„ES MAG IN DER JAZZ-KULTUR SO SEIN, DASS JEDES INSTRUMENT SOLIERT, DAS MUSS ABER BEI MIR NICHT SO SEIN“ – DANIEL GUGOLZ IM MICA-INTERVIEW

Der Bassist DANIEL GUGOLZ ist ein umtriebiger Musiker: Heuer hat er die aufwändig gestaltete 4-CD-Box „Swing R&B“ veröffentlicht, die nächsten Alben sind schon geplant und zum Teil bereits im Kasten. Der Titel „Swing R&B“ macht die musikalische Ausrichtung klar: Jürgen Plank hat mit DANIEL GUGOLZ über die Aufnahmesessions genauso gesprochen wie über den Verlauf seiner Karriere, die ihn zum Beispiel zur MOJO BLUES BAND geführt hat. Für die Aufnahmen von „Swing R&B“ hat er die Lieblingsmusiker und Lieblingsstücke der letzten Jahrzehnte versammelt. Ein langjähriger Weggefährte ist der Schlagzeuger und Labelbetreiber PETER MÜLLER. Und Gugolz erzählt, welche Stücke ihn schon als Kind begeistert haben, die er durch die Plattensammlung seines Vaters kennengelernt hat.

Du hast dir mit der Veröffentlichung der 4-CD-Box „Swing R&B“ – unter der Überschrift Dream Project – einen Traum erfüllt. Wie ist die Idee für diese Veröffentlichung entstanden?

Daniel Gugolz: Ich habe diese Idee seit ich professioneller Musiker geworden bin. Im September 1986 hatte ich ja noch keine Ahnung wie sich meine bescheidene Karriere entwickeln würde. Aber ich habe immer gewusst, dass ich die richtigen Leute treffen werde. Ich habe einfach gespürt: das wird etwas. Immer wenn es eine wichtige Begegnung gab oder ich etwas gehört habe, wusste ich sofort: das wird noch eine Rolle in meinem Leben spielen. So war es auch als ich den Gedanken hatte, so ein Projekt zu lancieren. Dann war die Frage: wie finanziere ich das? Die Finanzierung ist durch eine schöne Familiensituation von selbst gekommen und so konnte ich für dieses Projekt meine Lieblingsmusiker versammeln, um meinen Traum wahr zu machen: Das ist das „Swing R&B“-Projekt.

Wie bist du bei der Auswahl der Stücke vorgegangen?

Daniel Gugolz: Ich habe immer meine Lieblingstitel gehabt, vor allem die, mit denen ich musikalisch aufgewachsen bin. Die ich aber mit den bisherigen Bands nicht umsetzen konnte. Ich habe mir eine Playlist gemacht, habe sie Dan Barrett, meinem musical director, geschickt und er hat dann von meinen Wunschstücken eigene Arrangements gemacht. Als fixer Strang waren immer Swing und Rhythm and Blues geplant. Ich lese keine Noten und meine Blues-Kollegen auch nicht, aber diese beiden Dinge wollte ich immer Seite an Seite stellen. Und so haben wir das auch gemacht. Jede der Doppel-CDs ist jetzt so, dass es mit Jazz und Ballads anfängt. Die bluesige Seite ist jeweils die zweite CD.

Wie viele Stücke standen zur Auswahl?

Daniel Gugolz: Hunderte. Das ist über die Jahre wie ein gutes Kochrezept gereift. Auf einmal hat es sich zugespitzt auf die Stücke, die man jetzt auf den CDs hören kann.

Bild von Daniel Gugolz & Friends
Daniel Gugolz & Friends © Manuel Zauner

Gibt es ein absolutes Lieblingsstück für dich, das auf jeden Fall dabei sein musste?

Daniel Gugolz: Ja, das gab es. Ich kann mich daran erinnern: Mein Papa hat mir schon in der Wiege Jazz vorgespielt und geschaut, wie ich darauf reagiere. Und ich habe darauf immer gut angesprochen und in meiner Kindheit hatte ich natürlich noch keine Ahnung, dass ich Musiker werden würde. Meine Eltern haben zu mir gesagt: Dani, wenn du die Musik so sehr liebst, willst du denn selbst ein Instrument spielen? Erst im Alter von 12 Jahren habe ich begonnen Klavier zu spielen. Die ganze MP3-Kultur heute, ist ja sehr unpersönlich und man muss sich die Informationen zur Musik suchen. Im Internet sieht man oft vor lauter Bäumen den Wald nicht. Damals hat der Papa die Platte aufgelegt und der Sohn ist dann schauen gegangen, was da läuft. Ich habe das Cover angeschaut und das war für mich immer untrennbar mit der Musik verbunden. Bei „The Song Is Ended (But The Melody Lingers On)“ war das zum Beispiel so.

