Nach „Grenzenlos“ erscheint im Oktober 2026 mit „Odiseja“ das zweite Album von BABA YAGA, mit dem die Band ihre musikalische Reise zwischen Klezmer, Balkan, Gypsy Jazz und zeitgenössischer Weltmusik fortsetzt. Jürgen Plank hat mit RAFFAELLA DELLA GEMMA und JASMIN MEIRI über die Abenteuer des Odysseus und Querverbindungen zum Album genauso gesprochen wie über Live-Aktivitäten: BABA YAGA haben heuer bereits in Rom und beim berühmten Festival in Rudolstadt gespielt. Gänsehaut bekommt RAFFAELLA DELLA GEMMA während des Interviews als sie von einem besonderen Auftritt aus dem Jahr 2025 erzählt: der internationalen Gedenk- und Befreiungsfeier zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen. In diesem Rahmen hat die Band das von LEJB ROSENTHAL im Ghetto von Vilnius geschriebene Lied „Mir lebn eybik“ gespielt. Außer den beiden Interviewpartner:innen besteht die Band aus ANELA ČINDRAK (Akkordeon), DAVID MANDLBURGER (Gitarre) und FLORIAN GUNACKER (Kontrabass).
Im Oktober erscheint euer Album „Odiseja“. Längst in den Kinos ist ein möglicher Film des Jahres: „The Odyssey“ von Regisseur Christopher Nolan. Hat jemand von euch den Film gesehen?
Jasmin Meiri: Tatsächlich. Ich habe den Film vor ein paar Wochen gesehen und das war irrsinnig toll. Als wir den Album-Titel gewählt haben, wussten wir natürlich nicht, dass dieser Film heuer herauskommt. Ich glaube, wir haben den Album-Titel sogar schon im letzten Sommer gewählt. Das ist schon länger her und ein toller Zufall. Es war ein besonderes Erlebnis, den Film zu sehen und gleichzeitig zu wissen, dass wir am Album diese Reise auf unsere Art und Weise begehen. Es ist schön sozusagen den Ursprung dieser Geschichte noch mal kennenzulernen.
Welche Querverbindungen zwischen dem Film und eurem Album hast du erkannt? Gibt es da Überschneidungen?
Jasmin Meiri: Definitiv. Schon bevor ich den Film gesehen habe, haben wir darüber geredet: die Odyssee oder der Satz ich begebe mich auf eine Odyssee haben manchmal auch eine etwas negative Konnotation, was uns persönlich gar nicht stört. Ganz im Gegenteil: Odysseus erlebt auch schlimme Dinge oder leidet sehr, das gehört zum Leben dazu und so ist auch unser Repertoire – gut durchmischt. Wir haben diese fröhlichen, tanzbaren Songs und gleichzeitig viel Melancholie. Und auch etwas Sensibleres oder Sentimentaleres, vielleicht sogar Nostalgisches in unserem Repertoire. Und so ist halt das Leben. So habe ich auch den Film gesehen: dass Odysseus viel Schlimmes erlebt und leidet, aber dadurch auch dazu lernt und wieder zu sich findet und schließlich fast als besserer Mensch zurückkommt.
Da gibt es viele Abenteuer und Prüfungen, die zu bestehen sind. Habt ihr ein Lieblingsabenteuer?
Raffaella della Gemma: Ich habe letzten Sommer das Buch „Circe“ gelesen. Das ist gerade sehr bekannt und es ist ein feministisches Buch, mit einer feministischen Perspektive auf Odysseus’ Reise. Und ich habe im ersten Song „Odiseja“ die Perspektive einer Frau dargestellt: einer Frau, die auf ihn wartet. Circe lockt ihn irgendwie auch auf die Insel. Und ich frage mich auch immer: Wollte Odysseus überhaupt nach Hause fahren? Ohne diese Reise würden wir uns gar nicht an ihn erinnern und es gäbe die ganze Geschichte gar nicht. Es hat mich sehr inspiriert, diese weibliche Perspektive auch einmal einzunehmen, nicht nur die Sichtweise einer passiven Frau, sondern die Perspektive einer Frau, die aktiv handelt.
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Vielleicht wollte er doch nach Hause, um von Circe nicht in ein Schwein verwandelt zu werden.
Raffaella della Gemma: Vielleicht hat er sich’s verdient in ein Schwein verwandelt zu werden! Die wollten ja etwas stehlen. Aus ihrer Perspektive: da kommen auf einmal fremde Männer auf die Insel und die sind extrem triebsam. Die wollten Sex, die wollten Essen, die wollten stehlen, die wollten ihre Tiere töten, die sie dort aufgezogen und gehütet hat und sie hat die Konsequenz gezogen und gesagt: das ist meine Insel, geht weg von hier oder ich verwandle euch.
