mica-Interview mit Roland Geyer (Theater an der Wien)

Im Gespräch mit dem Intendanten, das Heinz Rögl mit Geyer in dessen Büro im Beisein der Pressesprecherin Sabine Seisenbacher führte, ging es auch um den Stellenwert zeitgenössischer Musik im nächsten Spielplan. Aber nicht nur. Vor über einem Monat hatte Geyer bereits das Saisonprogramm 2011/12 präsentiert. Vor einigen Tagen wurde er zum künftigen Intendanten der Bregenzer Festspiele gekürt – er wird David Pountney nachfolgen. Bei der Presse-Konferenz des nächsten Spielplans des Theaters an der Wien – Geyer wird dem Haus bis 2016 erhalten bleiben – konnte er eine eindrucksvolle Vorschau auf die Produktionen des dritten, beileibe nicht drittrangigen, Wiener Opernhauses präsentieren.

Der Direktor der Vereinigten Bühnen Thomas Drozda berichtete bei dieser zunächst über den Umbau der Bühne und über gute Ergebnisse in der Auslastung. Roland Geyer ging dann auf das Programm ein (siehe Link: http://www.theater-wien.at/index.php/de/spielplan). Die sechste Saison bringt 26 Musiktheaterwerke vom Barock bis zur Moderne, davon zwölf szenische Premieren. Allein die Namen der Dirigenten ist ein „Who is who“ der künstlerischen Qualität. Gäste bei der Präsentation waren die renommierte Regisseurin Christine Mielitz und der Chefdirigent des ORF Radio-Symphonieorchesters, Cornelius Meister. Christine Mielitz wird die nächste Opern-Uraufführung inszenieren, die im November als Auftragswerk des Theaters an der Wien Premiere haben wird. Zur Aufführung gelangt „Gogol“ von der jungen russischen Komponistin und Dichterin Lera Auerbach, in ihrem Stück wird die letzte Lebensphase Nikolai Gogols verhandelt, dessen Rolle Bo (Boje) Skovhus verkörpern wird.

HR: Lera Auerbach kennen selbst Musikinteressierte möglicherweise nicht einmal dem Namen nach …
Roland Geyer: Gidon Kremer hat doch immer wieder sehr viel von dieser Komponistin aufgeführt, ihre „Préludes“ und so weiter. Beim Osterklang 2006 gab es ein „Stabat Mater“, das Kremer mit der Kremerata Baltica spielte, ein Concerto grosso, ein Duo für Violine und Viola, das das Gedankengut von Pergolesi aufgriff. Sie schrieb es anstelle für Stimmen und Orchester für zwei Instrumente – ein hohes und ein tiefes – und Kammerorchester. Derzeit ist Auerbach in Dresden bei Thielemann „composer in residence“, vor einigen Jahren komponierte sie für John Neumeier das Ballett „Die kleine Meerjungfrau“, das in zwei Versionen – einmal in Dänemark, dann vor eineinhalb Jahren in Hamburg uraufgeführt worden ist. Es gibt von ihr zwei Symphonien, ein Requiem …Sie ist längst kein „No-Name“ mehr, sie hat vor allem viel für Orchester und ihr eigenes Instrument, das Klavier, komponiert. Das wird nun, abgesehen von einer Jugendoper, ihre erste große Oper.

