„Mich interessiert nur eines, und das ist Musik“ – LAHRA IM MICA INTERVIEW

„Too Late To Move On“ heißt die EP, mit der die 20-jährige LAHRA die musikalische Bandbreite der heimischen Szene erweitert. Fünf Songs hat die Wienerin mit serbischen Wurzeln bisher veröffentlicht, der nächste steht schon in den Startlöchern. Denn wie LAHRA selbst verrät, ist das Spektrum ihrer Interessen nicht sonderlich groß, der Fokus liegt zu 100 Prozent auf Musik. Mit Katharina Reiffenstuhl spricht die Sängerin über ihre schwierige Beziehung zu Social Media, ihre Schulzeit und den Teil danach, der sie dorthin gebracht hat, wo sie immer sein wollte.

Wie hat dein Weg als Musikerin angefangen?

Lahra: Ich habe immer schon gerne gesungen. Mit 16 habe ich angefangen, mit einem Freund in einem Studio zu arbeiten. Das war auch wirklich kein großes Studio. Er war sogar ein Jahr jünger als ich. Wir haben dann Lieder zusammen gemacht und die habe ich als Demos an mein jetziges Management geschickt. Die haben mich mit 17 unter Vertrag genommen. Seitdem mache ich professionell Musik.

Machst du nebenbei etwas anderes auch noch?

Lahra: Das Ding ist, ich habe nicht viele Hobbys oder Interessen. Mich interessiert nur eines, und das ist Musik. Tischtennis spiele ich auch gerne nebenbei. Viele haben Funfacts über sich, ich habe sowas nicht, ich mag einfach nur Musik. [lacht]

Dass du gern Tischtennis spielst, ist doch schon mal ein guter Funfact, würde ich sagen.

Lahra: Ich bin tatsächlich auch ziemlich gut darin. Aber sonst mag ich echt wenig.

Woher beziehst du dann Inspiration für deine Musik?

Lahra: Hauptsächlich aus meinem Alltag, to be honest. Bei „Bye Lovely” zum Beispiel habe ich einen toten Frosch auf der Straße auf dem Weg zum Studio gesehen und danach einen Song darüber geschrieben. Es sind kleine random Dinge, die oft nicht einmal eine Bedeutung haben. Manchmal schreibe ich die Lyrics, die einfach gut zur Melodie passen.

Bild Lahra
Lahra (c) Michelle Rassnitzer

Du hast jetzt vor kurzem deine EP rausgebracht. Hängen diese fünf Songs also gar nicht zusammen?

Lahra: Nicht wirklich, nein. Drei Songs haben mit dem Tod zu tun, aber das ist auch die einzige Gemeinsamkeit. Ich schreibe sehr gerne über den Tod, aber nicht im negativen Sinne. Ich muss mich damit abfinden, ich muss das irgendwie verarbeiten, also schreibe ich Lyrics, die ich gerne hören würde. In „Where I’ll Go” geht es um meinen toten Hund. Der Text ist das, was ich gerne von ihm hören würde. Auch wenn er nicht reden kann. „Big Blue Eyes” handelt von meinem Opa, der ist auch vor kurzem gestorben. In dem Song geht es darum, dass ich mich schlecht fühle, weil ich Dinge anders hätte machen können. 

Also ist die Musik deine Art, solche Themen zu verarbeiten?

Lahra: Ja. Bei mir ist es so, dass ich keine Person bin, die für eine sehr lange Zeit depressiv ist, wenn etwas Schlimmes passiert. Ich versuche wirklich, das so schnell wie möglich zu verarbeiten, weil ich weiß, dass keiner wollen würde, dass ich traurig bin. Das Songschreiben hilft mir dabei.

„ICH WUSSTE NICHT GENAU, WAS ICH ALS KÜNSTLERIN WILL“

Bei deinem Debüt warst du erst 17 Jahre alt. Was hast du dazugelernt in diesen letzten drei Jahren?

Lahra: Ich habe mich selbst besser kennengelernt als Artist, ich weiß jetzt, wie ich rüberkommen will. Ich wusste nicht genau, was ich als Künstlerin will. Ich denke, man weiß das nie wirklich, was man machen will, weil man sich konstant verändert als Person. Heute bin ich eine andere Person als die, die ich vor drei Jahren war. Genauso will ich jetzt als Künstlerin etwas anderes erreichen als vor drei Jahren.

