„Ich habe als Frau das Gefühl, extrem gute Texte mit viel Tiefgang schreiben zu müssen“ – CULK im Mica-Interview

Aus dem anfänglichen Rausch der ersten Gigs ist eine gefestigte musikalische Identität geworden: CULK blicken mit ihrem neuen Konzeptalbum „Smogstar“ auf eine intensive gemeinsame Entwicklung zurück. Anstatt sich in bewährten, rein düsteren Mustern auszuruhen, bricht die Wiener Band ihre Strukturen auf und liefert eine moderne Reflexion über das Dasein als Individuum. Über diesen Reifeprozess sprachen Sängerin und Songwriterin Sophie Löw, Gitarrist Johannes Blindhofer und Bassist Jakob Herber mit Katharina Reiffenstuhl im Zuge ihrer laufenden Tournee. Sie gewähren dabei Einblicke in die visuellen Ideen hinter der Platte, erzählen von der strengen inneren Stimme, die jeden Schritt ihres kreativen Schaffens hinterfragt, und verraten, warum der Schritt zur vermeintlichen inhaltlichen Leichtigkeit oft der schwerste ist.

„Wie fühlt es sich an, heute als Mensch in dieser Welt zu leben?“ – davon handelt euer neues Album. Was wäre eure komprimierte Antwort darauf?

Johannes Blindhofer: Ich glaube, ein guter Hinweis auf diese komprimierte Antwort ist der Gesichtsausdruck der Person auf dem Albumcover. Er wirkt teilweise gereizt, aber auch irgendwie neugierig. Das fällt mir dazu spontan ein.

Sophie Löw: Ich denke auch, dass das Albumcover das vermutlich besser beschreiben kann, als ich es jetzt in Worte fassen könnte.

Albumcover Smogstar
Albumcover “Smogstar”

Das Cover ist von euch selbst gestaltet, richtig?

Sophie Löw: Ja, genau. Ich habe immer ein Notizheft, in dem ich die ganzen Texte und Ideen sammle, meistens ein oder zwei Hefte pro Album. Ziemlich früh im Entstehungsprozess dieses Albums habe ich das Cover in dieses Heft skizziert. Es sah im Grunde schon so aus wie jetzt, nur eben noch nicht so schön gezeichnet. Das hat uns dann inhaltlich sehr stark geleitet. Vor allem dieses Bild einer Person, die vor einer Stadt steht, irgendwie lost ist, aber gleichzeitig genau dorthin gehört, war sehr wegweisend für die weiteren Texte.

Ihr habt das Album „Smogstar“ genannt. Das klingt im ersten Moment ein bisschen konträr. Wofür steht das in eurer Vorstellung?

Johannes Blindhofer: Das Artwork war schon ganz am Anfang da, bevor die meisten Lieder überhaupt entstanden sind, während der Name erst ganz zum Schluss feststand. Er beschreibt für uns mehrere Gefühle. Wir wollten das, was wir in der Musik zum Ausdruck bringen, in einen neuen Begriff gießen, der sich verselbstständigen kann und unterschiedliche Assoziationen weckt. Witzigerweise hatten wir diese Gedanken anfangs gar nicht, aber je länger wir über das Album sprechen, desto besser finden wir die Idee, dass „Smogstar“ einerseits der fiktive Ort ist, an dem das Album spielt. Es ist der Name einer Stadt, die vielleicht ein bisschen übernatürlich ist und so in der Realität gar nicht existieren könnte. Andererseits könnte es auch eine Art Internet Handle der Person sein, die in diesem kleinen Kosmos die Hauptrolle spielt. Wir haben dabei viel an die frühe Internetkultur gedacht, dass es sich zum Beispiel um einen Decknamen handelt, unter dem jemand in Foren schreibt oder einen Blog betreibt.

Eure bisherigen Alben haben sehr tief in gesellschaftliche Abgründe geblickt. Für „Smogstar“ habt ihr euch laut eigenen Aussagen bewusst vorgenommen, nicht mehr jeden Abend „den Schmerz der ganzen Welt“ auf der Bühne aufzurollen. Wie schwer war es für euch im Songwriting, diese gewohnte inhaltliche Schwere aktiv loszulassen, ohne das Gefühl zu haben, an Tiefe zu verlieren?

