„Es macht Spaß den irdischen Alltag aus der Perspektive der Aliens zu betrachten und zu kommentieren.“ – MISZ SPUTNIK im mica-Interview

MISZ SPUTNIK zählen wohl zu den außergewöhnlichsten und schrillsten Acts, die die Mozartstadt derzeit hervorgebracht hat. Gegründet wurde das „Musik-Multimedia“-Projekt 2017 von den bildenden Künstler*innen Sigrid Langrehr und Hubert Sommerauer gemeinsam mit Bernhard Vierthaler. Mit Konzerten, bei denen Sound, Performance, Installationen, aufwendige Bühnenoutfits und wilde Choreografien untrennbar ineinandergreifen, hat sich die Band längst einen beinahe legendären Ruf erspielt. Mit dem nun auf dem legendären NDW-Label Ata Tak veröffentlichten Album „Mind the Gap!“ liefern die selbsternannten „Aliens From Outer Space“ einen ebenso wilden wie grotesken Party-Kracher-Mix als Reaktion auf die Absurditäten der Gegenwart. Musikalisch schreckt die live mitunter mehr als zehnköpfige Formation auch vor Ballermann-Techno, Schlager oder Après-Ski-Anleihen nicht zurück. Gerade in der Verbindung mit den scheinbar naiven, tatsächlich aber vielschichtigen Lyrics entfaltet der Electro-Pop der Band seine besondere Wirkung. Für mica traf sich Didi Neidhart mit Sigrid Langrehr und Hubert Sommerauer zum (intergalaktischen) Interview.

Beschreibt doch einmal kurz, wie es zu eurem „Musik-Multimedia“-Projekt gekommen ist und warum ihr euch „MISZ SPUTNIK“ nennt.

MISZ SPUTNIK: Wir hatten beide unabhängig voneinander bereits einen längeren Weg in der bildenden Kunst hinter uns und wollten ein gemeinsames Kunstprojekt entwickeln. Im Bereich Musik waren wir dagegen weniger erfahren, deshalb lag es nahe, gerade dort etwas Neues auszuprobieren.

Der Name MISZ SPUTNIK kokettiert mit dem ungebundenen Weiblichen – „Misz“ – und dem ersten Satelliten im All. In unserem Projekt verstehen wir uns als „Weggefährten“, was ja die deutsche Übersetzung von „Sputnik“ ist. Dieser Satellit sendete akustische Signale zur Erde – und gleichzeitig begann mit ihm natürlich auch der Wettlauf ins All.

Woher kommt dieser Weltraum-/Alien-Aspekt? Seht ihr euch selbst als Aliens?

Sigrid Langrehr: Ich mag es, in Welten einzutauchen, die mir fremd sind und in denen ich mich selbst wie ein Alien fühle. Es macht Spaß, den irdischen Alltag aus der Perspektive von Außerirdischen zu betrachten und zu kommentieren. Dieser Blick von außen lässt vieles schärfer hervortreten. Gleichzeitig eröffnet sich dem Fremdling „Neuland“ auf intensive Weise.

Das All ermöglicht einen Blick aus der Distanz und aus einer völlig anderen Perspektive. Aliens erfahren Grundsätzliches oft unmittelbar – allein schon durch die Art, wie ihnen Irdische begegnen. Darin steckt enormes Konfliktpotenzial, weshalb sich der Blick ins All lohnt. Noch sind wir dort alle gleich: alle fremd, alle Aliens. Das wird sich leider ändern.

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In Songs wie „Feel“ oder „Nicht binär“ entwerft ihr mit dem „Wonderland in Universe“ oder dem „Cosmic Playground“ ja utopische Gegenwelten zur Erde. Müsstet ihr euch dort aktuell nicht mit Figuren wie Elon Musk und dessen Vorstellungen von der Eroberung und Kolonialisierung des Weltraums herumschlagen?

MISZ SPUTNIK: Ja, auch der Weltraum wird zunehmend durch zerstörerische Verhaltensweisen wie Musks „Weltraumimperialismus“ zum Anti-Safe-Space. Wir greifen das im Song „Race to Space“ auf sowie in „Er holt uns vom Himmel die Sterne“ – einem „schwarzen“ Schlager, den wir Elon Musk gewidmet haben, der es allerdings nicht aufs Album geschafft hat.

„Pop ist für uns nicht elitär oder nur für einen kleinen Kreis von Eingeweihten relevant.“

Das Alien-Motiv taucht auch in Songs wie „Pink Pony“, „Creatures“ oder „Hello Monster“ prominent auf. Worum geht es dabei?

