Mina Naomi gehört zu jener Generation von Musiker, die sich nicht auf ein einziges musikalisches Feld festlegen lassen. Die in Wien tätige Kontrabassistin bewegt sich zwischen Jazz, zeitgenössischer Musik, Hip-Hop und improvisierten Formen und verfolgt dabei ganz unterschiedliche Projekte. Mit ihrem Trio Nageem und der Band Wellbehaved hat sie bereits einige Aufmerksamkeit erregt. Aktuell arbeitet sie an ihrer ersten Solo-EP, auf der die in der Kategorie Best Newcomer für den Österreichischen Jazzpreis nominierte Musikerin den Kontrabass selbst ins Zentrum rückt. Im Gespräch mit Michael Ternai geht es um musikalische Offenheit, die Suche nach eigenen Ausdrucksformen und die Frage, wie sich neue Räume für FLINTA*-Artists schaffen lassen.
Du hast in der jüngeren Vergangenheit vor allem mit der Band Wellbehaved Aufmerksamkeit erregt.
Mina Naomi: Das liegt auch daran, dass wir als Kollektiv in den letzten zwei Jahren sehr viel Zeit in Wellbehaved investiert haben. Wir haben in den Zonkey Studios eine EP produziert und sind mit dieser Produktion – gemeinsam mit unserem Produzenten Simon Schenkmair – auch in die USA gereist, wo wir sie mit Xav Sinten (UK) weiterentwickelt haben. Danach haben wir uns intensiv darauf konzentriert, die Veröffentlichung vorzubereiten, unter anderem mit Förderungen durch SKE für die Vinylproduktion. Im Februar 2026 ist die EP „Well Well Well” schließlich erschienen.
Parallel dazu konnten wir Kontakte nach Großbritannien aufbauen. Gemeinsam mit der Band Auqualine aus London haben waren wir dann im Mai auf Deutschland- und UK-Tour und haben auch die Möglichkeit bekommen, Gotts Street Park (UK) und Corto Alto (UK) zu supporten.
Das kommt auch wirklich gut an. Ihr habt ja das Kunststück vollbracht, eure erste Show im Radiokulturhaus gleich auszuverkaufen.
Mina Naomi: Das war tatsächlich unsere erste große Show, und wir haben viel Zeit hineingesteckt. Dass sie dann gleich ausverkauft war, hat uns natürlich sehr gefreut. Das Geheimnis ist Teamwork.
Aber Wellbehaved ist nicht dein einziges Projekt. Und du spielst auch in Band einiger namhafter österreichischer Acts.
Mina Naomi: Genau, ich habe jetzt auch mein Soloprojekt gestartet. Das bewegt sich im Bereich Minimal Music, Jazz Improvisation und Sounddesign am Kontrabass. Derzeit arbeite ich auch mit dem Ambience Künstler Food For Thought zusammen. Außerdem spiele ich gemeinsam mit Max Plattner und David Six in der neuen Formation Nageem.
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In den letzten vier Jahren habe ich sehr viel live im Popbereich gespielt und dabei mit ganz unterschiedlichen Künstler:innen gearbeitet. Derzeit bin ich unter anderem live mit NENDA (AT) unterwegs. Ich habe mit Christl (AT) und Zelda Weber (AT) gespielt und war auch mit TYM (DE) unterwegs. Zudem habe ich schon mit Silvana Estrada aus Mexiko gearbeitet, die dieses Jahr einen Latin Grammy erhalten hat. In Österreich waren unter anderem Eli Preiss und Sanna Frankie dabei. Dadurch hat sich in den letzten Jahren eine ziemlich breite Mischung ergeben. Außerdem arbeite ich als Studiomusikerin in den Zonkey Studios mit internationalen Künstler:innen wie unter anderem Deem Spencer aus den USA sowie Hein Cooper und Liam Higgins aus Australien zusammen. Das bereitet mir große Freude, weil ich dadurch in verschiedenen Bereichen musikalisch unterwegs sein kann.
Daneben studiere ich weiterhin klassische Musik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, genauer gesagt klassischen Kontrabass. Ich nehme aus all diesen unterschiedlichen Bereichen etwas mit, und genau diese Mischung prägt auch meine eigene musikalische Identität.
Ich finde bei dir vor allem diese Vielschichtigkeit und die enorme musikalische Bandbreite spannend. Darüber hinaus entsteht im Gespräch der Eindruck, dass du sehr fokussiert in dem bist, was du tust. Es kommt nicht allzu oft vor, dass eine Band mit einer EP einen solchen Start hinlegt – und dann quasi aus dem Nichts heraus gleich eine größere Tour auf die Beine stellt, ohne bereits über große Bekanntheit zu verfügen.
