Nach der erfolgreichen ersten Ausgabe des Festivals FREMDE ERDE vom 19.–28. September 2024 haben wir uns entschieden, das Festival dauerhaft auf das Frühjahr zu verlegen. Die zweite Ausgabe fand vom 24. April bis 4. Mai 2025 statt. Die ersten beiden Ausgaben waren bei Presse und Publikum äußerst erfolgreich.
Die dritte Ausgabe findet vom 12. bis 29. April 2026 statt. Eine der Schwerpunkte unseres Musikfestivals gilt Komponistinnen. Vally Weigl (1894–1982): „Es hat einige Zeit gebraucht und wird noch mehr Zeit brauchen, bis wir als Komponistinnen zu unserem Recht kommen.“

Das Festival beginnt am 12. April 2026 mit einem Festakt im Volkstheater. Im Zentrum steht die Gastrede des deutsch-französischen Autors und Publizisten Michel Friedman zum Thema „Demokratie braucht Widerspruch“. Bei diesem Festakt kommt es u.a. zur Uraufführung eines Werkes des tschechisch-deutschen Komponisten Hans Winterberg, dessen Geburtstag sich zum 125. Mal jährt.
Als jüdischer Komponist überlebte er Theresienstadt und übersiedelte 1947 von Prag nach München, wo er sich unter schwierigen Umständen erneut als Musiker etablieren musste. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod begann die Wiederentdeckung seines Werks.
Anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des EXILARTE ZENTRUMS werden am 15. April 2026 im Rahmen einer Sonderausstellung alle Komponist:innen des Archivs präsentiert: Walter Arlen, Anita Bild, Julius Bürger, Hans Gál, Richard Hoffmann, Erich Wolfgang Korngold, Fritz Kreisler, André Singer, Gerty Felice Wohlmuth, u.v.m. Die Fortführung der Ausstellung „Erich Zeisl – Wiens verlorener Sohn in der Fremde“ im Exilarte Zentrum ergänzt das musikalische Programm des Festivals.
Unser Eröffnungskonzert „Unvergänglichkeit“ am 16. April 2026 in der Kirche St. Ulrich ist dem 100. Geburtstag von Joseph Horovitz gewidmet, der 1938 als Kind mit dem Kindertransport nach England flüchten konnte und sich später in London als Komponist und Professor am Royal College of Music in London etablierte. Das Streichquartett des ORF RSO – Radio-Symphonieorchesters Wien spielt als österreichische Erstaufführung sein Werk „Fifth String Quartet“. Es ist das einzige in seinem Œuvre, das sich explizit mit seiner persönlichen Exilerfahrung auseinandersetzt.
Hanns Eislers „Hollywood Songbook“, oft als das eindringliche musikalische Tagebuch eines Emigranten bezeichnet, kommt am 18. April 2026 in der Kirche St. Ulrich zur Aufführung. Gestal-tet wird dieser besondere Liederabend von Bariton Günter Haumer, dem Klarinettisten Wolf-gang Kornberger und dem Pianisten David Hausknecht. In dem Zyklus, der größtenteils auf Texten von Bertolt Brecht basiert, entfaltet Eisler seine enorme stilistische Bandbreite. Für Eisler markiert dieses Werk auch eine Rückbesinnung auf seine Wurzeln: In Leipzig geboren, wuchs er in Wien auf, wo er Privatschüler von Arnold Schönberg und Anton von Webern war. Nachdem ihn die Nationalsozialisten 1933 aufgrund seiner politischen Haltung und Herkunft ins Exil gezwungen hatten, wurde das „Songbook“ in der Ferne Hollywoods zu seinem künstlerischen Anker gegen die Entfremdung. Darüber hinaus kommt es zur Uraufführung des Liederzyklus „Fäden ins Nichts gespannt“ des österreichischen Komponisten Alexander Kukelka nach Texten der Bukowina Dichtung (David Goldfeld, Alfred Margul-Sperber und Rose Ausländer).
Das Konzert „Passacaille“ am 22. April 2026 widmet sich dem Schaffen für Cello und Klavier des polnischen Komponisten Szymon/Simon Laks, der dieser Instrumentenkombination drei herausragende Werke widmete. Laks emigrierte 1926 von Warschau nach Paris. Seine Karriere wurde durch seine Inhaftierung durch die Vichy-Behörden 1941 und seine Deportation nach Auschwitz 1942 beendet. Laks überlebte das Vernichtungslager. In vielen seiner nach 1945 entstandenen Werke reflektiert er die Shoah, so in seiner ergreifenden „Passacaille“. Adele Bitter und Holger Groschopp wurden 2023 für ihre Gesamtaufnahme der Werke für Cello und Klavier von Simon Laks mit dem „Opus Klassik“ ausgezeichnet.
