„FRÜHER HABE ICH MICH IN ERSTER LINIE ALS SÄNGER UND SONGSCHREIBER VERSTANDEN“ – FREISCHWIMMA IM MICA-INTERVIEW

Nach einer längeren Pause hat der Waldviertler Musiker Florian Kargl seine Band Freischwimma als Trio neu reformiert. Unter Mithilfe von Tobias Neuwirth (Schlagzeug) und Jakob Bachbauer (Bass) wurde das Album „Brofezzeiung“ aufgenommen, das Ende Juni 2022 als limitierte Vinyl-LP bzw. digitaler Download veröffentlicht wird. Im Interview mit Robert Leopold Fischer erzählen zwei Drittel des Trios von den Aufnahmen mit analoger Studio-Technik und einem Konzept, inspiriert durch Neil Young. Zusätzlich thematisieren KARGL und NEUWIRTH die Vorzüge des Trio-Formats und die beiden sprechen über Ostbahn-Kurti und H.C. Artmann.

Du hast für euer neues Album Freischwimma komplett neu formiert. Wie kam es dazu?

Florian Kargl: Ab 2016 und dem Album „Roda Fodn“ hat die Band pausiert. Es war zu diesem Zeitpunkt einfach keine Energie da, weiterzumachen. Es sind dann einige Jahre vergangen, dazwischen war ich Teil der Band „Prater WG“, mit der wir 2020 auch ein Album veröffentlicht haben. Es haben sich aber über die letzten Jahre hinweg so viele Songideen angesammelt, sodass nicht wusste, was ich mit denen anfangen soll. Bis irgendwann meine Frau gesagt hat, mach doch jetzt endlich einmal, was du willst!

Wie ging es dann weiter?

Florian Kargl: Ich habe dann überlegt, und da ich zu diesem Zeitpunkt auch einen neuen Proberaum zur Verfügung hatte, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich meine Song-Ideen in einer Rockbesetzung, also mit Schlagzeug, Bass und E-Gitarre ausformulieren will. Durch Vermittlung einer Kollegin aus einer anderen Band ist mir Tobias Neuwirth als Schlagzeuger vorgeschlagen worden.  Er hat dann zum ersten Treffen auch gleich den Bassisten Jakob Bachbauer mitgebracht. Im Februar 2021 fand dann unsere erste Probe als Trio statt und irgendwie war es vom Gefühl gleich so, als wenn wir schon ewig zusammenspielen würden. Das war für mich ein ganz besonderer Moment.

Tobias, kannst du bitte etwas über deinen musikalischen Hintergrund erzählen?

Tobias Neuwirth: Ich mache meine Ausbildung auf der Musikuni Wien, und versuche dadurch möglichst breit und vielseitig aufgestellt zu sein. Ich bin schon seit der Volksschule großer Queen-Fan. Deren Schlagzeuger, Roger Taylor, hat mich auch dazu animiert, Schlagzeug zu lernen. Später als Teenager habe ich auch viel Toto gehört, mit dem tollen Drummer Jeff Porcaro. Durch das Studium sind in den letzten Jahren verstärkt Jazz-Einflüsse dazugekommen, da ist alles dabei von Big-Band-Sounds über Bepop, Hard-Bop weiter in die 1970er-Jahre hinein zu den Fusion-Sachen.

 „Struktur ist wichtig, aber es muss beim Spielen auch Freiraum geben“

Hast du dir für das neue Trio-Format ein bestimmtes Konzept überlegt?

Florian Kargl: Ich habe schon bei unserem ersten Treffen im Proberaum zu Jakob und Tobias gesagt, ich will nicht unbedingt dieses klassische Song-Struktur-Ding sondern etwas anderes.  Das Ganze sollte schon den Song im Mittelpunkt haben, aber es muss beim Spielen auch Freiraum geben! Dadurch gibt es jetzt wirklich Songs, die wir live jedes Mal ein bisschen anders spielen. Da kann es schon vorkommen, dass das gleiche Lied einmal 5 Minuten und einmal 10 Minuten dauert. Auf diese Art Musik zu machen bedeutet für mich Freiheit. An den neuen Stücken ist nichts gerade glattgebügelt, oder radio-freundlich gemacht. Das taugt mir so an der neuen Besetzung: Es gibt keinen fixen Rahmen, alles ist offen.

Bild Freischwimma
Freischwimma (c) Rahel Goelzner

Ich habe den Eindruck, dass auch du selbst jetzt als Lead-Gitarrist mehr in den Fokus gerückt bist, richtig?

Florian Kargl: Ja. In früheren Bands wie z.B. der Prater WG oder der alten Freischwimma-Besetzung war alles eher auf den Song ausgerichtet, es gab wenig Freiraum für Improvisation, bei manchen Stücken habe ich zum Schluss oft gar nicht mehr Gitarre gespielt. Durch die neue Besetzung ist mir jetzt viel stärker bewusst geworden, dass ich ein Gitarrist sein kann bzw. sogar ein guter Gitarrist bin! Früher habe ich mich in erster Linie immer als Sänger und Songschreiber verstanden, aktuell sehe ich mich zum ersten Mal auch als Instrumentalist. In der Trio-Formation kann ich rausfinden, was mich als Gitarrist ausmacht. 

