„ES IST BEI UNS NICHT IMMER ORGANISIERT ZUGEGANGEN“ – LOVE A.M. IM MICA-INTERVIEW

Es ist das erste Album, das die Band LOVE A.M. vor wenigen Wochen veröffentlicht hat: Es trägt den Namen „In Disarray“ – und der Name ist ohne Frage auch Programm, wie sich schnell herausstellt. Warum die Entstehung dieses Debütalbums eine äußerst chaotische Angelegenheit war, wieso sie oft in der 80er-Jahre-Schublade landen und weshalb ihnen gewisse Auftritte mittlerweile peinlich sind, haben zwei der fünf Bandmitglieder, Sänger Paul Pirker und Keyboarder Matthäus Jandl, im Interview mit Katharina Reiffenstuhl erzählt.

Eine ganz klassische Frage zum Einstieg: Wie ist aus euch eine Band geworden?

Matthäus Jandl: Der Paul und ich waren in der Schule in Graz in einer Klasse. Der Julian ist zwei Jahre über uns gewesen. Wir wollten schon länger eine Band gründen. Dann haben wir zu dritt ein bisschen Musik gemacht, das waren sehr bescheidene Anfänge. Wir haben ein Konzert im Rathaus in Graz gespielt, bei einer Ausstellung. Das war ziemlich mies. Da haben wir die Beatles gecovert. Auf jeden Fall sind ein Jahr später der Lukas und der David dazugestoßen. Lukas am Bass, David am Schlagzeug. Die haben wir aus Graz gekannt. Da haben wir dann zu fünft losgelegt. Uns gibt es eigentlich schon seit 2017, aber es hat eine längere Pause gegeben, wegen Weltreisen und so weiter. Jetzt legen wir seit letztem Jahr quasi erst richtig los.

Was genau war da dazwischen? Ein paar waren weg und die Band war dadurch auf Eis gelegt?

Matthäus Jandl: Ich war drei Monate in Japan, der David war ein halbes Jahr in Neuseeland.

Paul Pirker: Ich glaube, er war fast ein ganzes Jahr weg. Zehn Monate waren es sicher.

Matthäus Jandl: Echt? Na gut, das erklärt, warum wir nie Musik gemacht haben. [lacht] Wir haben dann sehr sporadisch Songs geschrieben, sind aber nie wirklich zum Proben gekommen. Seit eineinhalb Jahren geht es jetzt wieder ganz gut voran.

Vor kurzem ist euer Debütalbum erschienen. Wodurch zeichnet sich das musikalisch aus?

Paul Pirker: Es ist genreübergreifend, hat sehr viele verschiedene Einflüsse. Abwechslungsreich, generell melancholisch angehaucht.

Matthäus Jandl: Der Titel ist ja “In Disarray”, also “Im Chaos”. Das bezieht sich auf unsere Arbeitsweise. Es ist bei uns nicht immer organisiert zugegangen. Wir sind oft sehr chaotisch an die Sache herangegangen und die Songs sind dann quasi in diesem Chaos entstanden. Es bezieht sich auch darauf, dass wir einerseits eher ruhige Nummern haben, die eher melancholisch und lieb erscheinen, auf der anderen Seite haben wir auch Nummern, wo wir dunklere, progressivere Sphären erkunden wollen. Auf dem Album wollen wir diese Gegensätze zwischen Chaos, Unordnung und liebevollem Kitsch zeigen.

Würdet ihr sagen, das spiegelt irgendwo eure Persönlichkeit wider?

Matthäus Jandl: Auf alle Fälle. Die Proben und die Songwriting-Sessions waren zwar harmonisch in dem Sinne, dass wir uns meistens verstanden haben, aber sie waren stressgeladen. Es war viel Unstimmigkeit da, es war viel Drama da. Ich glaube, wir sind alle sehr froh, dass das jetzt vorbei ist.

Das klingt nach einer sehr anstrengenden Prozedur.

Matthäus Jandl: Ja, es war zach, vor allem mit fünf Personen, wo die Hälfte der Band in Wien ist. Es war auch arbeitstechnisch nicht bei jedem einfach, da Probetermine zu finden. Das war echt immer eine Challenge, zusammenzufinden und zum Schreiben und Aufnehmen zu kommen. Gelohnt hat es sich trotzdem, wir sind jetzt alle sehr zufrieden mit dem Outcome.

