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Demaju (c) Frank Wimmer

„Ich hoffe, dass die Gesellschaft nach dieser Sache umdenkt“ – DEMUJA im mica-Interview

Der Salzburger DJ und Produzent BERNHARD WEISS lockert als DEMUJA seit über zehn Jahren die Grenzen zwischen House, Hip-Hop und Drum’n’Bass. Aus seinem Studio streamt er in die Welt, seine Tracks veröffentlicht er auf internationalen Labels wie NERVOUS RECORDS oder MADHOUSE. Mittlerweile spielt BERNHARD WEISS, der von allen nur BERNI genannt wird, über 75 Gigs pro Jahr – in New York, Paris oder Tiflis. Ende März erscheint mit „Atlantic Avenue“ sein zweites Album. Im Gespräch mit Christoph Benkeser erzählt er von seinem Background als Breakdancer, was er mit alten VHS-Kassetten verbindet und warum er selten in Österreich auflegt. 

Du hast in deiner Jugend Schlagzeug gespielt, warst in der Breakdance-Szene unterwegs – wie bist du zu House gekommen? 

Berni: Mein Vater ist Schlagzeuger, er hat mich früh mit Musik in Kontakt gebracht und mir Unterricht gegeben. Später bin ich auf der Musikschule mit Percussion-Ensembles unterwegs gewesen. Mit Breakdance habe ich erst angefangen, als ich auf die HTL Salzburg für Kunst & Design gekommen bin. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mit dem Schlagzeugspielen aufgehört, um mich auf das Tanzen zu fokussieren. Meine Crew und ich waren jede Woche auf einer Battle. Das war viel Arbeit, hat sich aber gelohnt: wir wurden zweimal österreichischer Meister im Breakdance. Und: Auf einer der Battles bin ich durch Zufall mit der Housedance-Szene in Kontakt gekommen. Auf einer Afterparty hat ein DJ diese Musik gespielt, die für mich komplett neu war. Ich habe bald begonnen, selbst House zu tanzen und mich zunehmend mehr mit der Musik auseinandergesetzt.

Wann hast du angefangen, selbst zu produzieren?

Berni: Ich habe in meiner Jugend viel ausprobiert und als DJ aufgelegt. Irgendwann war mir das zu wenig. Also habe ich begonnen, selbst Beats zu machen – am Anfang mehr Drum’n’Bass und Hip-Hop, später kam House dazu.

„Ich musste mich entscheiden: Job kündigen oder Musik reduzieren.“

Du bist seit Jahren international als Produzent und DJ tätig unterwegs. Wann hast du gemerkt, dass du eine Karriere in der Musik anstreben kannst?

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Demaju (c) Frank Wimmer

Berni: Seitdem ich vor 12 Jahren angefangen habe zu produzieren, will ich von meiner Musik leben. Ich wusste, dass ich das erreichen kann. Ich wusste aber auch, dass ich mich darauf konzentrieren muss. Aus diesem Grund habe ich meine ganze Erfahrung als Breakdancer, also das Trainieren ohne Ausnahmen und Kompromisse, in die Musik gesteckt. Das heißt: Jeden Tag produzieren, vor oder nach dem Training, der Schule oder der Arbeit – und ständig besser werden. Als ich gemerkt habe, dass sich eine Karriere ausgehen könnte, habe ich meinen Job als Grafiker auf Teilzeit reduziert, um noch mehr Zeit mit Tanzen und Musikmachen zu verbringen. Vor vier Jahren wurde ich dann für so viele Gigs gebucht, dass sich Teilzeitarbeit und Auflegen nicht mehr vereinbaren ließen. Ich musste mich entscheiden: Job kündigen oder Musik reduzieren.

Die Entscheidung hören wir heute – auf YouTube streamst du regelmäßig Jams aus deinem Studio. Wie gehst du an deine Produktion heran?

Berni: Wenn ich nicht reise, stehe ich um 8.30 Uhr auf und sitze um 9 Uhr im Studio. Früher geht es nicht, das ist der Deal mit der Nachbarschaft [lacht]. Ich habe aber keinen strukturierten Arbeitsprozess, deshalb klingen viele meiner Tracks sehr verschieden. Ich habe früher häufig mit Samples gearbeitet, mittlerweile möchte ich davon wegkommen –, auch um mehr Originalität zu schaffen. Je nachdem was ich am Vortag gemacht oder welche Inspirationen ich vom Wochenende mitgenommen habe, suche ich nach einer Stimmung, die ich produzieren will und probiere herum. Manchmal mit analoger Hardware, manchmal nur in Logic. Dadurch versuche ich bei jedem Track, etwas Neues für mich zu entdecken. Das kann ganz banal sein – ein anderer Reverb-Effekt auf einem Synthesizer oder statt der Roland 909-Kick eine 707.

Ende März 2020 veröffentlichst du dein zweites Album „Atlantic Avenue“. Eine Platte, auf der du den Bogen von klassischem Deep House über Hip Hop und Drum’n’Bass bis hin zu Soul-Elementen spannst. Wie gehen diese Richtungen für dich zusammen?