Wie arbeitet ihr an neuen Liedern, wenn ihr euch im Proberaum trefft?

Tobias Neuwirth:  Meistens spielt uns Florian die neuen Stücke einmal solo vor, dann ist meistens schon ziemlich klar, in welche Richtung es geht. Manchmal ist es dann so, dass Jakob und ich gleich beim ersten Vorspielen der Nummer einsteigen, es gleich passt und die Grundstruktur steht.  Es ist aber auch schon vorgekommen, dass wir ein Stück eine Woche liegen lassen und später einen zweiten Anlauf nehmen.

Florian Kargl: Ich lote schon gerne die Grenzen aus, wo es mit einem bestimmten Song hingehen kann. Manchmal merkt man schon bei den ersten Durchläufen, dass diese oder jene Idee nicht ganz aufgeht. Teilweise entsteht auch etwas einfach aus dem Bauch heraus beim Proben oder beim Live-Spielen. Wir haben durch die intensiven Proben in rascher Zeit das neue Programm erarbeitet, und im Oktober 2021 waren wir dann schon im Studio.   

Mich erinnert dieser Zugang her ein bisschen an die legendären Songs und Alben von Neil Young & Crazy Horse. War das ein wichtiger Einfluss für die neuen Stücke?

Florian Kargl: Auf jeden Fall! Alben wie „Ragged Glory“ von Neil Young & Crazy Horse gehören zu meinen „all-time-favourites“. Was ich an Neil Young auch toll finde, ist, dass er sich mit jedem Album immer wieder neu erfindet.

Die aktuelle Single aus dem Album ist „Tullamore“. Laut Pressetext ist das eine Geschichte, die eigentlich ein ganzes Album füllen könnte. Wie ist das gemeint?

Florian Kargl: Da geht´ s ein bisschen um eine Situation, die jeder kennt. Der Klassiker, wenn jemand z.B. telefonisch erreichen will, aber es klappt nicht oder man jemand treffen will, den man nicht treffen kann. Das Ganze ist aber nur eine Momentaufnahme aus einem Leben. Da ist ja noch ganz viel davor und ganz viel danach. Oder vielleicht auch nicht mehr viel danach. Als Lösungsstrategie greift der Protagonist des Songs jedenfalls zum Alkohol. Es muss da auch gar nicht um eine klassische Mann/Frau-Beziehung gehen. Mir gefällt es immer, wenn man einen Song frei interpretieren kann. Das sind dann immer die Texte, die auch mich persönlich berühren, wen ich merke, das ist jetzt nicht nur meine Geschichte. Sondern etwas, das auch vielleicht auch viele andere nachvollziehen können.

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Ich habe im Pressetext gelesen, ihr habt euch auch in Bezug auf den Aufnahmeprozess im Studio von Neil Young inspirieren lassen?

Florian Kargl: Ein Freund hat mir Thomas Pronai und sein Studio mit analogen Aufnahmegeräten im Burgenland empfohlen. Mich und meinen Kollegen hat auch sofort die Idee fasziniert, im Studio alles analog auf Tonband einzuspielen, ohne dass es im Nachhinein viele Möglichkeiten zur Veränderung gibt. Unser Konzept war: Auf einem analogen Tonband kann man ca. 20-25 Minuten aufnehmen, bevor man es wechseln muss. Unser Plan war, nicht immer nur einen Song pro Tonband aufzunehmen, sondern immer gleich mehrere, unterschiedliche Song aufzunehmen, sozusagen wie bei einem Konzert. Und ja, das haben wir uns ein bisschen von Neil Young abgeschaut, der bei den Aufnahmen zu „Ragged Glory“ ähnlich gearbeitet hat.

Wie hat das dann in der Praxis funktioniert?

Florian Kargl: Insgesamt haben wir dann vier Tonbänder vollgespielt, und so hatten wir von jedem Stück drei oder vier verschiedene Versionen. Wir haben bei Vollmond aufgenommen und waren nach eineinhalb Tagen mit den Aufnahmen fertig. Das Schöne an dieser Arbeitsmethode ist, dass du dabei den Kopf komplett ausschalten kannst. Zumeist kann man sich gar nicht mehr erinnern, was bei der früheren Aufnahme eines Stücks gut oder schlecht war, und du probierst es beim nächsten Take wieder aufs Neue. Das ist mir so wichtig beim Musizieren, dieses im Moment-Sein. Dich in die Musik einzulassen, ohne dass der Kopf da viel mitredet.

Tobias Neuwirth: Oft haben wir dann nach der zweiten Version gar keine dritte Version mehr aufgenommen, weil es eh schon gepasst hat und die Nummer „fertig“ war. Es sind sogar auch 1-2 „first takes“ am Album drauf.

