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Neuschnee (c) Jan Frankl

„Es sollte eine Evolution geben“ – HANS WAGNER (Neuschnee) im mica-Interview

„Ich werfe mir den Rockstar über, das kommt so ehrlich wie die Tränen einer Diva“, so heißt es in einem Song der Wiener Band NEUSCHNEE. Ihre musikalische Bandbreite erstreckt sich vom Streichquartett bis hin zu Rockgitarren. Laut Eigendefinition machen die sechs Musiker „Crossover-Kammermusik“, begleitet von den Texten und der Stimme des Multiinstrumentalisten HANS WAGNER. Ihr drittes Album „Schneckenkönig“ wird im April 2016 bei Problembär Records erscheinen und schon am 16. März im Wiener RADIOKULTURHAUS live präsentiert werden. Julia Philomena hat mit HANS WAGNER, dem Wahlwiener aus Berlin, über ein leer stehendes Haus in der Wiener Gumpendorfer Straße, professionellen Dilettantismus und die Schnecke, die ihr Haus verkehrt herum trägt, gesprochen.

Woher rührt der Klassik-Bezug der Band?

Hans Wagner: Die Band gibt es deswegen, weil ich ein großer Nirvana-Fan gewesen bin, aber gleichzeitig als ausgebildeter Cellist klassische Stücke geliebt habe, die mir gefühlsmäßig mindestens genau so viel gegeben haben. Das waren vor allem Stücke von Schubert oder Ravel, die für mich immer eine sehr große Kraft besessen haben und in Zusammenhang mit Rockmusik gestanden sind. In Wien an der Uni habe ich diese Verschmelzung dann zum ersten Mal ausprobiert und Lieder gemacht, die von vornherein für ein Streichquartett gedacht und arrangiert waren. 2006 gab es gemeinsam mit Studierenden von der Akademie der bildenden Künste einen Sommer lang die Idee, mit dem „Verein zur Förderung des professionellen Dilettantismus“ in einem leer stehenden Haus in der Gumpendorfer Straße zu spielen und performative Kunst zu machen. So hat das angefangen.

Inwiefern hat sich Neuschnee im Laufe der Jahre verändert und weiterentwickelt?

Hans Wagner: Vor dem ersten Neuschnee-Album 2008 habe ich zwar viele Nummern aufgenommen, aber nie veröffentlicht. Ich habe mich früher oft allein im Keller aufgehalten und Lieder mit schlechten englischen Texten geschrieben, eben herumexperimentiert. Ich würde sagen, dass wir seitdem einfach dazugelernt haben, uns gefragt haben, was wir mit dem ganzen Projekt eigentlich wollen. Das war am Anfang ein Versuch und ziemliches Neuland für mich.
Hinzu kommt, dass ursprünglich zwar Leute von der Universität für Musik und darstellende Kunst mit mir gespielt haben, aber überwiegend Tonmeisterinnen und Tonmeister, also meine Kolleginnen und Kollegen, weil ich das ja auch studiert habe. Nur sind die meisten in diesen Beruf eingestiegen, während ich mich immer mehr davon distanziert habe und nur noch Musik machen wollte. Mittlerweile spielen Musikerinnen und Musiker in der Band, die noch mehr mit dem Instrument verbunden sind, als ihre Vorgängerinnen und Vorgänger. Die leben dafür.

Mit dem Tonmeister hat ihre Band sieben Mitglieder. Wie haben Sie zueinandergefunden?

Hans Wagner: Angefangen haben wir zu fünft. Da war noch kein Schlagzeug dabei. Das war zu Beginn wirklich nur Streichquartett und Gesang. Aber als ich in die Stadt gekommen bin, kannte ich ja eigentlich niemanden. Ich war völlig auf mich allein gestellt und hatte nur zu den Leuten von der Uni Kontakt. Mit der Zeit habe ich dann Leute kennengelernt. Das dauert in Wien irgendwie ein bisschen länger. Als ich dann immer mehr mit Einheimischen zu tun hatte, ist das Netzspinnen leichter gefallen.

„Ich halte mich gerne dort auf, wo ich etwas zu tun habe.“

Was bedeutet Wien für Sie und was macht die Stadt musikalisch interessant?

