„Ich wollte alles einfach aufs Musizieren reduzieren“ – KRISTOFF im mica-Interview

Mit seinem letzten Album „Aus da Haut“ hat sich der burgenländische Liedermacher KRISTOFF alias CHRISTOPH JARMER [u. a. GARISH, ESTEBAN‘S, OBERST STERN; Anm.] quasi neu erfunden. Er machte den Schritt weg vom englischsprachigen Pop hin zur anspruchsvollen und poetischen Dialektmusik. Mit seinem neuen „Gold, Rausch und Scherben“ (Wohnzimmer Records) scheint Kristoff den musikalischen Wandel nun endgültig vollzogen zu haben. Er präsentiert sich als ein Liedermacher, der den erdigen Sound schätzt und seine Geschichten eben in diesem auf hochgradig berührende Art zu erzählen weiß. Im Interview mit Michael Ternai erzählte KRISTOFF, warum er dieses Mal die Produktion bewusst aus der Hand gegeben hat und wie sehr er jeder Art von Inszenierung abgeneigt ist. Dabei sprach er auch über den melancholischen Anstrich seiner Musik.

Du setzt auf „Gold, Rausch und Schweben“ den auf deinem letzten Album eingeschlagenen Weg fort. Reduziert im Sound, mit wenig Band im Rücken und im Dialekt singend. Was ist anders an diesem zweiten Album?

Kristoff: Das erste Album entstand eigentlich aus meinem Projekt Oberst Stern heraus, in dem ich zum ersten Mal Dialekt gesungen und vor allem auch in deutscher Sprache geschrieben habe. Das war für mich damals etwas Neues, weil alles, was ich davor gemacht habe, in Englisch war. Denk nur an Esteban‘s. Von Oberst Stern ausgehend ist mir klar geworden, dass es in die deutschsprachige Richtung gehen wird. Natürlich wird es auch in der Zukunft noch englischsprachige Projekte geben, nur nicht mit mir als Sänger. Mir ist klar geworden, dass der Dialekt meine beste Ausdrucksmöglichkeit ist.

Was das neue Album angeht, war es mir ganz wichtig, dass ich bei diesem nicht die Herrschaft über die Produktion habe. Bislang habe ich fast jedes Soloalbum selber bzw. mit einem Partner produziert. Dieses Mal alles aus der Hand zu geben, war zwar nicht ganz einfach, aber mit Thomas Pronai hatte ich wirklich den genau Richtigen an meiner Seite. Seine Arbeitsweise ist eine, die, wie ich finde, meiner Musik sehr guttut. Ihm ist es wirklich sehr gut gelungen, meine Songs griffiger zu machen und ihnen etwas mehr Kanten zu verpassen. Ich selber bin so sehr Perfektionist, dass ich vermutlich nicht aufgehört hätte, an Details zu feilen, wodurch am Ende alles wohl etwas glatter ausgefallen wäre. Ich denke, es war eine gute Entscheidung, das Album so zu machen. Da wir alles in ein paar wenigen Durchgängen live aufgenommen haben und uns dann einfach nur für die gelungenste Aufnahme entschieden haben, kommt auch diese Lebendigkeit in die ganze Geschichte hinein.

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„Ich will die Leute, so gut es geht, berühren und mitnehmen.“

Damit ist auch mein erster Gedanke, den ich beim Durchhören des Albums hatte, bestätigt. Ich hatte sofort den Eindruck, dass die Songs und die Produktion recht kantig klingen.

Kristoff: Mein Credo bei diesem Album lautete, dass ich nichts inszenieren will. Daher ist auch nur sehr wenig Postproduktion passiert. Ich wollte alles einfach aufs Musizieren reduzieren. Alles, was nicht notwendig war, habe ich einfach weggelassen. Ich wollte auch kein 6000 Euro teures Musikvideo mit inszenierten Szenen produzieren. Ich mag Videos, in denen ich die Musiker:innen an ihren Instrumenten sehe und ihnen beim Musizieren zuschauen kann. Das ist für mich viel intensiver. Mein Ansatz ist daher, völlig uninszeniert zu sein. In diesem Geist entstanden auch die ganzen Videos, die live, ohne viel Theater und ohne viel Schnitt entstanden sind. Wenn die Kamera mal gewackelt hat, mein Gott. Ich will die Leute, so gut es geht, berühren und mitnehmen. Das ist mein Ding.