Berni: Die Platte ist lange geworden – auf 16 Tracks kann man viel ausprobieren. Ein reines House-Album wäre deshalb langweilig gewesen. Bei „Atlantic Avenue“ geht es um eine Reise. Ursprünglich war der Name „Atlantic Avenue – a journey de la muja“, bei dem ich mehr von mir als Künstler zeigen wollte. Den Namen habe ich gekürzt, die Idee ist geblieben. Ich zeige meine Einflüsse, hinterfrage aber auch mich selbst: wo bin ich, wo will ich hin?

Auf „On The Road“ hast du mit der Wiener Sängerin Elena Shirin zusammengearbeitet. Wie gehst du an solche Kollaborationen heran?

Berni: Ich bin immer auf der Suche nach guten Sängerinnen und Sängern. Zu Elena bin ich aber durch Zufall gekommen, ein Freund hat sie mir empfohlen. Eins führte zum anderen, nach einigen Monaten war „On The Road“ fertig. Wie es der Zufall will, war ich damals gerade auf einer Amerika-Tour und sie war an der Westküste unterwegs. Wir haben uns ein Treffen in Los Angeles ausgemacht, eine GoPro gecheckt und sind mit dem Rad durch die Stadt gedüst. Das Ergebnis sieht man im Video.

Auf deiner letzten Platte waren bereits Kollaborationen dabei.

Berni: Ich arbeite gerne mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammen. Auf meinem letzten Album habe ich mich mit dem US-amerikanischen Rapper Anti Lilly zusammengetan [„Can’t Defeat“; Anm.], auf der EP „Classic Warrior“ von 2018 mit dem Berliner Songwriter Albert Vogt. Diese Kollaborationen geben mir viel, weil ich immer positiv überrascht werde – auch wenn die Zusammenarbeit nur online stattfindet. Meistens habe ich eine Melodie im Kopf, gebe aber den Künstler*innen absolute Freiheit. Ich sage ihnen also nicht, was ich mir von dem Track erwarte, weil ich keine Einschränkungen vorgeben möchte. Nach ein paar Tagen bekomme ich eine Demo-Aufnahme, ohne zu wissen, was die Person gemacht hat. Ich liebe diesen Moment!

Welche Ästhetik verbindest du mit dem Sound, den du produzierst? Hast du Bilder im Kopf, wenn du produzierst?

Berni: Mein Sound ist stark inspiriert von Musik aus den 90ern, ich versuche dieses nostalgische Feeling einzufangen. Um die „Rawness“ zu verstärken, verwendete ich in Musikvideos gerne alte VHS-Aufnahmen. Das passt zur Musik. Da ein Rauschen, dort ein Kratzer – das gibt dem Ganzen etwas Lebendiges. In der heutigen elektronischen Musik geht für mich zu oft das Gefühl von Soul verloren, weil die Produktionen zu sauber klingen. Dabei ist gerade das Rohe – wenn zum Beispiel ein Track nicht perfekt abgemischt ist – für mich spannend.

„Club-Banger oder Chart-Hits können passieren, aber ich finde nicht, dass ich viele Club-Banger habe.“

Hast du den Dancefloor im Auge, wenn du produzierst?

Berni: Nein, ich denke nicht an den Dancefloor, wenn ich Musik mache, eigentlich ganz im Gegenteil. Club-Banger oder Chart-Hits können passieren, aber ich finde nicht, dass ich viele „Club-Banger“ habe.

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Demaju (c) Frank Wimmer

Denkt man an elektronische Musik, hat man nicht zwingend Salzburg im Kopf. Viele verbinden eher klassische Musik mit der Stadt. Hast du jemals überlegt, für deine Karriere aus Salzburg wegzuziehen?

Berni: Ich denke oft darüber nach, aber hauptsächlich wegen des Reisens. Salzburg hat einen kleinen Flughafen, ich muss jedes Wochenende mit dem Zug nach Wien oder München, um von dort weiterzufliegen. Das ist anstrengend. Aber: Meine Familie wohnt in Salzburg, ich habe hier viele Freunde. Und die Lebensqualität ist ein Hammer – ich stecke also fest [lacht]. Außerdem, und das ist ein riesiger Vorteil für mich, passiert in Salzburg unter der Woche nichts im elektronischen Musikbereich. Ich kann von den Gigs am Wochenende runterkommen und in Ruhe produzieren. Aber klar, es hätte Vorteile, würde ich in Berlin oder London leben. Das Netzwerken wäre einfacher. Schließlich ist der persönliche Kontakt wichtiger als 50 verschickte E-Mails – auch wenn man das in unserer aktuellen Situation fast vergessen könnte.

Der Kulturbetrieb im In- und Ausland kommt gerade wegen des Coronavirus zum Erliegen. Clubs schließen vorübergehend, Veranstaltungen werden abgesagt. Welche Auswirkungen haben diese Absagen auf dich?

