„Was ich vor allem mit und in dieser Band gelernt habe, ist, dass Virtuosität ganz viele Gesichter haben kann“ – SLADEK im mica-Interview

Reduziert auf das Maximum. Unter dieses Motto hat die Grazer Band SLADEK ihre neue EP „Fabricated Reality“ gestellt. Die Songs von DAVID SLADEK, RAPHAEL VORRABER und FLORIAN MURALTER klingen in ihrer Note auf das Wesentlichste heruntergebrochen und auf den Punkt gebracht. Das aber auf eine wunderbar abwechslungsreiche Art. Im Interview mit Michael Ternai erzählt der Dreier über ihren Reifeprozess, den Song als Ausdruck von Virtuosität und ihr gewachsenes Selbstbewusstsein.

Was man beim Durchhören von „Fabricated Reality“ sofort hört, ist, dass bei euch in Sachen Songwriting ordentlich etwas weitergegangen ist. Die neuen Songs wirken kompakter, auf den Punkt gebracht und sehr catchy.

David Sladek: Das war auch genau das Ziel, das wir uns formuliert haben. Wir haben auch selbst gemerkt, dass wir einen gewissen Reifeprozess durchgemacht haben. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht haben, viel miteinander gespielt und sind auch älter geworden. Das macht natürlich etwas mit einem. Wir haben uns bewusst angeschaut, was wir anders machen wollen, und viel darüber geredet. Zudem haben wir auch gelernt, Kompromisse einzugehen, um etwas Neues erarbeiten zu können. Das haben wir vorher in der Art noch nicht gemacht.

War auf einen Nenner zu kommen bislang schwierig für euch?

Raphael Vorraber: Das erste Album war für uns – so sehe ich das zumindest in der Nachbetrachtung – eine Art Spielwiese. Wir haben bei diesem schon sehr, sehr viel ausprobiert. Bei der EP, die zwei Jahre darauf erschienen ist, war es dann schon etwas anders. Durch die räumliche Trennung damals – Flo war zu diesem Zeitpunkt für sein Doktorrat in Spanien, ich war in Wien und David in Graz – waren wir gezwungen, neue Wege für uns zu finden. Davor haben wir unsere Songs zusammen im Proberaum erarbeitet. Wir haben sehr viel online kommuniziert und uns über diesen Weg die Ideen hin- und hergeschickt. Über diese andere Art zu arbeiten haben wir dann auch eine für uns neue Art der Kompromissfindung entwickelt.

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Der größte Unterschied zu unseren Anfängen ist, dass David früher mit schon sehr weit ausgearbeiteten Songideen in den Proberaum gekommen ist. Beginnend mit der EP hat sich das Ganze aber mehr hin zu einer Art Ping-Pong-Prozess entwickelt. Zudem haben wir auch unseren Produzenten Matthias Gamusch mehr in den Songwriting-Prozess einbezogen. Es gibt sogar zwei Songs, die auf Grundlage von Matthias Ideen entstanden sind.

David Sladek: Matthias mit an Bord zu nehmen war auch eine bewusste Entscheidung. Wir wollten einfach sehen, was dabei herauskommt. Ich bin im Grunde genommen nur mit sehr rohen Versionen von Songs bzw. eigentlich nur mit dem Gesang zur Band gekommen. Meine eigentlichen musikalischen Ideen kannten Raphael, Florian und Matthias gar nicht. So hat sich für jeden der Raum aufgetan, sich schon in dem frühen Stadium des Songwritings einzubringen.

„Beim ersten Album war noch sehr viel, sagen wir, Jugend drinnen.“

Florian Muralter: David hat bisher zweimal bewusst gesagt. Und ich denke, das ist auch das entscheidende Wort. Alles, was wir musikalisch auf diesem Album gemacht haben, haben wir, anders als noch bei unserem Debüt, sehr bewusst gemacht. Beim ersten Album war noch sehr viel, sagen wir, Jugend drinnen. Wir haben quasi einfach drauflos Songs geschrieben. Jetzt hatten wir schon sehr klare Vorstellungen.

