„Wenn die KI von Liebe singt, kann mir das wurscht sein.“ – ROBERT MARCUS KLUMP im mica-Interview

„A NEW AIGE“ heißt ein von Robert Marcus Klump komponiertes und getextetes Konzeptalbum der Wiener Formation „Apogée“, das den Progressive- und Art Rock der 1970er Jahre mit futuristischen Themen verbindet – ein Stil, den er selbst als „Retro-Futurismus“ bezeichnet. Mit Markus Deisenberger sprach er über den idealistischen Umgang mit KI, sinnentleerte Reime und vorgetäuschte Emotion.

Du bist in deinen 50ern und hast gerade dein erstes Album veröffentlicht. Warum hat es so lange gedauert?

Robert Marcus Klump: Mein frühes Vorbild war das Alan Parsons Project, ein reines Studio-Projekt. Ich hatte damals in den 1980er Jahren einen C64 von Commodore und habe schnell realisiert, dass es wohl noch ein paar Jahre dauern würde, so eine Musik, sprich so ein Konzeptalbum zu machen. In den 1980ern hätte ich dazu keine Möglichkeit gehabt, in den 1990ern habe ich dann Jus studiert, hätte aber auch nicht das Geld und die Mittel gehabt. Danach sind die Jahre ins Land gezogen. Die Lebenszeit verging schneller als ich gedacht hatte. Man kann auch sagen: In den letzten fünfundzwanzig Jahren habe ich auf ein Thema gewartet, das mich so begeistert, dass ich die Motivation habe, dazu zu recherchieren.

Wieso dann das Thema Künstliche Intelligenz?

Robert Marcus Klump: Das passierte mit Chat GPT. Der erste Prompt, den ich versuchte, war: „Schreibe mir die Lyrics zu einem Song, der den Refrain „I shall not be replaced by some robot“ beinhaltet.“
Ähnlich einem Song, der dann auf das Album fand. Ich hielt es damals für lustig, erstmals musikalisch als Robert the Robot in Erscheinung zu treten. Zwei Jahre später gibt es mit Velvet Sundown eine Band, die gar nicht existiert. Die Lyrics, die Chat GPT damals ausgespuckt hat, haben mich zwar irgendwie beeindruckt, dass KI reimen kann und in Intros und Outros denken kann, aber es war halt trotzdem relativ sinnentleert. Und es enthielt auch keine Begründung, warum ich nicht durch einen Roboter ersetzt werden könne. Und so habe ich zu recherchieren begonnen, weil der kreative Akt das ist, was mir am meisten Spaß macht. Als Teenager wollte ich ja auch nicht Songwriter werden, weil ich irgendwann Van Halen oder Queen in den großen Zehn bei Udo Huber gesehen habe, sondern aus dem Wunsch heraus, die Melodien, die ich im Kopf habe, niederschreiben zu können, sich Melodien und Harmoniefolgen zu einem Arrangement zusammenzudenken. Der kreative Akt ist für mich mit Genuss verbunden. Deshalb fiele es mir nicht im Traum ein, mir das von einer KI abnehmen zu lassen. Die einzige Ausnahme ist ein Song, „The Uncanny Valley“…

… bei dem das zugrundeliegende Gedicht KI-generiert ist.

Robert Marcus Klump: Genau. Und das war ein Zufall. Es gibt den bekannten Uncanny Valley-Effekt, dass Menschen mit einer übertriebenen Aversion auf Roboter reagieren, die fast ausschauen wie ein Mensch aber doch nicht ganz. Und ich dachte, jetzt frage ich einfach mal Chat GPT, ob sie mir ein Gedicht zu diesem Effekt schreiben könne. Und das Ergebnis war echt beeindruckend.

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Du hast aber auch KI-generierte Stimmen eingesetzt.

Robert Marcus Klump: Genau. Wenn auf dem Album Androiden zu Wort kommen – gesanglich und sprachlich – war es für den Produzenten und mich ein Gebot der Authentizität, dass das kein Mensch ist, sondern dass wir das die KI singen lassen. Das Lustige ist: Als wir das Album machten, wären wir tatsächlich schneller gewesen, hätten wenn wir die Parts von Sänger:innen einsingen hätten lassen. Stattdessen haben wir jede dieser künstlichen Audiostimmen in eine Software importiert. Das hat auch ganz gut funktioniert, aber die phonetische Korrektur war sehr mühsam. Vielleicht hat sich das in der Zwischenzeit verbessert. Dass sich jemand das Leben leichter macht, wenn er KI einsetzt, mag schon sein, hat aber auf unseren Fall rein gar nicht zugetroffen. Wie haben es uns, weil wir authentisch sein wollten, eher schwerer statt leichter gemacht. Roger Waters hat in einer Doku mal gesagt: „You have to use the technology that is available at the time.” Das hatte ich im Hinterkopf. Es gibt die Technologie, also verwenden wir sie auch.

