DEMUJA kauft Rhythmusmaschinen gegen die eigene Unruhe, flüchtet von Salzburg nach Wien, weil hier der Flughafen näher ist und unten drunter niemand wohnt, der wegen der Bässe die Polizei ruft. 400 fertige Tracks liegen auf seiner Festplatte herum wie ungelesene Ausgaben der Zeit in einer Studenten-WG. Er haut sie einfach raus, auf Bandcamp, auf Instagram, egal, Hauptsache weg, Hauptsache Platz für den nächsten Jam.
Im Zuge seines ersten Albums als DUBMUJA (VÖ. 9. September 2026, MUJA) redet DEMUJA über das Älterwerden in einer Szene, die sich hypernervös im Kreis dreht, über Running Clubs mit DJ-Dreirädern, seine Lieblingslocations, das ständige Getriebensein – und ein neues Zukunftsziel. Ein Interview von Christoph Gleich.
Ich sehe: Als anständiger Österreicher sitzt du vormittags bereits im Keller!
Demuja: Klar, Mukke machen, seit halb acht.
Das wird ja immer früher.
Demuja: Ja, seitdem ich von Salzburg nach Wien umgezogen bin, hat sich mein Rhythmus nach vorne geschoben. Auch weil es hier niemanden unter mir gibt, der sich deshalb aufregen könnte.
Vor ein paar Jahren wolltest du noch auf keinen Fall nach Wien ziehen.
Demuja: Die Sache mit dem Flughafen war irgendwann oasch. Außerdem ist in Wien ein bisschen mehr los. Na ja, ist eh super so!
Dein Output ist seit ein, zwei Jahren jedenfalls explodiert. Wenn man dein Bandcamp durchscrollt, wirkt das wie ein ununterbrochener Bewusstseinsstrom.
Demuja: Ja, es ist grenzwertig viel. Andere sagen mir sogar: Das ist zu viel. Aber mir ist das wurscht. Ich hab circa 400 Tracks fertig. Bevor sie alle verstauben, hau’ ich sie halt auf Bandcamp. Damit kann ich außerdem eine andere Fanbase ansprechen als über Spotify. Dort landet dann das neue Album, aber nicht jede EP.
Bei den EPs ist es eher so: Sie sind gleich wieder alt, weil schon was Neues kommt.
Demuja: Das ist genau das Problem. Sobald ich einen Track fertig habe, habe ich schon wieder zwei neue Synthesizer und drei Effekte gekauft. Das heißt: Der neue Track klingt für mich immer alt. Näher an mir bin ich in den Jams, die ich auf Instagram poste. Und selbst bei denen denke ich mir: Ah, wow, das ist über eine Woche her, das ist alt!
Läufst du von deinem eigenen Sound weg?
Demuja: Na ja. Die Jams sind sowieso nur Momentaufnahme. Ich nehme sie auf und verwerfe sie. Daraus werden also nie Tracks, außer ich finde einen Loop wirklich supernice.
Wann ist der Loop supernice?
Demuja: Nie!
Wie, nie?
Demuja: Manchmal läuft ein Loop vier, fünf Stunden durch. Du addest vielleicht da und dort was, aber: Wenn du den Hauptloop fünf Stunden hören kannst und noch immer nicht satt bist, steckt da schon eine Wahrheit drin.
Welche Wahrheit?
Demuja: Na ja, viele überproduzieren ihre Songs. Wenn du einen coolen Loop verkopfst, kommt das Gegenteil dabei raus. Ein Kumpel hat mir gerade erzählt, dass er an manchen Tracks zwei Monate hockt. Ich denke mir: „Oida, das ist doch nur ein clubbiger House-Track!”
„AUF EINMAL STEHEN DA FÜNF EFFEKTGERÄTE, DABEI HÄTTE ICH ALLES UND BESSER MIT EINER MPC MACHEN KÖNNEN.”
Das klingt wahrscheinlich naiv, aber: Deine Limitierung auf Hardware ist der Key, oder?
Demuja: Limitieren ist immer key. Ich bin aber nicht gerade glaubwürdig, weil: Aktuell kaufe ich wirklich viele Synths – das ist für meinen Kopf eher schlecht als recht. Auf einmal stehen da fünf Effektgeräte, dabei hätte ich alles und besser mit einer MPC machen können.

Welchen Synth hast du dir zuletzt gekauft?
Demuja: Die Analog Rytm von Elektron. Wobei … stimmt gar nicht! Ich habe vor fünf Minuten bei Thomann bestellt. Das ist aber sogar für meine Maßstäbe viel. Nur: Ich versuche gerade, ein Live-Setup zu bauen. Also probiere ich alles aus, um den Flow zu finden.
