“NO FUTURE IST KEINE LÖSUNG” – RED GAZE IM MICA-INTERVIEW

RED GAZE, die Grazer Krachmacher:innen, haben bei NUMAVI eine neue Platte veröffentlicht. Endlich! Schließlich ist der letzte Release schon eine halbe Ewigkeit her. „Healing Games“ rasiert sich in konsequenter Haltung einen Irokesen, schrammelt ins Punkgeschäft und lernt sich beim Pogen besser kennen. STEPHANIE LACKNER, MARKUS GÖNITZER, «FRANZ» UND PHILIPP PRADER trümseln nicht lange rum. Acht Tracks, 16 Minuten – alles gesagt. Warum „No Future“ keine Zukunft hat, christliche Selbstgeißelung mitschwingt und Angst immer sein darf, haben GÖNITZER UND PRADER im Gespräch mit Christoph Benkeser erklärt.

Gerade ist eure neue Platte erschienen. Bis man sie in Wien live zu hören bekommt, dauert es aber …

Markus Gönitzer: In der Frage, wann wir wie, wann und wo Shows spielen, sind wir immer unorthodoxer geworden.

Philipp Prader: Wobei wir nie eine Band waren, die viel Konzerte gespielt hat. Vor allem wenn man sich überlegt, wie lange es uns schon gibt.

Markus Gönitzer: Ja, weil wir busy Leute sind und uns gleichzeitig von den vermeintlich professionellen, immer gleichen Zyklen von Veröffentlichungen, Release-Show und Tour gelöst haben – spätestens mit Covid zumindest.

Philipp Prader: Das hat alles unplanbar gemacht, klar. Deshalb haben wir die Prioritäten eher auf Dinge gelenkt, die fix gingen und Spaß machten.

Markus leitet das Forum Stadtpark in Graz mit. Philipp, du studierst in Wien …

Philipp Prader: Die Stephie studiert in Klagenfurt, arbeitet nebenbei zwei Jobs. Franz ist sehr engagierter Lehrer schmeißt nebenbei sowas wie einen Pop-up-Plattenladen …

Markus Gönitzer: Außerdem kommen bei uns allen ständig neue Projekte dazu.

In Wahrheit ist es ein Wunder, dass es Red Gaze noch gibt.

Markus Gönitzer: Das stimmt, es ist wirklich ein Wunder! Allein schon wegen der Challenges, die mit unserer zweistädtischen Fernbeziehung einhergehen. Dazu kommen die anderen Verführungen, die uns von einer Punk-Karriere abhalten.

Philipp Prader: Ich geh in Wien ja fremd – hab letztes Jahr begonnen, bei Rolltreppe Schlagzeug zu spielen. Markus macht ab und zu noch was mit seiner zweiten Band Imposition Man.

Trotzdem kommt alle paar Jahre ein neuer Release.

Philipp Prader: Das hat natürlich musikalische, aber vor allem freundschaftliche Gründe. Wir haben eine gute Dynamik, deshalb wäre allein der soziale Aspekt ausreichend, zusammen zu bleiben.

Markus Gönitzer: Außerdem werden wir als Band in dieser Mini-Szene, in der wir uns bewegen, gesehen. Selbst wenn wir länger nichts machen hilft uns die Vernetzung, um wieder Shows zu spielen oder aufzunehmen. Das ist ein beruhigendes Gefühl.

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Gleichzeitig frag ich mich: Zu was wäre Red Gaze fähig, würdet ihr das Ding konsequent durchziehen.

Markus Gönitzer: In Österreich ist die Punk-Szene, auf die wir schielen, nicht stark ausgeprägt. Musikalisch wären das Zusammenhänge, die sich irgendwo zwischen einem retro-und innovativen take on Punk bewegen, stuff den man auf Labels wie Static Shock, La Vida Es Un Mus oder Erste Theke findet. Als Band aus einer, für das internationale Netz dieser Szene, uninteressanten Stadt wie Graz hat man einen etwas schweren Stand. Alles dreht sich um Berlin, Barcelona oder London. Deshalb haben wir lokal immer mit den aktiven Indie-Zusammenhängen geliebäugelt, allein schon durch die Kooperation mit Numavi Records. Eine Professionalisierung, also längere internationale Touren zu spielen oder auf größeren Labels zu releasen, wäre für uns aber gar nicht so interessant, weil wir dadurch automatisch Kompromisse eingehen müssten.