Christine Mielitz beschrieb Auerbach ungemein enthusiasmiert als „Besessene“ des Theaters. Wer ist auf die Idee gekommen, Sie mit einer Oper zu beauftragen – Sie?
Ja, stellen Sie sich vor (Lachen) …Die Sache ist schon ziemlich lang her. Als 2007 das Theater an der Wien umgestellt wurde, habe ich mich dafür entschieden mit der Serie „Jedes Jahr eine Uraufführung“ zu beginnen. Die letzte ging, wie Sie ja wissen, an den ‚Halb-Österreicher’ Johannes Kalitzke [siehe mica-Interview Kalitzke], das zweite war von Daniel Catán (eine Koproduktion mit Los Angeles). Lera Auerbach kenne ich aus der damaligen Kremer-Koproduktion zwischen dem „Osterklang“ und dem Luzern-Festival.
Die Oper ist keine Biographie-Geschichte, es geht um die psycho-kriminelle Seite der letzten Monate Nikolai Gogols, dessen Leben – noch heute verstörend – im Alter von 42 Jahren an den Folgen strengen Fastens, religiösen Wahns endete. Und Lera Auerbach wollte ihr eigenes Libretto schreiben. Von Anfang an mit von der Partie war auch Bariton Bo Skovhus. Als wir „Intermezzo“ von Richard Strauss planten, sagte er mir, dass er Lust hätte, einmal eine Uraufführung zu machen. Das Libretto von Auerbach – sie hatte es mir vor zwei Jahren samt Auszügen und Skizzen aus der Partitur am Klavier und am Synthesizer präsentiert – hatte fast Wagnerische Dimensionen, sie selbst merkte, dass das zu lang wäre. Ursprünglich hatte sie Begegnungen Gogols mit Freud und anderen großen Philosophen in Wien und in London drinnen, diesen Phantasiealptraum Gogols hat sie dann wieder herausgenommen. Immerhin ist es aber eine Oper von drei Stunden Dauer geworden. Für den fertigen Klavierauszug  konnte ich Vladimir Fedoseyev und Christine Mielitz sehr begeistern. Und „Fedo“ hat doch wirklich seine Stärken in der russischen Musik, sowohl der romantischen, als auch der neueren. Auerbachs Musik geht durchaus auch in die Richtung Prokofjew, Schostakowitsch und vor allem vielleicht auch Schnittke. Die beiden Pole Fedoseyev – Mielitz könnten dazu führen, dass die Produktion zum  ‚Highlight’ der nächsten Saison werden wird.

Das glaube ich auch. Wobei man natürlich auch auf die anderen Produktionen und ihre Dirigenten und Regisseure gespannt sein kann: Da kommt „The Turn of the Screw“ von Britten, da inszeniert Claus Guth den „Orfeo“, Renè Jacobs macht Glucks „Telemaco“, es kommt die selten zu hörende Oper „Iolanta“ von Tschaikowski …
… in Kombination mit Rachmaninows „Francesca da Rimini“, beide mit Libretto von Modest Iljitsch Tschaikowski,  …

… die „Contes d’Hoffmann“ von Offenbach. Das Theater an der Wien steht sehr gut als Wiens drittes, ich will nicht sagen bestes Opernhaus da. Bleibt die Frage. Was ist mit der Neuen Musik, mit Uraufführungen?
Es gibt welche.

Ja: In der „Hölle“ gibt es ein neues Stück etwa von Johanna Doderer im Rahmen einer Mini-Mono-Opern-Trilogie, es kommt Hans-Jürgen von Bose mit „Kafka-Fragmente“, und das Klangforum Wien führt konzertant „Les Boulingrin“ von Georges Aperghis unter Mitwirkung der charismatischen Sängerdarstellerin Donatienne Michel-Dansac auf.

Das ist ein Klangforum-Projekt par excellence, bei diesem Ensemble weiß man was man hat, das ist erste Qualität. Natürlich tun wir uns mit konzertanten Barockopern unter William Christie oder Alan Curtis im Verkauf leichter als mit so einem Stück. Das Klangforum hat schon sein entsprechendes Publikum. Nur: Wenn ich an die Anfänge von „Wien Modern“ zurückdenke – ich bin ja nach wie vor im Vorstand: Man hat damals – auch unter Claudio Abbados Hilfe – relativ schnell ein Publikum von ungefähr 1000 Interessierten gefunden und es sind leider auch heute nicht viel mehr.

Das Mozart-Saal-Abo im Konzerhaus ist ausverkauft und das Klangforum  hatte heuer auch einen zweiten „Sonderzyklus“.
Ja, der Mozartsaal hat 700 Plätze. Mehr als 1000 an aktueller E-Musik Interessierte  insgesamt sind es nicht, wir brauchen uns nichts vorzumachen. Obwohl ich mich seit Anfang meiner Tätigkeit in Wien immer für das Zeitgenössische engagiert habe: Das Publikum ist nicht so mitgegangen, wie wir das alle gerne hätten.

