„Ich bin mir fast wahnsinnig vorgekommen“ – soulflight im mica-Interview

Ende Februar spielten „soulflight“ – Ernest Wurm (Klavier), Dieter Libuda (Gitarre/Bass) und Roland Bergmayr (Querflöte/Saxofon) – ein umjubeltes Konzert im Freiraum St. Pölten. Wie es zur Gründung von „soulflight“ kam und was die „Meta-Tonalitätstherorie“ ist, verrieten die Musiker im Interview mit Petra Ortner.

Ihr seid alle drei erfolgreiche Musiker mit langjähriger Erfahrung. Könnt ihr ein persönliches Highlight in eurer Laufbahn benennen?

Ernest Wurm: Ich kann das! Es ist schon sehr lange her. Ich glaube 40 Jahre. Das war mit „Clouds Of Visions“, der zweiten Gruppe, in der ich gespielt habe. Das Highlight war ein Konzert in Lilienfeld. Auf einer Berghütte, aber ich weiß nicht mehr, wie der Ort hieß. Wir haben begonnen zu spielen und da war dann ein Sonnenuntergang, der alle Leute dort einfach „entrückt“ hat. So schön war das. Es war ein Auftritt, bei dem man die Energie fließen spüren konnte.

Dieter Libuda: Für mich war es ganz unglaublich, als ich zum ersten Mal in Amerika war, und in einem Tonstudio richtig gute Musiker meine Musik gespielt haben. Ich fühlte mich wie in einer anderen Welt. Das werde ich nie vergessen. Ansonsten habe ich so viele Konzerte gespielt, da kann ich kein Highlight aus den tausenden herauspicken.

Roland: Mir geht es da wie Dieter. Ein Highlight zu finden ist schwer. Aber da war ein Konzert mit einer meiner früheren Gruppen in Wiesen, beim Jazzfestival. Das ist auch schon gut 35 bis 40 Jahre her. Dort trafen wir Backstage mit all den amerikanischen Jazzmusikern zusammen, die an dem Tag gespielt haben. Das war ein sehr schönes Erlebnis. Aber auch dort auf der Bühne zu stehen, das Publikum. Alles dort war wirklich super.

Wann habt ihr zusammengefunden und soulflight gegründet?

Ernest Wurm: Die ursprüngliche Besetzung war mit einem anderen, jüngeren Gitarristen. Der hat sich aber dann anscheinend aus verschiedenen Gründen nicht so ganz wohl gefühlt in der Band. Davon habe ich dann Dieter erzählt und er meinte sofort darauf „Na dann spiel halt ich!“ (lachen) Ich habe mich nicht direkt fragen getraut.

Dieter Libuda: Er hat mir ja einmal ein Schallplattencover grafisch gestaltet. Früher waren wir gar nicht so viel in Kontakt. Durch die Gestaltung war es dann aber mehr und als er mir das mit dem Gitarristen erzählte, der vor einem Konzert raus war, meinte ich „Bevor du das jetzt absagst, schauen wir uns das jetzt einmal an.“ Die Zusammenarbeit hat sofort gepasst.

Roland Bergmayr: Bei mir reicht es ein Jahr länger zurück. Ernest und ich haben sich irgendwo in der Kremsergasse in St. Pölten getroffen und Ernest meinte zu mir „Ich will meine Musik auf die Bühne bringen. Machst du mit?“ Daraus hat sich dann alles entwickelt.

Bild des Pianisten Ernest Wurm
Ernest Wurm © Klaus Engelmayer

Ernest, du hast eine eigene Musik-Theorie entwickelt, die Meta-Tonalitätstheorie. Erzähl doch bitte mehr darüber.

Ernest Wurm: Ja. Ich habe acht Jahre lang strengen Klavierunterricht genossen. Gespielt habe ich ganz gut, weil der Unterricht sehr streng und besonders technisch betont war. In der Folge habe ich dann in mehreren Gruppen gespielt und viel improvisiert. Daraufhin habe ich noch die Ausbildung als Musikpädagoge, Klavierpädagoge, gemacht und da sind mir Sachen begegnet, die ich einfach anders gespielt habe. Also dachte ich „Entweder ich spiele falsch, oder das andere stimmt nicht.“ Irgendwie blieb ich dabei, dass das andere nicht stimmt und bin dem auf den Grund gegangen.