Philipp Prader: Genau, wir müssten woanders Abstriche machen, sind in unseren alltäglichen Leben aber so weit verwurzelt, dass es schwierig werden würde. Schließlich ist es schon eine organisatorische Leistung, ein gemeinsames Wochenende für Proben zu finden.

Dann lieber gelebter Dilettantismus.

Philipp Prader: Ja, unbedingt. Das holt die Leute manchmal raus! Wenn ich bei einem Konzert einen offensichtlichen Fehler höre, muss ich schmunzeln. Das ist keine Schadenfreude, sondern ein verzeihliches „Ja, passiert, aber es ist trotzdem geil!“

Genau, das hat nichts mit Scheiß-auf-alles-Attitüde zu tun. Es ist eher ein Zeichen für Selbstironie.

Markus Gönitzer: Na ja, es gibt bei uns sehr …

Philipp Prader: Unterschiedliche Charaktere!

Markus Gönitzer: Ja, es gibt zwei Wahrheiten, weil wir uns live wohlfühlen und tight sind. Gleichzeitig macht es genauso Spaß, wenn es ein bisschen sloppy sein darf.

Philipp Prader: Wenn ich mich live verspiel, nehme ich es mit Schmäh. Ich kann gar nicht anders.

Markus Gönitzer: Aber …

Philipp Prader: Beim Konzert hat man immer zwei Perspektiven. Wenn ich im Publikum steh, verzeih ich so viel, weil es so schnell geil sein kann, selbst wenn es schlecht gespielt ist. Wenn ich nicht gut spiele, hab ich trotzdem oft ein schlechtes Gefühl – auch wenn ich das Feedback bekomme, dass es den Leuten eh getaugt hat. Am Ende bin ich froh, dass ich Punk mach. Da sind die Fehler ein Stilmittel.

Bild Red Gaze
Red Gaze (c) Mario Aux

Ich wollt grad sagen: Es hat schon Gründe, wieso ihr in einer Punk-Band und nicht im Symphonieorchester rumgeigt.

Markus Gönitzer: Wobei man schon grob differenzieren muss zwischen einer Form von Punk, die Dilettantismus zum ästhetisch-politischen Programm macht und einer, bei der die Leute meiner Meinung nach eh virtuos auf ihren Instrumenten sind, aber studierte Musiker:innen es trotzdem eher dilettantisch finden. Wir gehören da glaub ich eher ins zweite Lager.

Das hört man, auch wenn sich die neue Platte wieder kondensiert: Acht Stücke, 16 Minuten …

Philipp Prader: Kurz und knackig, eh! Und wenn die Leute einen Teil gehört haben, darf man von ihnen erwarten, dass sie ihn nicht unbedingt ein zweites Mal hören müssen.

Markus Gönitzer: Perfekt abgestimmt auf die Verwertungslogik des modernen Kapitalismus!

Red Gaze, die alte Kapitalist:innen-Bande!

Markus Gönitzer: Ha, im Ernst: Es hat schon mit der Schwierigkeit zu tun, uns alle in einem Raum zu treffen. Deswegen müssen wir pragmatisch arbeiten.

Philipp Prader: Ja, wir haben keine überquellende Schublade mit unveröffentlichten Nummern.

Was schön ist: Jeder Song ist ein bisserl Dokument des gegenwärtigen Moments.

Markus Gönitzer: Genau, deshalb sind wir froh, dass wir die Corona-Zeit nutzen konnten, um unseren Sound umzustellen. Wir waren mit dem alten Material schließlich lange unterwegs, es war ein Drang da für das Neue. Das aufmerksame Ohr hört vielleicht den Schritt von schwelgerischen Post-Punk-Nummern zu Straight-Forward-Punk. Das macht Bock – auch wenn’s für Philipp anstrengender geworden ist.

Philipp Prader: Deswegen hab ich aber nicht weniger Bock!

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Das kommt live durch. Ich hab Feedback vom Grazer Konzert im Sub gehört. Da ging was!

Markus Gönitzer: Die Pandemie hat uns in der Suche nach mehr Ausdruck – durch Über- oder Unterstimulation, ich weiß es nicht – zu einem körperlicheren Zugang verholfen als davor. Die Marschtrommeln sind ja nicht ohne Grund zu hören. Sie haben fast schon eine drückende Monotonie wie Techno.