Von Irving Berlin.

Daniel Gugolz: Genau. Und das haben wir jetzt auch aufgenommen. Ich kann mich an eine Version des Jazz-Pianisten Billy Taylor erinnern. Er hat die Platte Billy Taylor With Four Flutes veröffentlicht. Am Cover hat Taylor durch die Flöten geschaut, wie in einem Gefängnis. Ich habe mich immer an die Melodie erinnert und mir gewünscht, dass Dan Barrett dazu ein Arrangement macht.

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Was hat dich schon als Kind an diesem Stück fasziniert?

Daniel Gugolz: Ich habe diese weichen Töne der Flöten gehört, das waren die Solisten. Und ich liebe ja Rhythmus-Gitarre, die veredelt jede Rhythmus-Gruppe: Klavier, Bass, Schlagzeug plus Rhythmus-Gitarre. Das hat mir immer wahnsinnig gut gefallen. Ich habe meinen Vater gefragt: Warum klingt die Musik so gut? Und seine Antwort war: es ist die Rhythmus-Gruppe, durch die es so gut klingt. Das habe ich mir im wahrsten Sinne zu Herzen genommen.

„ICH UNTERSTÜTZE LIEBER DIE SOLISTEN“

Du bist als Musiker selbst in verschiedenen Rhythmus-Gruppen tätig.

Daniel Gugolz: Genau, mit Leidenschaft bin ich Musiker der Rhythmus-Gruppe. Ich bin kein Solist, auch auf dem Bass nicht, die Leute fragen mich: wo ist dein Bass-Solo? Dann sage ich, dass in der Musik, die ich liebe, der Rhythmus unbedingt aufrecht erhalten bleiben muss. Es mag in der Jazz-Kultur so sein, dass jedes Instrument soliert, das muss aber bei mir nicht so sein. Ich unterstütze lieber die Solisten.

Damit kommen wir zu den Aufnahmen für die aktuelle Veröffentlichung, die ihr im Burgenland gemacht habt. Du hast dir dazu deine Lieblingsmusiker eingeladen.

Daniel Gugolz: Ich habe die Leute einfach nach Gefühl eingeladen und mir gedacht, dass die Chemie zwischen den Musikern, die sich zum Teil nicht gekannt haben, passen wird. Und so war es auch: es gab keinen Streit, die ganze Energie war gut. Wie ein Luftschiff hat das abgehoben und hat zu schweben begonnen.

Wie sind die Aufnahmen abgelaufen?

Daniel Gugolz: Wir haben das so gemacht: zuerst haben die Jazz-Guys mit 3 Titeln angefangen. Danach haben wir uns im Technikraum versammelt und gemeinsam jeweils den Take ausgesucht, den wir am liebsten hatten. Leichte Korrekturen gab es, mit den heutigen Mitteln schneidet man ein bisschen herum. Aber es war nichts gefaked oder nachträglich zusammengesetzt: Es war immer die Musik, die wirklich eingespielt wurde. Wir haben quasi analog Musik gemacht und mit digitalem Equipment aufgenommen. Dann waren die Blues-Guys dran. Für den Bläsersatz haben wir uns von den Jazz-Guys manchmal 2 oder 3 Leute geholt. Jemand macht dann ein Intro und jeder hat Ideen eingebracht, und wenn die anderen zuhören, dann entsteht das Stück von selbst. So funktioniert der Blues.

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Das klingt nach einer inspirierenden 5-tägigen Session. Mit dabei war natürlich auch dein langjähriger Weggefährte Peter Müller am Schlagzeug.