Zuerst habe ich mir also die Oberton-Reihen der Töne angesehen. Wie klingt was? Und da bin ich zum Beispiel draufgekommen, dass manche Quinten aufwärtsstrebend und manche abwärtsstrebend klingen. Das liegt an den mitschwingenden Obertönen und der jeweiligen Teilung der Quinten. Darauf habe ich ein System entwickelt, das die Akkorde nicht mit einem Grundton unten, sondern mit einem Grundton unten, in der Mitte und oben sieht. Und dass die Tonleitern nicht 380 getrennte Töne sind, sondern als „Eins“ mit 36 Tönen abdeckt. Mit lauter Modulen zu drei Tönen, die – je nachdem ob es aufwärts, runter oder zentriert gedacht wird – eine andere Bedeutung bekommen. Dann sind sie Dur oder Moll, klingen übermäßig oder vermindert. Das heißt, das Material ist reduziert und bringt mir als Improvisator viel mehr Freiheit als das klassische System. Das war jetzt zu lange, oder (lachen)?

Dieter Libuda: Unter dem Aspekt muss ich jetzt aber noch einmal überdenken, ob ich da wirklich mitmachen will (lacht)!

Ernest Wurm: Genau das IST das Problem! Die Ausbildung und was man jahrzehntelang geübt hat. Das steht einem da im Weg. Ich bin mir fast wahnsinnig vorgekommen. Ich habe mir zahlreiche Bücher angesehen und das hat alles nicht gestimmt! Das Problem ist, dass man da umlernen muss. Und man muss es spielen. Man muss versuchen es zu hören und zu spielen. Das, was man schon lange spielt, muss man neu hören. Das ist sehr schwierig.

Ich habe den Vorteil, dass ich es schon immer anders gehört habe. Ich habe auch bei meinen Improvisationen vom Jazz ferngehalten, weil ich keine Klischees spielen will. Keine Formen, die ich dann immer wieder wiederhole. Ich spiele immer im Jetzt.

In einem Text habe ich gelesen, dass du zwischen tonaler und emotionaler Musik unterscheidest, Ernest. Wo ist der Unterschied? Musik ist doch immer emotional, oder?

Ernest Wurm: Tonal ist eigentlich ein Ausdruck, der nicht ganz richtig ist (lacht). Es müsste „tonikal“ heißen. Tonal ist auf einen Grundton, einen Ausgangston, bezogen. Jede Musik ist darum auch tonal. A-Tonal ist nur die Bezeichnung für Spannungen, die für mich emotional gerade nicht einzuordnen sind. Aber mit Tönen kann ich nichts A-Tonales machen. Das ist ein Widerspruch in sich. Also es ist Musik mit hoher Spannung und Musik mit weniger Spannung.

Das grundsätzliche Missverständnis liegt ja in der 12-Ton-Musik. Da denkt man, die Töne können beliebig aneinandergesetzt werden und dann kommt was raus. Und das ist eben nicht so. Denn wenn jeder Ton eine Richtung hat, werde ich beim Spielen dieser Richtung entsprechen oder nicht. Wenn ich nie entspreche, ist das keine Musik mehr für mich. Das ist Beliebigkeit. Darum ist die 12-Ton-Musik so spröde und unzugänglich. Und letztlich ist sie ein Irrweg, ein Missverständnis.

Wie viel Platz hat die Improvisation bei euren Live-Konzerten?

Ernest Wurm: Es gibt nur die Themen und alles andere ist improvisiert. Es gibt Abläufe und Themen. Und es gibt ein aufeinander eingehen. Ich war selbst überrascht, als ich mir das Konzert nochmal angehört habe, dass das so gut funktioniert. Wir sind aber auch drei Musiker mit gutem Gehör. Ich höre, was er spielt, und kann das aufnehmen. Das ist Komposition im Augenblick. Im Konzert habe ich auch gesagt: „Sie spielen nicht nur mit, sie erweitern meine Musik.“

Bild des Gitarristen Dieter Libuda
Dieter Libuda © Klaus Engelmayer

Stimmen hier alle zu?

