„Ich habe auf dem Album versucht, vieles zu verarbeiten, was mir in den letzten zehn Jahren so passiert ist“ – KAYOMI im mica-Interview

Eine Version des Indie-Rock, die doch etwas weiter aus dem gewöhnlichen Rahmen fällt. Die fünfköpfige Band KAYOMI veröffentlicht Mitte Juni ihr selbstbetiteltes Debüt, auf dem es musikalisch erfrischend anders zugeht. Und das nicht nur, weil E-Flöte und Saxofon fixer Bestandteil des Sounds sind. Auch inhaltlich zeigt sich die Band rund um den Sänger und Gitarristen ALEXANDER KUROLL mit deutlich mehr Tiefgang, als man es aus der musikalischen Ecke sonst gewohnt ist. Im Interview mit Michael Ternai sprachen ALEXANDER KUROLL, JULIANE WESELKA (Saxofon) ALEXANDER DISTL (Schlagzeug) und GEORG PINTER (Bass) darüber, wie sie ihren Sound gefunden haben, über die Balance zwischen Ohrwurmmelodien und einem gewissen Hang zum Experiment und die nicht gerade optimistischen Inhalte ihrer Texte.

Ihr stammt aus unterschiedlichen musikalischen Ecken und das klingt auch auf eurem Album stark durch. Wie habt ihr euch eigentlich gefunden? Wie sieht eure Gründunggeschichte aus? 

Alexander Kuroll: Alex und ich kennen uns schon von der Schule, wobei wir uns erst etwas später wirklich annäherten, nachdem wir draufgekommen sind, dass wir zwei Musik machen. Georg ist über Freunde zu uns gestoßen. Juliane hat dann wiederum Georg im B72 kennengelernt. Christian, der Letzte im Bunde, ist quasi bei einem Konzert von uns zu einem Bandmitglied geworden. Er hatte zufällig seine Flöte mit und ich fragte ihn, ob er nicht bei einem Song zu uns auf die Bühne kommen will, um mit uns zu spielen. Und obwohl er zunächst etwas Respekt davor hatte, machte er es. Und es hat erstaunlich gut gepasst. Seitdem haben wir uns gedacht, dass es cool ist, diese ungewöhnliche Kombination aus Rock, Alternative, Indie mit Saxofon und elektronischer Flöte zu haben.

„Es können bei uns alle ihren Input geben, ohne dass jemand dem anderen etwas vorschreibt.“

Und war es sofort klar, wohin es musikalisch gehen sollte? Bei so vielen Leuten unterschiedlichen musikalischen Backgrounds stelle ich mir das nicht sehr einfach vor.

Georg Pinter: Unser Ziel bei diesem Album war es, etwas zu schaffen, was neu ist und uns selber interessiert. Und es ist richtig, dass wir alle aus sehr unterschiedlichen Richtungen kommen. Kuri [Alexander Kuroll; Anm.], von dem der meiste musikalische Input gekommen ist und der für die meisten Texte verantwortlich ist, hat einen sehr breiten Musikgeschmack, Alex [Distl; Anm.] hat in der Vergangenheit viel Jazz gemacht, ich komme eher aus der Indie-Richtung, und auch die anderen haben schon in anderen Genres gespielt. Wenn Leute mit so unterschiedlichen musikalischen Backgrounds zusammenkommen, glaube ich, dass es naturgemäß so ist, dass man sich zuerst finden muss. Aber wir haben die Songs dann gemeinsam sehr kollaborativ erarbeitet und so quasi unseren Sound gefunden.

Alexander Distl: Bei Christian [Woltron; Anm.], der mit seiner Flöte ja nicht unbedingt so im Rock zu Hause ist und davor hauptsächlich Bach-Sonaten und Ähnliches gespielt hat, habe ich es echt cool gefunden, dass er sein Spiel nicht wirklich an den musikalischen Kontext angepasst hat, sondern dass er weiterhin dem treu geblieben ist, wo er musikalisch herkommt. Und ich finde, dass man es auch bei den anderen heraushört, woher diejenige oder derjenige kommt. Es können bei uns alle ihren Input geben, ohne dass jemand dem anderen etwas vorschreibt.

Also keinerlei musikalische Einschränkungen. 

Georg Pinter: Nein. Aber natürlich diskutieren wir über so manche Dinge. 

Wie läuft der Entscheidungsprozess ab?

Alexander Distl: Demokratisch [lacht]. 

Georg Pinter: Das kommt auf den Song an und darauf, wie überzeugend jemand seine Ideen durchsetzen kann. Bei uns ist es auch so, dass im Grunde genommen sehr viel an Material da ist und wir eigentlich reduzieren müssen. Und das war jetzt auch beim Album das Ding. Und bei den Radio-Edits dann nochmal. Aber die Entscheidungsfindung ist bei uns bandintern mittlerweile doch ein harmonischer Prozess geworden.