Hubert Sommerauer: Da wir uns selbst als Aliens begreifen, gilt unsere Solidarität und unser Interesse allen ausgegrenzten, „fremden“, diversen, unangepassten und weirden Bewohner:innen der Erde.

Sigrid Langrehr: Der Weltraum ist derzeit noch ein Ort für das Gedankenexperiment des Anders-Seins. „Creatures“ und „Pink Pony“ sind Songs über Frauenrechte, die Rechte der LGBTQ-Community und all jener missachteten oder verdrängten „Creatures“. Beide Stücke spielen auf der Erde, wobei sich der Appell „Let all Creatures shine!“ direkt an die Irdischen richtet.

In „Hello Monster“ treten die alles verschlingenden Monster auf. Und in „Pink Pony“ gelingt dem Pony schließlich die Flucht vor diesen Monstern ins All, wo es sein Glück findet.

Ihr beschreibt euch als Band, die „an elektronischen Tracks im Bereich Pop“ arbeitet. Was versteht ihr unter „Pop“?

Hubert Sommerauer: Gute Frage. Vielleicht zuerst einmal über eine Negativdefinition: Pop ist für uns weder elitär noch nur für einen kleinen Kreis von Eingeweihten relevant. Außerdem ist Pop global und nicht geografisch auf einen bestimmten Kulturkreis beschränkt. Und Pop ist auch stilistisch nicht auf ein einzelnes Genre festgelegt.

Gleichzeitig ist Pop aber auch keine beliebige „Allerweltsmusik“. Spannend wird es dort, wo unterschiedliche musikalische Eigenheiten in einen popkulturellen, globalen Zusammenhang treten. Ein gutes Beispiel dafür ist das jährlich in der Berliner Kulturbrauerei stattfindende Pop-Kultur Festival, das Popmusik in unterschiedlichsten regionalen Ausprägungen auf mehreren Bühnen gleichzeitig präsentiert.

In eurer Musik mischt ihr Genres zusammen, die gemeinhin eher unter Trash-Verdacht stehen: Kirmes-Techno, Ballermann-Elektro-Schlager oder Euro-Trash-Synthpop. Wie kam es dazu – und hört ihr so etwas privat eigentlich auch gerne?

Hubert Sommerauer: Ausgangspunkt war unsere Teilnahme am minus20degree, das im Winter 2023 outdoor in Flachau stattfand. Während der Arbeit daran sind wir auf unterschiedlichste Spielarten des Ballermann-Genres gestoßen, die uns einerseits abgestoßen, andererseits aber auch angezogen haben. Uns war sofort klar: Wenn wir mit diesem Musikstil arbeiten, dann nicht als Parodie, sondern als Verbindung eingängiger Melodien mit Texten, die man in diesem Genre eher nicht erwartet.

Dieses Konzept ist bei dem Konzert und der Performance mitten auf der Skipiste voll aufgegangen. Das Publikum hat trotz strömenden Regens zu Musik getanzt, die es sich sonst vermutlich nie angehört hätte. Diese Erfahrung hat uns darin bestärkt, weiter mit Trash-Elementen zu experimentieren und dabei den Humor nicht zu kurz kommen zu lassen – ohne uns über die Musik lustig zu machen. Und ja: Wir haben nach wie vor großen Spaß daran, originelle Schlager- und Après-Ski-Hits zu entdecken.

„Wir feiern Party als Tanz auf dem Vulkan in einer herausfordernden Zeit.“

Mit „Arrokoth“ erschien 2021 euer CD-Debüt. Was war bei der Produktion von „Mind The Gap“ diesmal anders?

MISZ SPUTNIK: Wir haben kontinuierlich an einem besseren Sound gearbeitet und uns von der Darkness stärker in Richtung Licht bewegt – mehr hin zu Optimismus und Utopie. Wir feiern Party als Tanz auf dem Vulkan in einer herausfordernden Zeit.

Wie geht ihr mit Sounds um? Gerade in diesen Genres sind sie ja sehr spezifische Marker. Bastelt ihr die selbst oder eignet ihr sie euch ähnlich an wie vorgefundenes Material in Bildcollagen?