Hans Wagner: Zu einem großen Teil sicher die klassische Historie, für die ich eine große Wertschätzung habe. Aber abgesehen davon halten mich neben der Musik natürlich vor allem die Familie und die Freundinnen und Freunde in Wien. In Berlin, obwohl ich die Stadt manchmal wirklich vermisse, müsste ich bei null anfangen. Eine neue Band aufstellen, neue Kontakte knüpfen. Für einzelne Projekte gehe ich gerne woanders hin, für Theatermusik zum Beispiel. Ich halte mich gerne dort auf, wo ich etwas zu tun habe.

Wann haben Sie das Schreiben für sich entdeckt?

Hans Wagner: Für mich ist immer die Musik im Vordergrund gestanden, und die war automatisch verknüpft mit einer Gefühlswelt oder einer bestimmten Haltung. Und darauf habe ich bei meinen Texten aufgebaut. Ich habe immer so lange geschrieben, bis der Text zur Musik gepasst hat. Das war beides stark miteinander verwoben. Als ich beispielsweise mal Gedichte vertont habe, bin ich draufgekommen, dass mir das umgekehrt gar nicht so leichtfällt. Das ist schwierig, wenn sich das Gedicht nur als Gedicht denkt.

Das dritte Album von Neuschnee heißt „Schneckenkönig“. Was bedeutet der Titel?

Hans Wagner: Das Album ist eine sehr persönliche Angelegenheit, mit vielen Metaphern und um die Ecke gedachten Elementen. Als „Schneckenkönig“ bezeichnet man jene Schnecke, deren Haus in die verkehrte, nicht arttypische Richtung gebunden ist. Mir hat das Wort durch seine poetische Qualität ganz gut gefallen. Die Verbindung mit dem König, der fest im Sattel sitzt, in seinem Leben und seiner Persönlichkeit, und dann aber rausgeworfen wird, finde ich charmant. Außerdem bezeichnet man mit „Schneckenkönig“ auch jene Menschen, die ihre Organe seitenverkehrt haben, das ist bei mir so. Insofern ist das mein Missing Link zum Album.

Wie lange hat die Arbeit am Album gedauert?

Hans Wagner: Ziemlich lange! Das ging von Aufnahmesession zu Aufnahmesession. Das Ganze ist, glaube ich, schon 2013 losgegangen.

„Es ist mein Traum, dass es mehr Leute schaffen, in irgendeiner Form politisch zu sein und auch zu agieren.”

„Wir sind krass krasser als Karl-Heinz Grasser“ heißt es in „Des Kaisers neue Kleider“. Welche Rolle spielt die Politik in Ihrer Musik?

Hans Wagner: Ich denke, eine wichtige. Jeder trägt Emotionen mit sich herum, aufgrund von Dingen, die man erlebt hat. Und ich beispielsweise trage eine große Wut in mir, eine Wut manchen Dingen gegenüber. Ich habe aber eine recht optimistische, pragmatische und vor allem aktive Art und Weise, damit umzugehen. Ich unterstütze zum Beispiel das Projekt „Bank für Gemeinwohl“. Da probiert man als Genossenschaft, als demokratisch aufgebaute Bank, sich nicht auf die Gewinnmaximierung zu fokussieren. Durch so ein Projekt findet man viele andere Leute, die auch konkrete Vorstellungen von Veränderung haben. Denn nur zu sagen: „Hey, ich bin dagegen und alles ist scheiße“, bringt ja nix. Ich finde es schön, wenn auch etwas passiert.
Es ist mein Traum, dass es mehr Leute schaffen, in irgendeiner Form politisch zu sein und auch zu agieren. Ich würde mich freuen, wenn sich mehr Leute trauen würden, zwischen den Stühlen zu sitzen. Es ist doch gescheit, sich zu überlegen, wie man seinen eigenen Alltagszirkus umgestalten kann, sein eigenes Leben. Das kann dann ein guter Beweis für andere sein, dass Änderungen sehr wohl möglich sind – wenn auch nur kleine.

Woran glauben Sie?

