Am 10. November fand im Wotruba-Saal des Konzerthauses im Rahmen von Wien Modern die von mica-music austria organisierte, in 3 Panels ablaufende Podiumsdiskussion “Publikumswandel: Herausforderungen für die Kunstmusik in der ganzen Welt” statt, mit Diskussionen auch des (dortigen) Publikums. Sie wurde gemeinsam mit dem International Music Council (IMC) und der – nicht zu vergessen in Salzburg 1921 gegründeten – Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM) abgehalten (wieder kräftige Lebenszeichen mit neuem Team). Im Anschluss lud das BMUKK (MinR Mag. Hildegard Siess) zu einem Empfang ins Schubert-Saal-Buffet. Constanze Wimmer arbeitet an der Anton Bruckner Universität in Linz im Bereich Musikvermittlung. Ihr Beitrag befasst sich mit der Definition und den Möglichkeiten der Musikvermittlung, betont die Mehrdimensionalität des Zugangs zur Musik, und wirft einen Blick über die Grenzen nach Großbritannien
“Musikvermittlung als Raum für Begegnungen”
Der Titel meines Vortrags ist ein Zitat des Kölner Komponisten und Musikvermittlers Bernhard König, der letzte Woche an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz mit angehenden MusikschulpädagogInnen einen Workshop zur musikalischen Gestaltungsarbeit mit Laien gehalten hat. Wenn dieser Musikvermittlungs-Workshop ein Raum voller Möglichkeiten war, haben dabei tatsächlich wesentliche Begegnungen stattgefunden:- InstrumentalistInnen, die im Verlauf ihrer Ausbildung noch nie improvisiert haben und aufgrund mangelnder Übung Schwierigkeiten mit dem Lesen von zeitgenössischer Notation haben, begegneten sich selbst und ihrer stimmlichen und instrumentalen Spiel- und Experimentierfreude:
Innerhalb von zwei Tagen fanden sie heraus, dass sie in der Lage sind, eigene kleine Improvisationsanleitungen zu erfinden, assoziative Überlegungen zum Instrumentalunterricht herzustellen und sich mit Lust und Engagement auf musikalische Gestaltungsprozesse mit Laien einzulassen.
– SchülerInnen zweier AHS-Schulklassen begegneten jungen Musikern, die zum ersten Mal nicht nur einem Instrumentalschüler, sondern einer Klasse von interessierten bis weniger interessierten Jugendlichen gegenüber traten und mit ihnen innerhalb einer Doppelstunde drei Musikstücke erarbeiteten. Für die SchülerInnen bedeuteten die Einheiten mit den Musikern vor allem Freude und Selbstvertrauen im Umgang mit Musik: auf ihren eigenen Instrumenten, mit der Schultafel und der eigenen Stimme kristallisierten sich authentische kurze musikalische Phrasen heraus, die in den nächsten Workshopeinheiten zu wiederholbaren Stücken ausgearbeitet werden.
– Die Bruckneruni begegnete Bernhard König und nahm seinen Besuch zum Anlass, die Kompositionsergebnisse der Schüler und Improvisationsteile der Studierenden in ein Konzert für Kinder zu integrieren, das im Rahmen von Linz09 stattfinden wird. Im Konzert – das bis jetzt als etablierte Reihe Kindern Musik z.B. von Bach, der Violine oder dem Jazz näher brachte, widmet diesen Termin anlassbezogen ausschließlich dem Erfinden von Musik: mit Alltagsgegenständen, mit Klappstühlen im Zuschauerraum, mit Bodypercussion des eigenen Körpers – und den Komposition und Improvisationen der SchülerInnen und Studierenden.
Was ist Musikvermittlung?
Musikvermittlung ist also zu allererst Kommunikation zwischen Menschen, die sich gemeinsam mit Musik auseinandersetzen. Als ästhetische Praxis lebt sie in moderierten und inszenierten Konzerten, in Workshops und konzeptueller Arbeit an der Schnittstelle von Kunst und Bildung. Und knüpft dabei ein partnerschaftliches Netz zwischen Kultur- und Bildungsinstitutionen.
