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Thomas Heel (c) Thomas Heel

„Wichtig ist, dass sich neue Welten eröffnen“ – Thomas Heel im Interview

Der Bludenzer Komponist Thomas Heel ist mit Vorliebe auf der Suche nach neuen Dingen. Diese lädt er mit eigenen Ideen auf und schafft aus der kreativen Beschäftigung damit, einer guten Portion Humor und einem unverkrampften Zugang originelle neue Werke. Eine nicht alltägliche Auseinandersetzung hatte der Komponist mit einem Kollegen aus früheren Zeiten.

Einige Werke von Joseph Gabriel Rheinberger, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Liechtenstein und München gewirkt und zahlreiche Kontakte nach Vorarlberg gepflegt hat, dienten Thomas Heel als Ausgangspunkt und Inspirationsquelle. Im Gespräch mit Silvia Thurner erzählt Thomas Heel über seinen Zugang zu Joseph Gabriel Rheinberger und erklärt, warum dieser alles „richtigst macht“ und einen „Überdruss am depressiven Sog“ hervorrufen kann.

Wie bist du auf die Idee gekommen, dich auf den Komponisten Josef Rheinberger einzulassen und mit ihm zu spielen?

Thomas Heel: Das hat sich irgendwie von selbst ergeben. Ich habe mich schon immer mit der „Musikgeschichte“ – eigentlich ja „Musikgeschichten“ – als Inspirationsquelle auseinandergesetzt und gespielt, wobei mich stets die „Ränder“ interessiert haben – etwa der Übergang von der Einstimmigkeit zur Mehrstimmigkeit. Rheinberger ist für mich auch an einem Übergang, an einem „Nicht-Mehr“, aber „Noch-Nicht“ positioniert.

Materialbeschau

Im Vorwort zu den sogenannten „Clarkwell Quartetten“ schreibst du, an Rheinbergers Kompositionsweise sei „alles richtigst, aber gleichzeitig von einer zwar nicht funktionalen, doch gewissen emotionalen Leere beseelt“. Wie meinst du das?

Thomas Heel: Als Kirchenmusiker, Komponist und Kontrapunktlehrer hat Rheinberger bestens funktioniert, aber ich glaube auch, dass seine Musik derart permanent korrekt-chromatisch aufgeladen war, dass sie letztlich nur mehr ein Seufzen darüber bedeutet, zu spät und zu früh zugleich zu sein. Ein spätes Fugenthema Rheinbergers etwa aus zehn absteigenden, kaum rhythmisch differenzierten kleinen Sekunden – das ist für mich Hardcore, nackte Materialbeschau. Ich fand das irgendwie sehr erstaunlich.

Mit Wagner nicht, mit Rheinberger schon

In welcher Art soll es dir gelingen, in einen Dialog mit dieser „Leere“ zu treten?

Thomas Heel: Es sind genau solche „Fundstellen“. Die „Leere“, die ich anspreche, ist jene, die völlig durchgeknallte Typen wie Wagner oder Mahler bombastisch besiedelten, Rheinberger hingegen versuchte eher kleine, binnenmusikalische Lösungen, und die Vermarktung war ihm ziemlich egal. Mit Wagner würde ich nie in einen musikalischen Dialog treten, mit Rheinberger schon. Gewiss war auch er ambitioniert, aber ich habe das Gefühl, dass bei ihm das Komponieren im Vordergrund stand. Außerdem haben mich bei ihm etliche voraus-, aber auch nach hinten in die Musikgeschichte weisende musikalische Aspekte direkt angesprochen.

Rheinberger war Organist. Soll eure Quartettbesetzung, unter anderem mit Trompete, zwei Gitarren und Tuba, in gewissem Sinn einen Orgelklang imaginieren?

Thomas Heel: Wesentlich bei meiner Beschäftigung mit Rheinberger ist, dass mein Primärinstrument beim „Herumfudeln“ (= musikalische Suchbewegungen) die Gitarre ist. Rheinberger schreibt ja oft auch sehr schöne und einfache Melodien, die er aber chromatisch ein- und umfärben zu müssen glaubt; in einem Stück etwa („Die Tafel“) wollte ich eine Melodie Rheinbergers von diesem Füllungszwang „erlösen“, indem ich sie mit pentatonischen Riffs unterlegte, was wunderbar klappt.

