„DER REIZ BEIM SCHREIBEN IST DINGE VON EINER ANDEREN SEITE ZU BETRACHTEN“ – GARISH IM MICA-INTERVIEW

Auch wenn bereits rund 8 Jahre seit dem letzten Album von GARISH vergangen sind, untätig war die Band nicht: es gab im Jahr 2023 die Kompilation „Hände hoch ich kann dich leiden“ und diverse Filmmusik-Arbeiten. Im Gespräch mit Jürgen Plank erzählt GARISH-Sänger Thomas Jarmer von früheren und aktuellen Herausforderungen im kreativen Prozess. Und er spricht darüber, inwiefern sich die äußeren Umstände bei jeder Veröffentlichung geändert haben und warum das neue Album „Am Ende ist alles ein Garten“ wahrscheinlich nicht das letzte Album ist. Die Tour dazu beginnt am 20. März 2025 im Posthof in Linz.

Nach 8 Alben gibt es bestimmt eine Art Routine in Bezug auf das Veröffentlichen von Musik. Was war bei der Produktion dieses Albums außerhalb der Routine?

Thomas Jarmer: Das Veröffentlichen ist jedes Mal ganz anders, zwischen den Veröffentlichungen vergeht doch immer einige Zeit. Es war dieses Mal auch wieder aufregend und ein Abenteuer. Was heißt es denn nach 8 Jahren eine Platte zu veröffentlichen? Unter den aktuellen Umständen, die sich doch geändert haben. Die sich nicht immer zum Besten geändert haben. Es ist zumindest die Routine dabei, dass man zu Beginn der Produktion nicht immer alles wissen wollen muss. Diese Ruhe bei der Arbeit am Album zu haben und zu wissen, dass es auch den langen Atem braucht. Diese Routine haben wir definitiv. Der Weg bis zur Veröffentlichung war dieses Mal lange.

Inwiefern haben sich die Umstände in Bezug aufs Veröffentlichen geändert?

Thomas Jarmer: Wir machen das ja mit dem Ziel ein Album zu machen, sprich: Nummern, die miteinander in Summe ein großes Ganzes ergeben. Diesen Anspruch haben wir immer gehabt und der ist nach wie vor die treibende Kraft. Wir wollen nicht nur 4 Nummern machen und dann schauen, was damit möglich ist. Man legt sich die Latte damit jedes Mal hoch, weil der zeitliche Aufwand immer ziemlich groß ist. Aber es geht auch um die Frage, wie Musik heute wahrgenommen wird. Die Wege, die es in Bezug auf das Veröffentlichen und das Hören von Musik gibt: das sind alles Umstände, die nicht so schön sind. In unserer Blase haben wir das Glück, dass das Publikum mit den Ansprüchen, die wir selbst ans Musikmachen und ans Musikhören haben, mitgegangen ist. Dass Leute doch das Album kaufen und zu Konzerten kommen. Das war für uns auch ein langer Weg, der nicht leicht war. Für uns ist die Rechnung nicht so viel anders wie vor einigen Jahren, trotzdem sind die Umstände inzwischen zum Nachteil von Musikschaffenden oder Labelbetreiber:innen. Die Luft ist doch sehr dünn.

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Kommen wir zur zweiten Single-Auskoppelung „Pardon“. Dazu gibt es ein Video mit einer Gartenschaukel. Was ist die Idee hinter diesem Song?

Thomas Jarmer: Bei dieser Nummer geht es um das Angebot, es einander auch mal leicht zu machen. Ich nehme solche Gesten und Umstände sehr deutlich wahr und bin sehr glücklich darüber, wenn das passiert. Weil das auch eine eigennützige Sache ist. Die Nummer dreht sich darum, dass ein Angebot eine Hilfestellung für beide Seiten sein kann.

Zum Lied „Das können wir besser“ sind mir Sätze wie „wir schaffen das“ oder „so sind wir nicht“ eingefallen. Ist das ein Lied gegen diverse Krisen, die es aktuell auf der Welt gibt?

