Walter Kobéra beim Dirigieren
(c) Armin Bardel

Der Skandal fällt aus – mica-Interview mit Walter Kobéra zur Staatsoperette 2016

Ihre Fernseh-Uraufführung 1977 gilt als einer der wenigen österreichischen Musiktheaterskandale der letzten Jahrzehnte. Die Bregenzer Festspiele stellen Franz Novotnys und Otto M. Zykans „Staatsoperette“ vierzig Jahre später erstmals szenisch zur Diskussion. Christian Heindl sprach mit dem musikalischen Leiter Walter Kobéra über den Versuch zur Wiederbelebung.

 Sie gilt als ein großer, typisch österreichisch aufgeplusterter Skandal: die Premiere von Franz Novotnys und Otto M. Zykans „Staatsoperette“ 1977 im ORF-Fernsehen. Ähnliche Aufregung verursachten allenfalls Lotte Ingrischs und Gottfried von Einems „Jesu Hochzeit“ oder im Sprechtheater Peter Turrinis „Rozznjogd“, Wolfgang Bauers „Gespenster“ sowie Thomas Bernhards „Heldenplatz“. Alles das spielte sich in den 1970er- und 1980er-Jahren ab. Ein Vorwurf, den einer der schärfsten Kritiker des Werks vor vier Jahrzehnten vorbrachte, lautete auf historische Ungenauigkeit bzw. Vereinfachung und auf Anstiftung eines „Kirchenkampfes“. Kann so etwas im heutigen Österreich noch aufregen, erregen?

Walter Kobéra: Die Absicht einen Skandal zu provozieren, misslingt meistens. Dazu braucht es auch ein entsprechendes Gegenüber. Mit einem katholischen Thema, wie in der „Staatsoperette“, kann man heute nicht skandalisieren.

War demnach das historische Sujet der Zwischenkriegszeit in Österreich für Sie ausschlaggebend das Werk aufzugreifen, um dem Zuseher eine Situation vor Augen zu führen, die in mancher Hinsicht dem Heute nicht so unähnlich ist?

Walter Kobéra: Bei mir hat in der Schule die Beschäftigung mit der unglaublich grauslichen Zeit des Nationalsozialismus etwas ausgelöst. Dorthin hat der Austrofaschismus der Zwischenkriegszeit hingeführt. Man ist schon versucht zu sagen, die Geschichte wiederholt sich. In den 1930er-Jahren gab es ein derartiges Misstrauen zwischen Links und Rechts – den Sozialisten und den Christlichsozialen. Die Sozialisten haben ihre eigene Basis nicht mehr im Griff gehabt, das kann heute auch passieren – Diese Situation hat mich an diesem Stück fasziniert.

Der aktuelle Zusammenhang mit der innenpolitischen Polarisierung in Österreich ist verblüffend. Sehen Sie darüber hinausgehende Parallelen zum Jetzt?

Walter Kobéra: Wenn wir uns anschauen, welche Auflagen Österreich nach dem ersten Weltkrieg von den Siegermächten bekommen hat – da sind die heutigen Griechenland-Auflagen seitens der EU viel härter. Und man bedenke die Folgen der damaligen Auflagen für Österreich!

Enthält das Werk auch in Hinblick auf seine Figuren Allegorien zu Gegenwärtigem?

Walter Kobéra: Mich interessierte die „Staatsoperette“ als Parabel. Schauen Sie sich die Typen an, die da drinnen vorkommen: Seipel als brutaler Politiker mit der gleichzeitigen Attitüde des Christlichsozialen.

Die Staatsoperette – von gestern?

Das ist ein entscheidender Punkt. Schon 1977 gab es den leisen Einwand, ein damaliges Publikum könne kaum mehr etwas mit den handelnden Figuren der Zwischenkriegszeit anfangen. Kommt das nicht heute noch viel mehr zum Tragen? Würde man auf der Wiener Kärntnerstraße eine Umfrage machen, wüssten wahrscheinlich nur sehr wenige, wer Ignaz Seipel war.

