„ICH MACHE ALLES, WAS SICH GUT ANFÜHLT ODER ANHÖRT“ – KEKE IM MICA-INTERVIEW

Sie ist einstige Jazzsängerin und aktuell eine der aufstrebendsten Rapperinnen Österreichs: KEKE alias Kiara Hollatko wurde 2018 vom Universal-Sublabel MOM I MADE IT entdeckt und mischt seitdem die heimische Musikszene auf. Am 5. August erschien ihre neue Single „Thick“, die aus einer sehr persönlichen Geschichte entstanden ist und auch musikalisch aus ganz anderen Ecken kommt. Ihr Weg in die Rap-Bubble war relativ zufällig – doch Genres sind ihr sowieso egal, wie sie im Interview mit Katharina Reiffenstuhl erzählt.

Du hast jahrelang in einer Band gespielt. Wie ist dann dein Soloprojekt entstanden?

KeKe: Ich habe ein Cover von einem Song von London Grammar gemacht und das hochgestellt auf YouTube. Ich wollte meinen Ex damit eifersüchtig machen und ihm zeigen, dass ich wesentlich talentierter und besser bin als er. Ich glaube, er hat es nie gesehen. (lacht) Aber dafür hat es ein Label gesehen. Und die haben mich gefragt, ob ich bei ihnen singen möchte. Ich hatte nie geplant, Musikerin zu werden. Zumindest habe ich es nie forciert. Ich habe immer Musik gemacht, aber zu dem Zeitpunkt, wo das passiert ist, hatte ich ehrlich gesagt keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen soll.

Wann warst du dann an diesem Punkt, wo du gewusst hast, dass du jetzt wirklich Musikerin wirst?

KeKe: Im Prinzip, als ich dort unterschrieben habe.

Bild KeKe
KeKe (c) Laura Schaeffer

Also ist das Plan A und es gibt keinen Plan B?

KeKe: Hm, ich glaube, ich wäre schon ein Plan B Typ gewesen, hätte ich gewusst, was es für einen Plan B gäbe. Ich war wirklich komplett ahnungslos. Also ich renne jetzt nicht durchs Leben, ohne dass mir irgendetwas wichtig ist und denke mir, dass schon alles auf mich zukommen wird. Ich wollte ja auch meinen Job gut machen. Da habe ich mir dann eben gedacht, “Okay, wenn sich das jetzt so ergibt, dann ist das vermutlich das, was ich auch machen werde”. Aber ich hatte nie ein Calling oder so für Musik.

Deine Musik ist auch eigentlich eine ganz andere Richtung als das, was du studiert hast: Jazz.

KeKe: Ja, das stimmt. Ich probiere mich voll gerne in unterschiedlichen Stilistiken aus, ich mache alles, was sich gut anfühlt oder anhört. Ich denke nicht in Genres, das ist mir egal. Ich habe es so ausprobiert und es hat einfach funktioniert – es hätte ja auch sein können, dass es nicht funktioniert. Ich meine, wenn ich jetzt versuchen würde in einer Metalband zu singen, that probably won’t work. (lacht) Rap hat halt geklappt, deswegen habe ich es einfach gemacht.

„ICH BIN MITTLERWEILE VIEL MEHR EIN BOSS, IN DEM WAS ICH MACHE“

Deine erste Single ist im Sommer 2018 erschienen, das ist mittlerweile vier Jahre her. Was hat sich seitdem für dich verändert, wie hast du dich als Person entwickelt?

KeKe: Alles hat sich verändert. Ich bin sicher nicht mehr dieselbe Person, die ich vor vier Jahren war, zu hundert Prozent nicht. Ich würde sagen, ich habe die Musikindustrie besser kennengelernt, ich kann mich besser durch dieses Business durchmanövrieren. Ich bin mittlerweile viel mehr ein Boss, in dem was ich mache. Ich lasse mir kaum etwas sagen, ich bin viel stärker und selbstbewusster und glaube auch total an das, was ich tue. Und das war früher nicht so.