Trotzdem ist deine Musik wie auch die von Pink Floyd oder Alan Parsons Project handgemacht – ausgenommen die von KI erzeugten Einsprengsel da und dort. Wie verstehst du den Begriff „Retro-Futurismus“ und warum hast du ihn ins Spiel gebracht?

Robert Marcus Klump: Den hat Sebastian Kerner, mit dem ich die Pre-Production gemacht hat. Wir haben uns die Demos durchgehört, gekürzt, er hat die Gitarren eingespielt. Und irgendwann beim Durchhören hab´ ich zu ihm gesagt: „Ich höre da eigentlich hauptsächlich 1970er Jahre.“ Das Thema ist zwar futuristisch, die Musik aber ist alt. Witzig, dass ich die Zukunft, wie sie einmal sein könnte, mit musikalischen Mitteln der Vergangenheit beschreibe.“ Darauf hat er gemeint: „Ja, das ist Retro-Futurismus“, und damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen.

Mich hat beim Thema KI als Journalist immer die offenkundige Divergenz zwischen dystopischen Weltuntergangszenarien einerseits und Verharmlosung andererseits fasziniert, Wo ist da deine Position? Hast du die gefunden im Zuge des Projekts?

Robert Marcus Klump:Ja, die habe ich gefunden. Ich habe ganz bewusst beschlossen, dass ich den idealistischen Weg gehe. Wenn mich deshalb jemand naiv nennt, nehme ich das in Kauf. Die Welt ist momentan derart im Chaos, dass ich überhaupt keine Lust hatte, ein dystopisches Album zu schreiben. Dass die KI – in welcher Form sie auch immer daherkommen mag – zum Schluss kommen mag, sie müsse, um das Leben auf diesem Planeten zu retten, die Spezies Mensch auslöschen oder sie müsse dafür sorgen, dass wir uns nicht mehr reproduzieren können, hätte ich natürlich auch machen können, weil mir Moll prinzipiell näher ist als Dur. Nur wollte ich es halt nicht.

Bild des Komponisten und Musikers Robert Marcus Klump
Robert Marcus Klump © Robert Marcus Klump

Warum?

Robert Marcus Klump: Weil die Menschheit Hoffnung braucht, dass die KI ein Benefit ist. Wenn das naiv ist, dann trage ich diese Naivität mit Stolz. „Replicants are like any other machine – they’re either a benefit or a hazard” sagt Rick Deckard alias Harrison Ford in Blade Runner. Ich wollte ein Album machen, wo sich die Androiden an den Robotergesetzen von Isaac Asimov orientieren

Du hast tatsächlich alle Robotergeschichten von Asimov gelesen? Das sind mehr als 2.000 Seiten.

Robert Marcus Klump: Ja. Ich brauchte für meine Science-Fiction-Version einen Rahmen, um nicht in eine Fantasy-Version abzudriften. Ein Android, der sich an die Asimovschen Gesetze hält, muss fast per definitionem uns Menschen ethisch und moralisch überlegen sein, weil er weder durch Handeln noch Unterlassen die Menschheit gefährden darf. Deshalb auch gibt es den Song „What does it mean 2 be a Human”, der fast schon den Vorwurf an uns enthält, dass wir alle drohen, unsere Menschlichkeit zu verlieren. Aus Egozentrismus und dem Unwillen, einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Welt ein bisschen besser wird. Das mag eine naive Geisteshaltung sein, aber sei´s drum.

Die Textzeile “In my dreams robots do all the work for me and I´m on vacation” ist ja bewusst naiv, oder?

Robert Marcus Klump: Im Asimovschen Universum gibt es den Planeten Solaria, wo auf einen Menschen tausend Roboter kommen, sodass die Menschen nichts mehr tun müssen und im best case 400 Jahre alt werden, weil sie keine Krankheiten bekommen. Wenn alle Roboter die Tätigkeiten verrichten, die mir keinen Spaß machen, ist das Leben tatsächlich ein langer, ausgedehnter Urlaub. Dass das nach einer Woche schon sterbenslangweilig wäre, weil der Mensch halt nun einmal irgendeine Tätigkeit braucht, damit er am Ende des Tages sinnerfüllt schlafen gehen kann, ist der Beweis dafür, dass der Song „I Am Not Going To Be Replaced By Robots“ natürlich reines Wunschdenken ist.