Charakter erhalten die Songs vor allem auch durch deine Stimme, die wirklich authentisch rüberkommt und viel Charisma besitzt.

Kristoff: Das ist aber auch etwas, was sich erst entwickeln musste und mit dem ich in der ersten Zeit länger herumgespielt habe. Es war für mich davor undenkbar, ein Album in einer Liveversion aufzunehmen, weil ich wusste, dass mein Gesang dafür einfach nicht gereicht hat. Speziell im Englischen. Das wäre sich nie ausgegangen. No chance. Das war dieses Mal anders. Ich weiß jetzt, dass ich einen Song zehnmal singen kann und er immer leiwand ist. Ich fühle mich jetzt einfach wohl mit dem, was ich tue. Es ist schön, dass ich jetzt von den Nummern her variabler sein kann.

Inwieweit empfindest du die Entscheidung, in Deutsch zu schreiben und zu singen, auch als eine Befreiung?

Kristoff: Ich habe diesen Prozess sehr interessant und spannend empfunden. Die Texte auf dem ersten Album stammten noch aus dem Projekt Oberst Stern. Die habe ich einfach nochmals überarbeitet und dann vertont. Dieses Mal war es wirklich so, dass die Texte zeitgleich mit dem Album entstanden sind. Etwas, was sich von der Vergangenheit ebenfalls sehr stark unterscheidet, ist, dass ich auch spüre, was ich spiele und singe. Wenn ich jetzt einen Song probe, dann habe ich sofort das Bedürfnis, ihn gleich noch mal zu spielen. Und ich bekomme auch immer mehr das Gefühl, dass ich auch viel direkter und persönlicher werden würde, wenn ich jetzt weiterschreiben würde. Wobei ich schon vermeiden möchte, mich jetzt total zu öffnen und freizugeben. Etwas Distanz zu wahren, ist da schon auch wichtig. Von dem her ist Interpretation schon erwünscht, da ich meine Texte eher ungern erörtere.

Bild Kristoff
Kristoff (c) Christoph Karl Izmenyi

„[…] ich werde auch sicher nicht mehr Englisch singen.“

Veteran ist vielleicht der falsche Ausdruck, aber du bist wirklich schon lange in der österreichischen Musikszene aktiv. Du hast dir mit Garish weit über Österreich hinaus einen Namen gemacht und Esteban‘s und Oberst Stern sind von aufmerksamen Beobachter:innen der heimischen Szene auch nicht unbemerkt geblieben. Was man über diese Projekte sagen kann, ist, dass sie doch sehr unterschiedlich sind. Und auch dein Soloprojekt unterscheidet sich sehr von allem, was vorher war. Irgendwie wirkt es so, als wärst du jetzt in deiner musikalischen Heimat angelangt. Kann man das so sagen?

Kristoff: Ja, schon. Bei Garish war es immer so, dass wir uns alle irgendwie gefunden haben. Und wir haben uns auch immer weiterentwickelt. Musikalisch und textlich. Und diese Entwicklung sehe ich jetzt auch bei meinem Soloprojekt. Wobei ich jetzt schon weiß, dass ich von der Gitarre nicht mehr weichen werde, so wie ich es bei Oberst Stern gemacht habe. Und ich werde auch sicher nicht mehr Englisch singen. Ich würde sagen, dass mein Rahmen jetzt schon sehr klar abgesteckt ist. Und in diesem möchte ich mich auch in Zukunft bewegen. Und ich denke, das kann man auch auf vielfältige Art tun, wie die Songs des neuen Albums zeigen. Obwohl sie reduziert instrumentiert sind, sind sie von der Atmosphäre her schon sehr unterschiedlich.

Das stimmt. Es gibt wahnsinnig berührende, ruhige Momente, aber auch fast schon jazzige Parts.

