„ICH HÖRE QUER DURCH DIE BANK ALLES, WAS MICH INSPIRIERT UND HOFFE, DASS SICH DAS AM ALBUM WIDERSPIEGELT“ – MIRA PERUSICH IM MICA-INTERVIEW

Am 23. April 2026 präsentiert MIRA PERUSICH ihr Album „Svića“ in der Sargfabrik, auf dem sie in drei Sprachen singt: auf Englisch, Deutsch und Kroatisch. Jürgen Plank hat im Interview mit der Singer-Songwriterin aus dem Burgenland Identität und Sprache thematisiert. Denn MIRA PERUSICH ist Burgenland-Kroatin und greift im Titelstück des Albums kroatische Folkmusiktraditionen auf, insbesondere den chorischen A-Cappella-Gesang. Und die Sängerin erzählt von ihren musikethnologischen Forschungen, in denen sie sich unter anderem mit dem so genannten Krowodenrock der Band BRUJI beschäftigt hat. In dieser Gruppe, die für die Community von großer Bedeutung ist, spielt ihr Vater TONI PERUSICH.

Du singst in verschiedenen Sprachen. Wie ergibt es sich das beim Songwriting: wann entsteht ein Lied in englischer oder kroatischer Sprache bzw. im Dialekt?

Mira Perusich: Es ist tatsächlich so, dass ich primär auf Englisch schreibe. Es hat sich durch eine Kollaboration mit dem Dialektkünstler Helmut Emersberger das Tor aufgetan, dass ich meine Songs in Übersetzung performe. Das ist der dritte Song am Album, „Gspannt sei“.Er hat angeboten dieses Lied in Dialekt zu übertragen und das hat mir so gut gefallen, dass ich diese Version ins Repertoire aufgenommen habe. Kurz danach ist mir der Gedanke gekommen, dass mein Background als halbe Burgenland-Kroatin, mir eben die Möglichkeit eröffnet, dass ich auch Kroatisch einbinde. Und es gibt das Genre des Krowodenrock, in dem es recht gängig ist, dass man Mundart und Kroatisch miteinander verbindet. Und so kamen dann Übersetzungen von anderen Personen dazu. Das sind also lauter Originale auf Englisch, die in Zusammenarbeit mit anderen Personen übersetzt wurden. Unter anderem mit meinem Vater und einer Studienkollegin, einer Freundin von mir, die beiden sind da meine Hauptansprechpartner:innen.

Wie wichtig ist es dir die kroatische Sprache zu verwenden? Ist es für dich eine besondere Sprache für besondere Themen?

Mira Perusich: Das ist eine sehr gute Frage. Ja, das ist mir sehr wichtig. Ich spreche sehr schlecht Burgenland-Kroatisch, muss man sagen. Und ich finde meinen Weg zur Sprache jetzt gerade über die Musik und über das Zusammenarbeiten mit den Texter:innen, weil ich die Sprache einfach verlernt habe. Themen wie Identitätssuche und das Finden des eigenen Platzes in der Welt verstärken sich einfach nochmal über die Sprache. Es ist meine Vatersprache und es ist ein Zurückfinden zu den Wurzeln, die ich irgendwie verloren geglaubt habe.

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Identität ist einerseits meist an einen Ort, aber auch an Sprache geknüpft. Inwiefern ist dir wichtig, dass du auch Sichtbarkeit für Traditionen, für eine Kultur erzeugst, indem du auf Kroatisch singst?

Mira Perusich: Mir war es zuerst gar nicht so bewusst, was für einen Stellenwert das bei mir haben wird und was das auslösen kann. Aber es ist mir enorm wichtig und ich habe mich damit auch wissenschaftlich auseinandergesetzt. Diese Sprache einzubinden und an die deutschsprachige Mehrheitsgesellschaft hinaustragen zu können, das ist für mich jetzt fast wie ein Auftrag. Also ich habe das Gefühl, das ist so ein schönes Zusammenführen und ein Zusammenarbeiten mit der Community. Das ist so ein Wachsen und hoffentlich auch nach außen hin ein Wuchern. Auch um Präsenz für die Minderheit herzustellen. Für mich als Frau ist das besonders wichtig, denn es gibt einfach in der Community sehr wenige Songwriterinnen.