Weil es mir gerade auffällt – du hast den Namen deiner ersten Single auf dem Arm tätowiert. Einfach als Erinnerung an den ersten Song?

KeKe: Genau. Da war so ein Tattoostand in Berlin und ich bin dort einfach hingegangen und wollte mir das verewigen lassen. Ich hätte es mittlerweile gern in einer anderen Schrift. (lacht) Aber naja – ist auch egal.

Bei deiner neuen Single „Thick“ denkt man im ersten Moment, du hast da jetzt erstmals einen englischen Song veröffentlicht. Im Endeffekt ist dann doch noch ein großer Teil des Songs deutsch. Kannst du dir vorstellen, mal Musik komplett auf Englisch zu veröffentlichen oder committest du da zu sehr zum Deutschrap?

KeKe: Nein nein, ich werde sogar diesen Winter schon was Englisches veröffentlichen. Ich mache jetzt beides – und auch ziemlich gleichermaßen. Eigentlich habe ich ja mein ganzes Leben lang Englisch gesungen, ich habe vor KEKE kein Deutsch gemacht. Deswegen ist das für mich jetzt ein bisschen back to the roots.

Wieso hast du denn überhaupt angefangen, deutsche Musik zu machen?

KeKe: Weil ich damals mit STSK (Anm.: Shawn The Savage Kid) connected wurde, einem Produzenten und Rapper, der mittlerweile einer meiner besten Freunde ist. Der rappt auf Deutsch – und ist so ein krasser Songwriter und Artist, dass das mit dem gemeinsam funktioniert hat. Ich finde, Deutsch ist eine sehr schwierige Sprache, es ist eine ziemliche Kunst, auf Deutsch zu schreiben. Und STSK kann das. Mit ihm zu schreiben hat einfach Sinn gemacht. Das war eine absolute Gefühlsentscheidung, ich hätte sicher auch einfach englische Musik machen können.

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Was bei „Thick“ sehr auffällt, ist der komplett andere Beat im Vergleich zu deinen anderen Tracks. 

KeKe: Ja. Der ist gemeinsam mit Johannes Madl produziert und co-written mit STSK. Es ist voll inspiriert an der ballroom culture, was auch eine echt krasse Community ist, die ich voll bewundere. Ich bin so dankbar, dass sie diese Art von Musik und diese Energy hergebracht haben. Aber so fühlt es sich richtig an und ich glaube, ich mache jetzt einfach auch viel Musik, die ich selber so höre. Deswegen ist es vielleicht im Gegensatz zu früher ein bisschen anders.

Du hast Collabs mit Rappern wie Trettmann oder Felix Kummer. Wie bist du zu denen gekommen?

KeKe: Der Felix hat mich auf Instagram entdeckt, da hatte ich gute 600 bis 1000 Follower. Er hat mich dann angeschrieben und gefragt, ob ich auf seinem Album sein möchte. Bei Trettmann war das so, dass im Diffus Magazin irgendein Artikel über mich war, den Kitschkrieg gesehen hat. Die haben dann Trettmann Sachen von mir vorgespielt und er meinte dann “Hey, das gefällt mir, ich möchte das aufs Album nehmen”

Wie war das damals für dich? Wenn du sagst zwischen 600 und 1000 Followern, da warst du ja vermutlich noch relativ am Anfang.

KeKe: Ich wünschte, ich würde die Sprachnachrichten finden, wo mir Felix geschrieben hat. Ich habe geschrien. (lacht) Ich bin voll der große Kraftklub-Fan. Als er mich dann angeschrieben hat, da habe ich einfach nur noch geheult und gleichzeitig ins Telefon geschrien.

„ICH MACHE GANZ VIELE SACHEN, OHNE NACHZUDENKEN“

Deine Musikvideos sind normalerweise sehr bunt und lebendig. Im Video zu „Paradox“ ist alles schwarz-weiß. Wolltest du das bewusst so machen?

KeKe: Ja. Ich glaube, ich kann mich erinnern, dass ich das so wollte. Aber es war keine Entscheidung mit großer Intention. Ich glaube, ich fand es einfach better-looking. Es kommen auch wieder welche, ich mache bald wieder ein Black&White-Video. Ich mache ganz viele Sachen, ohne nachzudenken.

