Für manche Bands ist Musik ein Medium, um sich mit komplexen Themen zu beschäftigen, bei denen normale Worte nicht mehr ausreichen. Zu jenen Bands zählt auch das Wiener Vierergespann FRACHILD. Rosa (Gesang, Gitarre, Bass), Gigi (Schlagzeug), Leonie (Keys, Cello, Backing Vocals) und Claudia (Gesang, Gitarre) schaffen es gemeinsam Lieder zu schreiben, die gleichzeitig ehrlich und doch vielschichtig klingen. Nach fünf Jahren haben sie nun ihre gemeinsame Arbeit in einen physischen Release gegossen. Ihre EP „Songs to Sing to Your Family Instead of Telling Them How You Really Feel“ (VÖ: 22.05.2026) beleuchtet unterschiedliche Situationen, die einem im Leben unterkommen. Im Interview mit Ylva Hintersteiner haben sie über diese Situationen gesprochen, darüber welche Bedeutung Musikvideos für sie haben und warum FRACHILD sich als richtige Proberaumband deklariert.
Erste wichtige organisatorische Frage – wie wird euer Bandname richtig ausgesprochen. Und gibt es eine Geschichte dazu?
Rosa: Den Namen spricht man Frä-child aus. Es ist eine Zusammensetzung, eine Art Kompositum aus „fragil“ und „child“. Die Geschichte dahinter ist eigentlich sehr simpel. Wir brauchten einen Bandnamen und irgendwann ist FRACHILD aufgetaucht. Uns war sehr schnell klar, dass das ziemlich gut unsere Musik ausdrückt.
Wie lang macht ihr bereits gemeinsam Musik?
Claudia: Es sind jetzt zirka 5 Jahre. Ursprünglich haben wir alle eigentlich einzeln mit Rosa Musik gemacht. Dann sind wir aber draufgekommen, dass es eigentlich doch möglich wäre, dass wir alle gemeinsam ein Projekt starten. Und so hat sich das Ganze dann entwickelt.
„Die Findungsphase war da schon sehr wichtig, um zu schauen, was überhaupt möglich ist und wo wir hinmöchten.“
Habt ihr leicht zu eurer gemeinsamen musikalischen Sprache gefunden?
Rosa: Ich würde schon sagen, dass wir von Anfang an leicht eine gemeinsame Sprache gefunden haben. Aber sie wurde auf jeden Fall mit der Zeit noch ausgefeilter.
Leonie: Wir hatten alle eine gewisse Vorstellung, wie diese Sprache klingen soll. Es hat aber definitiv gebraucht, bis wir da waren, wo wir jetzt sind. Die Findungsphase war da schon sehr wichtig, um zu schauen, was überhaupt möglich ist und wo wir hinmöchten.
Claudia: Es war für die meisten von uns auch eigentlich die erste richtige Banderfahrung. Und sowas muss sich einfach entwickeln.
Gibt es Bands oder Musiker:innen, die euch auf diesem Weg begleitet und inspiriert haben?
Rosa: Ja. Eine große Inspiration war die Band DAUGHTER. Die war im Songwriting durchaus immer eine konstante Inspiration. Gleichzeitig muss ich auch sagen, dass sich das auch verändert hat. Soundtechnisch ist es oft so, dass jemand von uns ein Lied hört und dann meint, dass es in diese Richtung gehen könnte. Schlussendlich wird daraus aber ohnehin immer etwas ganz Eigenes.
Leonie: Ich finde auch, dass es inzwischen gar nicht mehr solche spezifischen Bands gibt, die uns beeinflussen. Es geht dann eher mehr darum, wie ein Mix klingen soll.
Ihr habt eine doch recht ungewöhnliche instrumentale Besetzung mit dem Cello – einem Instrument, das in der klassischen Rockband-Besetzung eher selten auftaucht. Wie ist es dazu gekommen?
Leonie: Gute Frage! Als ich nach Wien gezogen bin, habe ich angefangen Cello zu spielen. Es eröffnet einfach mehrere Möglichkeiten, wenn die Instrumente eingebaut werden, die man spielen kann. Ich kenne jetzt auch keine Band, die Cello oder Geige auf diese Art und Weise in ihrer Besetzung haben. Für mich hat es dementsprechend auch nicht wirklich ein Vorbild gegeben. Ich habe ja schon vor der Band mit Rosa gemeinsam Musik gemacht und da war das Cello schon Bestandteil. Es wurde dann einfach mitgenommen.
Claudia: Wir haben das Instrument passend adaptiert und Leonie hat die Art und Weise, wie sie das Cello spielt, an unsere Musik auch angepasst.
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Ich bin ein großer Fan des Namens eurer kommenden EP „Songs to Sing to Your Family Instead of Telling Them How You Really Feel“. Nutzt ihr Musik, um Dinge auszusprechen, die in Gesprächen oft nur schwer über die Lippe gehen?