Dieter Libuda: Ja, sicher!

Roland Bergmayr: Ja, zu 100 Prozent. Anders geht es auch gar nicht.

Dieter Libuda: Das ist das Schöne hier. Wir brauchen das Freie. Das ist super.

Roland: Das ist für Dieter vielleicht genauso wie für mich. Es ist großartig, dass man nicht gebunden ist. Wenn man gelernt hat sein Instrument zu beherrschen, kann man seinen Emotionen freien Lauf lassen. Da kommt durch die Erfahrung, Bekanntschaften, Freundschaften, immer etwas Schönes dabei heraus.

Wie sehr prägen die erlernten Strukturen da trotzdem noch die Kompositionen? Oder kann man das einfach abschalten?

Dieter Libuda: Ich glaube nicht, dass man das komplett abschalten kann. Das hat man drinnen und verwendet es auch. Unbewusst.

Roland Bergmayr: Das ist, wie wenn man seine eigene Sprache verwendet. In gewissen Momenten verwendet man das, was man gelernt hat. Oder schon einmal gehört hat. Wir versuchen, glaube ich, uns von dem zu entfernen, was früher in den 50er und 60er Jahren im Jazz passiert ist. Dass die Jazzmusiker wirklich Phrasen erlernt haben, sich gegenseitig zugehört haben, das dann schon ein wenig weiterentwickelt haben, aber es war immer ein ziemlich schematischer Ablauf. Ich spiele ein Lick (eine kurze, einprägsame Phrase oder ein kurzes Motiv – Anm. der Red.) das ich irgendwo gehört habe, in einer anderen Tonart, hänge noch ein zweites dran und schon wird es mein Solo. Was aber so nicht stimmt, weil es von jemand anderem eigentlich schon einmal gespielt wurde.

Ernest Wurm: Das sind Zitate.

Roland Bergmayr: Richtig, das sind einfach Zitate. Ich habe eigentlich zur Musik, wenn ich improvisiere, einen ganz anderen Zugang. Ich möchte in dem Moment, in dem ich spiele, das spielen, was mir wirklich wichtig ist. Nicht nur, was mir einfällt. Einfallen tut einem vieles, aber ich versuche zu spielen, was ich gerade spüre.

Ernest Wurm: Und da treffen wir uns.

Welche Themen und Emotionen stehen im Mittelpunkt?

Ernest Wurm: In dem aktuellen Programm habe ich jetzt Lieder, also Kompositionen, aus über 40 Jahren zusammengestellt. Als ich mich von der Klassik gelöst habe, bin ich zum Jazz gekommen und das hat mir einen Weg in die Freiheit gegeben. Oder sagen wir, einen anderen Blick. Ich habe da relativ viele Stücke in der Art der Jazz-Standards gespielt. Dann gab es eine Zeit, in der ich sehr wenig Klavier gespielt habe. Ich war auch Grafik Designer und Ausstellungskurator der Stadt St. Pölten. Da habe ich für Musik leider wenig Zeit gehabt. Und dann gab es eine Zeit, da wurde mir die Musik wieder wichtig, aber es war für mich eine – vor allem psychisch – komplizierte Zeit. Da sind die Lieder entstanden. Das berührt mich noch immer, denn die Musik war eine Möglichkeit, mich wiederzufinden. Zu reflektieren. Ich bin ein Einzelkind und mache alles allein.

Roland Bergmayr: Bis jetzt zumindest (lacht). Seitdem wir zu dritt spielen, machst du nichts mehr allein!

Ernest Wurm: Haha! Stimmt. Die Auseinandersetzung damals habe ich allein gemacht. Da sind die Lieder mit den Texten entstanden. Manches habe ich einfach gesungen, aufgenommen und wieder angehört, um manches vielleicht noch auszubessern. Aber da war nichts zu verbessern, außer, dass mein Englisch nicht ganz perfekt ist. Ich habe aber auch deutsche Texte. Damals war das alles eine emotionale Notwendigkeit. Eine Suche nach einem Weg, eine Sehnsucht. Jetzt, interessanterweise, hat sich das gelegt. Jetzt bin ich wieder mehr in Richtung Jazzstandards unterwegs, wo Texte nicht so wichtig sind. Wichtig ist mir jetzt mehr die Melodik und Harmonik. Das Problem ist immer, wenn man vieles bringt, wo kommt man hin damit?