Wir werden älter. Jetzt gab es bei den Wiener Festwochen ein Projekt von Bernhard Gander extra auch mit sehr jungen Künstlerinnen und Künstlern (Rapper, Breakdancer, Slam-Poetry) für junge Leute.

Bernhard Gander ist auch ein „Ausreißer“, ein anderer Typ, der – wie etwa auch Wolfgang Mitterer – nicht dem Bild Donaueschingen, Avantgarde entspricht. Das sind Komponisten, die eher auch den Rock/Jazz-Bereich berühren und nicht eklektisch im sogenannten E-Musik-Bereich verweilen. Da gibt es noch nicht die wirkliche Akzeptanz. Bei Zimmermann, Stockhausen, sogar Schönberg (100 Jahre alte Musik). Wenn Sie auf ein Plakat Schönberg schreiben, müssen Sie die Verweigerung des Publikums fürchten.  Das ist eigentlich traurig.

Wie war der Besuch der „Festlichen Tage alter Moderne“ mit dem Klangforum im Theater an der Wien?
Wir haben mit verschiedenen Mitteln – auch Ermäßigungen für bestimmte Besuchergruppen – gute Akzeptanz gehabt. Etwa 700 Besucher pro Konzert – die typische Mozartsaal-Zahl. Von einem Gewinn kann man de facto hier nicht reden. Es gibt jetzt jedenfalls eine gute Kooperationsbasis mit dem Klangforum Wien und mit Sven Hartberger – trotz der lustigen „Streiterei“ über die Namensgebung [Anm.: „Alte Musik“ versus „Alte Moderne“]. Die nächsten drei Jahre wird es weniger „Konzerte“, sonder „konzertantes Musiktheater“ mit ihnen geben. Im Eröffnungskonzert spielt das Klangforum Wien Strawinskis „L’Histoire du Soldat“ mit toller Besetzung (Tobias Moretti, Michael Maertens und Karl Markovics), Christine Schäfer wird Schönbergs „Pierrot lunaire“ singen.

Was in Österreich schon zu Kritik auffordert: Warum ist etwa, übrigens infolge eines verdienstvollen Rettungsversuchs beim steirischen Herbst, die Pariser Inszenierung von  „Melancholia“ (G.F. Haas) gerade noch vom Grazer Opernhaus – übrigens auch beim traditionellen Grazer Opernpublikum äußerst erfolgreich – dreimal gezeigt worden? Warum hat sich kein Haus zu einer Neuinszenierung dieser tollen Oper entschließen können? Wir haben grandiose Musiktheater-Komponisten der avancierten mittleren Generation wie Beat Furrer, Georg Friedrich-Haas, Olga Neuwirth, oder auch der älteren, wie zum Beispiel Kurt Schwertsik. Warum werden deren Stücke kaum gezeigt?
Sie haben fast einen Namen gesagt, den ich mache: Ich kooperiere mit den Bregenzer Festspielen bei der Uraufführung von HK (Nali) Grubers „Geschichten aus dem Wienerwald“. Die Oper kommt 2013 in Bregenz heraus und wird in der Folge am Theater an der Wien sein. Das Libretto stammt von Michael Sturminger. Allerdings bin ich bei Aufträgen und Uraufführungen eher, sagen wir es so, „un-national“. Wo ist eine spannende Idee, wer könnte der Komponist sein? – So bringe ich in der übernächsten Saison eine Fortsetzung von „The Rake’s Progress“. Das wird von einem sehr jungen Engländer komponiert. Der derzeitige Stand bisher: Ein Österreicher, ein Mexikoamerikaner, eine Russin, ein Engländer und dann Nali Gruber. Das ist eine beabsichtigte Linie, aber auch mein persönlicher Geschmack.

Im Theater an der Wien war ja auch 2006 Bernard Langs „I hate Mozart“ und  in der „Hölle“dann  von Lang und Widauer „Haydn in der Hölle“.
Das war auch sehr gut. Bernhard Lang ist auch ein von mir sehr geschätzter Komponist. Aber ich mache eben pro Jahr nur eine Uraufführung, man könnte natürlich fragen, warum nicht mehr? Aber auch dieses Haus wird an der Menge der Menschen, die es besuchen gemessen. Banal gesagt: Auch wenn der „Hoffmann“ bei uns aus einem bestimmten Grund angesetzt ist (Regisseur William Friedkin): Natürlich erreiche ich mit so was zehn mal so viele Besucher als mit einer noch so interessanten Uraufführung.