Rosa: Ja, definitiv. Und auch für Themen, für die es sonst schwer ist, die richtigen Worte zu finden. Da ist Musik ein guter Weg, um das subtiler zu machen und trotzdem ehrlich zu sein. Ohne aber jemanden zu involvieren oder zu verletzen. Es ist ein guter Verarbeitungsprozess, auch für Dinge, die vielleicht nicht nur einem selbst angehen.
„Wir sind alle auf unsere Art und Weise soziale Wesen, die in ihr Umfeld eingebettet sind, und nicht alleine dastehen.“
Familie ein komplexes Thema. Sie ist eigentlich präsent für jede Person in irgendeiner Form, aber doch sehr persönlich. Warum ist genau Familie die zentrale Thematik eurer ersten EP geworden?
Rosa: Weil das schon immer eine zentrale Thematik in unserer Band und in den Songs war, die wir schreiben. Wir sind alle auf unsere eigene Art soziale Wesen, die in ein Umfeld eingebettet sind und nicht isoliert dastehen. Familie ist dabei einfach ein allgegenwärtiges Thema, und wenn man möchte, kann man viele Dinge darauf zurückführen oder in diese Richtung interpretieren.
Wie kann ich mir euren Songwriting-Prozess vorstellen?
Leonie: Meistens gibt es bereits einen Text von Rosa oder Claudia sowie eine Grundmelodie oder eine Akkordfolge – also eine Basis, auf der man aufbauen kann. Das wird dann den anderen vorgestellt und präsentiert, und anschließend beginnt das gemeinsame Herumprobieren.
Gigi: Wir sind eine richtige Proberaumband und machen uns die Sachen über viele Stunden gemeinsam im Proberaum aus.
Claudia: Da gibt es auch lange Veränderungsprozesse.
Kommt es also eher selten vor, dass ein Lied an Tag Eins wirklich fix fertig wird?

Rosa: Ich glaube, das ist fast noch nie vorgekommen. Oft stehen dann schon eine Idee und eine Richtung, wohin es gehen kann. Es gibt aber auch Lieder, die uns über Jahre hinweg begleiten. Wir arbeiten aber dann auch nicht ständig am selben Material. Es gibt auch Versionen, die zunächst schon fertig wirken, uns nach einiger Zeit aber doch nicht mehr so gefallen. Dann strukturieren wir sie oft noch einmal komplett neu.
Leonie: Aber auf der EP sind zwei Lieder drauf, die wir fast in einem Tag geschrieben haben und die dann auch so in der geplanten Richtung geblieben sind. Natürlich mit Weiterbearbeitung, aber wir sind da dem Grundstock sehr treu geblieben.
Rosa: Diese Songs waren schon eine Zeitlang präsent und wir haben immer wieder probiert, sie zu gestalten. Aber so richtig ist es uns nicht aufgegangen. Und dann war plötzlich der Tag da, wo es funktioniert hat.
Claudia: Es gibt so Lieder, da muss einfach die Zeit reif sein. Wir probieren etwas und es funktioniert nicht. Aber ein halbes Jahr später ist dann plötzlich dieser Geistesblitz da.
Jeder der Songs erzählt eine ganz eigene Geschichte. Ein Lied das mir besonders im Ohr geblieben ist, ist „Sea“ – wie kam es zu dem Song?
Claudia: Auf den Text bezogen, ist das einer jener Songs, der sich mit etwas beschäftigt, dass einfach schwierig auszusprechen ist. In diesem Lied geht es zum Beispiel um psychische Erkrankung und das ist immer noch so eine Thematik, die schwer über die Lippen geht.
Das Musikvideo zu „This Ain’t A Party“ vermittelt eindringlich den Widerspruch von Begräbnis und Feier und doch lassen sich unweigerlich auch Parallelen ziehen – was war die Idee zur visuellen Umsetzung.
Rosa: Das Musikvideo ist in Zusammenarbeit mit Schwarzer Juice entstanden, einer guten Freundin von uns. Der Song selbst ist ja schon recht eindeutig, wenn man weiß, um was es genau geht. Die Konzipierung des Videos war vor allem eine Idee von Juice. Der Protagonist des Musikvideos ist tot, er selbst versteht das aber eigentlich nicht und wandert durch die Welt, bis er eben bei dieser Begräbnisparty ankommt. Es geht darum, die Befremdlichkeit der Thematik zu visualisieren. Gleichzeitig spiegelt sich auch wider, wie schwer es ist, diese Trauer anzunehmen, und auch wie unwirklich sich ein Verlust anfühlen kann.
Auch bei „If She Stayed“ ist ein Musikvideo angeteasert. Ist euch das generell ein Anliegen, eure Musik auch visuell zu untermalen?
Alle: Ja schon.