Je breiter das musikalische Angebot ist, desto größer ist die Ablehnung. Das hatten wir mit „Clouds Of Visions“. Da haben wir mal beim Jazzwettbewerb „Popodrom“ – der Name sagt schon alles – mitgemacht. Da hieß es, wir machen Rock. Beim nächsten Mal haben wir rockiger gespielt, dann meinten die es sei Jazz. Und dann haben wir uns aufgelöst. Mit 22 Jahren brauchst du einfach noch jemanden, der dir sagt „Wow! Das ist cool!“ Peter Rapp hat damals nicht einmal unseren Namen richtig ausgesprochen.

An diesem Punkt sind wir gerade auch mit unserer Band. Ich schicke einem Veranstalter etwas und der meint nur „Nein, sie passen bei uns nicht.“ Ich schicke einen Song an verschiedene Leute und die meinen nur „Also, das ist ja Jazz!“ Das macht es Schwierig. Da fehlt mir ein wenig die Offenheit. Es ist vielleicht auch die Angst, die jeder hat, wenn er etwas nicht einordnen kann. Wenn etwas ungewiss ist.

Das Konzert im Februar im Freiraum St. Pölten war aber ausverkauft, oder?

Ernest Wurm: Ja. Weil wir so gut sind (lachen). Es war ein Wahnsinn, denn an dem Tag waren noch zwei weitere Veranstaltungen. Philipp Hochmayr war im Landestheater Niederösterreich. Und die Premiere von Perpetuum war an diesem Tag. Wären die Gäste auch noch alle gekommen, hätte man den Freiraum ausbauen müssen.

Wenige Auftritte liegen dann nicht am Publikum, sondern eher bei den Veranstaltern, die kein Risiko eingehen wollen?

Ernest Wurm: Das glaube ich, ja. Denn in den Freiraum sind die Leute gekommen – 50 Prozent wegen uns – aber es waren auch neugierige Leute da. Und alle waren begeistert. Und unsere Bekannten sind auch nicht so, dass sie einem Honig ums Maul schmieren. Im Gegenteil, die sind schon sehr kritisch. Ich glaube, wir könnten überall spielen. Zu uns können alle kommen, auch die Jazz-Fans. Die haben ein meist ein sehr musikalisches Gehör. Und die halten die Balladen auch aus.

Roland Bergmayr: Ein Bekannter von mir, ein totaler Jazz-Fan, war auch da. Er hat sich im Anschluss an das Konzert vor mir verbeugt.

Ernest Wurm: Unser Programm ist völlig autonom komponiert. Also es wurde komponiert und wird in der Improvisation weiterkomponiert. Wir haben beim Konzert nichts nachgespielt.

Bild des Flötisten Roland Bergmayr
Roland Bergmayr © Klaus Engelmayer

Was ist beim Komponieren und beim Spielen für euch die größte Herausforderung?

Ernest Wurm: Beim Komponieren gibt es keine.

Dieter Libuda: Man macht ja nichts krampfhaft.

Ernest Wurm: Ich kann die Frage insofern verstehen. Ich war als Kind und Jugendlicher verzweifelt, wenn ich den nächsten Akkord, den ich eigentlich gehört habe, nicht gefunden habe. Das ist jetzt weg, seitdem ich das Prinzip anwende, von dem ich denke, dass sich damit alles aufbaut. Die Herausforderung ist es, glaube ich, schon, wie ich das Lied weiterführe. soulflight ist ein gutes Beispiel. Da hatte ich schon lange ein Thema im Kopf. Mindestens zwei Jahre. Den A-Teil, aber der B-Teil fehlte mir. Da stellte sich die Frage, wie ich das fortsetze, dass das Ganze homogen ist und nicht zusammengestückelte Teile zweier Lieder. Das war eine Herausforderung, die wir aber ganz gut gelöst haben. Das hat sich auch durch das Spielen ergeben. Wenn es nicht weitergeht, komponiere ich dann beim Spielen weiter. Ich setze mich kaum hin, um ein Lied zu schreiben. Nach dem Spielen gehe ich dem Thema noch einmal nach, und da weiß ich dann „Da ist was“, oder nicht.

