mica-Interview mit Bilderbuch

Sie sind die Aufsteiger der Saison und gelten als die Jungspunde was krawallige Gitarrenmusik aus Österreich anbelangt. Bilderbuch aus Oberösterreich sind seit kurzem als Band in Wien stationiert und dürfen sich über mangelnde mediale Aufmerksamkeit nicht beschweren. Johannes Luxner sprach mit Sänger und Gitarrist Maurice Ernst über den schnellen Erfolg, den Zivildienst als Ideengeber und das Leben im Internat.  

Das Irrenhaus als kreativer Ort

Heuer war alles andere als ein ereignisarmes Jahr für euch. Wie fühlen sich die Ereignisse der letzten Wochen und Monate an .
Es war für uns alle überraschend gut. Vor allem dass uns die Musikmedien in Österreich so gut angenommen haben. Hinter der ersten Single Calypso stand ja vermehrt der Promogedanke. Aber dass beinahe jedes Radio das inhaltlich zu uns passt, also Radio Agora, Soundportal, FM4 und natürlich auch GoTv als Fernsehsender, uns viel gespielt haben war ein wahnsinniges Glück. Der Trubel hat ja am Sommeranfang bereits begonnen. Ich habe heuer extra keinen Ferialjob angenommen, was sich als richtige Entscheidung erwiesen hat. Wir waren fast jeden Tag stundenlang mit Arbeiten für die Band beschäftigt: Vom Webdesign bis zum T-Shirt-Design. Mit Ink sind wir ja auf einem Indie-Label und das funktioniert für uns wahnsinnig gut.

Macht man sich Gedanken, warum es ausgerechnet in eurem Fall so abgeht?
Extreme sogar. Wir haben mit Gonzales im WUK gespielt, oder unlängst erst am FM4-Fest. Es reihen sich soviele Highlights aneinander. Ich frag mich dann, ob wir von den Medien vielleicht nicht cooler gezeichnet werden als wir sind (lacht). Oder ob diese Ehre überhaupt gerechtfertigt ist, weil es soviele andere gute Bands gibt. Schauen wir aber mal wie die zweite Single läuft. Man ist auch wieder schnell weg vom Fenster. Was niemand hofft.

Es hat euch sogar bis rauf nach Dresden und Berlin verschlagen. Eine Erfahrung welcher Art?
Es war super. Auch hier hatten wir Glück und haben dort nicht irgendwo gespielt sondern in Berlin im Magnet Club, wo auch schon The Coral, Franz Ferdinand und The Kooks gespielt haben als sie noch nicht so groß waren. Das war richtig cool, weil der Funke übergesprungen ist. Ein super Konzert. In Dresden wars ähnlich. Dort haben wir auf der Pop Up, der Musikmesse, gespielt. Eine gute Voraussetzung mit dementsprechend viel Publikum. Es waren tolle Erfahrungen.

Euer erstes Video entstand ja auch in Berlin …
Die Sache hat auf Gegenseitigkeit beruht. Ein SAE-Student hat eine Band gebraucht. Und wir ein Video. Die eine Hand wäscht die andere. Was dabei raus gekommen ist, ist sehr professionell. Das Team bestand aus über 20 Leuten, lauter SAE-Studierende. Wir hatten also großartiges Licht, super Kameraarbeit und eine wunderschöne Location. Das zweite Video haben wir jetzt aber in Oberösterreich gedreht.

Der Altersdurchschnitt der Mitglieder von Bilderbuch liegt um die 20 Jahre. Bekommt man dies im Musikalltag in irgendeiner Form zu spüren?
Früher war das ein stärkeres Thema. Jetzt ist es so, dass der Konzertbesucher dies nicht mehr als Argument sieht. Er darf das gar nicht mehr als Argument  sehen – egal ob positiv oder negativ. Wir sind in einem Stadium in dem wir uns denken: Das Alter muss egal sein und eigentlich darf man uns gar nicht anmerken wie alt wir sind. Und wir dürfen nichts auf unser Alter rausschieben. Man ist ja oft dazu geneigt zu sagen: Das klingt ja so weil wir noch so jung sind und jetzt möchte ich es neu oder anders klingen lassen. Das geht nicht. Unser Album hat gleich viel gekostet wie das von Dreißigjährigen und wir wollen auch auf denselben Festivals wie andere, ältere Bands spielen. Deshalb ist unser Alter kein Thema und vor allem keine Ausrede mehr für irgendwas. Auch wenn es medial immer stark betont wird.

 

 

Wobei im Lauf des heurigen Jahres die halbe Band noch in Oberösterreich stationiert war. Welchen Input brachte die Übersiedlung nach Wien?
Input wird Wien dann vor allem beim zweiten Album leisten. Wir sind ja erst seit Anfang Oktober vollzählig in Wien. Es beginnt erst jetzt wieder, dass wir ordentlich proben können und einen geregelten Bandablauf haben. Wir haben ja im vergangenen Jahr als Band quasi auf der Sraße gelebt. Die Mitglieder lebten da und dort. Und wir hatten keinen eigenen Proberaum . Es war keine leichte Zeit, weil alles nach außen und so wenig nach innen passiert ist.

Medien gehen vor allem auf die textliche Ebene eurer Songs ein. Die Stücke werden mit Worten wie absurd oder schräg qualifiziert. Woraus speisen sich die Bilderbuch-Lyrics?
Man muss die elf Songs des Albums unterteilen, um das richtig beantworten zu können. Es gibt Songs die im Zuge meines Zivildiensts entstanden sind, den ich – salopp gesagt – in einem Irrenhaus absolviert habe. Das war sehr inspirirend. Calypso dreht sich um eine Frau die in ihrem Bett andauernd Schlangen gesehen hat. Das war der Grundanstoss. Und dieses verrückt sein, spiegelt sich im Song durch einen gewissen Perspektivenwechsel wider. Schizophrenie ausgedrückt durch die Unstetigkeit des Charakters. Es gibt textlich keine klare Linie, was als bewusstes Stilmittel zu sehen ist, damit der Hörer den richtigen Eindruck von der Story bekommt. Doch eigentlich ist Calypso ja ein Liebeslied.

