Maraskino (c) Wolfgang Bohusch
Maraskino (c) Wolfgang Bohusch

Corona Notizen #9: Maraskino

Covid-19 lässt den Festivalsommer 2020 versiegen. Der Großteil der Clubs und Konzerträume hat trotz voranschreitenden Lockerungen geschlossen. Konzerte sind derzeit vorwiegend – wenn überhaupt – im digitalen Raum zu finden. Neben den großen Pop- und Jazz-Festivals, wurden zahlreiche internationale Touren und Gigs abgesagt, Release-Termine verschoben. Wie Österreichs Musikschaffende mit der Situation umgehen, was sie beschäftigt und wie sie ihre Zeit verbringen, erfragen wir in der Serie Corona Notizen”.

Wo seid ihr gerade?

Maraskino: Melody Maraskino und ich (Roy Happy) befinden uns gerade in Wien, Kartello Skarlatti unsere Schwester an den Drums in seiner Hütte neben dem Hühnerstall irgendwo in Niederösterreich.

Wo wärt ihr gern?

Maraskino: Gemeinsam in einer Sauna oder einem türkischen Bad. Oder noch besser in einer Oase. Irgendwo, wo Milch und Honig fließen.

Wie stark seid ihr von Konzertausfällen betroffen?

Maraskino: Da am 11.06. der Release unseres Debut-Albums “Happy End” war, haben wir die Auswirkungen der Corona-Krise sehr stark gespürt. Mehr oder weniger alle Konzerte, die wir rund um den Release geplant hatten, wurden abgesagt. Das wäre so schon schlimm, aber in Kombination mit dem Release ist uns der wichtigste Teil der Promo verloren gegangen: die Live-Konzerte.

Wie geht ihr mit der Situation um?

Maraskino: Wir versuchen das beste daraus zu machen. Das Release Konzert war am 11.06. im Werk in Wien. Das fand unter ganz anderen Bedingungen statt: wir haben das Konzert ohne Publikum gespielt und den Live-Stream nach draußen auf die “Kultur-Terrasse” übertragen und als Video-Stream ins Internet.

Habt ihr die Zeit bislang genutzt, um Musik zu machen?

Maraskino: In den ersten Wochen der Corona-Krise und während des Lockdowns, waren wir teilweise wie paralysiert. Das erste Mal in meiner Laufbahn als Musiker, hatte ich für mehrere Wochen keine Auftritte und keine Proben. Zuerst wusste ich nicht, was ich mit der Zeit anfangen sollte. Gleichzeitig hatte ich immer wieder Panik, weil die Einkommenssituation auf unabsehbare Zeit unklar war. In den wenigen Tagen, an denen ich die gewonnene “Freizeit” genießen konnte, habe ich seit langem mal wieder einfach so zum Spaß die Gitarre in die Hand genommen und drauf los gespielt.

Roy Happy (c) Wolfgang Bohusch
Roy Happy (c) Wolfgang Bohusch

Nachdem die ersten “Lockerungen” in Kraft getreten sind, haben wir nach Möglichkeiten gesucht, wieder gemeinsam an unserer Musik zu arbeiten und uns gegenseitig Aufnahmen zugeschickt und weiter an den Songs gearbeitet.

Wie geht ihr mit der Probensituation um?

Maraskino: Wir haben das Glück, dass wir nur zu dritt sind und sich der Mindestabstand in unserem Proberaum so gut ausgeht. Deshalb sind wir schon wieder am gemeinsamen Proben.

Hättet ihr einen Release geplant, der entweder in den letzten Monaten erschienen wäre oder in den nächsten Monaten erscheinen wird?  

Maraskino: Wie vorher erwähnt war unser Album Release am 11.06.. Wir haben lange überlegt, wie wir mit der Situation umgehen sollen und haben uns dann trotz der widrigen Umstände dazu entschieden, das Release-Konzert durchzuführen. Wir arbeiten seit gut zwei Jahren an dem Album und hätten es mehr als traurig gefunden, die Veröffentlichung nicht zu zelebrieren. 

Wie bewertet ihr Live-Streams?

