Musik als gegenseitiges Geben und Nehmen verstehen – Murat Üstün

Mit schöner Regelmäßigkeit sind Kompositionen des Vorarlberger Komponisten Murat Üstün in den Konzertsälen Österreichs zu hören. Vor allem das Blechbläserensemble „Sonus Brass“ hat seine Kompositionen weithin bekannt gemacht. Murat Üstün schöpft seine musikalische Inspiration auch aus der türkischen Volksmusik und spricht damit die Menschen unmittelbar an. Zahlreiche Ensemblewerke sind in den vergangenen Jahren entstanden, zu den Auftraggebern zählen unter anderem Musiker der Wiener Symphoniker.  Chorwerke ergänzen die Werkliste des engagierten Komponisten. Von der menschlichen Stimme mit allen ihren Ausdrucksfacetten ist Murat Üstün immer wieder aufs Neue fasziniert. Eine enge Zusammenarbeit gab es vor allem mit dem Dornbirner Spielbodenchor. Im vergangenen Jahr komponierte der in Klaus lebende Komponist und Musikpädagoge auch anlässlich und zu Ehren des Provikar Carl Lampert. „Für mich gibt es kein schöneres Instrument als die menschliche Stimme, weil die Stimme tief aus der Seele kommt, wenn sie konzentriert eingesetzt wird“, erzählt Murat Üstün. Stets setzt er sich kritisch mit seinen Kompositionen auseinander. „Meine Werke sind im Großen und Ganzen immer gut angekommen, aber in meinem tiefen Inneren liegt eigentlich eine andere Musik. Deshalb stehe ich vor einem Wendepunkt in meiner kompositorischen Ausdruck“, gibt er zu Bedenken.

Anspruchsvolle Popmusik zum Jubiläum

Eine Arbeit der vergangenen Monate hat Murat Üstün viel Freude gemacht und gleichzeitig löste er damit ein Versprechen ein, das er vor Jahren seinem Musikerfreund Baris Manco gegeben hat. „Mit dem legendären türkischen Rocksänger habe ich während den 80er Jahren musiziert, um mein Studium zu verdienen. Schon damals hat Baris Manco eine Nummer geschrieben, mit der im Jahr 2023 das hundertjährige Jubiläum der Türkischen Republik gefeiert werden soll. Es war sein Wunsch, dass das Stück für symphonisches Orchester arrangiert wird. Damals habe ich ihm versprochen, dies zu machen. Baris Manco ist schon elf Jahre tot, nun habe ich in Erinnerung an ihn seine anspruchsvolle Popmusik „2023„ für symphonisches Orchester gesetzt. Das Staatsorchester in Ankara hat schon zugesagt, die Uraufführung in elf Jahren zu spielen.“

Türkische Musik für Kinder und Jugendliche

Seit Jahren ist Murat Üstün ein Ansprechpartner für viele MusiklehrerInnen, die für ihre Schüler türkische Kinder- und Volkslieder suchen. „So habe ich viele türkische Stücke eingerichtet. Diese wurden gut angenommen und gerne gespielt. Deshalb ist mir der Gedanke gekommen, ein Heft zu veröffentlichen, das vielen zugänglich ist“, sagt Murat Üstün. Im soeben fertig gestellten Spielbuch sind vierzehn türkische Volkslieder für 2 C Instrumente und Klavier mit unterschiedlichen Anforderungen enthalten, von leichten Bearbeitungen bis zu anspruchsvolleren Arrangements. Im nächsten Jahr wird das Spielbuch beim Musikverlag Doblinger publiziert.

Murat Üstün hat sich auch im interkulturellen Dialog einen Namen gemacht. Mit Ensemblemusikern und Musikstudenten bereiste er die Türkei und konzertierte in Izmir, Adana, Ankara und Istanbul. Im Gegenzug wurden Musiker und Komponisten aus der Türkei nach Vorarlberg eingeladen. Darüber hinaus wenden sich viele mit Fragen zur Integration an ihn. Doch diesbezüglich merkt Murat Üstün kritisch an, dass er sich als Musiker nicht mit sozialpolitischen Anliegen auseinander setzen will und kann. In diesem Zusammenhang betrachtet er auch Musikprojekte skeptisch, die unter dem Aspekt der
Integration stattfinden. „Musik braucht keine Integration, denn sie wirkt über Grenzen hinweg.“

Herausforderung Orchesterleiter

Bereits vor eineinhalb Jahren wurde der kommunikative Musikpädagoge, Hornist und Komponist angefragt, ob er die Leitung des verwaisten Stadtorchesters Feldkirch übernehmen möchte. Murat Üstün nahm die Herausforderung an und leitet seither das Laienorchester mit viel Freude am gemeinsamen Tun. Erfahrungen in der Orchesterleitung brachte Murat Üstün bereits aus seinem außergewöhnlichen musikalischen Werdegang mit. Nachdem er aus der Türkei zum Studium nach Deutschland kam, war er auch als Orchestermusiker tätig. Einige Jahre bereiste er als Kapellmeister des berühmten Zirkus Hagenbeck die Welt, bevor er in Vorarlberg sesshaft wurde. „Die ersten Erfahrungen als Orchesterleiter habe ich im Zirkus machen müssen“, lacht Murat Üstün. Die Technik des Dirigierens hat Murat Üstün schließlich bei Guntram Simma gelernt, der ihn auch weiterhin unterstützt.

Den Jungen als Partner zur Verfügung stehen

Drei Konzerte spielt das Stadtorchester Feldkirch jährlich. In der Programmgestaltung legt Murat Üstün Wert darauf, auch jungen MusikerInnen ein Podium zu bieten. Denn seiner Überzeugung nach sind es auch die Laienorchester, die in Kooperationen mit jungen Instrumentalisten gute Arbeit leisten können. Musikstudenten und noch wenig bekannte Musiker erhalten selten die Möglichkeit, als Solist an der Seite eines Orchesters zu musizieren. „Allgemein ist das Niveau sehr hoch und nicht alle Orchester engagieren Musikstudenten als Solisten“, weiß der Orchesterleiter. „Wir haben die Möglichkeit dazu und möchten sie auch bieten.“ Mitte April wird die junge Pianistin Hanna Bachmann mit dem Stadtorchester musizieren und im Herbst werden unter anderem auch Musiker aus den Reihen des Orchesters Solowerke darbieten.

Die Orchesterarbeit sieht Murat Üstün auch aus der Perspektive des Musikpädagogen. Dabei erinnert er sich, dass er bereits eine ganze Generation von Hornisten ausgebildet hat. Nicht ohne Stolz merkt er an, dass ein paar ehemalige Musikschüler bereits als Orchestermusiker Karriere gemacht haben. „Es ist ein sehr schönes Gefühl, denn ich konnte meinen Schülern Dinge mitgeben, von denen sie jetzt profitieren. Mit diesen Gedanken leite ich auch das Stadtorchester. Ich gehe mit den Orchestermusikern ein bisschen so um wie mit meinen Schülern und sie nehmen es gut an. Es ist eine gute Stimmung und ein gegenseitiges Geben und Nehmen.“

Silvia Thurner

Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, April 2012 erschienen.