eine Karte kostet 8 Euro, 4 Euro davon erhält die Band, die Abendkassa gehört dem Rockhouse. Im Endefffekt zahlen wir dabei schon drauf, aber da wir subventioniert sind, geht es.

Wie ist der Besuch?

Wolfgang Descho: Im Schnitt kommen ca. 300 Leute. Letztes Mal hatten wir 430, wobei die 430 Leute zugegeben nicht alle Gigs hindurch anwesend sind. Manche gehen, nachdem sie “ihre” Band gesehen haben, auch wieder nach Hause. Mittlerweile hat sich die “Local Heroes”-Veranstaltung aber auch als Treffpunkt etabliert, was enorm wichtig ist. Die Leute wissen, dass, wenn sie hierher kommen, unter Garantie viele Leute aus ihrem Umfeld treffen.

Bei ähnlichen Nachwuchs-Band-Reihen gibt es auch das System, dass die Bands eine bestimmte Kartenanzahl abnehmen müssen. Was hältst du davon?

Wolfgang Descho: Gar nichts. Zum Teil ist das pure Abzocke. Ich kann zum Beispiel nicht eine Band aus dem Lungau einladen und dann von ihr erwarten, dass sie eine bestimmte Kartenanzahl abnimmt. Die tun sich ungemein viel an, aber haben aus gutem Grund eben “nur” 32 Karten verkauft, was für diese Verhältnisse unglaublich viel ist, weil es ungleich schwieriger ist, Leute zu motivieren, eine eineinhalbstündige Anfahrt für 45 Minuten Konzert von einer Band auf sich zu nehmen, die sie ohnedies 5mal im Jahr in unmittelbarer Nähe spielen sehen können, was billiger und weniger zeitintensiv wäre. Dennoch wollen die Bands aus gutem Grund hier spielen. Weil sie nämlich wissen, dass hier auch Stars spielen und die Bedingungen (Anlage, Techniker, Betreuung etc.) einfach dementsprechend gut und professionell sind. Wenn ich denen sagen würde, dass sie 50 Karten nehmen müssen, wäre das sehr unfair. Wenn ich andererseits merke, dass sich einzelne Bands wenig bis nichts antun, werden sie es beim nächsten Mal halt einfach schwerer haben, bei den “Local Heroes” oder – was noch beliebter ist – als Vorgruppe vor großen Acts dran zu dran zu kommen. Dazu gehört nämlich nicht nur gutes Spiel, sondern auch Professionalität. Manchmal ist die Zeit sehr knapp, weshalb sich kein Soundcheck, sondern nur noch ein Linecheck ausgeht. Es geht also vermehrt auch darum, sich auf gewisse Bedingungen schnell einzustellen.

Das heißt, Du versuchst die Bands auch in Richtung Mindestmaß an Bandarbeit zu erziehen?

Wolfgang Descho: Ja. Das hat auch von Anfang an gut funktioniert. Wenn sich eine Band zum Beispiel selbst einen Austausch aufstellt, dh zB es gibt eine befreundete Band aus Kärnten, die ihnen dort eine Auftrittsmöglichkeit checkt und als Gegenleistung dafür hier spielen möchte. Eine solche Band wird – natürlich immer vorausgesetzt, sie spielt annehmbar -bei der Auswahl der von außerhalb kommenden Band für die Local Heroes-Reihe gegenüber anderen Mitstreitern bevorzugt. Voraussetzung dafür, dass ich eine solche Initiative unterstütze, ist natürlich, dass die Salzburger Band dort unter annähernd gleich guten Bedingungen spielt wie hier. Fakt ist, dass es für die Bands von hier unglaublich wichtig ist, dass sie raus kommen.

Gehen wir zurück zu Deinem Beispiel: Eine Band spielt vier Mal im Lungau, dann schafft sie es, einmal im Rockhouse zu spielen. Was passiert dann? Wars das? Hat sie ihren von Salzburg aus möglichen Zenith erreicht oder welche Möglichkeiten gibt es dann?