Thomas Jarmer: Vor allem stimmt der Satz. Es wäre viel mehr möglich, wenn die Konstellationen und die Personen die richtigen wären. Es hat wie oftmals sehr viel damit zu tun, dass sich das Große im Kleinen wiederfindet und umgekehrt. Es hat auch immer wieder mit diesem Wechselspiel bei einer Albumproduktion zu tun: in deinem Kreis von Personen und mit der Arbeit, mit der du beschäftigt bist, findest du – wenn du nach außen schaust – sehr viel, was einander ähnelt. Und da gibt es vielleicht den Rückschluss, dass im Kleinen Erprobtes auch im Großen gut funktionieren könnte. Damit beschäftigt man sich und manche Dinge erscheinen dann im Zuge einer Produktion so logisch, dass man darüber schreiben möchte. Wir hatten eine Phase bei der Produktion, in der ein Satz wie „das geht aber schon besser“ oder „das muss irgendwie anders gehen“ eine klare Forderung oder ein Wunsch untereinander war, diese Platte wirklich zu machen. Wirklich alles aufzunehmen, in einer Form, die wir alle als richtig und gut empfinden. Am Weg gab es viele verschiedene Stationen: verschiedene Studios, verschiedene Menschen, die da miteinbezogen waren. Der Wunsch, diese Platte zu machen, war einfach sehr groß. Auch im Wissen, dass es dabei ausreichend Sturheit, Durchhaltevermögen und langen Atem braucht. Am Ende haben wir es ganz nüchtern und klar festgelegt: bis zu diesem Tag muss das Album fertig sein. Weil es sonst wahrscheinlich nicht mehr fertig wird.

Damit zum Albumtitel und zum Titelstück „Am Ende ist alles ein Garten“: Der Garten ist in der Malerei spätestens ab dem 17. Jahrhundert ein Sehnsuchts-Motiv. Die gezähmte Natur im Kleinen als heile Welt einerseits bzw. der verklärte Garten Eden. Inwiefern knüpft ihr an dieser Geschichte an?

Thomas Jarmer: Wenn ich etwas davon ableiten würde, dann ist auch das ein von alleine unverkrampft wachsendes Element. Titel passieren bei uns nicht der Motivation folgend: welche Zeile bündelt am ehesten alles, was auf dem Album passiert? Bei einem Album brütet man immer lange über einem Spektrum an Themen und am Ende – durch irgendeinen Impuls – ist dann so eine Zeile da. Das macht dann im Rückschluss Sinn. Die Zeile war wie beim Album „Komm schwarzer Kater“ halt dann da. Es ist eine neue Erzählung davon, dass am Ende alles gut wird. Das ist ein bisschen sprichwörtlich, dafür habe ich ein Faible. Es ist auch eine Zeile, die man ganz gut gebrauchen kann. Gerade in der heutigen Zeit und bei einem langjährigen Prozess wie bei der Arbeit an dieser Platte.

Beim Schreiben von Texten ist das Finden einer Neuerzählung reizvoll für mich. Für Phrasen, die man nicht mehr hören kann – etwa „alles gut“ – braucht es dann eine Neuerzählung. Auch in der Politik müsste die Neuerzählung viel mehr Platz haben. Denn es heißt alles so schnell nichts mehr. Die Abnutzung ist dementsprechend groß. Der Reiz beim Schreiben ist Dinge von einer anderen Seite zu betrachten. Und damit auch eine ganz andere assoziative Ebene einzubringen. Das passiert dann aber eher als dass man es forcieren könnte.

Bild der band Garish auf Schaukel sitzend
Garish © Manuel Pitsch

Über euch ist zu lesen, dass euch in den letzten Jahren auch familiäre Verpflichtungen – sprich Nachwuchs – gefordert haben. Inwiefern haben sich solche Veränderungen auf euer Agieren als Band ausgewirkt?

Thomas Jarmer: Genau. Das hat unsere Kapazitäten extrem geschmälert. Dadurch sind wir aber auch effektiver geworden. Die Kinder sind zwischen 3 und 13 Jahren alt. Die Herausforderungen sind insofern auch ziemlich unterschiedlich. Mittlerweile bringen die Kinder Erinnerungen an die eigene Vergangenheit zurück. Da ist die zentrale Frage wieder: wie geht es mir mit den anderen? Diese Frage wird über die Kinder ganz gut herein gespielt und das hat auf dieser Platte auch Platz gefunden. Das sind kurze Ausschnitte, Szenarien und Gedanken, die kurz portraitiert werden und für die das eigene Kind der Auslöser ist.

„FRÜHER HAT UNSERE MUSIK STILISTISCH EINE GROSSE BANDBREITE GEHABT, WEIL 3 UNTERSCHIEDLICHE KOMPONISTEN DA WAREN“

Eure Bandgeschichte reicht über mehr als 25 Jahre zurück. Gibt es etwas, was ihr – im Rückblick etwa auf die erste oder zweite Platte – lieber anders gemacht hättet?