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Chat GPT hat keine Begründung gefunden, wieso wir nicht ersetzt werden sollten. Hast du bei deiner Recherche denn einen gefunden?

Robert Marcus Klump: Nicht wirklich. Im Song heißt es zwar „Emotions are faked by design“, aber seien wir uns ehrlich: Wenn ich keine Partnerin habe, ist mir vielleicht ein Android, der seine Gefühle geschickt vortäuscht, lieber als gar keine Partnerin zu haben. Der Grund ist also wenig überzeugend: Der zweite Grund, dass sie keine Ideen haben, halte ich ebenfalls für Wunschdenken, denn irgendwann wird der Sprung kommen, von der jetzigen Intelligenz, die eigentlich keine ist, zu einer wirklichen. Man arbeitet daran. Der Punkt wird kommen, an dem die künstliche Intelligenz auch tatsächlich eine ist und eigenständige Ideen haben kann. Da bin ich mir sicher.

Apropos Naivität: Neulich habe ich in einer Medizin-Doku auf Ö1 den Satz gehört, dass die Zeit, die man künftig durch den Einsatz von KI Zeit sparen wird, ja ins Soziale gehen könnte. Wäre schön, nur leider funktioniert unser kapitalistisches System nicht so. Sonst hätte ja auch die industrielle Revolution dazu geführt, dass die Arbeiter:innen plötzlich bei gleichem Lohn mehr Freizeit gehabt hätten. Wenn wir durch KI weniger arbeiten müssen, werden wir auch weniger Lohn bekommen. Oder nicht?

Bild des Komponisten und Musikers Robert Marcus Klump
Robert Marcus Klump © Robert Marcus Klump

Robert Marcus Klump: In „The Future was now 1“ habe ich fiktive News aus der Zukunft verarbeitet. Die einzige Lösung, die ich identifizieren konnte, war, dass Firmen die Menschen durch KI ersetzen, an den Staat dieselbe Summe an Steuern zu zahlen haben wie bisher, eine so genannte „Automationssteuer“, und dass man mit dieser Automationssteuer den Leuten ein bedingungsloses Grundeinkommen zahlen könnte. Wahrscheinlich wird es das nie geben, aber wie sollte es anders gehen? Was passiert mit mir, wenn ich mit 57 Jahren als Datenschutzbeauftragter durch KI ersetzt werde – was sehr wahrscheinlich ist, denn natürlich kann das eine KI in ein paar Jahren? Das Damokles-Schwert schwebt über uns allen. Und wenn wir nicht im Chaos enden wollen, werden wir uns etwas einfallen lassen müssen.

Du beschreibst im Song den Fall, dass sich eine Roboterband ihre Lieder selber schreibt und auch performt.

Robert Marcus Klump: Als ich das vor mehr als einem Jahr schrieb, war mir nicht klar, dass sich dieser Albtraum eines jeden Singer-Songwriters mit der Band Velvet Sundown schneller erfüllen würde als uns allen lieb sein konnte. Das Publikum sind Menschen, denen es offenbar vollkommen egal ist, dass das Menschliche in der Musik abhandengekommen ist.

Kann KI-Musik überhaupt eine Seele haben? Velvet Sundown beeindruckt doch nur ein paar Sekunden. Danach ist das sowohl musikalisch als auch textlich platt. Und dann frage ich mich, ob die Millionen, die sich das nachweislich anhören, die Musik tatsächlich gern hören oder nur kurz anhören, weil sie neugierig sind, wie die KI-Band denn so klingt.

Robert Marcus Klump: Was ich vermisse, ist das Neue. Momentan kann eine KI nur aus dem Pool des von Menschen Geschaffenen schöpfen. Wenn sie daraus per Algorithmus einen Song macht, kann der schon per definitionem nicht innovativ sein. Noch nicht. Und auch wenn die KI von Liebe und den Problemen mit ihr singt, kann mir das in Wahrheit wurscht sein.

Was musikalisch auffällt sind die melodiösen Basslines fast aller Nummern. Kommst du vom Bass?

Robert Marcus Klump: Nein, eigentlich gar nicht, aber ich habe immer schon Musik gemocht, deren Basslines nachsingbar waren. Von den ersten Tagen, als ich begann Musik zu schreiben, war mir das immer wichtig.

Vielen Dank für das Gespräch.

Markus Deisenberger

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