Demuja soll live werden?
Demuja: Ja, ich brauche Abwechslung zum Auflegen. Hybrid habe ich außerdem schon gespielt – einmal sogar in der Panorama Bar. Das war mir aber zu stressig. Ich muss mein Setup so zusammenstellen, dass ich Spaß haben kann.
Deine Jams auf Insta sehen nach Spaß aus.
Demuja: Genau dort will ich hin. Ich habe bei dem Setup aber null Arrangement, das heißt: Ich kann grausig verkacken, wenn ich keine Songstruktur reinbringe und zehn Minuten einen faden Loop laufen lasse.
Zehn Minuten können aber auch kurz sein.
Demuja: Das ist wie bei Ricardo Villalobos, oder? Entweder es ist großartig oder es ist kompletter Müll. Zumindest habe ich mir sagen lassen, dass diese beiden Möglichkeiten bei ihm anscheinend ziemlich knapp beieinander liegen.
Passt der runtergestrippte Live-Approach nicht auch stärker zu deinem Dubmuja-Projekt?
Demuja: Voll, ich will das zukünftig teilen: Demuja legt auf, Dubmuja ist live. Diesen Split brauche ich schon deswegen, weil es sonst zu verwirrend für Promoter ist. Bestes Beispiel: letzten Samstag in Paris. Sie fragen mich, ob ich eher housige Sachen spiele oder mehr in die Dub-Richtung gehen will. Wenn das im Booking nicht klar ist, habe ich ein Problem.
Ab 100.000 Follower auf Insta ist das doch wurscht, oder?
Demuja: Gar nicht. Das fängt vielleicht bei einer Million an.
100.000 Follower bringen dir kein Standing?
Demuja: Ich merke es zumindest nicht. Klar, es kommen mehr Collab-Anfragen für Synth-Sachen. Und das ist geil, solange es authentisch bleibt. Gig-technisch machst du mit 100.000 Followern in der Szene aber keinen Unterschied. Es ist so wie mit den Spotify-Streams: Das interessiert mittlerweile niemanden mehr. Die meistgebuchten DJs veröffentlichen gar nichts.
Du postest deine Musik neben Urlaubsfotos aus Vietnam. Ein Social-Media-Kompromiss?
Demuja: Im Urlaub habe ich die Analogkamera dabei und schalte das Handy aus. Aber fuck, ich nehme mir das drei Tage vor und am vierten hänge ich trotzdem wieder an der Scheisse.
Dafür kommt halt persönlicher Content.
Demuja: Ich denke da an Fred again.. Er hat Millionen von Followern, trotzdem kommt er so persönlich rüber. Das ist perfektes Marketing, weil du daran glauben möchtest, dass es so ist. Na ja, vielleicht ist es sogar so – ich kenne ihn ja nicht.
„IN JEDER LOCATION DIESER WELT LEGT IRGENDWER AUF. IN DER BÄCKEREI. BEIM KAFFEE. WAHRSCHEINLICH SOGAR AM FRIEDHOF.”
Gibt es in deinem visuellen, musikalischen, ich sag einfach mal: kreativen Output-Stream auch Momente, in denen du dich selbst einholst?
Demuja: Du meist, ob ich zur Ruhe komme?
Nein, eher: Ob du realisierst, was du da alles machst.
Demuja: Fuck, nie! Jeder Gig kann besser sein, jeder Jam und Track. Ich spüre eine endlose Unruhe. Das ist manchmal nervig, runterkommen geht ja nicht. Gleichzeitig ist es spannend, weil alles immer erst kommt – ich höre also nicht auf zu produzieren, weil das Beste immer nur bevorsteht.
Es ist wie im Tennis: Du kannst aussichtslos hinten liegen, was zählt ist immer nur der nächste Punkt.
Demuja: Im Sport ist es aber wie beim Breaken: Du bist entweder der Beste oder nicht. In der Musik gibt es keinen Besten oder Schlechtesten. Es ist immer nur …
Geschmack?
Demuja: Ja.
Machst du Sport?
Demuja: Ich gehe laufen …
Aber nicht in einem dieser Running Clubs, die hier immer öfter mit DJ-Dreirad vorne rumfahren?
Demuja: Äh, was?
Leute treffen sich zum Laufen und vorne fährt ein Fahrrad, da legt ein DJ auf.
Demuja: In jeder Location dieser Welt legt irgendwer auf. In der Bäckerei. Beim Kaffee. Wahrscheinlich sogar am Friedhof. Das ist ganz schlimm.