Mina Naomi: Wir sind hier in Österreich noch recht frisch unterwegs. Dennoch hat sich sehr schnell eine Szene von Leuten um uns gebildet. Wir stehen noch ganz am Anfang unserer Karriere und investieren sehr viel Zeit und Liebe, damit das Projekt wachsen kann.
Umso schöner ist es, dass es bereits jetzt Menschen gibt, die hören wollen, was wir machen. Und wenn man bedenkt, dass viele Leute bei unseren Konzerten Vinyl gekauft haben, zeigt uns, dass echtes Interesse an unserer Musik besteht. Das fühlt sich sehr gut an und gibt uns viel Kraft.
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Wir haben mittlerweile unser erstes Album aufgenommen, und zwar in den Reel World Studios in Großbritannien, den Studios von Peter Gabriel. Wir sind tatsächlich die erste österreichische Band, die dort ein Album aufgenommen hat, und das ist für uns natürlich etwas ganz Besonderes. Die Aufnahmen dort waren eine unglaublich schöne Erfahrung. Das Album „Etiquette” wird im Sommer 2027 erscheinen und steht jetzt ganz klar im Fokus. Am 2. Oktober kommt mit „Oxygen“ bereits die erste Single raus. Damit beginnt für uns jetzt sozusagen der Prozess der Veröffentlichung des Albums 2027 und wir können es kaum erwarten, die Songs vorzuzeigen.
Dieser Plan wirkt erneut sehr durchdacht und fokussiert. Du wartest nicht darauf, entdeckt zu werden, sondern nimmst die Dinge aktiv in die Hand. Das zeigt, dass du schon eine Ahnung hast vom Musikbusiness.
Mina Naomi: Egal ob nun mit Wellbehaved oder bei meinem Solo-Projekt Mina Naomi oder bei Nageem, mir ist bewusst, dass man in unserer Gesellschaft sehr viel dafür tun muss, um Sichtbarkeit zu erlangen. Ich glaube, es ist wichtig, Ziele aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten. Einerseits gibt es die künstlerische Ebene, auf der man sich ganz auf kreative Prozesse konzentriert; das ist ein sehr freies Wirken. Andererseits gibt es aber auch einen wirtschaftlichen Rahmen, in dem wir uns als Künstler:innen bewegen. Wir leben in einer neoliberalen Gesellschaft, in der man sich selbst und die eigene Arbeit bis zu einem gewissen Grad auch als Produkt verstehen muss.

Das ist nicht unbedingt meine bevorzugte Herangehensweise als Künstlerin. Aber wenn man von der eigenen Arbeit leben und bestimmte Ziele verwirklichen möchte, muss man sich auch mit diesen wirtschaftlichen Aspekten auseinandersetzen und sie verstehen lernen. Es reicht nicht immer, nur gute Musik zu machen und darauf zu warten, dass jemand kommt und einen entdeckt. Es braucht ein Bewusstsein dafür, wie unser System funktioniert und wie man sich innerhalb dieses Rahmens bewegt, ohne dabei die eigene künstlerische Identität aus den Augen zu verlieren.
Vielleicht ist Fokus nicht unbedingt ganz treffend, sondern ein Bewusstsein und auch der Wunsch, Dinge zu verstehen. Ich will Sachen wissen (Mina lacht). Ich habe Jus fast abgeschlossen und dafür sehr viel Zeit und Energie investiert.
Für eine Sache bin ich besonders dankbar: Ich habe viel darüber gelernt, wie unser Gesellschaftssystem funktioniert. Ich weiß, wie ein Vertrag aufgebaut ist; in dieser Hinsicht lässt man mich nicht so leicht über den Tisch ziehen.
Ich habe mit 18 Jahren begonnen und bis zu meinem 23. Lebensjahr sehr intensiv studiert und war daneben auch politisch aktiv. Ich habe das Forum Kritische Jurist:innen mitbegründet, war dort sehr engagiert und habe viel Zeit und Energie hineingesteckt, weil ich überzeugt bin, dass man sein politisches Umfeld mitgestalten kann. Damals war das für mich die Juristerei: sich als Kollektiv rechtliches Wissen anzueignen und sich damit gegen konservative Strukturen zu positionieren. Es war ein Studienkollektiv aus Absolvent:innen und Studierenden.
Ich bereue diesen Schritt überhaupt nicht. Im Gegenteil: Ich merke, dass ich mir dort Strukturen und eine bestimmte Denkweise angeeignet habe, die mir heute sehr zugutekommen; genauso wie das politische Bewusstsein. Ich glaube, man sollte sich als Musiker:in auch bewusst sein, dass man eine gewisse Verantwortung trägt.