Kommen diese Abenteuer in irgendeiner Form ganz konkret in euren Songs vor?
Raffaella della Gemma: Im ersten Song „Odiseja“natürlich explizit. Den Text hat Revita Manol geschrieben, eine Freundin von mir. Auf Griechisch. Und wir haben noch ein anderes griechisches Stück, das nicht direkt mit der Odyssee zu tun hat. Wir haben das immer mit einem Piratenlied assoziiert, weil es sich so anhört.
Jasmin Meiri: Es hört sich wie ein Piratenlied an, inhaltlich geht es um eine vergangene Liebe und das Lernen aus dieser vergangenen Liebe. Was kann man Positives mitnehmen, trotz des Schmerzes und trotz unangenehmer Emotionen. Durch den Blick zurück kann man etwas gewinnen und lernen und das ist die Kernaussage dieses Songs. Da geht es auch um ein Abenteuer und eine Reise. Auch um eine innere Reise.
Apropos Liebe, ihr interpretiert auf „Odiseja“ auch das 90 Jahre alte Lied „Oy mame, bin ikh farlibt“. Wieso habt ihr das aufs Album gegeben?
Jasmin Meiri: Jiddisches Programm oder Klezmer-Stücke haben wir ausgewählt, weil wir beim Yiddisch Culture Festival gespielt haben, vor mittlerweile zwei Jahren. Und im Zuge dessen haben wir in unserem Programm einen Schwerpunkt auf jüdische Musik gesetzt, weil das erwünscht war und das hat uns natürlich bereichert. Ich habe dann sechs Traditionals mitgebracht, die wir umarrangiert haben und da war eben dieses Stück dabei. Das ist ein recht bekanntes Stück und ich habe auch jüdische Wurzeln bzw. meine Großmutter hat fließend Jiddisch gesprochen. So hat sich das gut ergeben, weil ich da einfach eine persönliche Verbindung zu der Sprache habe.
Und dann gibt’s am Album als Schlussstück „Mir lebn eybik“, das im Ghetto von Vilnius entstanden ist.
Jasmin Meiri: Das war auch Teil dieses Repertoires für das Yiddisch Culture Festival und dieses Stück hat uns sehr gepackt. Die Aussage hat natürlich eine irrsinnige Kraft: wir überleben alles, trotz Verfolgung, trotz Genozid. Spezifisch fokussiert dieses Lied schon auf das jüdische Volk, aber wir sehen es allgemein für jede Gruppe, die ausgeschlossen, unterdrückt oder verfolgt wird.
Raffaella della Gemma: Wir haben einen sehr intensiven Moment mit dem Stück gehabt. Das haben wir bei der Befreiungsfeier von Mauthausen vorgetragen. Wir haben das in Mauthausen gespielt, an einem Platz, wo so viel Unheil passiert ist und so viele Menschen gequält und getötet wurden. Ich bekomme auch Gänsehaut beim Erzählen. Das hat ein besonderes Gefühl ausgelöst. Danach ist ein Zeitzeuge zu uns gekommen und er hat uns erzählt, dass seine Mutter ihm das Lied vorgesungen hat, daran hat er sich noch erinnern können.

In Österreich und anderswo wird Klezmer als Teil der Weltmusik begriffen und gespielt. Handhabt ihr das auch so?
Raffaella della Gemma: Gute Frage. Ich muss sagen, ich bin keine Jüdin. Also für mich ist das sicher auch anders zu beantworten als für dich, Jasmin. Ich habe Jazz studiert und bin da mit Klezmer in Verbindung gekommen, auch mit Gypsy Jazz, der mich immer interessiert hat. Und Klezmer ist ja auch ein großer Teil der europäischen Musikgeschichte und eine Art europäischer Jazz, der sich entwickelt hat. Mittlerweile ist das ein fixes Repertoire in der Jazzszene und in der Weltmusikszene, würde ich sagen.
Jasmin Meiri: Rein stilistisch ist Klezmer einfach sehr nahe zur Gypsy Music. Das ist ja alles irgendwo miteinander verbunden. Das Wort klezmer selbst heißt auf Hebräisch „auf einem Objekt spielen“. Ja, also: die haben einfach Straßenmusik gemacht, so wie halt die Roma und Sinti auch. Das hört man auch stilistisch, das ist sehr ähnlich, auch vom Groove her, auch von den Skalen her und so hat sich das total gut ergänzt.
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Raffaella della Gemma: Innerhalb der Band haben wir eine große Vielfalt, Anela zum Beispiel kommt aus Montenegro und bringt dadurch eine bestimmte Authentizität ein.
