„Ich möchte hinterfragen, inwiefern man die Grenzen eines Festivals für Neue Musik noch weiter fassen kann.“ – ANDREAS MEIER (FESTIVAL 4020) im mica-Interview

„Stadtklänge“ steht als Motto über dem FESTIVAL 4020 in Linz. Der Frage, wie die Stadt in zeitgenössische Musik hineinspielt, spürt man von 1. bis 4. Mai 2025 bei Veranstaltungen im Brucknerhaus, im Volkshaus Dornach, in der Volksschule Auwiesen und im Posthof nach. Der Leiter der Programmplanung des BRUCKNERHAUS LINZ, ANDREAS MEIER, möchte das Festival neu ausrichten, wie er Theresa Steininger im Interview erzählt.

Wie klingt Linz und wie wird das beim Festival 4020 diesmal hörbar gemacht?

Andreas Meier: Hinter dem heurigen Titel „Stadtklänge“ steht die Idee, dass zwar bei der Gründung des Festivals durch die Wahl des Namens „4020“ eine gewisse Abstraktheit und Modernität ausgedrückt wurde, es aber gleichzeitig mit dieser Nummer, der Postleitzahl von Linz, immer darum geht, dass die Konzerte in der Stadt verankert sind. Wir wollen heuer einerseits back to the roots und noch intensiver darüber nachdenken, warum die Musik, die wir bringen, gerade hier stattfindet und warum unsere Konzerte in dieser Form nicht auch woanders gemacht werden könnten. Andererseits ermöglicht uns der Titel „Stadtklänge“, sehr assoziativ und vielseitig vorzugehen und neue Wege einzuschlagen.

Inwiefern möchte man mit dem Festival 4020 heuer „zurück zu den Wurzeln“, aber auch vorwärts?

Andreas Meier
Andreas Meier © Floris Fortin

Andreas Meier: Damit ein Festival für Neue Musik Relevanz, aber auch Brisanz hat, damit es pulsiert und lebt, muss es auch die Leute involvieren, für die es gemacht wird. Wir möchten Neue Musik erfahrbar machen und dabei nachzuspüren, was unser Publikum, unsere Künstler und uns als Haus bewegt und interessiert. Wir wollen den Leuten keinesfalls erklären, was sie an Neuer Musik gut finden sollen. Vielmehr möchten wir vor allem nachspüren, was durch die Musik mit dem Publikum und der Stadt passiert. Wir werden mit verschiedenen Projekten bewusst in die Stadt gehen, so spielt beispielsweise das Orchester im Treppenhaus unter dem Titel „disco“ im Posthof Auftragswerke, die alle eint, dass sie tanzbar sein sollen. Wir möchten auch jenen, die keinen Konnex zur Neuen Musik haben, ermöglichen, diese zu erfahren, beispielsweise auch durch das Projekt „Panzerschloss“, ein interaktives Tanztheaterstück für Menschen jeden Alters, das wir an drei Orten in der Stadt zeigen.

Inwiefern wird diese Ausgabe anders als vorangegangene?

Andreas Meier: Während in den letzten Jahren beim Festival 4020 vor allem Musik der Moderne des 20. Jahrhunderts im Vordergrund stand und man auch der Erwartungshaltung entgegenkam, das zu bringen, was man gemeinhin unter zeitgenössischer Musik versteht, sind diesmal vor allem Stücke der Gegenwart, also der vergangenen 20 Jahre im Fokus. Andererseits wird trotzdem auch eine große Spannweite aufgemacht und ein Konnex zu Musik aus der Zeit weit vor 1900 hergestellt. Ich möchte hinterfragen, inwiefern man die Grenzen eines Festivals für Neue Musik noch weiter fassen kann. Beispielsweise wenn bei der Eröffnung eine Pianistin spielt, die man eher mit Jazz und Klassik assoziiert. Die aber, wenn sie extemporiert, doch eigentlich genau für das steht, was zeitgenössische Musik ist: Klänge, die just im Moment des Klingens entstehen. Zeitgenössischer kann Musik ja gar nicht sein. Ich würde mir wünschen, dass durch diese Offenheit des Festivals auch eine Offenheit des Publikums angestoßen wird.

„Es geht mir darum, Lebendigkeit von Musik erfahrbar zu machen …“

Was aus dem Programm kann noch als zeitgenössische Musik verstanden werden, das aber nicht in die gängige Interpretation dieser Bezeichnung passt?

Andreas Meier: Es geht mir darum, Lebendigkeit von Musik erfahrbar zu machen und nicht darum, sich auf das zu beschränken, was man gemeinhin als Neue Musik versteht. Ich möchte Scheuklappen, die es auch in Bezug auf zeitgenössische Musik gibt, entfernen und das Publikum an der Hand nehmen und es wissen lassen, warum welches Konzert gut zum Festival 4020 passt. Da gibt es Stücke und Konzerte, die sich sehr konkret mit der Stadt, der Architektur und der Geografie auseinandersetzen, genauso wie solche, die eher spielerisch sind. So greift etwa das Tanztheaterstück „Panzerschloss“ für junges Publikum Elemente aus dem Stadtleben wie Rollläden und Mülleimer auf, während Théo Ould auf seinem Akkordeon eher das Assoziative des Themas widerspiegelt. Hinter seinem Konzert steht die Idee, ein Instrument, das man gemeinhin vielleicht mit Straßenmusik verbindet, in den Konzertsaal hereinzuholen. So entsteht ein Spektrum von Veranstaltungen, die auf den ersten Blick nicht per se mit der Stadt assoziiert werden, und solchen, die wirklich vordergründig versuchen, das Leben in Linz zu spiegeln.