Was wolltest du vor drei Jahren erreichen?

Lahra: Ich weiß nicht, ich glaube, ich wollte einfach nur Musik machen. Jetzt habe ich mehr Ziele.

Und was wären die?

Lahra: Mein Ziel ist es jetzt auf jeden Fall, zu 100 Prozent mit meiner Musik zufrieden zu sein. Immer, wenn ich mir meine Lieder anhöre, denke ich “Oh, das könnte ich anders machen”. Ich möchte mich selbst stolz machen und das Gefühl haben, dass ich genug erreicht habe, um erfüllt zu sein. Das größte Ziel ist es vermutlich, einfach viele Leute mit meiner Musik zu erreichen. Ich will auch Haters haben. [lacht]

Haters sind Aufmerksamkeit.

Lahra: Aber hoffentlich positive.

IF THEY LIKE IT, THEY LIKE IT. IF THEY DON’T, I LIKE IT“

Hast du das Gefühl, du wirst manchmal unterschätzt aufgrund deines Alters?

Lahra: Ich habe schon das Gefühl. Wenn ich im Studio bin mit einem neuen Producer zum Beispiel, der mich noch nicht kennt, dann glaube ich schon, dass der sich nicht so viel von mir erwartet. Der denkt „Das ist eine Sängerin, Text und Melodie sind vielleicht nicht ihre Stärke, die kann halt einfach singen“. Erst recht, wenn das ältere Producer oder Songwriter sind. Ich kann auch nicht sagen, ob das vielleicht ist, weil ich eine Frau bin. Aber ich bin mit 17 Jahren in Sessions gegangen und hab’s einfach gemacht. Das stresst mich daher auch nicht wirklich. Who cares? If they like it, they like it. If they don’t, I like it. Am Ende sind sie eh immer zufrieden oder positiv überrascht.

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In deiner Musik treffen viele Stilbewegungen aufeinander. Kategorisierst du dich selbst in Genres ein?

Lahra: Es ist auf jeden Fall Pop, vielleicht manchmal Alternative Pop. Aber wenn ich Musik mache, achte ich eigentlich nicht auf das Genre. Ich mache immer das, was ich fühle, und das ist immer anders. Weil sich jeder jeden Tag anders fühlt. Es kommt dann auch immer darauf an, was ich höre. Colder Than Ice” ist ja ein Disco-Pop-Track. Da war ich total into Boney M. und habe die ganze Zeit Disco gehört. Where I’ll Go” war eben eine Phase, wo ich traurig war. Da war es eher melancholisch. Ich als Künstlerin kann mich gerade nicht in eine Kategorie fassen, in der ich bin, außer over all Pop.

„ICH WILL NICHT ERRATEN, OB ICH MIR MIT DEM ALGORITHMUS JETZT ETWAS GUTES ODER ETWAS SCHLECHTES TUE“

Ich hab gesehen, du postest regelmäßig auf TikTok. Glaubst du, dass das in Zukunft eine wichtige Plattform für Musiker:innen sein wird?

Lahra: Auf jeden Fall. Das ist jetzt schon eine sehr wichtige Plattform. Ich glaube, es wird schwieriger und schwieriger ohne. Ganz am Anfang haben das nicht so viele Leute genutzt. PINKPANTHERESS hat damit so wirklich angefangen und sie ist jetzt total erfolgreich geworden dadurch.

Dafür hast du kein Facebook.

Lahra: Ich hatte noch nie Facebook. Ich kann mich erinnern, als ich 13 war, habe ich meine Mutter angefleht, Facebook haben zu dürfen. Sie meinte “Nein nein, das ist erst ab 14. Wenn du 14 bist, darfst du”. Und als ich dann 14 war, hat kein Mensch mehr Facebook benutzt.

Das ist auch einfach so ein Generationending. Wir sind vermutlich eher die Generation, die dann auf TikTok oder Instagram hängenbleibt.

Lahra: Ich habe auch kein Twitter, ich weiß nicht, wie man Twitter benutzt. Meine Freunde lieben das, die finden das total witzig. Ich sehe auf Instagram dann Screenshots von Tweets. Das reicht mir dann auch. Aber ich bin generell keine Person, die gerne aktiv ist auf Social Media. Ich mache es trotzdem, weil ich mir denke Okay, Leute, die mich hören, würde gerne wissen, was ich mache”

Warum bist du nicht gerne auf Social Media?