Klingt so als ob es wesentlich fadere Zivildienststellen gibt .
Es war schräg. Ich hab mir schon gedacht, vielleicht wärs nicht schlecht dort nochmal ein Jahr zu verbringen, um diese Art von Songwriting zu verfeinern. Wie die Menschen dort denken, diese Abstraktheit und diese Absurdität: Das ist schon bemerkenswert. Vor allem der schnelle Wechsel der Gefühle. Und auch das Aufeinandertreffen solcher Menschen und wie man sich in dieser Gruppe selbst sieht – da gibt es sehr viele interessante Aspekte. Psychologie ist aber im Generellen ein wichtiges Thema was die Bilderbuch-Texte betrifft. Bei den älteren Songs wie Discokugel oder Joghurt auf der Bluse war das aber nicht unbedingt so. Textlich muss das Album als zweigeteilt betrachtet werden. Manches vom Songmaterial ist ja auch über dreieinhalb Jahre alt.

Wie darf man sich euren Kreativprozess im Allgemeinen vorstellen?
Es ist immer anders. Wie gesagt: Wenn man will findet man am Album einen roten Faden. Doch von vorn bis hinten durchstrukturiert ist es nicht unbedingt, weil die Songs eben aus verschiedenen Zeiten stammen. Manchmal gibt’s zuerst den Text, dann haben wir wieder die Musik zuerst. Oder zuerst nur eine Textzeile und viel Musik bzw. umgekehrt. Das macht den Kreativprozess überraschend und macht ihn auch wenig zum Kampf. Das ist anstrengend, aber es lohnt sich auch.

 

 

Wie lässt sich der Brückenschlag zwischen Ausbildung, Jobben und Band beschreiben?
Es geht darum die Waagschalen zu halten. Es geht um die Frage wo in meinem Leben die Gewichtung liegt. Es ist schon schwierig sich für diverse Dinge zu motivieren, wenn man ohnehin schon soviel zu tun hat und auch täglich Neues reinkommt. Das hat manchmal schon was von einem Lawineneffekt. Finanziell gesehen ist es nahezu unmöglich irgendein Geld aus der Band ins Private zu holen. Etwa Videos und Shirts sind Investitionen die wir selbst tätigen müssen. Oder das Studio oder das Mastern. Es kommt eines zum anderen. Und bis das abbezahlt ist muss man ohnehin schon wieder überlegen wie es mit dem zweiten Album weiter geht. Immerhin sind wer jetzt endlich bei der AKM angemeldet (lacht).

Zeitgenössische österreichische Pop- und Alternative-Musik war noch nie so gut wie derzeit. Woran liegts in deinen Augen?
Es muss immer wen geben der anfangt. Das passiert hier im Moment mit Soap & Skin oder Ja, Panik. Die Leute bekommen dann automatisch offene Ohren. Aber dass im Moment in Österreich soviel passiert, soll auch ein wichtiges Signal nach Deutschland sein. Das Bewusstsein für einen gemeinsamen deutschsprachigen Musikmarkt zu schärfen ist ganz ganz wichtig. Schauen wir was passiert. Man muss ja nicht gleich an Dimensionen wie die Hamburger Schule denken.

Es wird immer wieder medial kommuniziert, ihr hättet als Band zunächst Märchen vertont. Wie war das konkret?

Wir waren 15, 16 als wir begonnen haben. Die anderen Jungs wollten Britpop spielen. Als ich dazukam hörte ich sehr viel deutschsprachige Musik und habe kommuniziert, dass es mir lieber wäre etwas auf Deutsch zu machen, weil ich mich dabei auch wohler fühle. Und dann ging es darum etwas zu entwickeln. Hinter jedem Projekt sollte auch eine Idee stehen. Unsere Idee war sich von diesen hunderten Nu-Metal- oder Die-Ärzte-Coverbands etwas abzuheben. Wir wollten die Dinge etwas anders machen und haben Märchengeschichten vertont. Das hat uns in diesem jungen Alter viele Auftritte gebracht. Aber auf Dauer lässt sich so ein Konzept nicht fahren.

Ebenso häufig wird eure Vergangenheit als Klosterschüler thematisiert. Was im Rock ‘n’ Roll Kontext natürlich sehr griffig, weil widersprüchlich, klingt. Aber wie eng ist das Korsett eines Klostergymnasiums im dritten Jahrtausend tatsächlich?

Ich werde jetzt sicher nicht zu schimpfen beginnen – verstehe aber jeden der darüber gerne schimpft. Es ist so, dass es von der ersten bis zur achten Klasse eine immense Veränderung gegeben hat. Es hat mit einem Rieseninternat begonnen. Am Ende waren noch 25 Schüler in diesem Internat. Von insgesamt 360 Schülern. Ich hab diesen Prozess ganz genau mitverfolgen können. Natürlich fielen dort Sätze wie: “Ihr seid die Elite Österreichs.” Und so weiter. Ein wenig klischeehaft war es schon. Aber konservative Lehrer gibt es überall. Und die Klassengemeinschaft war bei uns – durch die Außenwirkung die so ein Inernat hat – dafür umso großartiger.

Fotos: Nico Ostermann

 

 

https://www.musicaustria.at/musicaustria/liste-aller-bei-mica-erschienenen-interviews