Kurz bevor RIAN mit seinem Debütalbum „Blumendisko“ (VÖ: 6.2.26) auf Tour geht und reihenweise Venues ausverkauft, sprechen wir über gute Laune als unterschätzte Disziplin, Leichtigkeit statt Leidenspop, Bühnenfiguren, dickere Haut und die Frage, wie man im Musikzirkus gesund bleibt. Im Interview mit Ania Gleich erzählt RIAN, warum Beobachten deshalb oft spannender ist als Selbstbespiegelung, warum Humor wieder mehr Platz in der Popmusik haben darf und wieso man sich selbst besser nicht zu ernst nehmen sollte.
Hat sich dein Blick aufs Schreiben verändert, seit dir mehr Leute zuhören?
Rian: Da hat sich eigentlich gar nichts verändert. Der Anspruch ist nach wie vor sehr hoch – aber er ist nicht höher geworden. Ich finde, das würde genau die Leichtigkeit rausnehmen, die mir so wichtig ist. Vor allem, wenn man versucht, auf einem rationalen Weg irgendwo hinzukommen in einem kreativen Prozess, ist das nicht besonders förderlich. Das ist etwas, worauf ich sehr achte: Je weniger man beim Schreiben denkt, umso kreativer kann man sein.
Also lassen dich Ansprüche von außen nicht zweifeln, wo du hinwillst?
Rian: Ich glaube, ich bin da relativ geerdet. Ich habe ein sehr gutes Umfeld, das vor allem außerhalb der Musikbranche stattfindet und das ist auch sehr gesund. Alles andere lasse ich nicht so sehr an mich ran. Und ich nehme mich selbst auch nicht ganz so ernst. Wenn man sich selbst nicht allzu ernst nimmt, läuft man nicht in Gefahr, verkrampft zu werden oder Dinge persönlich zu nehmen.
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Weil du von deinem Leben außerhalbd er Branche sprichst: Wie hast du die “Szene” innerhalb der Branche in Österreich so wahrgenommen?
Rian: Österreich ist ein kleines Land, aber die Musiklandschaft ist größer als der Platz, den wir haben. Mit Platz meine ich Öffentlichkeit und Gesehenwerden, und das ist natürlich oft schwierig. Das macht auch etwas mit Menschen, wenn man jahrelang versucht, durchzukommen, und es nicht funktioniert. Das ist ja ein wiederkehrender Grund, warum Leute irgendwann aufgeben. Musik ist ein sehr ambivalentes Feld – wie wahrscheinlich jedes Business. Es gibt einfach alles.
Deswegen ist DIY und jahrelang auf Bandcamp selbst releasen so ein großes Ding geworden.
Rian: Ja, genau. Und das ist ja auch gut so. Trotzdem bin ich der Überzeugung: Wenn etwas originell ist, wenn es gut ist oder zumindest anders, dann wird es sich durchsetzen. Ich finde das ganz wichtig. Denn wenn ich zehn Jahre etwas mache und es funktioniert nicht: dann liegt es vielleicht nicht daran, dass ich mein Publikum nicht gefunden habe, sondern dass ich an mir etwas ändern muss.
Guter Punkt. Wenn du jetzt auf deine eigene Entwicklung zurückblickst – da scheint es ja auch Brüche oder Wendungen gegeben zu haben –, wie würdest du deinen bisherigen musikalischen Weg beschreiben?
Rian: Vielleicht werden die Wendungen immer weniger, je älter man wird. Irgendwann pendelt sich das ein. Aber so ein künstlerischer Prozess: Der passiert. Auch bei mir. Ich habe mit englischen Texten angefangen, da wollte ich die Welt erobern. Dann bin ich draufgekommen: Ich weiß nicht, ob ich mich wirklich in den Charts mit Justin Bieber messen will und ob ich das überhaupt kann. Das ist ja nicht nur eine Frage des Wollens. Man lernt ständig dazu und steckt seine Ziele anders ab, wenn man älter wird. Sie werden realistischer. Das macht das Leben aus. Ich bin im Nachhinein sehr froh, dass alles so war – auch alle Fehler und Songs, die ich heute nicht mehr anhöre. Die gehören genauso dazu.