Im Schwerpunktabend „Komponistinnen“ kommen auch Literaturbegeisterte auf ihre Kosten. Ruth Cerha liest am 23. April 2026 im Festsaal des Amtshauses Neubau in ihrem Programm „Wann wohl das Leid ein Ende hat“ Gedichte und Briefe aus dem gleichnamigen Buch der tschechischen Schriftstellerin Ilse Weber, dazu hören wir Musik der deutschen Komponistinnen Ruth Poritzky und Felicitas Kukuck sowie der österreichischen Komponistin Maria Hofer.
Im Kabarettabend „Geh’n ma halt a bisserl unter…“ am 24. April 2026 in der Roten Bar im Volkstheater – mit Bela Koreny am Klavier – widmen wir uns Werken von Friedrich Hollaender, Kurt Tucholsky, Jura Soyfer, Kurt Weill, Peter Hammerschlag, Hermann Leopoldi, Fritz Grün-baum, u.a. Grünbaum scherzte noch 1938 bei einem seiner letzten Auftritte im Wiener Kabarett Simpl bei einem Stromausfall, als die Lichter ausgingen: „Ich sehe nichts, absolut gar nichts, da muss ich mich in die nationalsozialistische Kultur verirrt haben.“ Er versteckte sich nach dem Anschluss in Wien, wurde aber verraten und in das Konzentrationslager Dachau deportiert.
Der Abend des VIVA LA CLASSICA! Ensemble am 28. April 2026 im Kosmos Theater ist nach dem Lied „Leben, Traum und Tod“ von Egon Wellesz benannt, bei dem auch Werke von Józef Koffler, Aleksander Tansman und Vally Weigl zu hören sein werden. Einige dieser Werke sind österreichische Erstaufführungen. Der österreichisch-britische Komponist Egon Wellesz musste 1938 seine Professorenstelle in seiner Heimatstadt Wien aufgeben und emigrierte nach England, wo er bis zu seinem Tode lebte.
Unser Abschlusskonzert am 29. April 2026 in der Kirche Altlerchenfeld ist Mieczysław Wein-berg gewidmet, dessen Todestag sich 2026 zum 30. Mal jährt. Direkt nach seiner Abschlussprüfung 1939 brach der Krieg aus, und er musste vor den Deutschen aus Warschau flüchten. Seine jüdische Familie blieb zurück und wurde von den Nationalsozialisten ermordet. Weinberg emigrierte über mehrere Stationen 1943 nach Moskau, wo er bis zu seinem Lebensende wohnen sollte. Bei diesem Abend bekommt das Wiener Publikum zum ersten Mal die Gelegenheit das „Concertino für Klavier und Orchester“ (1940) von Władysław Szpilman zu hören. Szpilman wurde international durch den Film „Der Pianist“ von Roman Polanski (2002) bekannt. Den Klaviersolopart übernimmt der polnische Pianist Marek Bracha. Es spielt das Polnische Radio Or-chester Warschau unter der Leitung von Michał Nesterowicz.
Besonders stolz sind wir darauf bei dieser Ausgabe des Festivals die Uraufführung einer TV-Aufzeichnung anbieten zu können. Sergei und Daniil Deych zeigen ihre Aufzeichnung der Oper „Fremde Erde“ von Karol Rathaus aus dem Theater Osnabrück aus dem Jahr 2021 (Regie Jakob Peters-Messer), die 2022 für den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ nominiert war.
Das gesamte Programm finden Sie unter https://www.vivalaclassica.com/
Über das Festival
FREMDE ERDE – benannt nach der gleichnamigen Oper von Karol Rathaus – ist Österreichs erstes Festival zum Thema „Verfemte Musik“ und wird von Julitta Dominika Walder und Gerald Buchas geleitet.
Es würdigt das Vermächtnis von Komponist:innen, welche das NS-Regime aufgrund ihrer Herkunft, ihres Glaubens, ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung verfolgte und deren Musik als „entartete Kunst“ galt.
Besonders soll jenen Künstler:innen Beachtung geschenkt werden, die nach so vielen Jahren noch immer weitgehend unbekannt sind – ebenso wie ihre Werke.
Viele der verfemten Musiker:innen waren jüdischer Herkunft. Sie wurden verfolgt, viele wurden in Konzentrationslagern ermordet, nur wenigen gelang die Flucht ins Exil. Die Noten der verfemten Komponist:innen blieben über Jahrzehnte verschollen oder wurden nicht verlegt, ihre Musik wurde nicht mehr gespielt und geriet so in Vergessenheit.
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