Eure Lieder sind alle relativ kurz und dennoch passiert in ihnen sehr viel. Sie sind sehr variantenreich und klingen alle unterschiedlich.

Raphael Vorraber: Man darf wirklich nicht unterschätzen, dass wir bei unserem Debüt noch sehr jung und mitten in unseren Instrumentalstudien waren. Und ich glaube, es hat damals noch eher mitgespielt, dass wir zeigen wollten, was wir instrumental draufhaben – zumindest traf das auf mich zu. Bei unserer neuen EP ging es uns einzig um Songs. Und vielleicht sind aus diesem Grund die Songs auch kürzer geraten. Wir wollten sie auf den Punkt bringen. Gleichzeitig wollten wir sie natürlich so abwechslungsreich wie möglich gestalten.

Bild Sladek
SLADEK (c) Kamerakerl

Im Pressetext steht, dass ihr mit verschiedenen Varianten von Songs gespielt habt. Das lässt vermuten, dass ihr auch Lust zum Experimentieren verspürt habt.

David Sladek: Das war „Back to You“. Es hat mit einer Bassline begonnen, aus der sich dann – abgesehen vom Refrain, der immer gleich geblieben ist – drei relativ verschiedene Varianten entwickelt haben. Eine etwas rockigere hatten wir eigentlich auch schon aufgenommen und produziert. Nur konnten wir uns alle mit dieser Version nicht wirklich anfreunden. Irgendetwas passte nicht. Irgendwann habe ich dann zu Hause begonnen, die alten Vocals neu zu arrangieren, aneinanderzureihen und mit diversen Effekten in neuer Form aufzubauen, um dem Song eine neue Richtung zu geben. Ab da an ist es vom Gefühl her extrem gut weitergegangen.

„Perfektionismus kann einen wahnsinnig machen, aber er kann einen auch zu wahnsinnig erfreulichen Ergebnissen führen.“

Lässt sich aus diesem Prozess schließen, dass ihr perfektionistisch veranlagt seid?

David Sladek: Was ich persönlich zum Thema Perfektionismus sagen kann, ist, dass dieser zugleich Freund und Feind ist. Man muss zu ihm eine gute Beziehung aufbauen. Perfektionismus kann einen wahnsinnig machen, aber er kann einen auch zu wahnsinnig erfreulichen Ergebnissen führen. Das ist auch etwas, was ich im Laufe der Entstehung dieses Albums viel mehr beachtet habe. Dass es eben weniger wahninnige Momente, in denen ich mir über bestimmte Dinge viel zu viele Gedanken gemacht habe, gegeben hat.

Raphael Vorraber: Ich glaube, dieses viele Ausprobieren beim ersten Album und das gute Feedback, das wir erhalten haben, haben uns das Selbstbewusstsein gegeben, da und dort auch einmal eine gewisse Wurschtigkeit zuzulassen. So sind wir dieses Mal relativ schnell zu Entscheidungen gekommen. Wir haben nicht ewig herumgetan, sondern einfach gesagt: „Das ist jetzt der Song.“ Klar haben wir da und dort noch ein wenig an ihnen herumgefeilt, aber generell sind sie recht schnell gestanden. Und das finde ich cool, weil es uns ermöglicht hat, viel Output zu produzieren.

Florian Muralter: Ich würde sogar sagen, dass diese Wurschtigkeit auch eine gewisse Ehrlichkeit ist. Wenn man etwas Hunderte Mal überarbeitet und sich allzu sehr im Detail verliert, kann es schon sein, dass man dabei denpersönlichen Touch verliert. Ich denke, diese Arbeitsweise und das Ergebnis spiegeln letztlich recht gut wider, was wir sind.

David Sladek: Das würde ich auch sagen. Dieser Mut zur Ehrlichkeit war dieses Mal sehr stark ausgeprägt.

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Das Interessante ist ja, dass ihr alle aus dem Jazz stammt. Wie schwer ist es für ausgebildete Instrumentalisten wie euch, sich dahingehend zurückzunehmen?