Mein persönliches Ziel ist es, mit meiner Musik beziehungsweise meiner Artist Persona für patriarchale Strukturen zu sensibilisieren. Bei solchen Themen werde ich niemals schweigen. Das ist mir wichtig, und darin bin ich sehr klar.
Gerade für junge Musikerinnen kann man eine Vorbildfunktion einnehmen. Ich merke selbst, wie sehr ich das gebraucht hätte; und ich habe mir solche Vorbilder auch gesucht. Aber als ich begonnen habe, Kontrabass zu spielen, war das noch nicht so im Fokus. Eine wichtige Person für mich ist zum Beispiel Esperanza Spalding. Sie ist großartig, hat einen außergewöhnlichen Geist und spielt beeindruckend. Vor allem bringt sie ihre Persönlichkeit sehr stark in ihr Spiel ein.
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Dir haben zu Beginn deiner Karriere also die weiblichen Vorbilder gefehlt. Fehlen die für die jungen Musikerinnen deiner Meinung nach heute auch noch? Wie sehr hat sich da etwas verändert.
Mina Naomi: Es ist nach wie vor so, dass mehr Männer im Popularmusikbereich auf den österreichischen Bühnen stehen als Flinta* Personen. Aber es gibt eine Veränderung diesbezüglich und das ist auf jeden Fall schon positiv. Ich beobachte, wie viele tolle Bassistinnen wir in Österreich haben und sich immer mehr auch entwickeln und in der Szene integrieren. Aber nach wie vor ist die Musikszene von patriarchalen Strukturen durchzogen. Was man tun kann ist für Veränderung ist Mikro-Sensibilisierung: dass man mit dem, was man wie tut, ein gewisses Bewusstsein schafft. Schon allein wie man sich auf der Bühne präsentiert kann man das Publikum sensibilisieren. Ganz toll und wichtig ist beispielsweise die Flinta* Musicians Community, die sich in Wien gebildet hat. Alle Flinta*s, die jetzt auf der Bühne stehen und ihre Liebe für Musik teilen, haben eine wichtige Vorbildfunktion für die folgenden Generationen.
Wenn man Musikerinnen betrachtet wie etwa Verena Zeiner, die Fraufeld mitbegründet hat, Gina Schwarz, Judith Ferstl, Judith Schwarz oder Beate Wiesinger – und es gäbe noch viele weitere –, dann hat sich bereits etwas bewegt. Sie haben ihren Platz eingefordert.
Mina Naomi: Es hat sich vieles bewegt und das macht mich sehr glücklich. Patriarchale Strukturen führen oft dazu, dass Frauen und FLINTA* gegeneinander ausgespielt, voneinander isoliert oder in Konkurrenz zueinander gebracht werden. Umso wichtiger finde ich es, dass wir lernen und auch spüren, dass wir als FLINTA*-Musiker:innen ein Kollektiv sind. Es geht nicht darum, dass es nur Platz für eine von uns gibt. Wir müssen uns nicht gegenseitig als Konkurrenz sehen, sondern können uns gegenseitig unterstützen, Räume schaffen und voneinander profitieren.
Was hat letztlich dazu geführt, dass du dich gegen den Abschluss des Jusstudiums und für eine Musikkarriere entschieden hast? Und wann hast du überhaupt mit dem Musikmachen begonnen?
Mina Naomi: Meine Eltern sind zwar nicht Musiker:innen, aber Musik war im Haushalt meiner Familie sehr wichtig. Mein Vater war Bildhauer, meine Mutter ist Ergotherapeutin. Meine Mutter hatte einen persönlichen Fokus auf Kreistänze, dadurch habe ich sehr viel Tanzmusik aus verschiedenen Kulturen gehört als Kind. Zudem war ein großer Fan von Cat Stevens, Joan Baez und Joni Mitchell . Früher hatte sie viele Platten zu Hause, hat Musik aus aller Welt gesammelt und sie gemeinsam mit mir angehört. Mein Vater hat mich vor allem mit Musik aus dem indischen Raum vertraut gemacht und mit immer gern gejammt auf seiner alten Gitarre.
Einer meiner Schlüsselmomente war, als ich sieben war und meine Mutter mir das Köln-Konzert von Chick Corea vorgespielt hat. Das klingt kitschig, aber ich habe dabei zu weinen begonnen vor Freude.