Maraskino: Am Beginn des Lockdowns waren wir wahrscheinlich alle über die Möglichkeit Live-Streams zu machen und diese anzusehen und anzuhören sehr glücklich. Es gab uns die Möglichkeit unseren Beruf zumindest auf eine gewisse Weise weiter zu führen. Schnell wurde mir aber klar, dass ein Live-Stream niemals ein Konzert-Erlebnis ersetzen kann, weil ein Stream einfach etwas ganz anderes ist und mit einem Konzert gar nicht vergleichbar. Gleichzeitig haben sich aus der Not auch spannende neue Perspektiven eröffnet, z.B. Live-Streams mit interaktiven Möglichkeiten.

Habt ihr Lust ein Online-Konzert zu spielen? Unter welchen Voraussetzungen?

Maraskino: Eigentlich hält sich das Verlangen nach Online-Konzerten in Grenzen. Spannend würde ich Online-Konzerte finden, die gar nicht versuchen ein echtes” Konzerterlebnis zu imitieren. Also neue, interaktive Konzepte, bei denen z.B. die Zuseher*innen entscheiden können, was die Performer*innen spielen bzw. machen sollen, die Kameraperspektiven gewählt werden kann, oder in Kontakt mit den Performer*innen und den anderen Zuseher*innen treten können.

Welche Musik hört ihr zurzeit? 

Maraskino: Kirin J Callinan, eine wahnsinnig inspirierende Neuentdeckung von uns:

Mr Real:

Wie ist eure Perspektive für die Zukunft?  

Maraskino: Die Corona-Krise zeigt ganz viele Fehlentwicklungen unserer Gesellschaft auf. Abgesehen von der Ausbeutung billiger Arbeitskräfte (Pflegeberufe, Erntehelfer*innen usw.) und anderer globaler Missstände, zeigt es die Prekarität der Kunst- und Kulturszene deutlich. Auch wenn wir in Österreich im Vergleich zu anderen Ländern bezüglich der langsam in Wirkung tretenden Hilfsfonds und Förderungen recht gut aufgestellt sind, zeigt sich, welches Bild ein großer Teil der Bevölkerung von uns Künstler*innen hat. Dazu reicht z.B. ein Blick in das Standard-Forum, wenn über die prekäre Situation von Kunstschaffenden berichtet wird. Allgemein wird angenommen, dass der Beruf der Künstler*in nicht mehr als ein Hobby ist, wo man mal schnell ein wenig Farbe auf ein Bild spritzt und dann um tausende Euros verkauft wird und noch dazu einen großen Betrag an Förderungen zugeschoben bekommt. Zu hoffen bleibt, dass durch das Fehlen des gewohnten Kulturbetriebs, die Notwendigkeit und gesellschaftliche Relevanz von Künstler*innen wieder mehr Anerkennung findet. Allerdings ist, wegen des momentanen, reaktionären politischen Mainstreams, leider nicht damit zu rechnen.

Was wird sich verändern?

Maraskino: Solange es keinen Impfstoff gibt, wird es Konzerte in der Art, wie wir das gewohnt waren, nicht geben. Zu hoffen ist, dass die Kulturszene gemeinsam mit den politischen Verantwortlichen, Ideen entwickelt, die einen Kulturbetrieb zu lassen, der sowohl die künstlerischen und finanziellen Bedürfnisse der Künstler*innen und die sozialen Bedürfnisse der Konsument*innen berücksichtigt.

Ist es euch wichtig, mit euren „Fans“ verbunden zu bleiben in dieser Zeit?

Maraskino: Auf jeden Fall. 

Wie bewertet ihr die Rolle von Social Media? Wie geht ihr damit um?

Maraskino: Social Media spielt ohne Frage eine riesige Rolle in der Kulturszene. Nichts desto trotz ist es schon einigermaßen besorgniserregend, dass sich mehr oder weniger alles auf einer Handvoll Plattformen abspielt und eine Karriere ohne Social Media kaum vorstellbar ist.

Was bräuchte es jetzt? Welche konkreten Hilfestellungen wären nötig?

Maraskino: Wenn zu einem Konzert statt z.B. 200 Besucher*innen nur noch 50 teilnehmen können, sollte der Staat zu jedem Ticket den 3-fachen Ticketpreis dazu zahlen, damit die Venue und die Künstler*innen ihre regulären Gagen bekommen können.

Große, derzeit ungenutzte Räumlichkeiten sollten für den Kulturbetrieb geöffnet werden. Warum nicht einmal ein Rave am Flughafen Schwechat, der gerade sowieso leer steht?

Links:
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Maraskino (Website)