Raphael Vorraber: Ich glaube, dass unsere musikalischen Fertigkeiten immer in gewisser Weise mitschwingen. Auch wenn wir vermeintlich simplere Songstrukturenspielen oder die Songs simpler klingen. Aber wir haben nebenher ja noch andere Projekte laufen. Und in diesen haben wir genügend Möglichkeiten, uns instrumental auszuleben. Das ist für mich auch sehr wichtig, weil ich in diesen Projekten meine dahingehenden Bedürfnisse auch zur Genüge befriedigen kann und sie nicht bei Sladek ausleben muss. Ich brauche diesen Austausch.

David Sladek: Was ich vor allem mit und in dieser Band gelernt habe, ist, dass Virtuosität ganz viele Gesichter haben kann. Es geht oftmals gar nicht darum zu zeigen, was man alles am Instrument kann. Man will auch zeigen, was man mit einer Band sein kann und was man gemeinsam mit einem Song machen kann. Das ist auch eine Art von Virtuosität.

Die EP trägt den TitelFabricated Reality“. Was soll er aussagen? Welchen Bezug hat er zu den Songs?

David Sladek: Der Titel ist für mich sehr offen und kann vielfältig interpretiert werden. In „Heaven“ zum Beispiel geht es darum, dass man sich seine eigene Realität schafft, welche der der anderen entgegenläuft. In „Take Out The Trash“ geht es wiederum darum, wie jemand durch seine Handlungen die Realität anderer negativ beeinflusst. Ich habe versucht, das Thema Realität aus verschiedenen Perspektiven zu bearbeiten. Wie man etwa Sachen bewusst anders machen kann oder wie man sie bewusst nicht machen kann, wie man sich bewusst wird, was manche Denkmuster und Verhaltensweisen eigentlich fabrizieren.

Euch wird oft zugeschrieben, dass ihr eine Soundband seid. Und Prince wird, wenn man über euch schreibt, vor allem wegen deines Gesangstils, David, auch oft erwähnt. Wie tut ihr euch mit diesen Zuschreibungen?

David Sladek: Ich tue mir selbst eigentlich immer schwer, uns irgendwie ein Label umzuhängen. Mal sind wir R‘ n‘ B, dann wieder nicht. Ich weiß nicht. Mit diesem Schubladendenken bezüglich der eigenen Musik kann ich wenig anfangen.

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Florian Muralter: Wie David sagt, ist es immer schwierig, die eigene Musik in eine Ecke zu schieben. Aber natürlich sind wir geprägt von dem, was wir in unserer Jugend gehört haben. Das waren halt Hip-Hop, R ‘n‘ B, Soul usw. Jetzt aber zu sagen, wir seien eine reine Soul- oder Funkband, geht an der Sache vorbei.

David Sladek: Der Begriff Soul ist für mich auch nicht ein unbedingt ein Stil an sich, sondern die Art, wie man Musik spielt. Soul ist ein Wort, um irgendetwas auszudrücken, das sich nur schwer beschreiben lässt.

Die EP ist nun erschienen. Wie sehen eure Pläne für die nächste Zeit aus? Wird es Konzerte oder eine Tour geben?

David Sladek: Mit der Planung ist es im Moment natürlich etwas schwer. Es gibt schon ein paar Termine, die stehen, und einige, die halb stehen. Aber mit Sicherheit kann man da nichts sagen. Deswegen haben wir diesbezüglich auch noch nichts veröffentlicht. Wir spielen eher mit dem Gedanken, alles auf den Frühling und Sommer zu verschieben.

Und wie sieht es mit einem nächsten Full-Length-Album aus?

Raphael Vorraber: David und ich telefonieren oft über dieses Thema. Wir sind alle Fans von Alben und werden daher in Zukunft sicher wieder eines herausbringen. Und wir sind im Moment dabei, Ideen dafür zu sammeln. Nur, und auch da herrscht zwischen uns Konsens, wollen wir zunächst daran arbeiten, dass wir noch mehr einheitlich klingen und nicht mehr so ganz die freie Spielwiese sind.

Florian Muralter: Wir mögen das Format Album alle sehr gern. Ein Album hat ja einen Ablauf und hinter dem steckt auch immer auch ein Gedanke. Und das wird für uns auch die Motivation sein, wieder in diese Richtung zu gehen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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