Wolfgang Descho: Da gibt es grundsätzlich zwei Sorten: Die einen, die es bloß zum Spaß machen. Die sollten schon alle zwei Monate einen Gig bekommen. Und dann gibt es die, die es ernster nehmen. Die kriegen auch mehr Gigs. Ein Problem ist, wenn eine Band wirklich gut ist, aber nicht diesen typischen Macher-Typen dabei hat, den üblicherweise jede Band hat. Ich meine den, an dem es hängen bleibt, sich um gewisse Dinge zu kümmern und der es auch gerne tut, weil er es im Unterschied zu den meisten anderen kann. Das ist dann sehr schade, weil sie sich unter Wert verkauft. Eine große Schwäche des Standortes Salzburg ist nämlich auch, dass es kein professionelles Management gibt. Und ich weigere mich, das vom Rockhouse aus zu übernehmen. Einerseits, weil ich nie alle machen könnte und andererseits, weil ich zwangsläufig in einen Interessenskonflikt geriete. Es gibt, was Künstlermanagement betrifft, zwar immer wieder kleine Pflänzchen, die sprießen, aber nicht annähernd das, was ich mir darunter vorstelle. Nämlich ein professionell aufgestelltes Unternehmen, das all jene Bands, die nicht nur für Salzburg gut, sondern wirklich gut sind, zusammen fasst und betreut.

Welche Bands sind wirklich gut?

Wolfgang Descho: Ach da gibt es genug. Aber irgendwann lösen sie sich eben auf. Wie etwa “Pool Pleasure”, die eine Sängerin von internationalem Format hatten.

Woran liegt es aber nun, dass Salzburg eine österreichweit einzigartige Serviceeinrichtung wie das Rockhouse hat, und dennoch recht wenige Salzburger Bands den Durchbruch zu nationaler oder gar internationaler Anerkennung schaffen? Liegt es nur am fehlenden Management?

Wolfgang Descho: Nein, Über- wie Unterbau fehlen. Es gibt nur ganz wenige kleine Labels. The Seesaw etwa hat ein eigenes, Seesaw-Drummer Arno betreibt eines, auf dem auch regelmäßig gute Acts releasen. Aber sonst herrscht bei Labels, Vertrieben und Mangements vor Ort Fehlanzeige. Eine gewisse Breite haben wir mit dem Rockhouse zweifelsohne geschafft. Nach oben hin werden aber zu viele zu schnell frustriert. Einzelne gehen weg, um in anderen Bands anzuheuern. Andere hören ganz mit dem Musizieren auf.

Haben Salzburger MusikerInnen auch ein Medienproblem?

Wolfgang Descho: Das glaube ich nicht.

Ist es als Salzburger Musiker nicht ungleich schwieriger, dass dich die Medien in der Form unterstützen, die notwendig ist, um erfolgreich zu sein?

Wolfgang Descho: Sagen wir so: Die lokalen Medien sind sicher nicht das Problem. Mit Fachzeitschriften, die ihren Standort und Focus in Wien haben, ist es sicher schwerer. Früher einmal habe ich ernsthaft probiert, gemeinsam mit Posthof und Planet Music Austauschprogramme zu entwickeln. Es hat einfach nicht funktioniert.

Weshalb?

Wolfgang Descho: Keine Ahnung. Wenn wir das wüssten, würden wir den Fehler abstellen und das Ganze einfach noch einmal vom Stapel lassen. Mittlerweile bin ich dazu übergegangen, solche Austausch-Aktionen, wie vorher schon angeschnitten, der Initiative der Bands zu überlassen. Kommen Inputs, greife ich sie gerne auf.

Wie kommt eine Band eigentlich zu euch? Schickt sie Demos?. Da drüben sehe ich einen Riesenstapel.

Wolfgang Descho: Das eine ist der aktuelle “Local Heroes”-Stapel. Zum Großteil sind das Bands, die befreundete Bands schon hier auftreten sahen, sich längere Zeit nicht trauten, weil sie meist auch wissen, dass die Qualität noch nicht so überragend ist, es dann irgendwann aber dann doch wissen wollen. Mit möglichst vielen dieser Bands versuche ich persönlichen Kontakt aufzunehmen.

Bei dem Stapel stelle ich mir das doch recht zeitaufwendig vor.

Wolfgang Descho: Nicht so schlimm. Ich nehme mir ja keine drei Stunden für jede Band. Andererseits nehme ich mir schon auch wieder lange genug Zeit, um ihnen ein bisschen etwas zu ihrer Musik zu sagen.

Wie viele Local Heroes-Bewerbungen habt ihr so im Monat?

Wolfgang Descho: Für den vierten Platz, für den Platz also, für den sich aus ganz Österreich Bands bewerben, bekommen wir so um die 15 ernst gemeinte Zusendungen pro Monat. Im Schnitt wohlgemerkt. Manchmal wiederum kommen viel, viel mehr. Als etwa der Tonbandtest lief, hat mir fast jede der teilnehmenden Bands gleich noch einmal das selbe Demo geschickt. Natürlich hat sich unter den Musikern auch herumgesprochen, dass man hier anständig behandelt wird.