Kristoff: Ich komme quasi vom Jazz, wobei ich mich jetzt nicht als Jazzmusiker bezeichnen würde. Dafür habe ich viel zu wenig Jazz studiert und gelebt. Aber die Atmosphäre meiner Musik ist schon vom Jazz beeinflusst.Ob ich jetzt angekommen bin? Ja, schon. Definitiv. Ich glaube, dass das Potenzial in meinem Gesang, meinem Ausdruck und in dem, wie ich Leute mitnehmen kann, natürlich noch ausbaufähig ist. Ich singe die Songs jetzt wahrscheinlich wieder ein stückweit anders als zu dem Zeitpunkt, an dem wir sie aufgenommen haben. Einfach aufgrund der Leichtigkeit, die ich mittlerweile beim Performen gewonnen habe. Ich kann mich jetzt wirklich dem gesanglichen Ausdruck widmen, weil ich mich nicht mehr um das ganze Rundherum kümmern muss.

Dein letztes Album ist Anfang 2020 unmittelbar vor Corona erschienen. Und du bist etwas davor in ein kleines burgenländisches Dorf gezogen, in dem es eher gemächlich und ruhig zugeht. Wie sehr haben dieser Umstand und die Isolation, zu der man während der Lockdowns gezwungen war, Einfluss auf den melancholischen Charakter des Albums gehabt?

Kristoff: Eigentlich gar keinen. Es sind in dieser Zeit natürlich viele Ideen zu Texten und Songs entstanden, aber nicht wirklich aufgrund der damaligen Umstände. Ich muss auch gestehen, dass ich leicht misanthropisch angehaucht bin. Ich habe immer mehr das Bedürfnis, so abgeschieden wie möglich zu leben. Meine Liebsten um mich zu haben reicht mir, aber ich brauche den ganzen Trubel, der allerorts vorherrscht, überhaupt nicht.Und auch auf die ganzen sozialen Medien könnte ich verzichten, wenn ich sie nicht dafür bräuchte, um mich und meine Musik zu promoten.
Ich muss auch sagen, dass ich die Lockdownzeiten richtig genossen habe. Du hattest keine Leute um dich herum und auch keinen zeitlichen Stress. Schade war vielleicht, dass ich damals um meine Tour umfiel.

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Was sind die Dinge, die du in deinen Texten verarbeitest? Was inspiriert dich?

Kristoff: Das Album ist schon sehr ehrlich und persönlich. Das Interessante ist, dass ich auch Phasen habe, in denen ich überhaupt nicht schreibe. Vor allem dann, wenn ich einen Prozess abgeschlossen habe. Ich habe, seitdem ich das Album fertig habe, vielleicht zwei Songs geschrieben. Bei mir passiert eher in trüben Zeiten viel. Da kommt extrem viel Stoff zusammen. Wobei es da nicht einmal so sehr Geschichten über bestimmte Personen oder Erlebnisse sind, die ich behandle. Man kann auch über Bedürfnisse schreiben oder über Dinge, die einem fehlen oder die man wunderbar findet. Ein Text muss nicht immer personifiziert sein.
Wobei mein Antrieb generell schon ein melancholischer ist. Ich bin ein geselliger Kerl, der aber trotzdem eher von der Melancholie und der Traurigkeit, die das Leben so mit sich bringt, motiviert ist. In tollen Zeiten habe ich eher nicht das Bedürfnis, Songs zu schreiben. Fröhliche Lieder sind von mir daher eher selten zu erwarten.

Du hast vorher erwähnt, dass aufgrund von Corona und der Lockdowns deine Tour, die angestanden wäre, abgesagt werden musste. Wie sehen deine Pläne im Hinblick auf Konzerte aus?

Kristoff: Wir sind natürlich schon daran, für das nächste Jahr Konzerte aufzustellen. Wie viele es letztlich werden, kann ich noch nicht sagen. Auf jeden Fall ganz wichtig ist das Albumrelease-Konzert am 24. November im Ateliertheater in Wien. Dann gibt es in diesem Jahr auch noch das eine und andere kleine Engagement. Unter anderem macht der TON-in-TON-Chor, mit dem ich zusammenarbeite, jedes Jahr ein weihnachtliches Konzert in Eisenstadt, bei dem ich auch zu Gast sein werde. Das wird sicher auch wunderbar. Im März bin ich mit der Band dann im TAG in Wien. Für Graz ist was geplant und auch für Wiesen. Es wird schon etwas zusammenkommen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

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Kristoff live – Albumrelease Konzert
24.11.2022 Ateliertheater, Wien

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Wohnzimmer Records