Sophie Löw: Ich fand es bei den Texten schon herausfordernd, da ein gutes Gleichgewicht zu finden. Gerade als Frau, die Texte schreibt, habe ich von Anfang an unterbewusst gespürt, dass meine Texte ernst sein sollten, damit ich überhaupt als Texterin ernst genommen werde. Das hat auch sehr gut funktioniert. Sich dann aber zu trauen, die Dinge auch mal lockerer anzugehen, fällt schwer. Ich habe als Frau das Gefühl, extrem gute Texte mit viel Tiefgang schreiben zu müssen, um gut genug zu sein. Dieser Druck schwingt unterbewusst immer mit, also ich denke schon, dass das damit zusammenhängt. Deshalb habe ich beim Schreiben in meinem Kopf auch immer eine strenge Kritikerin dabeigehabt, die aufgepasst hat, dass sich die Waage gut hält. Darum ist es am Ende auch nicht so super locker geworden, aber ich bin trotzdem voll happy mit der Gesamterzählung des Albums. Vor allem in Kombination mit dem Artwork ist alles sehr stimmig. Ohne die düsteren Ecken auf diesem Album würde auch dieses Stadtbild gar nicht richtig abgebildet werden.

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Wie hat das die Energie beim Livespielen verändert?

Jakob Herber: Es macht total Spaß, die neuen Songs zu spielen – as simple as that. Wir hatten beim Schreiben schon im Kopf, dass das Album kein riesiges, überladenes Brimborium werden soll. Es geht vielmehr um den Wechsel aus Anspannung und Erlösung und um diese Wucht, die wir selbst bei Konzertbesuchen suchen und lieben. Auf der jetzigen Tour merken wir, dass uns das ziemlich gut gelungen ist. Da steckt extrem viel Energie drin, die wir auf der Bühne richtig rauslassen können.

Musikalisch betrachtet finde ich, dass es immer noch recht dramatisch klingt. Da hat sich der Stil gar nicht so stark verändert.

Jakob Herber: Das ist aus verschiedenen Gründen so bzw. liegt wahrscheinlich an der Art, wie wir Texte schreiben und Musik machen. Wenn man irgendetwas Neues anfangen will, sieht man das anfangs oft kritisch und hat das Gefühl, es gelingt einem nicht, eine komplett neue Tür aufzumachen. Letztendlich ist das Ergebnis dann aber doch immer sehr toll. Es gibt dann oft diese Momente, in denen wir merken, dass genau das anscheinend unsere musikalische DNA ist. Wenn wir zu viert Musik machen, kommt eben genau das dabei heraus.

„UNS IST VIEL KLARER GEWORDEN, WAS WIR MIT UNSERER MUSIK ERREICHEN WOLLEN UND WAS WIR AUF DER BÜHNE DARSTELLEN MÖCHTEN“

Inhaltlich geht es auf der Platte auch viel darum, sich selbst ein wenig Veränderung zu erlauben. Würdet ihr sagen, dass ihr euch als Band über die letzten Jahre stark verändert habt?

Bild der Band Culk
Culk © Sophie Löw

Sophie Löw: Ich habe schon das Gefühl, dass ich mich stark verändert habe. Oder besser gesagt: Ich habe mich im Vergleich zu unseren Anfängen selbst gefunden.

Johannes Blindhofer: Mir fällt das gerade jetzt auf Tour extrem auf. Ich denke oft an unsere ersten Touren zurück und daran, wie wirr damals alles war. Man war sich eigentlich überhaupt nicht im Klaren darüber, was man da gerade tut. Das hat natürlich auch Vorteile, weil man vieles ausblendet, was am Touren eigentlich anstrengend ist. Gleichzeitig kommt es mir heute so vor, als wären wir damals wie in einem Fiebertraum durch die Konzerte gelaufen. Heute machen wir das alles viel bewusster, und das hat sich bei mir extrem verändert. Uns ist viel klarer geworden, was wir mit unserer Musik erreichen wollen und was wir auf der Bühne darstellen möchten.

Jakob Herber: Absolut. Es ist bei diesem Album auch das erste Mal, dass wir alle quasi in Privatkleidung auf der Bühne stehen und uns selbst stylen. Bisher gab es eigentlich immer eine Art Kostüm. Das steht irgendwie noch einmal symbolisch dafür, dass die Gruppe CULK als Friends und als Band immer mehr eins geworden sind. Es ist auch kein Zufall, dass Sophie in „twenty, eighteen“ darüber schreibt und genau das Thema auch auf der Platte landet. Es wäre ja auch leicht seltsam, wenn sich nach vier Alben nichts getan hätte. Das ist ja auch eine enorme Zeitspanne.

Johannes Blindhofer: Wenn man unser Erwachsenenleben betrachtet, macht die Band mittlerweile mehr als die Hälfte davon aus. Das ist schon verrückt.