Daniel Gugolz: Mit meinem lieben Freund und Kollegen Peter Müller konnte ich die Kultur der Rhythmus-Gruppe pflegen. Er war dazu bereit. Peter hat sich in Wien eher in Unterhaltungsgefilden bewegt. Er war ja bei Kottan’s Kapelle und in Tohuwabohu war er mit dem ausgestreckten Arm mit dem Stick zu sehen. Er hat aber von Kindesbeinen an immer Gene Krupa verehrt. Das war einer der schillerndsten Schlagzeuger, er war im Benny Goodman Quartett. In diesem Quartett waren zum ersten Mal schwarze und weiße Musiker gemischt, trotz der Segregation. Benny Goodman konnte sich das leisten. Und da war Gene Krupa besonders gut zu hören. Denn immer, wenn du aus den Big Band-Gefilden herauskommst und in kleineren Besetzungen auftrittst, bist du viel besser zu hören als wenn du in einer Big Band von 17 Leuten quasi verschwindest. Und da hat Peter schon ganz früh Inspirationen bekommen und hatte somit den Fuß schon ein bisschen in der Tür. Und mir war es sehr wichtig, diese Symbiose von Bass und Schlagzeug besonders zu pflegen. In diesem Zusammenhang war Gene Krupa eine der wichtigsten Inspirationen.

Bild des Schlagzeugers Peter Müller
Peter Müller © Manuel Zauner

Ein Stück der aktuellen Veröffentlichung fällt besonders auf, das ihr in euer Universum transferiert: warum habt ihr euch für „Sound Of Silence“ von Simon & Garfunkel entschieden?

Daniel Gugolz: Das war die Idee von Peter Müller, weil wir gesagt haben: Es ist alles interessant, was wir mit diesen Musikern machen können. Mein Papa hat mir nicht nur Jazz, sondern auch Simon & Garfunkel und The Beatles vorgespielt. Auch Countrymusic wurde im Haushalt gehört. Aber Simon & Garfunkel hat mir immer gefallen und Peter hat dann vorgeschlagen, dieses Stück zu spielen. Dan Barrett hat es sehr challenging gefunden, diesen Song in einen Jazz-Kontext zu bringen – und das hat er dann gemacht.

Wenn du dir die Aufnahmen jetzt anhörst, wie fühlt sich das an? Vielleicht hast du ja die Aufnahmesessions auch vor Augen beim Anhören.

Daniel Gugolz: Genau. Also ich kriege nach wie vor die Gänsehaut, wenn ich mir jetzt vorstelle: ich bin jetzt 62 Jahre alt und viele der eingeladenen Musiker sind bereits 70 Jahre. Das ist so eine Grenze, du kriegst nicht mehr alles so hin wie in früheren Zeiten. Wir wissen: der Körper zerfällt. Oder du kannst nicht mehr reisen. Und darum waren mir die Aufnahmen so wichtig. Jedes Konzert ist schön und gut, aber es ist irgendwann vorbei und ausgeklungen. Ich wollte etwas einfangen, das ist ganz wichtig. Und das war so schön, man kann das mit Worten gar nicht beschreiben.

„ES WAR FÜR MICH EIN BESONDERER MOMENT, WENN ES ZWISCHEN DEN MUSIKERN GUT GEKLAPPT HAT UND SIE SICH INSPIRATIV NÄHER GEKOMMEN SIND“

Welche Geschichte rund um die Aufnahmen fällt dir dennoch ein?

Daniel Gugolz: Es gibt da unzählige Anekdoten, aber am allerschönstenwar, wenn sich Leute getroffen haben, die sich nicht gekannt haben. Die sich erst durch die Musik kennen gelernt haben. Es war für mich ein besonderer Moment, wenn es zwischen den Musikern gut geklappt hat und sie sich inspirativ nähergekommen sind. Das sind einfach die tollsten Momente! Wenn Leute zusammenkommen und sich im Sinne des Projektes gut verstehen. Eine bessere Bestätigung dafür, dass ich offensichtlich richtig gewählt habe, gibt es nicht.

Du hast mit der MOJO BLUES BAND und mit vielen anderen – etwa mit Norbert Schneider – gespielt. Würdest du im Rückblick etwas anderes machen?

Daniel Gugolz: Ich würde grundsätzlich nichts ändern, es war eine schöne Entwicklung. Eines hätte ich sehr gerne, das teilen wahrscheinlich viele mit mir: Manchmal wünscht man sich eine Zeitmaschine, sodass man zurückfahren könnte, um mit dem Wissen von heute, noch Mal anzusetzen und die Entwicklungen mehr zu genießen. Vieles passiert ja als Überraschung, wenn du es erlebst und im Nachhinein wünscht du dir vielleicht: hätte ich hier doch noch mehr Zeit investiert. Wäre ich mit diesem Musiker noch länger gesessen und hätte die Zusammenarbeit noch etwas vertiefen können. Es war eben so wie es war, aber ich bin sehr zufrieden wie es gelaufen ist und bin sehr dankbar und froh für die Zeit, die ich erleben durfte.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

++++

Link:
Styx Records