„ICH HABE MICH SEHR MIT DER BURGENLAND-KROATISCHEN ROCKMUSIK-SZENE AUSEINANDERGESETZT“

Dazu ergänzend passt deine Tätigkeit an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw): Was hast du musikethnologisch erforscht? Was waren deine Fragestellungen?

Mira Perusich: Mein Hauptfokus war tatsächlich die burgenland-kroatische Popularmusik-Szene. Ich sehe mich als ewige Studentin und mache gerade meinen dritten Master. Ich habe mich sehr mit der burgenland-kroatischen Rockmusik-Szene auseinandergesetzt. Denn es gibt eben den sogenannten Krowodenrock. Der wurde mit der Band Bruj, die für die Burgenland-Kroat:innen sehr wichtig ist, in den 1980er Jahren geboren. Mein Vater ist Teil der Band, er spielt Keyboard und singt und die Band ist auch noch aktiv. Ich habe die Band Bruj untersucht und mich in meinen folgenden Masterarbeiten mit der Frage der Identität und der Frage der Nachfolgegenerationen auseinandergesetzt: wie hat sich die Szene bis heute in den letzten 40 Jahren weiterentwickelt? Es gab auch mal eine Flaute, aber jetzt gerade ist die Szene wieder im Aufkommen, so beobachte ich das. Da geht es auch um die Frage der Identitätskonstruktion und darum, welche Bedeutung es hat, burgenland-kroatisch zu sein. Welche Bedeutung hat es, Popularmusik nicht auf Englisch und nicht in einer Mainstream-Sprache zu machen? Genau, das sind die Riesenfragen, die sicher noch nicht vollständig beantwortet sind.

Bild der Musikerin Mira Perusich
Mira Perusich © Jana Perusich

Gibt es ein take-away für dich, ein Ergebnis, das sich schon klar gezeigt hat?

Mira Perusich: Das größte take-away ist, dass diese Community unerlässlich daran arbeitet, dass die Sprache nicht ausstirbt. Und dass sich jetzt mit den jüngeren Generationen ein neues Bewusstsein für die Community herauskristallisiert, das über social media zu wachsen beginnt. Es wird mir auch anhand meiner Kolleg:innen, die andere Kunstbereiche abdecken, klar, dass ein Bewusstsein für eine gefährdete Sprache da ist.

Ich möchte auf das Lied „Gspannt sei“ zurückkommen, das für mich ausdrückt: verwirkliche deine Träume und lasse dich von dir selbst überraschen. Was steckt für dich hinter diesem Song?

Mira Perusich: Das ist der spannendste Song, weil er in der Entstehung am meisten Kollaboration beinhaltet, auch musikalisch. Normalerweise schreibe ich die Musik alleine. In dem Fall hat mich ein kroatischer Kollege gebeten, aus einem kleinen Stück, das er geschrieben hat, einen Song zu machen. Als Abschiedslied für eine gemeinsame Freundin von uns, die fürs Studium ins Ausland gegangen ist. Es war das erste Lied, das ich auf Ableton produziert habe, das war während der Pandemie. Inhaltlich erzählt der Song davon, sich überraschen zu lassen und nicht aufzugeben. Es ging vor allem darum, dieser Person die Motivation zu schenken, weiterhin an sich zu glauben und die eigenen Träume zu verfolgen.

Musikalisch gibt es auf dem Album einerseits balladenartige, klavierlastige Songs und andererseits jazzige Stücke. Zum Titelstück „Svića“ kommen wir noch und „The Corner“ habe ich wie ein Stück von Tom Waits gehört.

Mira Perusich: Das gefällt mir, das finde ich schön.

Zwischen welchen Koordinaten bewegt sich deine Musik?

Mira Perusich: Ich glaube, das kommt auch aus diesem musikethnologischen Bereich oder auch aus der Popularmusikforschung, dass ich unterschiedliche Genres liebe. Ich höre quer durch die Bank alles, was mich inspiriert und hoffe, dass sich das am Album widerspiegelt. Mir ist wichtig, Spannung zwischen den Songs zu kreieren: Songs, die vielleicht ein bisschen aufwühlen oder die einen antreiben und dann aber Songs, die eine Umarmung sein können. Oder Songs, die einen irgendwie zurückholen oder Songs, die Trost spenden können. Also ich mag dieses emotionale Spiel sehr gerne.