Deine Idee, künftig mehr live zu spielen – ist das eine Reaktion darauf?
Demuja: Es ist sicher ein bewusster Schritt. Wenn alle DJs sein wollen, muss ich mich fragen, wie ich mich abheben kann.
Gehst du noch privat feiern?
Demuja: Es gibt schon geile Clubs, in die ich gerne noch privat gehe. Wobei: Es sind vielleicht zwei Clubs in ganz Europa. Ich denke mir aber immer: Wenn ich das sage, sudere ich so wie meine Eltern damals über ihre Kultur.
So wollte man ja nie sein.
Demuja: Aber leider wird man eben doch so.
Ja?
Demuja: Na ja, das Trance-Zeug war überhaupt nicht meins. Abgesehen davon denke ich mir aber immer öfter: Das ist halt was für die jüngere Generation, ich mache ja sowieso was anderes. Die Dub-Sachen zum Beispiel … In die muss man reinwachsen. Da musst du über deine Hands-up-Zeiten hinweg sein.
Basic Channel ist Champions League?
Demuja: Eher: der Endgegner! Dabei hat das Dubbige gerade ein Revival. Es wird housiger, die Chords bleiben aber. Das ist wahrscheinlich eine Antwort auf den vergangenen Trance-Hype.
„IN WIRKLICHKEIT HÖRT SICH DAS DOCH EH NIEMAND DURCH, ODER?”
Du hast vorhin erwähnt, dass es in Europa zwei Clubs gibt, in die du privat gehen würdest. Welche?
Demuja: Heideglühen ist mein absoluter Go-to-Place! Auch zum Auflegen – das Geilste, was es gibt!
Warum?
Demuja: Im Gegensatz zur Panorama Bar ist es weniger Touri-verseucht. Als DJ kannst du dich im Heideglühen außerdem nerdigst ausleben, sei es superdeep spielen oder in die Disco-Richtung gehen. Die Crowd folgt dir …
Und der andere Club?
Demuja: Schwierig, aber … Ich denke an Paris. Das Badaboum ist nice. Und die Macher des ehemaligen Concrete haben gerade was Neues eröffnet. Das soll superfett sein!
Lass uns abschließend über das kommende Projekt von Dubmuja sprechen. Es erscheinen laufend EPs. Im September erschien ein Album. Wieso?
Demuja: Hm… Ein Stück weit spricht da der Grafiker-Background aus mir. Ich mag es, komplette Pakete zu machen – also Shirts, Plattencover, Tapes … Für EPs ist der Aufwand geringer. Mit einem Album kann ich also ein ganzes Produkt bauen. Und: Ich kann so Musik veröffentlichen, die ich nie auf eine EP packen würde.
Der Ambient-Track?
Demuja: Ja, eh. Der geht auf der EP unter. Gleichzeitig finde ich Alben fad, die einfach nur 14 Club-Banger sind. Wobei … In Wirklichkeit hört sich das doch eh niemand durch, oder?
Na ja …
Demuja: Ich habe außerdem immer viel zu viele Tracks auf meinen Alben. Das letzte hatte, glaube ich, 24. Diesmal habe ich es auf 15 runtergebrochen. Die skippt man heutzutage durch, der Rest landet auf Playlists.
Ja?
Demuja: Na ja, ich bin eh oldschool. Ich lade mir noch Alben runter und höre die durch. Ich höre auch fast kein Spotify mehr, dafür Internetradios wie NTS. Dort hätte ich übrigens auch gerne eine Sendung. Für den Fall, dass jemand wen kennt …
Gut, letzte Frage: Was ist das Unproduktivste, das du tun musst, um produktiv zu bleiben?
Demuja: Ich bin nie unproduktiv!
Ach komm!
Demuja: Sport?
Ist das die Overachiever-Antwort?
Demuja: Also gut: Ich schaue unendlich viele Filme. Ich bin, wie soll man sagen: filmaffin. By the way, ich habe gerade Regie geführt für einen Film, den wir im Club Praterstrasse gedreht haben. Es geht um einen Promoter und die 15 Minuten, bevor der Club aufsperrt. Das Projekt heißt Backstage. Und Philine Hofmann, die sonst für Bibiza Musikvideos dreht, war Kamerafrau.
Unproduktiv sein heißt für dich also …
Demuja: Andere produktive Dinge tun. Film ist aber sowas wie eine Exit-Strategie für mich.
Wovon?
Demuja: Na, mit 60 will ich nicht mehr im Club stehen … Mich mehr mit Film zu beschäftigen, also Regie zu führen, ist eine Möglichkeit – aber auch ein weites Zukunftsziel.
Christoph Gleich
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Links:
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