Jakob Herber: Genau dieses Bewusstsein hat im Laufe des Prozesses eingesetzt. Ich finde es wahnsinnig schön, dass das nicht nur in den Texten, sondern auch in vielen kleinen Details Ausdruck findet.

Johannes Blindhofer: Ich war eigentlich sogar dafür, dass wir das Album wieder self-titlen, also einfach „Culk“ nennen. Aber wir haben halt das erste schon so genannt, das wäre dann zu verwirrend gewesen. Ich hätte es tatsächlich gerne nur bei dem so gehabt. Dadurch, dass das erste Album eben schon so heißt, ist das eh keine ausgereifte Idee gewesen. Sophie sieht das aber sowieso auch ganz anders.

Sophie Löw: Der Titel passt meiner Meinung nach perfekt, weil wir auch dieses Mal wieder eine spezielle Geschichte mit verschiedenen Perspektiven zu einem Thema erzählen. Deshalb finde ich es schön, dass der Name das hervorhebt. Unser erstes Culk-Album ist das einzige, das kein echtes Konzeptalbum ist. Deshalb finde ich es okay, dass es keinen eigenständigen Namen trägt.

Bild der Band Culk
Culk © Sophie Löw

„HÄTTEN WIR DAMALS ALS ERSTE SINGLE EIN LIEBESLIED VERÖFFENTLICHT, HÄTTEN WIR UNSEREN HEUTIGEN STEMPEL IN DER MUSIKSZENE VIELLEICHT NIE BEKOMMEN“

Ihr habt auf dem neuen Album mit „kaputte speaker“ sogar ein Liebeslied, womit man bei CULK nicht unbedingt rechnen würde. Wie ist das entstanden?

Sophie Löw: Das hängt zum Teil mit dem zusammen, was ich vorher über das Texten als Frau gesagt habe. Beim ersten Album habe ich mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, dass irgendjemand diese Texte bewerten würde. Dann war es aber so, dass sehr schnell schon beim ersten Song Feedback von der Presse kam und da viel über meine Texte geschrieben wurde. Das hat mir ein bisschen das Gefühl gegeben, dass es da um etwas geht, weshalb ich als Texterin auch eine Art Tiefe beweisen wollte. Hätten wir damals als erste Single ein Liebeslied veröffentlicht, hätten wir unseren heutigen Stempel in der Musikszene vielleicht nie bekommen. Ich glaube, das hätte schon alles verändert. Das war jetzt einfach eine Challenge für mich, bei der ich schauen wollte, ob ich das kann – so einen Song zu schreiben, der trotzdem nicht so on the nose ist.

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Es ist das vierte Album jetzt, wie ihr schon vorhin gesagt habt. Spürt man da einen Druck, sich nicht zu wiederholen und immer wieder etwas Neues zu erschaffen?

Sophie Löw: Einen Druck, mich nicht zu wiederholen, spüre ich eigentlich gar nicht. Selbst jetzt, wo wir auf Tour sind und das aktuelle Album präsentieren, denke ich schon wieder an das nächste und daran, was ich noch alles ausprobieren möchte.

Johannes Blindhofer: Bei mir ist es so, dass ich nach einer gewissen Zeit zu einem der härtesten Kritiker unserer eigenen Lieder werde. Am Anfang steckt man in einer Art Honeymoon-Phase, aber nach ein paar Monaten fallen einem so viele Dinge auf, die man gerne anders gemacht hätte. Aus dieser Haltung heraus grenzen sich die neuen Sachen automatisch von den alten ab. Es ist schon fein und man ist okay damit, aber man findet dann immer Dinge, die man beim nächsten Mal anders angehen würde und daraus kommt auch immer neue Inspiration. Für mich ist das ein völlig natürlicher Prozess, ohne den Gedanken „Das muss jetzt auf Teufel komm raus anders werden“.

Wenn ihr an eure Anfangszeit als Band zurückblickt – wie eben auch im Song „twenty, eighteen“ –, gibt es Momente, die ihr heute vermisst?

Johannes Blindhofer: Man war halt schon viel schneller hyped. (lacht) Ein Konzert in Deutschland war damals einfach ein riesiges Ereignis. Alles war wahnsinnig aufregend und neu. Man hat einfach ein super energetisches Gefühl bekommen und konnte sich über die kleinsten Dinge unfassbar freuen. Das geht mir schon manchmal ab.

Danke euch fürs Interview!

Katharina Reiffenstuhl

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Live:
01.10. Wien, Flex
16.10. Salzburg, ARGEkultur

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Links:
Culk
Culk (Instagram)