Bild Kayomi
Kayomi (c) Isabella Hewlett

Habt ihr musikalische Vorbilder, an denen ich euch orientiert, oder hat sich euer Sound ganz natürlich ergeben? 

Georg Pinter: Es war definitiv nicht so, dass wir uns gesagt haben, dass wir wie die oder die Band klingen wollen oder dass wir dieses oder jenes Genre bedienen. Ich wüsste, um ehrlich zu sein, jetzt auch gar nicht, welchem Genre unser Album bzw. unsere Musik genau zugeordnet werden könnte. Das macht es zwar bei Interviews nicht leicht, weil man schon oft mit dieser Frage konfrontiert wird, aber ich denke, das passt für uns so. Aber ja, es hat schon seine Zeit gebraucht, bis wir musikalisch dorthin gekommen sind, wo wir jetzt stehen.

Alexander Kuroll: Wir hatten aber, bevor wir mit den Aufnahmen für das Album begannen, schon sehr viele Songs zusammen und mussten doch einiges aussieben und schauen, was wirklich zusammenpasst. Und da hatten wir schon gesehen, dass manches schon arg in eine andere Richtung gegangen ist. Aber nachdem wir uns auf die Nummern geeinigt hatten und zu unserem Produzenten Alexander Lausch ins Studio gegangen waren, war uns schon recht klar, in welche Richtung es gehen wird. Im Studio selber ging es dann im Grunde genommen nur noch um Nuancen, ob ein Song nun vielleicht doch nicht so hart oder schwer sein sollte oder einzelne Teile doch vielleicht etwas anders sein sollten.

„Und uns ist extrem wichtig, dass sowohl wir als auch das Publikum bei einem Konzert richtig abgehen können.“

Aber dennoch hebt sich euer Sound doch recht stark vom klassischen Indie-Rock-Format ab. Er wirkt auf der einen Seite tanzbar, auf der anderen aber doch auch experimentell.

Alexander Kuroll: Ich bin ja selber jemand, der nicht nur Indie-Rock, sondern auch viel unkonventionelle Musik hört. So gesehen bin ich natürlich auch von verschiedenen Sachen beeinflusst, Rock, Pop, Industrial, Electronic. Ich mag einfach vieles und empfinde vielleicht deswegen unsere Musik in diesem Zusammenhang jetzt auch nicht so arg. Auch Alex hört auch viel progressive Musik und Jazz und das spielt sicher auch mit hinein. Auf der anderen Seite haben auch wir unsere Ohrwurmlieder. Mir gefällt es einfach, wenn Lieder eine catchy hook haben.

Juliane Weselka: Und ich denke, es sind in unseren Songs eher Parts, die experimenteller und fordernder sind. Ein ganzer Song geht kaum in so eine Richtung. Wobei ich schon sagen muss, dass es mir extrem viel Spaß macht, diese Parts zu spielen.

Alexander Kuroll: Wir sind in erster Linie eine Liveband. Und uns ist extrem wichtig, dass sowohl wir als auch das Publikum bei einem Konzert richtig abgehen können. Das wäre mit einem allzu experimentellen Sound vermutlich nicht so möglich.

Georg Pinter: Daher kommt auch ein wenig die Tanzbarkeit unserer Musik. Wir hatten schon vor, Songs zu schreiben, bei denen die Leute auch mitkönnen. 

Wann hat es mit der Band eigentlich wirklich begonnen? 

Alexander Kuroll: 2019. In dem Jahr haben wir auch eine Art Gründungskonzert gespielt. 

Dann ist es aber mit einem Album doch relativ schnell gegangen. Seid ihr so schnelle Songschreiber? 

Alexander Kuroll: Die Lieder basieren zum Teil auf sehr alten Ideen und Lyrics von Alex und mir. Das ist definitiv ein Grund, warum es schneller gegangen ist. Andere Lieder sind dagegen im Sommer, bevor wir ins Studio gegangen sind, entstanden. Aber auch da haben wir nicht allzu lange gebraucht.

Und wie schnell ist es mit der Albumproduktion gegangen?

Juliane Weselka: Also aufgenommen hatten wir das Album relativ schnell. Und dann haben wir uns noch ein Jahr immer wieder damit auseinandergesetzt und da und dort etwas herumgeschraubt. Das hat sich schon gezogen.

Bild Kayomi
Kayomi (c) Isabella Hewlett

„Die Texte transportieren, würde ich jetzt sagen, nicht allzu viele positive Gefühle.“

Die Texte eurer Songs sind sehr nachdenklich und gehen sehr in die Tiefe, sie sind definitiv keine Welle des Optimismus. 