Jasmin Meiri: Authentizität in der Musik, also in der Balkan- oder Gypsy-Musik. Sie kann genau sagen, das ist total Gypsy, wenn ihr das so schreibt, mehr geht da nicht. Das weiß sie, denn sie kommt halt aus dieser Gegend. Das ist natürlich ein großes Geschenk, dass jeder und jede etwas anderes einbringt.
„MEIN GROSSVATER ARIK BRAUER HAT BABA YAGA AUCH MAL GEMALT, DAS HABE ICH ZUFÄLLIG ENTDECKT“
Der Bandname verweist auf eine mythische Figur, wiederum in Richtung Osten und musikhistorisch gibt’s auch einige Werke, die den Namen Baba Yaga tragen: im Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ von Mussorgski gibt es ein Bild dazu. Was bedeutet der Name für euch?
Raffaella della Gemma: Den Bandname hat unsere ehemalige Bassistin mitgebracht, das war die ungarische Bassistin Diana Kiss. Sie hat gesagt, wir brauchen einen weiblichen Namen, der Großteil in der Band waren immer Frauen. Unsere Klänge hatten schon immer einen osteuropäischen Einschlag. Wir brauchen einen Namen, der sich mächtig anhört, etwas Weibliches, das auch ein bisschen gefährlich ist und ein bisschen Feuer hat. Das ist Baba Yaga. Eine Frauenfigur, die es schon ewig gibt. Sie ist gefährlich, die Leute haben Angst vor ihr, aber sie wird auch bewundert. Sie ist auch eine Muse, über sie werden Geschichten erzählt.
Jasmin Meiri: Sie wurde erst durch die Christianisierung dämonisiert. Ursprünglich hat man in ihr auch etwas Göttliches gesehen. Diese Kombination aus osteuropäischer Balkanmusik und einer Muse für viele Künstler:innen, hat somit gut gepasst. Mein Großvater, Arik Brauer, hat Baba Yaga auch mal gemalt, das habe ich zufällig entdeckt. Das ist spannend. Er hat die Baba Yaga gemalt, sie ist einfach eine Inspiration, weil alle Figuren aus der Mythologie, ob das die griechische oder die slawische ist, sind natürlich ein großer Anziehungspunkt für Künstler:innen in allen Medien.
Ihr habt heuer in Rom gespielt und beim berühmten Festival in Rudolstadt. Läuft, könnte man sagen. Was wäre karrieretechnisch eine Steigerung mit dem zweiten Album?

Raffaella della Gemma: Wir waren natürlich sehr erfreut, dass das erste Album so gut gelaufen ist. Wir haben den Musikfonds bekommen, ohne den hätten wir das Album auch nicht auf dem Niveau produzieren können. Und das hat uns natürlich auch viele Türen geöffnet, durch das Album haben wir internationale Anfragen bekommen und mit internationalen Bookern zusammengearbeitet. Unsere YouTube-Videos sind sehr gut gegangen, wir haben jetzt innerhalb von einem Jahr eine halbe Million views bekommen. Das ist doch gerade für dieses Genre außergewöhnlich, auch für eine österreichische Newcomer-Band. Wir haben in den letzten zwei Jahre viel gelernt. Zum einen haben wir uns auch bei der Größe der Bühnen raufarbeiten müssen. Performe mal vor zehntausend Leuten! Wir haben zum Beispiel in Nordfrankreich bei einem sehr großen Festival gespielt oder eben in Rom oder Rudolstadt. Das sind sehr große Bühnen gewesen und dadurch sind wir auch musikalisch gewachsen.
Welchen Weg habt ihr musikalisch am zweiten Album fortgesetzt
Raffaella della Gemma: Wir haben uns überlegt, dass wir beim zweiten Album wieder viele Eigenkompositionen machen und das Ganze vielleicht ein bisschen, wie soll ich sagen, internationaler klingen lassen. Deswegen sind wir zu Florian Koch ins Studio gegangen, er ist ein Freund von mir, ich kenne ihn noch vom Jugendsinfonieorchester. Er hat auch Josh produziert und Ina Regen und so und er hat einen internationaleren Sound. Wir haben darauf geschaut, dass das zweite Album vom Klang her doch eine Steigerung zum ersten Album ist. Die Dinge sind so fein arrangiert, wir haben mit Mehrstimmigkeiten gearbeitet, sodass fast überall auch backing vocals dabei sind.
Herzlichen Dank für das Interview.
Jürgen Plank
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Baba Yaga live
09.10.2026: Pressbaum Gasthof Mayer, AT
10.10.2026: Alte Schmiede Schönberg
15.10.2026: WUK, Wien
05.11.2026: folk.art Festival, Graz
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