Neben neuen Werken gibt es gerade bei Théo Ould auch Gegenüberstellungen mit alten, warum haben Sie sich dafür entschieden?

Andreas Meier: Wenn Théo Ould Bach oder Rameau auf seinem Akkordeon spielt, ist seine Herangehensweise dieselbe, wie wenn er Auftragswerke spielt. Es geht immer um den Duktus, dass Musik durch die Neuinterpretation wirklich belebt wird. Er verbindet Barockmusik mit Werken, die ihm auf den Leib geschrieben wurden, die keinesfalls dem Klischee Neuer Musik entsprechen. Sie arbeiten mit Elektronik und Loops, sind sehr swingend und packen die Zuhörenden.

„Mir sind Auftragswerke auf jeden Fall sehr wichtig, ich bin aber auch kein Freund von einem impliziten Zwang zu Uraufführungen.“

Welche Bedeutung kommt im Rahmen von 4020 Auftragswerken zu?

Andreas Meier: Mir sind Auftragswerke auf jeden Fall sehr wichtig, ich bin aber auch kein Freund von einem impliziten Zwang zu Uraufführungen. Denn es geht auch um Nachhaltigkeit und im Zweifelsfall finde ich es ebenso wichtig, eine Zweit- oder Drittaufführung zu initiieren, durch die ein Werk Eingang in den Kanon findet. So traurig es ist, aber Uraufführungen verpuffen nicht selten. Daher ist es mir ein Anliegen und muss es auch für unser Festival eine Säule sein, absolut Neues zu bieten, das aber hoffentlich auch nachhallt. Bei unserem Abschlusskonzert mit der Festival Sinfonietta Linz etwa spielen wir ein Auftragswerk von Alfred Huber, der aus Linz stammt. Auch das ist ein Element des Themas: Wir haben speziell versucht, Künstler, die mit Linz verbunden sind, zu beauftragen.

Alfred Huber wird auch bei dem Podiumsgespräch zur Eröffnung dabei sein, bei dem Sie auch mit Pianistin Johanna Summer und dem Komponisten Peter Androsch sprechen. Worum wird sich dieses drehen?

Andreas Meier: Wir möchten zu Festivalbeginn einen Impuls geben, bei dem wir gemeinsam laut darüber nachdenken, was uns erwartet. Es geht darum, die verschiedenen Blickwinkel, für die das Festival steht, zu präsentieren und dem Publikum auch zu ermöglichen, Fragen zu stellen. Auch Peter Androsch ist hier in Linz sehr stark verankert und nun bei uns mit einem wichtigen Projekt vertreten. Wir haben bei ihm, Johanna Doderer, Flora Geißelbrecht und Helmut Schmidinger Werke in Auftrag gegeben, die in der Tradition von Erik Satie und seiner „Musique d’ameublement“ quasi „Musikalische Möbel“ ins Brucknerhaus bringen, Kompositionen von wenigen Sekunden Länge, die als Dauerschleife immer wieder gespielt werden und die man sich wie eine Art Möbelstück in den Raum stellen kann. Diese Kompositionen wurden mit dem Atalante Quartett, also Linzer Musikerinnen und Musikern, aufgenommen, und werden in Hörstationen im Brucknerhaus-Foyer vier Tage lang durchgehend laufen. Danach kann man sie sich, dem Nachhaltigkeitsgedanken entsprechend, herunterladen und quasi ins eigene Wohnzimmer stellen. Gedanklich kann man sich dann in den Ohrensessel von Schmidinger kuscheln.  

Wie klingt Linz für Sie?

Andreas Meier: Vielfältig – und die Vielfalt wird immer stärker.

Welche weiteren Möglichkeiten sehen Sie, Stadtklänge einzufangen und ins Konzerthaus zu bringen und andererseits zeitgenössische Musik in die Stadt hinaus?

Andreas Meier: Es geht um Assoziationen zu dem, was an Klängen in der Stadt ist, die dann in Werken verarbeitet werden. Und um das Umgekehrte. Es geht auch einfach darum, das, was Künstler und Publikum aus der Stadt mitbringen, ins Konzert zu integrieren. Noch ein Beispiel: In unserem Abschlusskonzert werden wir einerseits John Cages berühmtes „4´33´´“ aufführen und den gesamten Saal mit Mikrophonen ausstatten und das Aufgenommene im zweiten Teil bei Cages Werk „One3 = 4’33’’ (0’00’’+ [Violinschlüssel]“ wiedergeben. So wollen wir dem nachspüren, was passiert, wenn nicht nur die Bühne klingt, sondern das Kollektiv der Stadt. Wir wollen alle, die beteiligt sind, vom Tonmeister bis zum Zuhörenden, zum Künstler werden lassen. Stimmen der Stadt in ein Konzert einzubringen kann aber auch heißen, dass wie in Gavin Bryars Stück „Jesus’ blood never failed me yet“ der Gesang eines Obdachlosen, den Bryars in London in den 1970ern aufgenommen hat, zum Ausgangspunkt für ein Werk wird.

Inwiefern gelingt es dem Festival 4020 Ihrem Empfinden und Anspruch nach, Leute auch ganz spontan mit zeitgenössischer Musik zu erreichen?

Andreas Meier: Das Schönste ist natürlich, wenn Leute sagen: Wow, ich habe gar nicht gewusst, dass Neue Musik so packen kann und dass in ihr so eine Kraft steckt. Das wollen wir vielen zeigen. Und wenn wir hinausgehen in die Stadt und beispielsweise im Posthof, wo die Menschen Pop, Rock und andere Genres erwarten, Musik bringen, die für manche dort aus einer vielleicht unbekannten Welt kommt, dann können wir hoffentlich neugierig machen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Link:
Festival 4020