Lahra: Social Media kann dich wirklich positiv prägen, aber auch negativ. Ich will nicht erraten, ob ich mir mit dem Algorithmus jetzt etwas Gutes oder etwas Schlechtes tue. Wieso tut man sich das an? Ich poste einfach für Leute, die mir gerne zuschauen.

Du spielst dieses Jahr auf relativ großen Festivals, am Lido Sounds oder am Waves zum Beispiel. Wie aufgeregt bist du im Hinblick darauf?

Lahra: Ich bin nie aufgeregt, bis ich dann auf der Bühne stehe. Diesen Samstag bin ich am Lido dabei, ich freue mich schon, aber ich realisiere es noch nicht ganz. Mich freut es aber, dass ich auf andere Leute nicht nervös wirke. Ich könnte nervös des Todes sein, man merkt es mir nicht an. 

So wie du hier bei diesem Interview aufgetaucht bist, hätte ich auch nicht den Eindruck, dass du ein aufgeregter Mensch bist.

Lahra: Mir macht das auch einfach Spaß. Ich liebe es zu reden. Im Endeffekt aber nicht immer nur über mich. [lacht]

Bist du ein Bühnenmensch?

Lahra: Ja. Ich liebe es. Ich habe schon als Kind sehr gerne vor Leuten gesungen. In der Volksschule war ich in der Schulband und mit 10 habe ich vor der kompletten Volksschule gesungen. Da hat mir so Spaß gemacht.

Und ab da hast du gewusst, das ist das, was du später machen willst?

Lahra: Ja, aber ich dachte immer, das sei unrealistisch. Als ich 16 war, war ich mit meiner Situation so unglücklich, weil ich einfach nicht das gemacht habe, was ich machen wollte.

Was hast du gemacht mit 16?

Lahra: Schule. [lacht] Ich war in einer Wirtschaftsschule und war eigentlich wirklich gut. Wenn ich das durchgezogen hätte, wäre ich auch fertig geworden. Mit 16 habe ich sogar einen Entrepreneurship-Award in Barcelona gewonnen. Erster Platz in der Sozialkategorie, ich war in der Zeitung deswegen. Ich habe mit zwei Freunden eine App gegen häusliche Gewalt entwickelt, wir haben da einen Businessplan erstellt und bei diesem Wettbewerb eingereicht. Das war voll cool.

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Also heute nicht nur Sängerin, sondern auch Unternehmerin.

Lahra: Quasi. Aber Schule war einfach gar nicht meins. Man muss dort echt mal den Druck rausnehmen. So viele Schüler haben Depressionen wegen der Schule. Das ist nicht, weil sie sich das schlecht einteilen oder nicht genug lernen. Nein, es ist einfach zu viel. Man ist noch ein Kind. Die Schule nimmt dir deine ganze Kindheit und deine ganze Jugend, finde ich.

Hast du eine Collab, von der du immer schon geträumt hast?

Lahra: Ich liebe Lady Gaga. Seit ich ein Kind bin. Vielleicht ist es jetzt noch unrealistisch … nein, nichts ist unrealistisch, nehm’ ich zurück. Sie ist ein Mensch, ich bin ein Mensch. Sie ist wirklich mein Idol, als Kind habe ich nur Lady Gaga Songs gesungen.

Dabei ist eure Musik doch sehr anders.

Lahra: Ja stimmt, aber wir sind ja immer noch verschiedene Menschen. Aber ich könnte sicherlich ein Lied machen, das mehr ihr Style ist. Ich mach alles für sie. [lacht] Wer glaubst du, würde zu mir passen?

Jetzt wo du es gesagt hast, glaube ich, Lady Gaga wäre eine gute Wahl. Sonst vielleicht Lana del Rey.

Lahra: Uhh, ja das gefällt mir. Das wäre richtig cool. 

Sobald du mit Lady Gaga oder Lana del Rey eine Collab hast, treffen wir uns wieder und machen ein neues Interview.

Lahra: Das machen wir!

Dann danke dir fürs Gespräch.

Katharina Reiffenstuhl

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