Berni: Alle meine Gigs im März und April sind abgesagt oder verschoben. Das ist ein großer finanzieller Schaden, den gerade viele Musiker und Veranstalter hinnehmen müssen. Aber: die Gesundheit geht vor. Es sind die richtigen Maßnahmen, sonst würde sich alles noch länger ziehen. Ich hoffe wirklich, dass die Gesellschaft nach dieser Sache umdenkt – und die Prioritäten in Zukunft anders setzt.

House wird – zumindest in seinen Ursprüngen – mit bestimmten Städten assoziiert. Gibt es diese Zuordnung für dich, oder ist das in Zeiten der globalen Vernetzung hinfällig?

Berni: Natürlich gibt es Städte, in denen House bekannter ist. In Paris, London und Brüssel passiert gerade sehr viel. Aber das Internet hat vieles möglich gemacht – coole Partys findet man auch in kleineren Städten. Und manchmal finden die geilsten Partys in Städten wie Tiflis statt, von denen man das nicht annehmen würde.

„Mit einer Crowd kannst du zwar Geld machen, aber keine Szene aufbauen.“

Gibt es so etwas wie einen Salzburger House-Sound?

Berni: Ich war länger nicht in Salzburg unterwegs, kann das also momentan schwer einschätzen. Es gibt einige motivierte Crews wie Freakadelle, TRIPS oder Soda Club, die Partys veranstalten. Aber wenn ich die Situation mit anderen Städten in der Größenordnung von Salzburg vergleiche, tut sich hier nicht so viel. Im Gegenteil: Salzburg hat einen großen Anteil an „rich kids“, die im Club gerne Champagner trinken und zeigen, was sie haben. Mit so einer Crowd kannst du zwar Geld machen, aber keine Szene aufbauen.

Du hast auf Labels wie Madhouse Records von Kerri Chandler oder auf Jamie Odells Freerange Records veröffentlicht. Deine Stücke haben allein auf OOUKFunky, einem YouTube-Kanal für House, über fünf Millionen Abrufe. Wie erklärst du dir deinen Erfolg?

Berni: Eine meiner ersten EPs konnte ich auf dem legendären Label Nervous Records aus New York City veröffentlichen. Das war ein Privileg, weil ich keinen großen Namen hatte. Sie haben wert auf meine Musik gelegt – und nicht auf meinen Bekanntheitsgrad. Das ist heute eine Seltenheit und hat mir als Referenz viel gebracht, weil damit die Chancen gestiegen sind, dass sich andere Labels meine Demos anhören. Durch die Lo-Fi-Szene, die vor drei Jahren weltweit explodiert ist, hat House außerdem eine größere Aufmerksamkeit bekommen. Da spielte Glück mit. Aber wenn man Glück hat, muss man auch liefern können. Dazu kommt, dass man durch die Globalisierung nicht zwingend große Labels braucht, um viele Leute zu erreichen. YouTube und andere Social Media-Plattformen werden wichtiger. Mein Background als Grafiker und Video-Produzent verschafft mir einen zusätzlichen Vorteil. Ich kann von Artworks bis zu Musikvideos alles selber machen, meine „Botschaft“ also ohne Umwege kommunizieren. Deshalb empfehle ich allen, sich Basics in Photoshop und Premiere anzueignen – es zahlt sich aus.

„Ich hatte es satt, Demos an Labels zu schicken und nach wochenlangem Warten eine Absage zu bekommen.“

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Demaju (c) Frank Wimmer

Du hast 2017 mit MUJA ein eigenes Label gegründet. Wie kam es dazu?

Berni: Ich hatte es satt, Demos an Labels zu schicken und nach wochenlangem Warten eine Absage zu bekommen. Außerdem wollen viele Labels nur ein Genre veröffentlichen. Dieses Kastldenken hat mir nie zugesagt. MUJA ist aus dem Gedanken entstanden, eine Plattform für mich und meine Musik zu schaffen. Ein Label, bei dem ich machen kann, was ich will – musikalisch, grafisch, ästhetisch.

Im letzten Jahr hast du über 75 Gigs gespielt, von New York über Montreal, Barcelona, Glasgow, Berlin bis Südkorea und Australien – aber nur einmal in Österreich. Kannst du dir die Gründe erklären, warum heimische Veranstalter*innen dich seltener buchen?

Berni: Parov Stelar hat einmal sinngemäß gesagt, dass man erst im Ausland Erfolg haben müsse, um in Österreich anerkannt zu werden. Ich sehe das ähnlich. Als österreichischer DJ in Österreich Erfolg zu haben, ist schwer – in einer Nische wie House umso mehr. Ich bin nicht der beste im Networken, war nie ein Fan von „Du buchst mich – ich buch dich“-Aktionen. Aber momentan ist es für mich zeitlich ohnehin nicht machbar, öfter in Österreich zu spielen – auch wenn ich das sehr gerne machen würde!

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Christoph Benkeser


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