„MAN BRAUCHT DIESE ROUTINE – WEIL OHNE GEHT ES HALT EINFACH NICHT WEITER“

Habt ihr da gewisse Routinen entwickelt? Wie du ja sagst, ist das nicht einfach, wenn man in verschiedenen Städten wohnt.

Matthäus Jandl: Wir haben in den letzten zwei Jahren drei Proberaumwechsel hinter uns. Da hat es immer irgendwas gegeben, was nicht gepasst hat – die Anrainer haben sich beschwert, die Bedingungen waren nicht gut, und so weiter. Jetzt sind wir beim David zuhause, da haben wir uns konsequent die letzten Wochen jedes Wochenende zum Proben getroffen. Mit dem Anreisen aus Wien ist das natürlich anstrengend, aber wir haben es geschafft, da eine Routine reinzubringen. Man braucht diese Routine, denn ohne geht es halt einfach nicht weiter.

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Wie viel Zeit ist jetzt insgesamt bei der Erstellung dieses Albums vergangen?

Paul Pirker: Der älteste Song ist “Losing Sleep”. Der ist 2018 entstanden. Der wurde geschrieben, als wir 19 waren. 

Matthäus Jandl: Genau. Es war jetzt kein Konzeptalbum, das waren Ideen, die sich über die Jahre gesammelt haben. Wir wollten ursprünglich eine EP rausbringen, die ist dann aber doch zu einem Album geworden. Wenn man das Konzept Unordnung hernimmt, dann fühlt es sich im Endeffekt doch nach einem Konzeptalbum an. Dann fügt sich das alles wieder sehr gut – und beschreibt unsere letzten drei, vier Jahre in der Band.

Ihr habt jetzt zehn Songs veröffentlicht. Was weiß man denn nach dem zehnten Song, was man vielleicht nach dem ersten noch nicht gewusst hat?

Paul Pirker: Also eine große Lernerfahrung war auf jeden Fall Recording, generell. Ins Studio zu gehen als komplett Unerfahrener und dort eben herumzutüfteln und mit dem Producer zusammenzuarbeiten. Man muss auch eine Sprache finden, wie man das rüberbringt, wenn man sich nicht perfekt auskennt in der Producer-Sprache, da muss man dann schon genau kommunizieren, was man genau will. Da ist definitiv viel weitergegangen. Genau festzumachen, was man lernt, ist oft schwer. Aber die Band ist ein wichtiger Teil von unserem Leben, wir haben da sehr viel mitgemacht, sehr viel Drama, sehr viel Unangenehmes aber auch wieder viel Angenehmes. Man muss auf jeden Fall lernen, mit anderen Leuten auszukommen und als Team zusammenzuarbeiten.

Ihr habt ja trotz den schwierigen Momenten die Band nie aufgegeben.

Matthäus Jandl: Es hat oft Punkte gegeben, wo man sich gedacht hat „Puh, jetzt wird’s kritisch”. Aber wir haben diese harten Zeiten durchgestanden und jetzt freuen wir uns auch schon auf das zweite Album.

Ihr beschreibt euren Musikstil als „dreamy Cute-Punk“. Das muss sich nicht zwingend widersprechen, ist aber irgendwo doch eine seltene Kombi.

Matthäus Jandl: Das ist mehr so humoristisch gemeint. Wenn ich die Musik beschreiben würde, würde ich sie jetzt nicht als dreamy Cute-Punk bezeichnen. Das ist mehr so ein Eyecatcher als eine wirkliche Beschreibung.

Quasi die reißerische Schlagzeile eurer Instagram-Biografie.

Beide: Genau!

Bild Love A.M.
Love A.M. (c) Harald Leitner

„WIR WOLLTEN NIE AUSSCHAUEN WIE EINE 80ER-BAND ODER SOWAS IN DER ART“

Ihr stecht sehr mit eurer 90er und 2000er – Ästhetik hervor. Wie seid ihr zu der gekommen?

Paul Pirker: Matthäus.