„ES GIBT JA AUCH DIE MÖGLICHKEIT, DASS DAS EIGENE LEBEN EINFACH NICHT SO INTERESSANT IST”
Würdest du sagen, du schreibst aus einer Nähe zu dir selbst oder eher aus einer gewissen Distanz?
Rian: Eher Distanz, glaube ich. Es ist unterschiedlich. Vielleicht kommt irgendwann der Punkt, wo es genau das Gegenteil wird. Aber ich bin eher jemand, der zuhört. Und ich glaube, dieses Beobachten macht mir nicht nur Spaß, es beeinflusst auch die Musik, die ich schreibe. Wenn man viel mitbekommt, verändert das auch den Blickwinkel.
Texte werden gerne immer mehr mit der Person und ihrem Leben gleichgestellt.
Rian: Ja, das finde ich auch interessant: dass es gleich immer darum geht, ob das deine persönliche Geschichte ist, die du jetzt verkaufen willst.
Ich finde es erfrischend, wenn du da einen Schritt zurücktreten kannst.
Rian: Ganz ehrlich: Es gibt ja auch die Möglichkeit, dass das eigene Leben einfach nicht so interessant ist. Und oft muss man halt über andere Dinge singen. Vielleicht ist das für alle eine gute Idee. Das eigene Liebesleben ist oft gar nicht spannend genug, um ein ganzes Album darüber zu schreiben.
Gibt es Bilder oder Sätze, die du dir heute nicht mehr erlauben würdest?
Rian: Also natürlich muss man aufpassen, was man sagt oder wie man Dinge sagt, aber ich versuche da möglichst wenig einzugrenzen. Ich bin jetzt eh kein Künstler, der irgendwo aneckt. Ich bin nicht unbedingt jemand, der polarisiert, und ich glaube, deswegen habe ich da einen größeren Spielraum. Wenn der Spielraum immer an der Grenze ist, muss man natürlich genauer schauen, aber da bin ich nicht.
Verstehe. Und würdest du sagen, Rian ist eine Bühnenfigur oder bist das einfach du?
Rian: Ja, das bin schon sehr ich. Das war aber nicht immer so, das hat sich auch so entwickelt. Und das ist ganz wichtig: Weil wenn das nicht so ist, kann dich das zerreißen. Für mich funktioniert das nicht, einfach auf die Bühne zu gehen und jemand anderes zu sein als zu Hause. Das Einzige ist: Auf der Bühne bin ich natürlich mehr von dem, was ich bin.
Also eine kondensierte Version von dir selbst?
Rian: Ja, ganz genau. Das ist auch in den Songs so. Ich weiß, dass Leichtigkeit und gute Laune mir sehr wichtig sind, aber das heißt nicht, dass ich jeden Tag aufstehe und wie ein Radiomoderator in den Tag starte.
Zeigst du auf der Bühne auch mal Verletzlichkeit oder ist das gerade nicht dein Zugang?
Rian: Eher weniger, würde ich sagen. Das ist vielleicht etwas, das sich noch entwickelt. Ich bin mit dem, wie ich es jetzt mache, sehr zufrieden. Und das Verletzliche: Das müsste ich auf der Bühne wahrscheinlich erst entwickeln, wenn das Projekt weiter wächst. Nicht in der Größe, sondern in der Zeit. Jetzt gerade bin ich einfach sehr in diesem „Gute-Laune“-Ding drin. Und ich habe auch das Gefühl, gute Laune wird in der Musik oft vernachlässigt. Und mir macht das einfach unglaublich viel Spaß.

Gibt es trotzdem Tage, wo du dich zwingen musst, gut drauf zu sein?
Rian: Auf der Bühne nicht. Da habe ich das Problem nicht – das macht mir viel zu viel Spaß, und man kriegt ja auch etwas zurück. Du gibst nicht nur, du bekommst auch. Aber manchmal, wenn man danach noch Leute trifft oder Fotos macht, kann das anstrengend werden. Dann möchte man nicht mit einem grantigen Gesicht dastehen, weil man sofort bewertet wird. Und in der Öffentlichkeit ist das einfach so. Da ist es manchmal anstrengend, das Gesicht zu „bewahren“. Dann mache ich es wirklich, weil ich muss, aber wenn es nur das ist, ist es absolut aushaltbar.