Warum heißt das Album „Brofezzeiung“?

Florian Kargl: Für mich ist das ganze Album die „Brofezzeiung“. Diese Schreibweise habe ich von H.C. Artmann übernommen, dessen Texte ich sehr schätze. Prophezeien heißt ja eigentlich etwas aussprechen oder etwas FÜR jemand aussprechen. Die ganzen Propheten, die man aus der Geschichte kennt, sprechen sozusagen für jemanden. Ich selbst bin natürlich überhaupt kein Prophet, aber was ich für mich auf dem Album gemacht habe ist, auszusprechen, was da jetzt auf dem Album ist. Da ist für mich, dass man selbst der Schmied seines eigenen Glücks ist. Man ist selbst verantwortlich: Wenn man etwas machen will, dann muss man es machen.

Zur ersten Single „Noa“ gibt es ein interessantes Lyric-Video. Wie ist die Idee dazu entstanden?

Florian Kargl: Es geht in dem Lied um die Frage, was einem im Leben manchmal zum Narren macht. Das war das einzige Lied vom neuen Album, wo ich sofort eine zündende Idee für das Video hatte: Der Vollmond, dieser große Lampion am Himmelszelt, passt gut zu diesem Monstrum von Song, der eigentlich das Schlussstück des Albums ist und über 6 Minuten dauert. Ich habe dann ein Video gefunden, in dem der Mond sich ganz langsam über den Bildschirm bewegt, etwas träge, aber unaufhaltsam rollt er vor sich hin. Das hat perfekt zu meiner Idee gepasst. Ich habe das dann fertiggeschnitten und wir haben gesagt:  okay, das wird die erste Single.

Bild Freischwimma
Freischwimma (c) Rahel Goelzner

Was waren beim Verfassen deiner ersten eigenen Songs in den späten 1990er-Jahren her wichtige Einflüsse?

Florian Kargl: Da habe ich viel Bob Dylan gehört, ohne manche seiner Texte wirklich zu verstehen. Der Song „Idiot Wind“ z.B. – ich weiß bis heute noch nicht genau, um was es da geht? Einer der wenigen deutschsprachigen Interpreten, die mir damals getaugt haben und die man auch im Waldviertel, wo ich herkomme, in den 1990er-Jahren öfters gehört hat, war Hans Söllner. 

Also waren deine ersten Texte noch in Englisch?

Florian Kargl: Ja, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass es nicht wirklich gut hinkriege, mich in Englisch auszudrücken. Wenn ich wirklich sagen bzw. singen will, was ich meine, dann muss ich in meiner eigenen Sprache bleiben. Und meine Sprache ist halt Deutsch, und da nicht einmal richtig Hochdeutsch, sondern ich rede halt im Dialekt. Zirka ab dem Jahr 2002 habe ich dann angefangen, Texte in Mundart zu schreiben.

„Ich habe mich bemüht, sehr offene und ehrliche Texte zu schreiben.“

Wie würdest du deine Texte auf „Brofezzeiung“ beschreiben?

Florian Kargl: Ich habe mich bemüht, sehr offene und ehrliche Texte zu schreiben. Da geht´s sehr ums Selbstbild, Fremdbild, etc. und auch viel um Aufrichtigkeit zu einem selbst. Natürlich geht´s auch um die Liebe, die ja überhaupt das wichtigste Thema ist und bleibt.

Vor kurzem ist ja Willi Resetarits verstorben, der vor allem mit der Figur des Ostbahn Kurti bekannt geworden ist und vom Autor Günter Brödl ins Wienerische übertragene Texten von US-Musikern wie Bruce Springsteen, Lynyrd Skynyrd oder den Allman Brothers gesungen hat. Hast du Musik von Ostbahn Kurti auch gehört?

Florian Kargl: Ja, natürlich. Einerseits haben mich die grandiosen Sprachbilder in den Texten des Ostbahn Kurti fasziniert, aber auch wie es gelungen ist, musikalisch die Atmosphäre der US-amerikanischen Rockmusik nach Österreich zu transportieren. Da sind ganz neue Welten entstanden, das war genial gemacht. Außerdem war Willi Resetarits einfach als Mensch eine Persönlichkeit, die mich sehr beeindruckt hat.  

Wie sehen eure Zukunftspläne aus?

Florian Kargl: Wir freuen uns jetzt einmal auf viele Live-Gigs in der nächsten Zeit, und natürlich besonders auf die Präsentation des neuen Albums im Rhiz Ende Juni. Wir veröffentlichen die „Brofezzeiung“ dann als limitierte Vinyl-LP. Das war uns wichtig, die neuen Songs auf einer LP zu verewigen, da wir das Album ja auch analog aufgenommen haben. Darüber hinaus arbeiten wir schon am nächsten Album.

Herzlichen Dank für das Interview!

Robert Leopold Fischer

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Live: 29.06.2022 Rhiz, U-Bahnbogen 37, 1080 Wien, LP-Präsentation, 19:30h
Support: Philip Bradatsch Solo (GER)

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