„Diese Vielfalt ist unser Markenzeichen.“ – Birgit Hinterholzer (Generalsekretärin der Jeunesse) im mica-Interview

Mit der Saison 2026/27 setzt die Jeunesse Österreich ihren Weg zwischen Konsolidierung und Aufbruch fort. Trotz weiterhin herausfordernder Rahmenbedingungen zeigt sich das Programm vielfältig, experimentierfreudig und reich an Höhepunkten. Sechs Konzerte mit Jugendorchestern im Goldenen Saal des Wiener Musikverein, neue Formate der Musikvermittlung wie „Mit Baby Singen“ sowie drei spannende Featured Artists – Maria Sotriffer, das Klavierduo Gugg und UkU – stehen exemplarisch für eine Saison, die musikalische Vielfalt und neue Zugänge gleichermaßen betont. Ergänzt wird das Programm durch die Jeunesse-Allstars, die ihren Anteil an einer erfolgreichen Saison leisten werden. Generalsekretärin Birgit Hinterholzer spricht mit Michael Ternai über den Mut zu Experimenten, die zentralen Formate der kommenden Saison und die Rolle der Jeunesse als Sprungbrett für neue Generationen von Musikerinnen und Musikern.

Die Jeunesse hatte in den vergangenen Jahren finanziell zu kämpfen. Wie sieht es aktuell aus? Ist es gelungen, die Jeunesse wieder auf gesunde Beine zu stellen?

Bild der geigerin Maria Sotriffer
Featured Artist Maria Sotriffer © Peter Griesser

Birgit Hinterholzer: Hinter der Jeunesse liegen zwei sehr harte Jahre, aber jetzt kann ich mit Zuversicht sagen, dass wir die Zukunft schaffen. Ich bin optimistisch – und freue mich auf die Zukunft. Wir sind noch mitten in einer Sanierung. Dennoch ist es uns gelungen, wieder ein umfangreiches Programm auf die Beine zu stellen.

Wenn man sich durch das Programm liest und sieht, wie vielfältig es ausgefallen ist, merkt man diese Sanierungsmaßnahmen kaum.

Birgit Hinterholzer: Das ist unser Ziel. Diese Vielfalt ist unser Markenzeichen. Unsere Rolle ist es, jungen Menschen diese Bühne zu bieten. Das ist unser Auftrag – und mit dem neuen Programm kommen wir ihm sehr gut nach.

Zum einen wird versucht, jungen Leuten eine Bühne zu bieten, zum anderen sollen auch junge Menschen für Musik begeistert werden. Die Jeunesse macht das, indem sie vermehrt aus den Konzertsälen hinaus in die Bezirke geht.

Birgit Hinterholzer: Das ist kein neuer Weg – aber einer, den wir konsequent weitergehen. Wir sind schon in den vergangenen Saisonen hinaus in die Bezirke gegangen und haben immer wieder neue Veranstaltungsorte hinzugenommen, etwa das Theater am Werk oder die Ottakringer Brauerei. In der kommenden Saison wird noch das Gleis 21 im zehnten Wiener Gemeindebezirk dazukommen. Wir haben gemerkt: Wenn wir mit unseren Formaten an diese Orte gehen, wird auch das Publikum immer jünger. Wir hatten zum Beispiel vor wenigen Wochen in der Halle E im MuseumsQuartier eine Aufführung der Carmina Burana mit einem Chor von über 200 jungen Menschen, wobei der Hauptchor aus Personen zwischen 15 und 25 Jahren bestand. Wenn so viele junge Menschen auf der Bühne stehen, sind auch viele junge Menschen im Publikum.

So kommen wir zu den Menschen. Gleichzeitig laden wir mit Formaten wie den Jugendorchestern und den jungen Solistinnen und Solisten junge Menschen ein, zu uns zu kommen – etwa in den Musikverein, in die großen Säle. Wir sagen ihnen: „Kommt, wie ihr seid.“ Wenn ich es als Gastgeberin schaffe, dass sich meine Gäste wohlfühlen, dann kommen sie gerne wieder.

Bild Paul Pichler © Peter Griesser
Featured Artist Paul Pichler © Peter Griesser

Besonders an den Saisonprogrammen ist auch immer die Auswahl der Featured Artists. In der kommenden Saison sind es die junge Geigerin Maria Sotriffer, das Klavierduo Gugg sowie der Beatboxer Paul Pichler alias UkU, der in seiner Disziplin 2024 österreichischer Staatsmeister wurde. Seine Einbindung ins Programm kann man durchaus als Experiment bezeichnen.