Musikvermittlung nimmt zur Kenntnis, dass jeder von uns ästhetische Prozesse anders wahrnimmt: jeder von uns sieht, hört und fühlt auf eine Weise, die letztlich nur wir selbst kennen. Manche von uns reagieren stärker auf visuelle, andere auf taktile oder akustische Reize – in der Konzeption von musikvermittelnden Projekten wird daher versucht, Kommunikationswege zu finden, die mehr als einen Sinn anregen und unterschiedliche Arten der Wahrnehmung ansprechen:
– nicht zufällig sind alle Produktionen des Dschungel Wien Modern mehrdimensionale Zugänge zu Neuer Musik:
- “Al Di La” ist ein Tanztheater mit Objekten
- “Aschenputtel” nennt sich Märchenspiel
- “Karrussell” ist ein Klangfarbenkonzert
- “Popsonic” lässt Clowns Elektroakustik erleben
- “Matilda” rückt eine Geschichte als Sprechtheater mit Musik ins Zentrum
Das bedeutet nicht, dass dem reinen Zuhören in der Musikvermittlung keine entsprechende Bedeutung zukommt: diesbezüglich gibt es für jugendliche und erwachsene Hörer überzeugende Beispiele, die den Moment des Zuhörens durch intensive Kontextualisierung und spannungsreiche Vorbereitung im Vorfeld verdichten: das Emerson String Quartett erarbeitete beispielsweise mit dem britischen Theatermacher Simon McBurney eine “Theatralische Meditation” zum letzen Streichquartett von Schostakowitsch:
- Der Abend beginnt mit aus dem off gelesenen Briefstellen, autobiografischem Material, projizierten Fotografien und Filmausschnitten und vier stummen Schauspielern, um das Werk daraus entstehen zu lassen: nach dieser Collage aus Klang und Bildern erscheinen die 4 Musiker des Streichquartetts aus den vier Ecken der Bühne und beginnen das Quartett zu spielen.
- Zitat eines der beiden Geiger: “Indem es keine klassische Konzertsituation war, in der wir spielten, nutzten wir das Vermittlungs-Potential: Eingefleischte Theater-Fans haben vielleicht zur zeitgenössischen Musik gefunden und Quartett-Fans erhielten möglicherweise einen erleichterten Zugang zum multimedialen Theater.”
Musikvermittlung bringt die Produktion von Musik, deren Rezeption durch das Publikum und die Distribution an unterschiedliche Gruppen von Zuhörern miteinander in Beziehung.
Ein Blick über die Grenze nach Großbritannien
Kompositions-Projekte wie die “Klangnetze” in Österreich oder “Response” in Deutschland (Bernhard König, der Komponist des eingangs beschriebenen Workshops arbeitet intensiv in diesem Bereich) gehen auf die Pionierarbeit der London Sinfonietta zurück, die 1983 als erstes Ensemble den direkten Kontakt mit dem Publikum gesucht haben. Gillian Moore – die erste Frau als “education organizer” – beschreibt diesen Beginn sympathisch unaufgeregt:
“There was no job description, no policy, and when we started off, we simply shared a conviction that we wanted to open up the rich resources which we had at our disposal to as wide an audience as possible – to make that available to people, not to convert people.”
In der Vorbereitung zu dieser Tagung warf ich einen Blick auf die Homepage der London Sinfonietta und war überaus irritiert, dass ich den Button “Education” nicht finden konnte, da sich dahinter eine der umfassendsten Quellen für musikvermittelndes Repertoire zur Musik der Gegenwart findet. Nach einigen Minuten des Herumklickens fand ich diese Quelle wieder: nicht mehr als eigenen Button, sondern als Teil der Site “Artists and Repertoire”, also als integrativen Bestandteil der künstlerischen Arbeit des Ensembles – eine Weiterentwicklung, die ich mir auch für Österreich wünschen würde.
Musikvermittlung und Audience Development
Natürlich tragen Projekte, Ansätze und Workshops der Musikvermittlung dazu bei, neues Publikum zu erschließen und bereits interessierte Zuhörer immer wieder zu verlocken, ins Konzert zu gehen und sich mit Musik aktiv zuhörend und aktiv ausübend auseinanderzusetzen. Die SchülerInnen und Studierenden des eingangs beschriebenen Workshops werden hoffentlich über die nachfolgende Analyse des Publikums von Hans Neuhoff nur mehr irritiert den Kopf schütteln:
“Es [das Publikum] ist relativ alt und bildungshoch. Frauen sind in vielen Veranstaltungen stärker vertreten als Männer, bis zu einem Verhältnis von 60:40. (Hierfür sind mehrere Einflussgrößen verantwortlich: die allgemein günstigere Beurteilung ,klassisch-gemäßigter’ Ausdrucksformen durch Frauen, ihre stärkere Angepasstheit und Orientierung am Konventionellen, ihre traditionelle Rolle als ,Bewahrer der Kultur’ und die Tatsache, dass in den älteren Generationen ein Frauenüberschuss besteht.) Bei der neuen Musik kehrt sich das allerdings um: Hier ist der Anteil der Männer höher – ein Befund, der mit der allgemein stärkeren Neigung von Männern zu extremen, unkonventionellen und risikoreichen Ausdrucks- und Handlungsformen übereinstimmt.”