Ich war regelmäßig jeden Samstag zusätzlich in der Musikschule und habe begonnen, mich intensiv mit Jazztheorie zu beschäftigen. Auch zu komponieren habe ich sehr früh angefangen. Als Jugendliche habe ich dann begonnen, Kontrabass und E-Bass zu spielen und das hat mich in den Bann gezogen.
Ich hatte nach der Matura das Bedürfnis, auch etwas anderes zu machen, weil ich mich in der Musik teilweise wie in einer privilegierten Seifenblase gefühlt habe. Das hat in mir einen Interessenkonflikt ausgelöst. Ich wollte verstehen, wie unsere Gesellschaft funktioniert. Deshalb habe ich begonnen, Jus zu studieren. Ich bin damals tief in dieses Studium eingetaucht, habe aber gleichzeitig gemerkt, dass mir die Musik fehlt.
Irgendwann wurde mir klar, dass ich beides nicht einfach gleichwertig nebeneinander machen kann und dass die Musik für mich der richtige Weg ist. Ich habe bewusst etwas anderes ausprobiert und mich dann entschieden, meinen Weg in der Musik zu gehen. Das war eine wichtige Erfahrung.
Du bist, was die musikalische Ausrichtung deiner Projekte betrifft, sehr breit aufgestellt. Welches davon würdest du als dein Hauptprojekt bezeichnen?
Mina Naomi: Hauptprojekte sind im Moment Wellbehaved, Mina Naomi mit Nageem. Drei wichtige Facetten meines musikalischen Lebens. Ich finde es aber auch wichtig, immer wieder auch den eigenen Fokus zu öffnen und offen für Kooperationen zu bleiben. Im Jänner 2027 erscheint in Zusammenarbeit mit Food for Thought eine Mina Naomi EP, die sich zwischen Ambient und Soundscapes bewegt und die klanglichen Möglichkeiten des Kontrabasses in den Mittelpunkt stellt. Alle Sounds entstehen aus dem Kontrabass selbst: Das Clean-Signal vom Kontrabass wird kombiniert mit Effekten, die ineinanderfließen und sich zu einem gemeinsamen Klangbild verbinden.
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Brauchst du diese Abwechslung?
Mina Naomi: Ja, auf jeden Fall. Ich denke auch, dass man musikalisch durch andere Menschen und durch deren Inspiration wächst und reift. Aber ich würde sagen, das sind meine drei Hauptprojekte, auf die ich meinen Fokus lege und bei denen ich versuche, sie auch wirklich weiterzubringen.
Wenn man so viele Einflüsse von allen möglichen Seiten hat, wie setzt du das in deiner Musik um, wenn du schreibst? Auf welcher Grundlage entscheidest du, in welche musikalische Richtung ein Projekt geht?
Mina Naomi: Ich merke auf jeden Fall, dass ich ausgeglichener bin, weil ich verschiedene Outputs habe, über die ich mich ausdrücken kann. In Wellbehaved zum Beispiel kommt meine große Liebe zum Hip-Hop und diese Schnittstelle zwischen Jazz und Hip-Hop sehr stark durch. Ich kann dort einfach richtig groovige Basslines spielen, und da geht mein Herz auf.
Bei Nageem ist es wiederum so, dass wir zu dritt sehr demokratisch miteinander arbeiten und Musik im Moment entsteht. Wir kanalisieren dort unsere Improvisationen gemeinsam. Jede:r hat das eigene Outlet, um Improvisation als Form von Jetzt-Komposition zu nutzen, und daraus entstehen oft sehr spannende Dinge.
Ich glaube, dass die musikalische Richtung eines Projekts nicht immer aus einer bewussten Entscheidung heraus entsteht. Oft ist sie vielmehr eine Reaktion auf das, was musikalisch gerade um einen herum passiert; auf das, was man hört, was die anderen Musiker:innen einbringen und wie sich die einzelnen Elemente gegenseitig beeinflussen.
Bei der EP mit Food For Thought zum Beispiel haben wir das Clean-Signal vom Kontrabass genauso gleichwertig eingesetzt wie die effektierte Spur. Ich habe teilweise mein eigenes Spiel an seine Effekte angepasst und darauf reagiert. Dadurch sind bestimmte Klangfarben und Rhythmen entstanden, die wahrscheinlich so nicht entstanden wären, wenn wir nur die Effekt Spur gehört hätten. Umgekehrt hat auch er auf mein Spiel und meine akustischen Sounds reagiert.
Ich finde gerade diese Momente spannend, in denen man nicht alles vorher festlegt, sondern durch das Zusammenspiel plötzlich etwas Eigenes entsteht.
Vielen Dank für das Interview.
Michael Ternai