Hans Wagner: Ich glaube, dass die Spielregeln hauptsächlich nach dem Geldausmaß festgelegt sind. Geld wird als privates Gut gesehen, aber das ist in Wahrheit eine Fehlinterpretation. Geld ist mehr Gemeingut. Da sollte viel passieren. Man sollte sich überlegen, wie Geld verteilt wird und welche Funktion es hat. Es sollte eine Evolution geben – in einem gemeinschaftlichen Sinn.
In der Schule haben wir darüber nie geredet, ich habe mich da selbst reingefuchst, mich informiert und das Thema musikalisch verarbeitet. Der Song „Sag mir nicht“ zum Beispiel handelt eigentlich genau davon.

„Blatt im Wind“, das Video zur zweiten Single aus dem Album, ist sowohl musikalisch als auch visuell sehr bunt, spannend, tief ergreifend, aber auch auf ironische Weise süß. Ist der „Schneckenkönig“ ein Konzeptalbum mit Aufbruchsstimmung?

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Neuschnee (c) Jan Frankl

Hans Wagner: Die erste Single „Des Kaisers neue Kleider“ ist wirklich sehr ironisch gemeint, frei nach dem Motto „Nach der Krise ist vor der Krise“. Man tendiert doch selbst immer dazu, den Scheiß weiterzumachen, den man schon immer gemacht hat [lacht]. Bei dem Lied kommen aber gewisse Elemente dazu, die meiner Meinung nach sehr aktuell sind.
Ich finde es zum Beispiel fast strafbar, politische Phrasen in die Welt zu werfen, nur um selbst mehr Gehör und Aufmerksamkeit zu bekommen. Wenn man nicht wirklich blöd ist, dann ist es schon eine ganz bewusste Entscheidung. Wenn man nicht aufpasst und die Komplexität mancher Themen ignoriert, ist das wahnsinnig verantwortungslos. Vieles ist so emotionalisiert, da verliere ich langsam das Vertrauen in die Intelligenz der Führung.

Kann Musik jemanden oder etwas retten?

Hans Wagner: Ich würde mich sehr freuen, wenn man sich durch Musik mit Themen auseinandersetzen würde, die in der eigenen Blase sonst untergehen. Ich mache Musik so, wie ich sie selbst erfahren habe. Sie darf natürlich nicht zu selbstbezogen oder zu leidend werden. Aber mithilfe der Musik kann man aneinander andocken, ohne darüber reden zu müssen. Man muss einen Weg finden, der gekonnt ist, aber natürlich bleibt. Mit Musik löst man die Distanz auf.

Wann sind Sie zufrieden?

Hans Wagner: Da gehe ich sehr nach meinem Gefühl. Wenn es sich richtig anfühlt, dann passt es. So funktioniert das für mich. Und ich freue mich, dass ich mittlerweile auch tatsächlich zu dem Punkt komme, an dem ich zufrieden bin.

Woher kommt der Name Neuschnee?

Hans Wagner: Die Mischung ist schön, etwas Zartes und Neues. Und dann das Wort „Schnee“, das auch vieles bedeuten kann. Der Name ist quasi ein Sammelsurium an Interpretationsmöglichkeiten. Und mittlerweile steht die Idee des Namens schon so im Vordergrund, dass ich den Namen auch gar nicht mehr infrage stelle.

Wie geht es weiter?

Hans Wagner: Mal sehen, wie es mit dem Album läuft. Es würde mich sehr freuen, wenn die Idee der Band jetzt aufgehen würde. Das wird sich ja in der kommenden Zeit entscheiden. Das Ziel ist es, mehr live zu spielen. Ich glaube, dass das eine große Stärke von uns ist. Es war nur bis dato recht schwierig, weil wir doch viele sind und zeitlich nicht so einfach zusammenkommen.

Aber alles, was ich in Zukunft machen möchte, kann ich natürlich nicht mit einer Band verknüpfen.
Ich werde mein ganzes Leben lang Musik machen, weil ich noch so viel ausprobieren möchte. In Zukunft werde ich vielleicht auch einiges unter einem Pseudonym veröffentlichen, damit ich etwas freier bin. Ich werde viel Neues für mich schreiben, Musik zum Tanzen, Musik für die Band – oder eine Oper, wer weiß.

Vielen Dank für das Gespräch.

Julia Philomena

Neuschnee live
16.04. ORF Radiokulturhaus, Wien (CD-Release)

 

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