Matthäus Jandl: Ich bin Grafikdesigner und ich habe einfach Sachen gemacht, wo ich mir dachte, dass die zur Band passen – das war einfach das. Es ist auch lustig, weil alle schreiben so “Zurück in die 80er-Jahre, Retro-Musik” und solche Dinge, aber das war überhaupt nicht unser Ziel. Wir haben einfach Musik gemacht und ich habe versucht, Grafik zu gestalten, die das einfängt. Aber wir wollten nie ausschauen wie eine 80er-Band oder sowas in der Art, da war kein Gedanke dahinter.

Das ist interessant, weil ihr als Bandkollektiv doch irgendwie sehr nach 2000er ausschaut, finde ich. Vor allem, wenn man sich das Gruppenbild auf der Homepage ansieht. Und das, obwohl ihr ja alle selbst noch ziemlich jung seid.

Matthäus Jandl: Also der Luki ist eh schon 34. [lacht] Aber wir sind auf jeden Fall sehr beeinflusst von dieser Generation. Wir haben ältere Geschwister, die aus der Generation kommen. Dieser Early 00er Indie-Pop oder auch diese frühe Alternative-Musik war ein sehr großer Einfluss von uns. Wie THE SMITHS oder THE STROKES, damit können wir uns schon ganz gut identifizieren, glaube ich. Das sind weniger bewusste Entscheidungen, als dass es einfach passt. Das eine führt zum anderen. Je nachdem, wo man sich wohlfühlt.

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Momentan gibt es aber ganz gute Aussichten, was Veranstaltungen und Konzerte angeht. Habt ihr irgendein bestimmtes Ziel für dieses Jahr, irgendetwas, das ihr gern von eurer Bucketlist streichen würdet?

Matthäus Jandl: Wir sind dieses Jahr eh schon ziemlich durchgeplant, was Konzerte betrifft. Wir spielen in zwei Wochen am styrian sounds in Graz, am 18.05. im Fluc Wien und haben ein paar Konzerte im Sommer und Herbst in Aussicht. Dann schauen wir weiter. Ich glaube, wir sind zufrieden, wenn wir ein paar Sachen spielen und uns dann aufs nächste Jahr fokussieren können. 

Gibt es irgendeinen großen Traum, wo ihr sagt “Da möchten wir unbedingt mal hin”?

Matthäus Jandl: Primavera Sound, oder?

Paul Pirker: Primavera Sound, Barcelona. 

Aber das ist aktuell noch eher weit entfernt?

Paul Pirker: Ja. Na obwohl, Mavi Phoenix hat vor ein paar Jahren mal gespielt. Also es ist nicht unmöglich als Österreicher.

Matthäus Jandl: Es haben sogar mehrere Österreicher schon gespielt, glaube ich. Wäre aber echt cool, auf jeden Fall.

„MAN HAT SCHON EINE GEWISSE NOSTALGIE DEM GEGENÜBER, ABER MAN SCHÄMT SICH AUCH EIN BISSCHEN“

Habt ihr irgendwelche Gigs gehabt die letzten Jahre, die euch bis heute noch im Gedächtnis bleiben?

Matthäus Jandl: Also durch Corona haben wir ja nicht so viele Konzerte gespielt, aber unsere beiden Release-Shows in den letzten Wochen waren eigentlich sehr schön. Die haben uns allen sehr viel Spaß gemacht. Aber wenn ich zurückdenke an unser erstes Konzert, das war 2017 auf der Murinsel in Graz. Das war jetzt nicht irgendwie extrem schlecht, aber es hat nichts mehr mit dem zu tun, was wir jetzt machen. Da sind schon Welten dazwischen. Man hat schon eine gewisse Nostalgie dem gegenüber, aber man schämt sich auch ein bisschen. [lacht]

Paul Pirker: Es gibt auch Videoaufnahmen. Also alleine, wie wir ausgeschaut haben, das war irgendwo schon schlimm. Da waren wir quasi einfach so Teenager, die ein bisschen Gitarre spielen. Man fühlt sich nicht wahnsinnig gut, wenn man das anschaut. 

Aber dann ist immerhin eine Entwicklung da. Danke für das Gespräch!

Katharina Reiffenstuhl

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