Schützt du dich da mit Ehrlichkeit oder eher mit Humor?
Rian: Manchmal, wenn man schon ganz drüber ist, kommt oft diese zynisch-ironische Phase. Das dient dann aber in erster Linie als Schutzschild.
Gab es für dich einen Moment, wo dir alles zu schnell ging?
Rian: Ja, auf jeden Fall gibt es immer wieder solche Phasen. Wenn man diesen Beruf macht, Musiker zu sein, ist es ein ständiges Auf und Ab. Du stehst auf der Bühne, bist voller Adrenalin, der Dopaminspiegel ist hoch. Und dann ist er wieder nicht mehr so hoch. Wichtig ist, dass man das weiß und dass man damit umgeht. Dass man, wie in meinem Fall, ein gutes Umfeld hat. Selbst am vermeintlichen Höhepunkt gibt es Tiefpunkte, wenn man zu Hause sitzt und sich denkt: Boah, ich kann gerade nicht mehr. Aber das gehört genauso dazu. Es ist einfach ein Leben voller Extreme.
Gibt es etwas, das sich bei dir ganz leise verändert hat?
Rian: Also ich glaube, die Haut wird dicker und man wird mit der Zeit robuster. Und das muss man auch, weil sonst funktioniert das nicht. Auch wenn der Druck nicht präsent ist oder ich ihn in der Musik nicht konkret spüre: er ist trotzdem da. Und gewisse Dinge muss man gelassen nehmen, damit man da überlebt.
Was hält das neue Album für dich zusammen, außer deiner guten Laune?
Rian: Dann sage ich Leichtigkeit. Diese Unbeschwertheit, die mir in der Musik oft fehlt. Ich brauche nicht den 20. Song über “Sie hat mich verlassen, und jetzt sitze ich mit Rotwein in meiner Altbauwohnung”. Da habe ich keine Lust drauf.
„ZEITLOSER HUMOR HAT ES SCHWER”
Gerade im Indie-Pop sehr verbreitet, oder?
Rian: Ja, genau. Im Pop ist es dann wieder anders. Ich glaube auch, dass das wiederkommen wird. Früher gab es ja auch im Deutschen die Prinzen oder Otto Waalkes – vielleicht kein Musiker, aber trotzdem. Klar, heute wirkt das schnell cringe, aber ich finde diese Art von Humor irgendwie erfrischend.
Voll. So ein Alltags-Schmäh fehlt oft.
Rian: Ja, total. Ich hoffe, das kommt wieder. Aber es dauert.
Viele verstehen Humor auch nicht mehr so leicht – er hat sich aufgesplittet. Jede kleine Blase hat ihren eigenen Minihumor, der morgen schon wieder nicht aktuell ist.
Rian: Zeitloser Humor hat es schwer. Zeitlose Musik auch. Ja, aber es gibt sie trotzdem. Davon bin ich überzeugt.
Gibt es auf dem Album einen Song, der für dich „aus der Reihe tanzt“?
Rian: Der „Narzissmus-Walzer“. Der ist wahrscheinlich am speziellsten. Ich habe dann ein Intro dazu gemacht, damit man leichter versteht, worum es geht. Es ist kein Song, den man hört und sofort checkt – zumindest war das bisher so.
Welcher Song erklärt das Album am wenigsten?
Rian: Gute Frage. Vielleicht auch der, weil er der einzige ist, der wirklich ironisch gemeint ist, ohne sich direkt aufzulösen. Außer eben über das Intro. Er funktioniert einfach anders.
Wie ist das Album überhaupt entstanden? War das Konzept von Anfang an da?
Rian: Schon mit rotem Faden, aber ohne es zu überdenken. Es ist alles im letzten Jahr entstanden. Aber musikalisch ist es nicht durchgängig gleich, sondern eher ein Mix. Ich glaube, Humor, Ironie oder Leichtigkeit ist das, was es zusammenhält. Aber musikalisch habe ich bewusst Vielfalt zugelassen.