Und bei Live-Auftritten?

Roland Bergmayr: Das ist schwer zu sagen. Wenn man ein wenig Routine hat, kommt man eigentlich mit sehr vielen Musikern auf der Bühne sehr gut zurecht. Ohne größere Probleme. Für mich ist das einzige Problem eigentlich, dass man sich gut hört. Dass ich wirklich weiß, was der andere macht. Wenn das nicht funktioniert, oder wenn ich mich selbst nicht gut hören kann, dann verliert das Ganze einfach die Entspanntheit. Gerade beim Improvisieren.

Ernest Wurm: Das ist, als ob du in einem leeren Raum spielst, weil die Präsenz der anderen fehlt. Das ist schon wichtig. Das ist natürlich eine Herausforderung. Aber da hatten wir im Freiraum Glück. Die sind wirkliche Profis.

Roland Bergmayr: Ja, das muss man schon sagen. Sebastian ist wirklich genial!

Ernest Wurm: Stimmt. Wir hatten an einem Freitag unser Konzert und am Mittwoch konnten wir schon eine Generalprobe auf der Bühne machen. Wo ist so etwas sonst möglich? Da war das Klavier schon auf der Bühne und es waren Leute da, die zwei Stunden lang gearbeitet und alles vorbereitet haben.

Dieter Libuda: Da kann man froh sein, dass wir sowas haben.

Was steht in der nächsten Zukunft bei euch auf dem Programm?

Ernest Wurm: Wir wollen spielen! Das ist ein Aufruf! Bucht uns! Außerdem will ich eine CD machen. Der Live-Mitschnitt des Konzerts ist ohne Makel. Das auf jeden Fall einmal.

Roland Bergmayr: Ich habe noch ein zweites Quartett. Ein richtiges Jazz-Quartett. Mit dem spiele ich im Oktober im Freiraum. Ich habe ein Soloprogramm, mit dem ich im November im Freiraum bin. Dazwischen spiele ich auch bei anderen Gelegenheiten. Also das kommt bei mir so als nächstes.

Dieter Libuda: Ich spiele mit meiner Band am 24. September im Cinema Paradiso in St. Pölten. Es ist noch nicht ganz fix, wer aller mitspielt. Aber das werden alle noch rechtzeitig erfahren. Es ist ja noch lange. Da kann noch vieles passieren.

KI-Musik ist ja momentan sehr im Trend. Was ist eure Meinung dazu?

Dieter Libuda: Es ist schräg. Es ist sehr arg. Man hört es sofort heraus. Also ich höre es sofort. Vor allem in Kaufhäusern und so läuft sie schon ständig. Weil sie lizenzfrei ist. Es geht kein Weg daran vorbei. Ich trenne das strikt – Musik und KI-Musik. Denn die Musik, die dir selbst einfällt, ist eine ganz andere Welt als das, was eine KI zusammensetzt. Die nehmen ja nur bestehende Sachen und setzen sie neu zusammen. Das Erschreckende ist allerdings, dass das erst im Entstehen ist. Und ich glaube, dass diese ganzen KI-Sachen, nicht nur in der Musik, den Menschen einfach irgendwann über den Kopf wachsen werden.

Ernest Wurm: Ist ein Bild künstlich generiert, gehört es gekennzeichnet. Ist es ein künstlich generiertes Video, muss es als KI-Video gekennzeichnet sein. Es sollte überall KI draufstehen, wo KI drinnen ist.