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Das Titelstück „Svića“ heißt auf Deutsch „Licht“ oder „Kerze“. Dieses Lied ist besonders, weil er an kroatische Folkmusiktraditionen anknüpft, insbesondere durch den chorischen A-Cappella-Gesang.

Mira Perusich: Das ist wirklich meine erste musikalische Auseinandersetzung mit meiner burgenland-kroatischen Identität. Es ist der einzige Song, der textlich in Zusammenarbeit mit meinem Vater entstanden ist und zu dem es keine englische Vorlage gab. Das würde bei diesem Inhalt auch keinen Sinn machen: ich habe versucht diese Bilder vom Haus meiner Großmutter, das für mich sehr wichtig war, hineinzupacken. Das ist meine Assoziation damit burgenland-kroatisch zu sein. Das Haus gibt es so nicht mehr, wir haben das Haus nicht mehr, aber es ist der Ort, an dem die Erinnerungen an die Sprache und die Erinnerungen an die Musik, die ich dort gehört habe, weiter schweben können. Das Lied besingt vor allem meine Zweifel, ob ich zum Beispiel burgenland-kroatisch genug bin und ob ich die Sprache jemals wiederfinde. Und dieses Suchen und diese Hoffnung, dass der Vorhang auf die Seite geschoben wird und dass ich beide Seiten erkenne oder alle Seiten sehen kann. Für mich ist es das Lied, das sich am stärksten auf die Identitätssuche begibt.

Hast du das Gefühl, dass du durch die Arbeit am Album, durch die Auseinandersetzung mit der Identitätssuche, tatsächlich Schritte in diese Richtung gegangen bist und deine Identität ein wenig gefunden hast?

Mira Perusich: Ja, auf jeden Fall. Weil ich dadurch einfach immer tiefer in die Community hineingewachsen bin. Dieses Lied habe ich schon vor zwei, drei Jahren aufgenommen. Damals habe ich alle Stimmen alleine eingesungen. Mir war es aber wichtig, am Album eine Version zu veröffentlichen, die mehrere Stimmen beinhaltet. Beim Konzert in der Sargfabrik wird der Chor des kroatischen akademischen Clubs, HAKapella, mitsingen. In den Proben bin ich mit ständigem Switchen zwischen Kroatisch und Deutsch konfrontiert. Und ich merke, wie viel an Sprachverständnis bei mir eigentlich noch im Hinterkopf ist. Und langsam aber sicher traue ich mich auch wieder zu sprechen. Es ist erstaunlich, wie viel ich verstehe, aber das Sprechen ist eine riesige Hemmschwelle. Aber es wird langsam besser.

Bild der Musikerin Mira Perusich
Mira Perusich © Jana Perusich

„DIE ETHNOMUSIKOLOGIE WAR DER AUSSCHLAGGEBENDE GRUND DAFÜR, DASS ICH MICH WIEDER MIT TRADITIONELLER MUSIK AUSEINANDERGESETZT HABE“

Singen fällt dir leichter?

Mira Perusich: Ja. Singen geht weitaus leichter. Dank der Ethnomusikologie. Die Ethnomusikologie war der ausschlaggebende Grund dafür, dass ich mich wieder mit traditioneller Musik auseinandergesetzt habe.

Gibt es abschließend eine besondere Geschichte zum Album „Svića“?

Mira Perusich: Ich bin sehr dankbar für die Zusammenarbeit mit so vielen Menschen. Dieses Zusammenarbeiten war unglaublich wichtig: mit den unterschiedlichen Instrumentalist:innen, aber auch mit meinem Produzenten. Ich habe das Gefühl, es war einfach ein wunderschönes Zusammenarbeiten. Dieser Prozess, für den wir uns Zeit genommen haben, ist voll schön. Und es ist für mich eine Sammlung von Songs, die ich schon sehr lange mit mir schleppe. Der älteste Song ist 14 Jahre alt. Jetzt dürfen die Songs endlich frei gegeben werden und in die große weite Welt gehen.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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Mira Perusich live
23.4.2026, Sargfabrik, 19:30h, special guest: HAKapella (ausverkauft!)

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Links:
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Mira Perusich (bandcamp)