Thomas Jarmer: Relevant ist, was wir heute anders machen. Früher hat unsere Musik stilistisch eine große Bandbreite gehabt, weil 3 unterschiedliche Komponisten da waren. Die Texte sind am Beginn aus gutem Grund sehr verschlüsselt und kryptisch geschrieben worden, weil es um sehr persönliche Dinge gegangen ist. Das hat sich im Laufe der Zeit zum Teil um 180 Grad gedreht. Jetzt berücksichtigen wir viel mehr ein homogeneres, musikalisches Gefüge aus Stücken, die ein Album ergeben. Beim Texten war ich ab irgendeinem Zeitpunkt auch mit mir fertig. Dann beginnt man auf andere zu schauen. Sodass man nicht nur damit zu tun hat: wie bin denn ich und wie geht es mir? Sondern: wie geht es mir mit den anderen? Damit will man auch teilweise verständlicher werden. Weil es um jemand anderen geht, dem man einen Inhalt teilweise aufs Knie nageln will und dem man etwas verständlich machen will. Man will Verbindungen schaffen.

Wie war das früher?

Thomas Jarmer: Das war früher etwas, was mich auf einer Bühne komplett überfordert hat. In den ersten Jahren waren wir so sehr mit uns selbst beschäftigt, dass sich das auf alles ausgewirkt hat. Auch auf der Bühne. Der Bühnenrand war gleichzeitig auch ein Schlussstrich. Über den Bühnenrand hinaus zu spielen, hat die Band deutlich verändert. Es ging auch darum, Vertrauen ins Publikum zu finden. Die Dynamik bei einem Konzert heute, war früher nicht denkbar. Jetzt ist eine Verbindung da, auch wenn das romantisch und abgedroschen klingt.

Albumcover Am Ende wird alles ein Garten
Albumcover “Am Ende wird alles ein Garten”

An diesem Punkt seid ihr jetzt angekommen. Wie kann es noch 10, 15 oder 25 Jahre lang weitergehen?

Thomas Jarmer: Das kann mittlerweile einigermaßen würdevoll passieren. Die Vorzeichen stehen ja gut, dass es auch weitergehen kann. Wir haben ab irgendeinem Zeitpunkt die Angst verloren, dass das neue Album das letzte Album gewesen sein könnte. Wir gehen eigentlich aus der Arbeit an einem Album mit dem Gedanken raus, dass es das letzte Album gewesen sein könnte. Was nicht heißt, dass man nicht mehr auf Tournee gehen würde. Aber: dass es eher aufgrund der Umstände schwieriger wird.

Die produktive Chemie untereinander hat sich zwar verändert, aber sie ist nie an dem Punkt angekommen, an dem man das Gefühl hat, die Geschichte ist jetzt fertig erzählt und darüber hinaus wäre es nur mehr ein Verwässern oder Verlängern eines Komfortbereichs, in dem man sagt: es ist doch angenehm in der aktuellen Dimension Konzerte spielen zu können, machen wir noch eine Platte, damit wir wieder unterwegs sein können und dann schauen wir mal. Eine neue Produktion beginnt immer damit, dass man die neu entstehende Musik wichtig nimmt oder nicht. Bisher war es immer der Fall, dass man die auch wichtig nehmen kann, weil man sonst alles, was danach kommt, nicht macht. Insofern würde ich jetzt also sagen: es könnte das letzte Album gewesen sein, muss aber gar nicht das letzte gewesen sein. Und beides ist okay.

Gibt es musikalische Ansätze, über die ihr euch noch nicht drüber getraut habt? Die ihr aber immer wieder mal im Proberaum versucht?

Thomas Jarmer: Für mich sind Stücke, die gute Laune beinhalten, schon immer wieder dünnes Eis. Solche Stücke sind für mich beim Schreiben der Texte eine große Herausforderung. Alles andere passiert ganz leicht. Wir haben für die neue Platte zum Teil Coverversionen von fast fertigen Stücken gemacht, weil wir mit deren Form nicht ganz zufrieden waren. Dann haben die Stücke mit einem positiven musikalischen Ansatz auf melancholische Art und Weise plötzlich funktioniert. Eine wirkliche Herausforderung wäre ein happy sound. Die Frage ist: braucht man das? Muss ich das haben? Viele Nummern sind Herausforderung genug. Manche funktionieren ganz einfach, ohne viel über sie nachzudenken. An anderen Stücken arbeitest du mehrere Jahre lang, um vielleicht wieder dorthin zu kommen, wo du begonnen hast. Aber die Umwege sind trotzdem notwendig, um am Ende zu wissen, dass das Ergebnis vielleicht doch richtig ist.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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Garish live:
20.03.25 Posthof, Linz
21.03.25 Orpheum, Graz
22.03.25 Spielboden, Dornbirn
04.04.25 Bäckerei, Innsbruck
05.04.25 ARGEKultur, Salzburg
10.04.25 WUK, Wien
11.04.25 Kulturhof, Villach

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