Dieter Libuda: Da gibt es ein ganz großes Problem. Nehmen wir an, ich habe 50 Songs gemacht. Die ich eigentlich nicht gemacht habe, ich habe nur eingegeben, wie sie klingen sollen, welches Genre und so weiter. Das machst du in zwei Minuten. Du sagst also, du willst einen R&B-Song mit Elektropop-Einflüssen – was auch immer. Dann gibst du Textfetzen ein und die KI macht daraus einen kompletten Text. In fünf Sekunden. In perfektem Englisch oder Deutsch oder welche Sprache auch immer. Wenn er nicht perfekt ist, dann gehst du her und besserst ein wenig aus. Und dann ist es schon wieder DEIN Text! Oder du nimmst den Text als Vorbild, schreibst ihn um und gibst ihn wieder in die KI ein.

Und wenn du glaubst, dass die Interpretin oder der Interpret – die KI singt ja fantastisch – einer anderen Stimme zu ähnlich ist, dann gibst du sie einfach weg und suchst eine andere. Du kannst zumindest in zwei Stunden 20 Titel, ein komplettes Album machen, das wunderbar ist, wo du aber nichts selbst kreiert hast. Du bekommst die Midi-Files von der KI, die du noch ein wenig überarbeiten kannst, wenn du willst. Früher musste dir selbst etwas einfallen. Wir alle können nicht so gut Englisch, also können wir keine perfekten englischen Texte schreiben. Also ich kann das nicht. Mit der KI ist es möglich. Einer ist besser als der andere. Und ich bin erst am Anfang damit. Ich weiß nicht, ob mich das so sehr interessieren wird in Zukunft. Aber ich habe mich auch schon damit gespielt.

Ernest Wurm: Mich interessiert KI nicht. Aber eines würde mich interessieren: Wie so ein Programm mit meiner Theorie umgehen würde? Es wäre auch interessant so ein Musikprogramm zu entwickeln, das nicht auf die klassische Harmonie und Melodie-Struktur programmiert ist, sondern auf meine.

Dieter Libuda: Es ist aber eigentlich schlimm. Wenn man heutzutage 10 Kandidaten für den Song Contest hört, kannst du davon ausgehen, dass sieben von diesen Kandidaten schon vieles mit der KI gemacht haben. Das wird uns dann etwas verändert vorgesetzt. Das glaube jedenfalls ich. Ich bin mir sehr sicher, dass es so ist. Denn die Songs sind schon so fantastisch. Da stimmt einfach alles.

Roland Bergmayr: Das eröffnet aber zum Beispiel denen, die Livemusik machen, das Tor, dass die Leute wieder mehr Konzerte besuchen, um echte Musik zu hören. Die Entwicklung hat mit den ersten Computern begonnen. Früher ist man vor dem Notenblatt gesessen, mit dem Radiergummi und hat die Noten aufgeschrieben. Dann hat man gespielt, gemerkt, dass etwas nicht passt, hat das wegradiert und neu geschrieben. Am Computer habe ich vielleicht einen Teil einmal an einen anderen Platz geschoben und es war fein. Jetzt macht es eine Maschine für mich. Ich sehe hier für mich auch eine Grenze. Man muss sich damit auseinandersetzen, das ist eine Tatsache.

Dieter Libuda: Du kannst jetzt 20 Hits machen, dazu noch irgendwelche KI-Videos, teilst das auf allen möglichen Plattformen, erfindest dazu noch eine Figur und die Kinder schauen sich das alle an. Mit einem Schlag hast du zwei Millionen Klicks und bist „erfolgreich“.

Roland Bergmayr: Bei den Büchern ist es schlimm. Da merkst du aber schon spätestens auf der zweiten Seite, „wer“ das Buch geschrieben hat – nämlich niemand! Und spätestens da mach ich das Buch zu und lege es weg. Das ist künstlerisch nicht wertvoll. Es hat mit Kunst überhaupt nichts zu tun.

Dieter Libuda: Es ist ein Geschäftsmodell. Ich glaube, die menschliche Komponente kann dadurch gewinnen, wird wertvoller werden.

Roland Bergmayr: Wenn du dir anschaust, wie Jazzmusiker, oder Rockmusiker miteinander spielen. Wenn sie sich angrinsen. Da spielt sich etwas ab auf der menschlichen Ebene, das die KI nicht kann.

Petra Ortner

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