Philipp Prader: Dadurch ist der Sound härter und treibender geworden, ja. Gleichzeitig aber auch rudimentärer.

Ich wollt grad sagen: Es geht zum Teil in Richtung Maschinenmusik. Da passt die Assoziation mit Techno, der in seiner Monotonie derzeit die Aggression der Zeit abbildet.

Markus Gönitzer: Wir kommen teilweise aus härteren Musikrichtungen, ich hab in meinen frühen Zwanzigern hardcorigere, doomigere und metallischere Konzerte veranstaltet. Trotzdem war der Ausdruck in härterer Musik, vor allem für uns als politisierte Leute und als Band, die zu drei Vierteln aus Männern besteht, eine Herausforderung. Vermutlich haben wir uns ihm deswegen annähern und uns erst in einem distanzierteren, post-punkigen Eck finden müssen. Gleichzeitig stimmt es schon: Die Aggression bildet einen Zeitgeist ab, den wir wahrnehmen. Das Gefühl wollen wir an manchen Stellen brechen, um es an anderen zu ownen. Zumindest möchte ich als Sänger inzwischen beide Pole stärker zulassen als früher.

Philipp Prader: Schlagzeugspielen geht für mich mit einem Moment der Katharsis einher. Damit breche ich regelmäßig, indem ich zu Hause oft konträre, also softere Musik höre. Letztes Jahr habe ich außerdem begonnen, Klavier zu spielen – mit schönen Melodien, einem ruhigen Gefühl. Trotzdem kann ich am Schlagzeug die Aggression rauslassen.

In der Aggression kann eine Form von Melancholie stecken.

Philipp Prader: Es hat etwas Transformatives! Man mag in einer angespannten Stimmung ein Konzert beginnen, durch das Spielen des Instruments und durch den eigenen Ausdruck lässt sich die Anspannung in etwas Schönes verwandeln.

Markus Gönitzer: Auf der anderen Seite ist Melancholie in der Punk-Geschichte unter anderem mit Emo und Screamo besetzt – dabei ging es zwar um Verletzlichkeit, die aber meistens von vermeintlichen Männern-Genies kam, die die Welt so gut zu verstehen meinen und deswegen traurig sind. Das ist geschlechterstereotyp geblieben, obwohl es Gefühle zugelassen hat. Der Ausweg funktioniert für mich über Selbstironie.

Sich selbst in der eigenen Position nicht ganz so ernst zu nehmen, meinst du?

Markus Gönitzer: Ja, es ist ein Versuch, etwas anderes zu repräsentieren. Da tut sich – gerade seit den vergangenen Jahren – im Punk und seinen Sub-Szenen viel.

Woran machst du das fest?

Markus Gönitzer: Man merkt, dass es gängiger wird. Es gründen sich mehr Labels und Kollektive, die eine Form von Repräsentationspolitik supporten. Ich steh auch eher für eine solidarische Streitkultur ein als für krassen Dogmatismus. Trotzdem wären wir nie beleidigt und verstehen die Notwendigkeit, wenn wir zum Beispiel durch eine Quote nicht eingeladen würden. Diese Dynamik ist interessanter als alte Ansätze wie eine „No Future“-Haltung oder andere nihilistische Aggression, die meistens in plumpen Männerclubs enden.

„ES MACHT UNS ALLE KAPUTT, WENN MAN PERFEKT NACH DIESEN WERTEN LEBT.“

Weiße Männer erklären uns, dass die Zukunft verstellt ist. Das ist wahrscheinlich nicht nur in der jetzigen Situation ein Schas.

Markus Gönitzer: Deshalb müssen wir uns fragen, wie wir in einem solidarischen Umgang miteinander Räume schaffen für das Bedürfnis nach Rauslassen von Aggression. Das kann nur in einer Aushandlung passieren.

FOTO-EMBED: Healing Games – Cover Front

Damit finde ich eine Überleitung zum Albumcover, der BDSM-Bezug mit Striemenpeitsche vor dem Nachthimmel und zwei Augen – ein „healing game“.