Walter Kobéra: Das ist ein wichtiger Punkt. Einerseits helfen wir durch die Inszenierung. Zum anderen ist es gar nicht so wichtig, zu wissen, wer die Figuren wirklich waren, weil sie austauschbar sind. Es geht im Wesentlichen um die Assoziationen, die beim Publikum frei werden. Es geht auch nicht um die Handlung, wie sonst im Theater. Wir stellen die Wandlung dar: Der Mussolini des Stücks verhält sich auch wie Berlusconi. Und es geht um die Sehnsucht nach einer Führungspersönlichkeit – damals wie heute. Was rauskommt ist, dass viele heute zerstören wollen. Und das war die Situation im Austrofaschismus.

Ist die „Staatsoperette“ demnach sogar so etwas wie ein Lehrstück: Passt auf, was passieren kann?!

Walter Kobéra: Mit dem Begriff des Lehrstücks tue ich mir schwer. Das Stück ist nicht belehrend, es werden einfach die Leute gezeigt.

Ein Stichwort der seinerzeitigen Kritik war, es handle sich um „Blasphemie“. Spielt Religion in der neuen Produktion überhaupt eine Rolle?

Walter Kobéra: Für mich nicht. Aber natürlich spielt Seipel, der Prälat war, eine tragende Rolle.

Die Staatsoperette 2016

Die ursprüngliche Fernsehfassung der „Staatsoperette“ war ja nur ein Fragment des damals geplanten Gesamtwerks. Inwieweit weicht die nunmehrige Version von diesem Fragment ab?

Walter Kobéra: Die aktuelle Bühnenfassung haben Irene Suchy und Michael Mautner erstellt. Michael Mautner hat einige Kompositionen von Zykan hinzugefügt und das Ganze für 23 Musiker neu instrumentiert. Es handelt sich aber ausschließlich um Musik von Zykan, es gibt nichts neu Komponiertes dabei. Manches wurde singbarer gemacht – es gab da ursprünglich Extremlagen, die jetzt vermieden wurden. Stellenweise ist es auch schärfer geworden.

Die „Staatsoperette“ gelangt in dieser Fassung am 2. August 2016 auf der Werkstattbühne in Bregenz zur Uraufführung und wird am 13. September Premiere im Wiener Theater Akzent haben. Kommen wir noch kurz zum zweiten Stück in der Herbstplanung der Neuen Oper Wien: Am 25. Oktober bringen Sie Ernst Kreneks „Pallas Athene weint“ im Wiener MuseumsQuartier heraus. Auch das ist ein politisches Stück – vom Komponisten ursprünglich als Spiegelbild der Zustände der Entstehungszeit, der 1950er-Jahre in den USA, gedacht. Ich vermute, die Aufeinanderfolge der beiden Werke ist kein wirklicher Zufall?

Walter Kobéra: „Pallas Athene weint“ hatte ich schon lange auf meiner Liste. Vielleicht wird jemand sagen, „Karl V.“ ist besser – aber darauf antworte ich ganz frech: Man führt den „Lucio Silla“ auch auf. An „Pallas Athene“ hat mich das Libretto gefangen, das ja von Krenek selbst stammt. Man glaubt nicht, dass das antik ist: Die Figuren stehen plastisch vor einem. Insofern ist auch die Kombination mit „Staatsoperette“ wiederum sehr sinnvoll.

Herr Kobéra, nach dem Erzählten würde ich in Hinblick auf „Staatsoperette“ tatsächlich die Prognose wagen: 2016 – der Skandal fällt aus.

Walter Kobéra: Vielleicht fühlt sich jemand auf den Schlips getreten. Aber es macht gar nichts, wenn es kein Skandal ist!

Vielen Dank für das Gespräch!

Christian Heindl

 

Die Staatsoperette bei den Bregenzer Festspielen (ausverkauft): 02. und 04.08.2016 , jeweils um 20 Uhr

Die Staatsoperette im Theater Akzent, Wien: 13., 16., 17. und 18.09., jeweils um 19 Uhr

Links:

www.neueoperwien.at

https://bregenzerfestspiele.com

www.akzent.at