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Es ist dein Debüt als Rian, obwohl du davor ja schon viel rausgebracht hast. Warum erst jetzt ein Album?
Rian: Ich hatte einfach immer den Gedanken: Wenn ich ein Album mache, dann muss es wirklich passen. Es muss zu 100% ich sein. Das Projekt muss funktionieren, sonst brauche ich kein Album machen. Das war der Ansatz. Es gibt auch ein englisches Album von mir, aber das zähle ich nicht. Da war ich noch ganz weit weg davon, überhaupt irgendetwas zu wissen.
Gibt es etwas, das du als Ausgleich zur Musik machst?
Rian: Ja, Sport ist ein großer Teil. Ich spiele Tennis und gehe laufen – mache generell viel mehr Sport in letzter Zeit, weil es immer wichtiger wird. Ich habe auch ein gutes Umfeld und viele Freund:innen, mit denen ich regelmäßig etwas mache. Die meisten haben nichts mit Musik zu tun. Wir gehen ins Theater oder machen einfach irgendwas. Ich führe sonst also ein ziemlich normales Leben, soweit man das normal nennen kann. Ein privilegiertes Mittelstandsleben.
Wenn du nicht gerade auf Tour bist.
Rian: Ja, genau.
Hast du jetzt vor der Tour noch Aufregung?
Rian: Nein, nicht wirklich. Ich bin relativ befreit, was Lampenfieber betrifft. Kurz vor dem Auftritt bin ich natürlich schon aufgeregt, aber das ist auch wichtig. Wenn nicht, ist das ein schlechtes Zeichen, weil ich dann unkonzentriert bin. Aber grundsätzlich freue ich mich. Ob es gut oder schlecht wird, entscheiden dann die Leute. Ich gebe auf jeden Fall immer mein Bestes.
Gibt es etwas, das du dir offen halten willst, abseits vom typischen Zyklus aus Album, Tour, Album?
Rian: Kurz gedacht: Ich möchte einfach so weitermachen. Mein Ziel ist es aber auch, mehr zu reisen und meine freie Zeit zu nutzen, um die Welt anzuschauen.
Gibt es etwas, wovor du Respekt hast – größere Meilensteine oder so?
Rian: Auf jeden Fall. Der größte Respekt gilt aber meiner Gesundheit. Das Thema kommt immer wieder auf, weil das Business einfach nicht gesund ist. Ich möchte das alles gut hinkriegen, ohne einen Herzinfarkt zu bekommen. Davor habe ich großen Respekt.
Man denkt ja früher selten an sowas.
Rian: Und mit 30 wird der Körper plötzlich heilig.
Gerade im Kulturbereich ist der Lifestyle oft ungesund. Überall ein Bier da, ein Bier dort.
Rian: Ich frage mich immer, wie es bei denen ist, die noch härtere Sachen nehmen: Wie schaffen die das?
Ich glaube, sie machen es nicht lange. Oder sie schaffen sonst nichts?
Rian: Vermutlich.
Irgendwie ein weirdes Thema zum Schluss.
Rian: Ja, Drogen sind schlecht und alle nehmen sie trotzdem.
Willst du zum Abschluss vielleicht noch was anderes loswerden?
Rian: Die Frage beantworte ich seit Jahren mit Nein. Jetzt auch. Ich wüsste nie, was ich sagen soll. Vielleicht jemanden grüßen, aber das macht für mich alles keinen Sinn.
Wäre aber irgendwie cute.
Rian: Schon.
Ich wollte nur nicht mit Drogen enden.
Rian: Das passt schon so. Ich habe eigentlich schon alles gesagt.
Dann sag einfach: Hört mein Album.
Rian: Genau. Hört meine Musik! Danke, dass ihr auf meine Konzerte kommt. Danke, dass ihr das Interview gelesen habt. Es ist jetzt aus.
Danke für deine Zeit und viel Erfolg weiterhin!
Rian: Danke dir auch.
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Ania Gleich
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