Schreibst du auch deine Songs, ohne nachzudenken?

KeKe: Also die deutschen Sachen schreibe ich immer mit STSK gemeinsam. Das ist schon immer eine sehr bewusste Entscheidung, ich habe Themen, ich komme in Sessions rein und weiß einfach “Das muss ich loswerden, das müssen wir zu einem Song machen”. Das ist tatsächlich immer sehr bewusst und mit viel Intention.

Du beschäftigst dich ja viel mit Themen wie Feminismus, Mental Health und Selbstliebe, was sich in deiner Musik sehr widerspiegelt. In vielen Artikeln wirst du deshalb als „Stimme der Generation“ bezeichnet. Kannst du dich damit identifizieren?

KeKe: Absolut nicht. Ich bin EINE Stimme EINER Generation. Bei mir ist es einfach so “I don’t mind sharing”. Aber das sind alles Sachen, die Freundinnen und Freunde in meinem Umfeld genauso erleben und empfinden. Ich habe einfach ein Tool gefunden, mit dem ich das ausdrücken kann. Aber ich möchte das auch gar nicht sein, das ist ja furchtbar. Ich bin so weit entfernt davon, ein perfekter Mensch zu sein, ich mache ständig Fehler, ich stolpere genauso, ich widerspreche mir oft. Ich habe auch keine Ahnung vom Leben, ich schlepp mich da genauso durch wie jeder andere.

Sehr reflektiert.

KeKe: That’s what therapy and mental illness does to you. (lacht)

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Ganz weit hervorgekramt, aber du warst ja 2007 auch tatsächlich Kandidatin beim Kiddy Contest. Würdest du sagen, dass das einen Einfluss auf deinen Weg zur Musikerin hatte?

KeKe: Nein. Gar nicht. Das Einzige, was ich dort bemerkt habe, ist, dass es mir taugt, vor Kameras zu stehen und ich mich in diesem Umfeld sehr wohlfühle. Und es waren auch echt ein paar Leute dabei, die ich jetzt immer noch ein bisschen verfolge. Die Erfahrung war voll schön, aber als das vorbei war, habe ich ehrlich gesagt nie wieder darüber nachgedacht. Man ist halt ein Kind.

Kommt bei dir eigentlich ein Album auch irgendwann?

KeKe: Erst gestern habe ich daran gedacht, dass ich gern ein Album machen würde. Aber es ist nicht geplant. Das Ding ist, ich habe zwei EPs, die rauskommen, die hätten insgesamt ein Volumen von einem Album. Aber dadurch, dass die Stilistik da so unterschiedlich ist, möchte ich da niemanden erschrecken. Aber vielleicht sollte ich wirklich ein Album machen.

„ICH WOLLTE EINEN SONG MACHEN, DEN ICH GERN GEHÖRT HÄTTE, ALS ICH 14 WAR“

Und zum Release deiner Single am Freitag, ist da was geplant?

KeKe: Ich werde die Single raushauen und schauen, was passiert. Dann geh ich ein Bier trinken. Ich freue mich so auf den Song. Das ist mein Lieblingsvideo bisher, es ist einer meiner liebsten Songs, die ich je gemacht habe. Er ist mir total wichtig. Ich wollte einen Song machen, den ich gern gehört hätte, als ich 14 war und in der Schule gemobbt worden bin, wegen meinem Gewicht und meinem Aussehen. Ich habe damals nie jemanden im Fernsehen gesehen, der mich und meinen Bodytype repräsentiert hat. Diesen Song in meiner Jugend zu hören wäre so toll gewesen, deshalb wollte ich unbedingt sowas machen – einen Song, der explizit Menschen feiert, die oft nicht so gesehen oder zelebriert werden und auch im Alltag viel diskriminiert werden aufgrund dessen, dass sie mehr Gewicht haben. Also der Song ist fun and games, aber er hat auch einen sehr persönlichen Background.

Danke dir für das nette Gespräch!

Katharina Reiffenstuhl

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