Leonie: Ich mag das Medium generell sehr gerne. Es erlaubt die Botschaft in der Musik nochmal auf eine andere Art zu übertragen und auf einer visuellen Ebene darzustellen. Manche brauchen das vielleicht einfach auch. Bilder zu haben, um sich noch leichter in die Welt hineinversetzen zu können. Und es macht auch immer Spaß die Videos zu gestalten und sie dann anderen Personen zu präsentieren. Für mich ist es auch eine Art abgerundete Sache, wenn dann zum Lied noch ein Video entsteht.
„Es hat voll Spaß gemacht und es war einfach ein schöner Entstehungsprozess gemeinsam in einem Raum Musik zu machen.“
Ich hab gelesen, dass die EP im Proberaum ohne Computer aufgenommen wurde – könnt ihr mich ein wenig durch den Entstehungsprozess führen.
Gigi: Echt sehr klassisch. Die Songs kommen am Anfang eher einfach mit Gesang und Gitarre daher. Dann checken wir uns das alle gemeinsam aus. Meistens ist es dann eine Handyaufnahme, die die letzte Version darstellt. Bei der EP jetzt haben wir Full-Band recorded, also alle gemeinsam in einem Raum. Paar Overdubs und Gesangsteile sind dann noch später dazugekommen. Aber grundsätzlich ist alles gemeinsam aufgenommen worden. Es war auch das erste Mal, dass wir so aufgenommen haben. Das war auch ein wenig die Idee von unserem Produzenten Luki, der sehr gerne live aufnimmt. Zuerst waren wir uns ein wenig unsicher, weil doch mehr Fehler passieren können und der Sound ein wenig rougher ist, als wären die Instrumente einzeln eingespielt. Aber es hat voll Spaß gemacht und es war einfach ein schöner Entstehungsprozess, gemeinsam in einem Raum Musik zu machen. Und es war auch sehr cool, dann zu hören, wie wir direkt aus dem Proberaum raus klingen.
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Ist das auch ein Sound mit dem ihr euch als Band gut identifizieren könnt?
Gigi: Ja, würde ich schon sagen.
Rosa: Momentan auf jeden Fall.
Leonie: Wir sind aber auch immer offen für Veränderung.
Gigi: Mir persönlich ist Live-Spielen das Wichtigste an der Musik und diesen Aspekt auch einzufangen, war auch so eine der Ideen der EP. Sie soll so klingen, wie wir auch sonst gern klingen würden, wenn die Hörer:in mit uns im Raum steht.
Gutes Stichwort: Eure Herangehensweise an Musik scheint sehr direkt – trotzdem ist es noch einmal ein Unterschied Musik auf Tape, Kassette oder im Stream zu hören, als sie live zu erleben – wie kann ich mir FRACHILD live on Stage vorstellen?
Rosa: Ehrlich, würde ich sagen. Wir machen keine Megashow. Wir sind alle nicht so die Showmaster, aber wir machen gerne Musik. Und das gerne live.
Leonie: Ich kann nur zitieren, was ich schon von anderen Leuten über uns gehört habe. Unter anderem wird darauf hingewiesen, dass man merkt, dass wir extrem gut miteinander befreundet sind und das kommuniziert dann auch eine Art intime Stimmung. Selbst nimmt man sowas dann auch immer ein wenig anders wahr. Aber wie Rosa schon gesagt hat, bei uns geht es weniger um die Show, sondern wir tauchen mehr in die Musik ein.
Wo kann man euch das nächste Mal live sehen?
Rosa: Wir spielen unsere EP-Release-Show am 26. Mai im Radiokulturhaus in Wien gemeinsam mit CRUSH.
Der EP-Release ist natürlich schon ein sehr großer Fokus in eurem musikalischen Jahr. Was habt ihr für heuer sonst noch etwas geplant?
Katrin: Shows buchen für nächstes Jahr! (alle lachen)
Gigi: Und munter weiterschreiben. Es macht gerade echt ur Spaß und es ist schön auch so viel Zeit in das Projekt investieren zu können. Es ist natürlich toll, dass wir jetzt einmal etwas Physisch veröffentlichen. Dann hoffentlich so viel wie möglich live spielen und bald darauf die nächste EP angehen.
Wird „Songs to Sing to Your Family Instead of Telling Them How You Really Feel“ auch in physischen Formen erhältlich sein?
Rosa: Yes. Es wird Kasetten und CDs geben. Erhältlich zum Beispiel bei der Release-Show!
Gigi: Und Platten folgen, wenn wir es uns leisten können.
Gibt es noch etwas abschließend etwas, dass ihr gerne ergänzen würdet?
Katrin: Ich glaub ich möchte sagen, dass ich dankbar bin, dass Leute immer wieder zu unseren Konzerten kommen. Dadurch ist es erst möglich, dass wir live spielen. Zu wissen, dass Leute uns gern zuhören, das macht das Ganze sehr schön.
Perfekte Abschlussworte – danke für das ausführliche Gespräch!
Ylva Hintersteiner
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Live:
26.05.: Radiokulturhaus Wien – gemeinsam mit CRUSH Tickets
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