Das kann ich nur bestätigen.
Wolfgang Descho: Unser Booker bekommt noch viel mehr Anfragen von Bands, die als Vorgruppe spielen wollen. Ich könnte nicht einmal annähernd sagen, wie viele das pro Monat sind. Für den Vorgruppen-Pool ist das jedenfalls ein ziemlich großer Brocken. Wenn es überhaupt möglich ist, eine Vorgruppe aus der Region zu programmieren, denn meistens schickt die Agentur sowieso schon eine österreichische Band mit.

Veranstaltet ihr in einem solchen Fall dann drei Bands?

Wolfgang Descho: Wenn die Agentur ja sagt schon.

Das ist äußerst lobenswert. Aus persönlichen Beobachtungen heraus finde ich, dass das Programmieren von Vorbands aus der Region stark nachgelassen hat.

Wolfgang Descho: Das kann leicht sein, weil es natürlich auch Geld kostet. Du musst einen Techniker, einen Ordner zahlen etc. Auch wenn die besagte Band nur ein halbe Stunde spielt, musst du alle deine Leute mindestens eine Stunde länger zahlen. Die Frage, die sich stellt, ist ganz einfach: Bringt die Band so viele Leute, dass sich ihr Engagement insgesamt rechnet? Manchmal können wir durch eine gute Vorgruppe aber auch einen internationalen Flop abfangen. Dann etwa, wenn wir wissen, dass der internationale Act gut ist, aber von der Popularität her noch nicht über den Geheimtipp-Status hinaus gekommen ist. Dann ist es umso wichtiger, eine zugkräftige Vorband zu haben.

Vorhin hast Du den Tonbandtest angesprochen. Hat es diese Initiative gebracht?

Wolfgang Descho: Im Prinzip für die Bands schon. Im Nachhinein glaube ich aber, dass es auf eine kürzere und beschränktere Art mehr Sinn machen würde. Wenn ich zwei Band pro Bundesland und für Wien vier nähme, und einen kleinen Live-Circuit veranstalte. Und dann gibt es eine geballte Gesamtkritik.

Also für Demo und Live-Auftritt in einem?

Wolfgang Descho: Das würde den Sinn machen, dass der Musiker besser sieht, welche Substanz die Kritik hat. Ich zum Beispiel habe einmal im Tonbandtest eine Band schwer beleidigt, weil ich ehrlich zu verstehen gab, dass ich ihre Musik nicht gut finde. Es wäre enorm hilfreich für die gesamte Situation gewesen, hätte ich die Band live spielen hören und meine Kritik vor Ort anbringen können. Denn entweder hätte ich dann, wenn mir das Live-Spiel besser als die Platte gefallen hätte, sagen können: “Macht es doch in Zukunft auf Platte genauso wie eben gerade auf der Bühne!” Oder aber, wenn die Live-Darbietung ebenso langweilig gewesen wäre, hätte ich – ungleich plausibler – sagen können: “Schau Dir doch die Leute an. Die fanden das ähnlich fad wie ich.” Eine gewisse Situation sagt oft auch mehr als tausend Worte. Ich habe das besagte Album sogar noch unserem Studiotechniker vorgespielt, um mich rückzuversichern, bevor ich etwas schreibe, was böse aufgefasst werden könnte. Außerdem habe ich ja der CD nicht die Grundqualität abgesprochen. Die hatten ja nahezu alle TeilnehmerInnen beim Tonbandtest.

Aber genau darum ging es doch. Um ehrliches Feedback. Mitunter gefällt etwas eben auf Anhieb nicht. Mitunter versteht der Kritiker auch etwas falsch. Nur: Wenn schon er es falsch verstehen kann, ist die Wahrscheinlichkeit doch sehr, sehr groß, dass es viele andere da draußen auch falsch verstehen könnten. Genau um diese Aussprache und das Schärfen der Sinne dabei ging es uns. Wäre es nach uns gegangen, hätte es gar nicht genug solche Auseinandersetzungen zwischen Kritikern und Musikern geben können. Wir waren ungemein glücklich über jede dieser Meinungsverschiedenheiten.
Umgekehrt heißt es, wenn ich etwas gut finde, ja auch noch lange nicht, dass es auch wirklich gut ist.Vorhin hast Du den Tonbandtest angesprochen. Hat es diese Initiative gebracht?

Wolfgang Descho: Im Prinzip für die Bands schon. Im Nachhinein glaube ich aber, dass es auf eine kürzere und beschränktere Art mehr Sinn machen würde. Wenn ich zwei Band pro Bundesland und für Wien vier nähme, und einen kleinen Live-Circuit veranstalte. Und dann gibt es eine geballte Gesamtkritik.

Also für Demo und Live-Auftritt in einem?