Komponieren im Rückspiegel

Zeitgenössisches Komponieren im Dialog mit alter Musik bedeutet auch einen Blick in den musikgeschichtlichen Rückspiegel. Du hast schon öfter durch den Rückspiegel komponiert – beispielsweise auch über Schubert. Was reizt dich daran?

Thomas Heel: Ob es um antike, alte, ja Rheinbergers oder aber außereuropäische Musik geht, ich finde diese Reibung immer spannend. Wohl wissend, dass die „Originale“ stets unerreichbar sein werden und auch keine Notwendigkeit dazu besteht, pflege ich den profund- „oberflächlichen“ Zugang zu mir Neuem und Fremden. Sei es, dass ich nach Posaune spielenden Verbrechern suche, Tromboncino zum Beispiel, oder nach technisch seltsamen Fragen wie der Verwirbelung von Düsen, weil sie mir irgendwie kompositorisch relevant erscheinen. Wichtig ist für mich, dass sich neue Welten eröffnen.

Willst du dich in die Reihe der postmodernen Komponisten stellen?

Thomas Heel: Mitnichten. Bei Rheinberger, der ja eigentlich sklavisch auf den „Alten“ aufgesessen ist und maßgeblich daran beteiligt war, dass so etwas wie eine „überzeitliche“ Harmonie- und Kontrapunktlehre an Konservatorien institutionalisiert worden ist, habe ich gelernt, dass die Referenz auf die Alten, aber auch das Spiel mit ihnen die Regel ist. Die „Postmoderne“ war in der Provinz nie wirklich präsent, ganz einfach, weil es hier überhaupt noch keine wirkliche „Moderne“ gegeben hat.

Vergnügen ohne Vorwissen

Inwieweit muss ich als Zuhörerin die von dir so genannten „Referenzobjekte“ von Rheinberger kennen, damit ich den Sinn oder auch den Spaß deiner Komposition verstehe?

Thomas Heel: Die „Referenzobjekte“ müssen in keiner Weise bekannt sein – ganz pragmatisch auch deshalb, weil sie so gut wie nicht bekannt sind. Aber vielleicht wecken sie bei manchen Zuhörenden Lust darauf.
Du schreibst, dass die intensive Beschäftigung mit Rheinberger einen „Überdruss am depressiven Sog“ hervorrufen kann. Inwiefern?

Rheinbergers permanente und korrekte Chromatik wirkte auf mich irgendwann einfach nur mehr ätzend, so dass ich an der mir selbst auferlegten Aufgabe zu zweifeln begann, aber schließlich doch kreative Auswege fand, die auch meinen Mitmusikern Spaß machen.

Konservativer Musikbetrieb

Steckt hinter den Clarkwell Quartetten auch eine Kritik an einer stilistischen Ausrichtung der zeitgenössischen Musik, die du als verkopft empfindest?

Thomas Heel: Na ja. Ich sehe viel Verkopfung und Herzschmerz zugleich am Werk, ich sehe viele Komponisten, die sich verewigen wollen – und auf der anderen Seite einen konservativen Musikbetrieb, der das Musikmachen auf diverse Segmente der Musikgeschichte(n) festfriert und -subventioniert. Rheinberger war auf der Kippe, aber, trotz des musikhistorischen Rucksacks, den er herumschleppte, zumindest gegenwärtig und offen, ohne eine Lösung anbieten zu können. Die zeitgenössischen Musiken betrachte ich nicht einmal als besonders verkopft, eher gefangen in einem Dispositiv des 19. Jahrhunderts.

Danke für das Gespräch.

Dieses Interview ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im März 2016 erschienen.

Termine:
Clarkwell. Eine Hommage an den Liechtensteiner Komponisten Josef Gabriel Rheinberger
Freitag, 18. März, 2016, Tangente Eschen, Jazz+, 20:30 Uhr
Donnerstag, 14. April 2016, vorarlberg museum, 19 Uhr
Clarkwell-Quartett
Patrik Haumer (Trompete, Melodica, Gesang)
Hansjörg Helbock (Gitarre, Saxophon, Gesang)
Rupert Tiefenthaler (Gitarre, Gesang)
Thomas Heel (Tuba, Posaune, Komposition …)

Links:
Thomas Heel bei der Musikdokumentationsstelle Vorarlberg
Thomas Heel (mica-Musikdatenbankeintrag)