Alexander Kuroll: Ja, das stimmt. Inhaltlich ist das Album jetzt nicht unbedingt optimistisch. Die Texte transportieren, würde ich jetzt sagen, nicht allzu viele positive Gefühle. Jede und jeder in unserer Band hat in der Vergangenheit wie viele andere auch schon einmal schwierige Zeiten im Leben gehabt. Ich habe auf dem Album versucht, vieles zu verarbeiten, was mir in den letzten zehn Jahren so passiert ist.
Wir alle in der Band hätten generell gern, dass man viel mehr auf psychische Probleme, Leid und Stress eingehen würde und es kein gesellschaftliches Tabu sein sollte, über diese Themen zu reden. Das ist uns sehr wichtig, weil wir alle schon Erfahrungen damit gemacht haben.
Ja, unsere Musik vermittelt etwas Trauriges, aber ich sehe es so, dass wir mit unserer Musik den Leuten vielleicht einen Zugang eröffnen können, sich selber mit diesen Themen und Emotionen auseinanderzusetzen. Auch wenn es für manche vielleicht schwierig ist, unsere Texte zu hören und zu lesen.

Auf der anderen Seite seid ihr eine Band, die live ordentlich abgeht. Wie seht ihr diesen Kontrast? 

Juliane Weselka: Ich denke, man kann auch mit schweren Themen aus sich herausgehen und sie in Energie umsetzen. Mir geht es nach einem Konzert immer gut, egal wie schlecht es mir davor gegangen ist. Aber das machen die Gruppe, die Musik und das, was uns allen die Band bedeutet.

Alexander Distl: Ich würde auch nicht sagen, dass bei unseren Konzerten jemals eine bedrückte Stimmung geherrscht hat. Es ist ein stetes Bergauf und Bergab mit doch auch Lichtblicken oder Melodien, die einen aufmuntern und mitnehmen.
Ich finde auch, dass das Albumcover sehr für unser Album spricht, weil es sehr farbig ist und so die verschiedenen Aspekte, die in unserer Musik zu finden sind, sehr schön darstellt.

Schaut man auf die Streamingzahlen eurer Videos, sind sie für eine Band, die gerade in den Startlöchern scharrt, überraschend hoch. Dazu kommen auch noch eure zwei im Vorhinein bereits ausverkauften Release-Konzerte im Das Werk. Wie habt ihr das geschafft?

Alexander Kuroll: Ich denke, dass wir Stitz [Stefan Stürze; Anm.], dem Inhaber vom Das Werk, gefallen. Er unterstützt uns wirklich sehr, was er, glaube ich, nicht mir jeder Band so machen würde. Wir haben uns damals mit unserer ersten Single – viel mehr hatten wir damals noch nicht – bei ihm beworben und er hat uns sofort „gehired“. Das war schon klasse.

Alexander Distl:  Als wir dann das Album fertig hatten, habe ich ihn auch sofort angerufen und gefragt, ob wir unseren Albumrelease nicht bei ihm machen könnten. Und er hat uns gesagt, dass er dies auch ermöglich will, sollte es wieder möglich sein, Konzerte zu spielen.

Georg Pinter: Ich glaube, dass wir uns in Wien schon eine schöne Fanbase erspielt haben. Es gibt Leute, die einfach immer zu unseren Konzerten kommen. Und die nehmen dann wiederum ihre Freundinnen und Freunde mit. So wächst die Gruppe derer, denen unsere Musik gefällt, eben stetig an.

Juliane Weselka: Ich denke, dass wir uns im letzten Jahr organisationsmäßig generell sehr verbessert haben. Was uns viel gebracht hat, war, an einem Workshop der Musikmanagerin Paulina Parvanov teilzunehmen. Wir haben erkannt, wie wichtig es ist, einen Plan bezüglich unserer Online-Präsenz und unseres Social-Media-Auftretens zu erarbeiten. Und genau so einen haben wir auch erstellt. Und wie man sieht, vor allem auch an den schönen Streamingzahlen, scheint dieser immer besser zu funktionieren.

Wie geht es nach dem Release weiter? Ihr habt ja jetzt einmal zwei Releasekonzerte im Das Werk, die beide schon ausverkauft sind. Wie sehen eure Erwartungen aus? 

Alexander Kuroll: Seit Corona sind die Erwartungen schon etwas runtergeschraubt, wobei ich schon hoffe, dass es jetzt besser wird. Es wäre voll cool, wenn wir auf ein paar Festivals mehr spielen könnten. Einige Auftritte sind ja schon geplant. Weitere zu bekommen ist halt schwer, weil viele Festivals ihr Programm aus dem letzten Jahr angesetzt haben. Generell hoffe ich einfach, dass so viele Leute wie möglich unser Album hören. Das wäre schon sehr cool.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

Das selbetitelte Debüt von Kayomi ersxheint am 18. Juni 2021.

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