Man braucht eine „Cash-Cow“?
Wien ist eine Stadt, wo das Publikum nach Namen kauft. Vom Besuch her, bei den Abos stehen wir an der Schallmauer 5000. Jedenfalls: Die zeitgenössische Musik hat im Theater an der Wien einen großen Stellenwert. Es gibt diese Bipolarität. Einerseits starke Präsenz der Barockoper, andererseits Moderne. Was die anderen Häuser betrifft: Ich finde es gut, wie sich derzeit in Wien das Genre Oper auf die drei Häuser aufteilt. Es gibt eine gute Gesprächsbasis zwischen den Intendanten.

Die Institution der „Hölle“ dient  auch Uraufführungen, auch Kabarett und ist ein schönes Konzept.

Die Notsituation im der jetzigen Saison, wo die Kafka-Oper von Bose, die im nächsten Jahr kommt, nicht fertig geworden ist, hat in kurzfristiger Umdisposition zu Aufführungen des Monodrams „Das Medium“ von Maxwell Davies geführt. Annette Schönmüller stellte sich unter der Regie von Peter Pawlik dieser Herausforderung. Das hat zur Überlegung geführt, ein oder zwei Kompositionsaufträge für Solostücke zu vergeben. Der Raum der „Hölle“ ist für so etwas sehr geeignet. 1907 bis 1912 war hier der Grundstein für das Kabarett, einmal im Jahr machen wir ja auch so etwas unten, lassen diese hundert Jahre alte Tradition wieder auferstehen. Aber die Hauptsache: Die zwei bis drei „Hölle“-Produktionen sind fast ausschließlich Uraufführungen. Etwas, das mir sehr am Herzen liegt.

Zum Abschluss ein Word-Rap. Roland Geyer im Profil, persönliche Bio und seine bisherigen Tätigkeiten. Wo haben Sie in Wien angefangen?
Nein, ich habe in der Provinz angefangen. Ab 1982 war ich für fünf Jahre in Amstetten und habe für diese Stadt ein Kulturleben erfunden. Da war damals fast gar nix, gerade wurde da ein Theater mit 600 Plätzen eröffnet. Da habe ich angefangen. Dann bin ich zur Jeunesse, dort war ich von ´87 bis ´96. Das war eigentlich die Lebensschulung, der ich meine Karriere verdanke. In diesen zehn Jahren mit 3000 Konzerten und 10000 Werken lernt man die Musik wirklich kennen. Ich hatte in der Jeunesse auch internationale Funktionen, etwa als Präsident des Jeunesse-Weltorchesters. Und ich habe aufgrund der europaweiten Vernetzung der Jeunesse Veranstaltungen und Aufführungen besucht – ob in Skandinavien, oder in Ungarn oder Spanien und Portugal. Durch so etwas wird man geprägt, man lernt auch unorthodoxere Programme kennen – etwa in Schweden, wo auf ein Klaviertrio mit Beethoven eine Rockband folgte, dann kamen Schubert-Lieder. Da lernt man: Es gibt nur gute und schlechte Musik, jenseits von Kategorisierungen wie Klassik, Rockmusik, Jazzmusik. Die Jeunesse-Tätigkeit war die Basis für die Berufung durch Ursula Pasterk, um den Wiener „Klangbogen“ umzustrukturieren. Morgengabe war die Erfindung des „Osterklang“. „Klangbogen“ betreute ich von 1997-2004 – kam zwischendurch Holender mit Mozart-Opern in die Quere, was fast meine Karriere killte. den Kopf kostete. Seit 2006 (mit zwei Jahren Vorbereitung) ist jetzt meine Intendanz am Theater an der Wien. Der Vertag geht bis 2016.

Lieber Herr Geyer, herzlichen Dank für das Gespräch!

 

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