Wolfgang Descho: Das würde den Sinn machen, dass der Musiker besser sieht, welche Substanz die Kritik hat. Ich zum Beispiel habe einmal im Tonbandtest eine Band schwer beleidigt, weil ich ehrlich zu verstehen gab, dass ich ihre Musik nicht gut finde. Es wäre enorm hilfreich für die gesamte Situation gewesen, hätte ich die Band live spielen hören und meine Kritik vor Ort anbringen können. Denn entweder hätte ich dann, wenn mir das Live-Spiel besser als die Platte gefallen hätte, sagen können: “Macht es doch in Zukunft auf Platte genauso wie eben gerade auf der Bühne!” Oder aber, wenn die Live-Darbietung ebenso langweilig gewesen wäre, hätte ich – ungleich plausibler – sagen können: “Schau Dir doch die Leute an. Die fanden das ähnlich fad wie ich.” Eine gewisse Situation sagt oft auch mehr als tausend Worte. Ich habe das besagte Album sogar noch unserem Studiotechniker vorgespielt, um mich rückzuversichern, bevor ich etwas schreibe, was böse aufgefasst werden könnte. Außerdem habe ich ja der CD nicht die Grundqualität abgesprochen. Die hatten ja nahezu alle TeilnehmerInnen beim Tonbandtest.

Aber genau darum ging es doch. Um ehrliches Feedback. Mitunter gefällt etwas eben auf Anhieb nicht. Mitunter versteht der Kritiker auch etwas falsch. Nur: Wenn schon er es falsch verstehen kann, ist die Wahrscheinlichkeit doch sehr, sehr groß, dass es viele andere da draußen auch falsch verstehen könnten. Genau um diese Aussprache und das Schärfen der Sinne dabei ging es uns. Wäre es nach uns gegangen, hätte es gar nicht genug solche Auseinandersetzungen zwischen Kritikern und Musikern geben können. Wir waren ungemein glücklich über jede dieser Meinungsverschiedenheiten.
Umgekehrt heißt es, wenn ich etwas gut finde, ja auch noch lange nicht, dass es auch wirklich gut ist.Aber gilt es nicht gerade auch, diese Mimosenhaftigkeit auszuräumen?

Wolfgang Descho: Ohne Frage. Ich habe mir angewöhnt, völlig ehrlich zu sein. Ich muss aber zugeben, dass ich es lernen musste, nach einem Konzert nicht hinzugehen und floskelartig zu sagen: “Super wart´s!”. Bei den vierzehnjährigen freilich muss man noch motivieren, aber diejenigen, die sich normal hier anmelden und spielen wollen, müssen sich schon auch Kritik gefallen lassen. Die lautet dann halt relativ nüchtern: “Die ersten paar Numern habt ihr vergeigt, dann wurde es besser und dann gegen Ende waren eure Verstärker so schrill eingestellt, dass man gar nichts mehr hörte.” Seitdem ich es so handhabe, hängen mir die jungen Musiker noch viel mehr an den Lippen als früher. Und wieso? Weil ich ihnen gegenüber stehe. Da fällt jede Mimosenhaftigkeit weg. Da haben sie auch nicht das Gefühl, als würde über sie gerichtet.

Auf der anderen Seite ist die einsehbare Kritik auf einer Homepage doch auch eine Möglichkeit.

Wolfgang Descho: Auf jeden Fall. Das muss sogar passieren. Wenn ich mich dazu entscheide, Musik zu machen, wenn ich also will, dass das, was ich im Studio und auf der Bühne mache, andere miterleben sollen, muss ich schon auch in Kauf nehmen, dass es jemandem da draußen nicht gefällt. Es gibt doch auch fast nichts Schöneres als wenn jemand schreibt, der Gig sei echt Scheiße gewesen. Man muss sich vorstellen, was gewesen wäre, hätte niemand darüber geschrieben. Nichts nämlich! Und das ist viel, viel schlimmer. Stell dir vor, keiner sagt etwas zu deiner Musik. Furchtbar. Umgekehrt denke ich mir wieder, viele MusikerInnen leben an der Realität vorbei. Was auf unseren jährlichen “X-Tra-Ordinary”-Sampler rauf kommt, lass ich etwa von einer Jury auswählen. Manche sind dann oft erstaunt und beleidigt zugleich, dass sie beim dritten Mal noch immer nicht oben sind. Da sind schon Welten zusammen gebrochen. Für die, die sich enorm anstrengten , um rauf zu kommen, es halt aber dann doch nicht reichte, heißt es meist “zuhören lernen”, die Gabe entwickeln, sich das objektiv anzuhören, was man selbst macht. Ich setze mich auch gerne mit den Leuten zusammen.

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