Cover Healing Games
Cover “Healing Games”

Markus Gönitzer: Es braucht auf verschiedenen Ebenen healing – als kaputte Welt oder Gesellschaften. Das Ambivalente ist: Die Linke hat viele Instrumente zur Emanzipation und zur Heilung hervorgebracht. Viele der Versprechen blieben aber bis heute uneingelöst, werden betrauert und die Bearbeitungsstrategien werden ein Stück weit zu Instrumenten der Selbstgeißelung. Der way out ist oft, rein zu sein – vielleicht ist aber gerade das schmuddelige Aushandeln der richtige Weg.

Wie meinst du das, rein zu sein?

Markus Gönitzer: Die Peitsche ist katholisch aufgeladen. Zum Beispiel durch Flagellanten, eine mittelalterliche, christliche Abspaltung, die Formen von katholischer Schuld und Scham durch Selbstgeißelung geübt haben. In einer gewissen Weise gibt es Überlappungen zu meinen Texten. Sie sind aus einer persönlichen Perspektive geschrieben. Einerseits bestimmen starke linke Werte meine Haltung. Andererseits finden sich darin kulturell und familiär vermittelte katholische Werte. Etwas, das in dieser Form im deutschsprachigen Raum weit verbreitet ist, sich in manchen Fällen aber unproduktiv überlappt.

Kannst du das erklären?

Markus Gönitzer: Wenn man durch Schuld und Scham geprägt ist, hofft man durch absolute Reinheit rauszukommen, also alles richtig zu machen. Ich seh da zwei Sackgassen. Es kann dazu führen, dass man realisiert, dass man ohnehin nicht alles richtig machen kann und dann gar nichts mehr richtig machen will. Das wäre wieder der stumpfe Nihilismus oder Zynismus. Aber es kann uns wohl auch ein Stück weit kaputt machen, wenn man Verbesserung nur noch in Form absoluter, individueller vermeintlich politischer Reinheit verortet.

Auch weil es zu einem Moralverständnis führt, dass zu einfachen Weltansichten führt und in Dogmatismus endet.

Markus Gönitzer: Ja, deshalb will ich keine „No-Future“-Haltung vorschlagen, sondern Alternativen zur Diskussion stellen. Songs wie „Tender Web“ oder „Whipping Games“ stellen Überlegungen über eine radikal-zärtliche Bewegung an, die all die Differenzen, von denen wir hier sprechen, anerkennen, sie aber als Ausgangspunkt zum gemeinsamen Kampf nützt. Im letzten Stück „Odds“ geht es nicht ohne Grund um Revolution. Davor scheiß ich mich aufgrund meiner Behütetheit aber ein bisserl an. Trotzdem stellt sich die Frage, ob das Umstürzlerische am Ende nicht doch das bessere Healing Game ist im Vergleich zu der bedacht-strategischen Herangehensweise.

Bild Red Gaze
Red Gaze (c) Mario Aux

Das wirkt ironischerweise sehr durchdacht.

Markus Gönitzer: Es sind Themen, die in den Lyrics inzwischen expliziter kursieren als auf vorangegangen Veröffentlichungen. Damals ging es stärker um das Politische und Tragische in solidarischen, zwischenmenschlichen aber auch romantischen Beziehungen. Das hat sich ein bisschen verändert. Ich mag es, in meinen Texten eine Sphäre aufmachen zu können, in der Polemik oder Ironie einen Platz haben dürfen. Trotzdem halte ich es durch meine starke Vorprägung nie ganz aus, zum Beispiel nur zynisch zu sein. Am Ende der Stücke kommt es deshalb meistens zu einem Twist, der die Situation auflöst.

Die Zurückgeworfenheit auf die Realität quasi.

Markus Gönitzer: Oder der alles relativierende Einwand durch Selbstironie, weil mir die konsequente old-school-Haltung, als Mann einen bedeutungsschwangeren Text über die Probleme der Welt in einer Punk-Nummer zu verpacken, zu blöd wird.

Philipp Prader: Dabei kommt auch Verletzlichkeit durch. Schließlich ist Zynismus eine Abwehrhaltung gegenüber der Realität und den eigenen Gefühlen. Die Auflösung am Ende zeigt, dass Angst trotzdem sein darf.

Danke fürs Zulassen und für die Zeit!

Christoph Benkeser

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Links:
Red Gaze (Bandcamp)
Numavi Records (Bandcamp)
Red Gaze (SRA)