Birgit Hinterholzer: Ja, das ist ein Experiment – und genau das wollen wir. Seine Stimme ist sein Instrument – und was Paul Pichler damit erzeugt, ist klanglich enorm. Wir kombinieren ihn mit verschiedenen Formationen: mit einem Countertenor, einem Streichquartett, einem Chor. Mit UkU veranstalten wir auch Workshops in den Bundesländern. Diese Kunstform braucht mehr Bühne – und wir geben sie ihr.

Kennengelernt habe ich ihn, als seine Mutter bei uns in einem klassischen Orchester gespielt hat. Er hat sich bei mir vorgestellt und gesagt: „Meine Mutter spielt heute auf der Bühne, aber vielleicht gibt es für mich ja auch einmal etwas zu tun.“ Ich habe ihm dann meine Karte gegeben und gesagt, er solle sich melden, wenn er Interesse hat. Und noch bevor ich in der Straßenbahn saß, hat er mir schon geschrieben.

Einen wichtigen Part nehmen in der kommenden Saison auch die Allstars ein.

Birgit Hinterholzer: Das ist ein zentrales Format für uns. Als wir unsere Allstars um ihre Mitwirkung gebeten haben, hat mich als Erster Clemens Hagen angerufen und gesagt, er würde gerne gemeinsam mit seiner Tochter Julia Hagen für uns spielen. Am Ende waren es so viele Allstars, die sich bereit erklärt haben mitzutun, dass wir Schwierigkeiten hatten, alle unterzubringen. Es wird drei Konzerte geben und unser Ziel ist es, dieses Format auch in der nächsten Saison fortzuführen.

Besonders schön ist, dass in jedem dieser Konzerte auch junge Künstlerinnen und Künstler dabei sind. So wird Elisabeth Leonskaja mit einem ganz jungen Pianisten vierhändig spielen und Matthias Schorn, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, mit einem jungen Klarinettisten musizieren. Das sind wunderbare Chancen, die hier vergeben werden. Dieses Format zeigt auch die Verbindungen auf, die wir haben. Beim Jeunesse-Jubiläum 2024/25 hat uns Stardirigent Zubin Mehta eine Videobotschaft geschickt, in der er gesagt hat, dass seine Karriere ohne die Jeunesse nicht so verlaufen wäre.

Bild Klavierduo Gugg
Featured Artist Klavierduo Gugg © Peter Gries

Die Jeunesse als Sprungbrett – das gilt offenbar bis heute.

Birgit Hinterholzer: Julia Hagen ist ein schönes Beispiel dafür. Sie hat mir vor Kurzem erzählt, dass sie mit der Jeunesse so viele erste Male erlebt hat: das erste Mal als Solistin mit einem Orchester, das erste Mal ein Konzert im Musikverein, das erste Mal eine Tour durch Österreich. Jetzt schließt sich der Kreis.

Die Jeunesse hat 24/25 vom Abo-Modell Abschied genommen. Wie wurde das neue Modell angenommen?

Birgit Hinterholzer: Was gibt es für Gäste Schöneres, als frei wählen zu können? Wir gehen diesen Weg nun die dritte Saison und merken, dass er sich immer besser durchsetzt und von den Menschen zunehmend angenommen wird. Sie haben die Möglichkeit, etwa drei Konzerte der Wiener Symphoniker zu wählen und dann vielleicht noch ein Beatbox-Konzert oder etwas für die ganze Familie. Das ist maximale Flexibilität – und genau das wollen wir. Dadurch verkaufen wir allerdings jedes Konzert einzeln. Weil wir kein eigenes Haus haben, müssen wir das Publikum immer wieder neu überzeugen und erneut einladen, zu uns zu kommen. Und es funktioniert.

Nach den zwei schweren Jahren, die die Jeunesse hinter sich gebracht hat: Mit wie viel mehr Erleichterung gehen Sie in die kommende Saison? Lässt sich diese vielleicht wieder etwas mehr genießen?

Birgit Hinterholzer: Befreit würde ich es noch nicht nennen – aber wenn ich im Konzert sitze, kann ich es sehr genießen. So ein Konzert ist der krönende Abschluss eines Arbeitstages. Und wenn man diese begeisterten Menschen sieht – vor allem auch die begeisterten Künstlerinnen und Künstler, wenn ein Konzert gelingt –, dann ist das das Schönste an dieser Arbeit. Und der beste Grund, diesen Weg weiterzugehen.

Vielen Dank für das Interview.

Michael Ternai

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