Sigrid Langrehr: Meistens entwickle ich die Melodien und Kompositionen zunächst mit einer einfachen Sinuswelle und suche anschließend passende Instrumente und Sounds, die ich grob bearbeite. Das ist ein Teil der Arbeit, den ich besonders mag, weil sich dabei ein riesiges Universum öffnet, das längst nicht vollständig erschlossen ist. Für das Feintuning der einzelnen Spuren arbeiten wir dann mit Christoph Filip zusammen, der den MISZ-SPUTNIK-Sound von Anfang an mitgestaltet hat.

Solch ein Mix kann schnell in die Ironiefalle kippen oder zynisch beziehungsweise nach Kinderfasching klingen. Wie haltet ihr die Balance zwischen ernsthafter Herangehensweise und Party-Spaß? Trotz dystopischer Songs wie „Pegel steigen“ scheint ihr ja dennoch optimistisch in die Zukunft zu blicken. In „Hey ley on!“ heißt es „The future’s on my mind“, und in „Jetzt“ lautet die – zugegeben nicht ganz unambivalente – Losung: „Jetzt auf in die Zukunft vor dem allerletzten Crash!“. Ist das Zweckoptimismus oder steckt mehr dahinter?

Hubert Sommerauer: Zur Ernsthaftigkeit fällt mir spontan der Bierernst ein, daher würde ich eher von einer „Ernsthaftigkeits- oder Betroffenheitsfalle“ sprechen, die wir unbedingt vermeiden wollen: Gerade der Spagat zwischen Party, Spaß, Humor auf der musikalischen Seite und ironisch-kritischen Texten macht für uns den Reiz aus. Wir wollen ja nicht mit dem Publikum gemeinsam jammern und weinen, sondern mit unserer Audience eine gute Zeit haben und die gemeinsame Resilienz in einer sich zunehmend dystopisch gebärdenden Zukunft stärken. (Schlagwort „Politics of Dancing“).

Dazu passt auch ein Zitat von Frank Fenstermacher (Der Plan) in Jürgen Teipel „Verschwende deine Jugend“ (Suhrkamp, 2001): „Wir wollten Betroffenheit nicht dadurch ausdrücken, dass wir uns betroffen gaben. Aber es war ganz schwierig, diese lustige Musik durchzusetzen. Damals machten ja die meisten Leute furchtbar ernste Musik.“

Von Zweckoptimismus lässt sich nur insofern sprechen, als es darum geht in diesen Zeiten des allgemeinen Rückschritts handlungsfähig zu bleiben. Aber wir haben berechtigte Hoffnung, dass der gesellschaftliche Backlash nur eine Episode ist, wie z.B. die Abwahl von Victor Orban beweist.

„Wir haben immer noch großen Spaß daran, immer wieder originelle Schlager und Après Ski-Hits zu entdecken!“

Wie entsteht eigentlich die Idee für einen Song über einen „Buntspecht“?

Sigrid Langrehr: Eines Morgens war er plötzlich da – direkt vor meinem Fenster. Danach lange Zeit nicht mehr, denn durch den verwilderten Garten vor meinem Fenster streifen gerne bis zu sechs Nachbarskatzen. Gleichzeitig beobachte ich rundherum, dass viele Gärten zunehmend als erweitertes Wohnzimmer gestaltet werden und weniger als Naturraum. Irgendwann war der Buntspecht verschwunden, und daraufhin schrieb ich den Text und baute den Song. Im Lied ist der Buntspecht am Ende „hin“. Nachdem ich ihn aber wirklich lange nicht mehr gesehen hatte, tauchte er vergangenen Herbst plötzlich wieder auf.

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Bisher seid ihr in Salzburg in sehr unterschiedlichen Kontexten und Locations aufgetreten. Dazu gehörten Konzert bei Festivals (u.a. Factory, Supergau, minus20degree sowie Jazzfestival Saalfelden oder als Support-Act für Pussy Riot) wie an Orten, die einem jetzt nicht sofort als Konzert-Locations einfallen würden (Mozarteum, Amt der Salzburger Landesregierung, Galerie Fotohof, Salon Rosa.Beige/galerie5020). Wie passiert sowas bzw. wie wichtig sind euch dabei solche wechselnden Orte?

Sigrid Langrehr: Für die meisten dieser Auftritte wurden wir angefragt, bei anderen haben wir uns beworben, weil uns die Orte oder Festivals interessiert haben. Wir versuchen immer, auf den jeweiligen Ort einzugehen und Setlist, Performance, Masken und Choreografien entsprechend anzupassen. Dadurch gleicht letztlich kein Event dem anderen.

Hubert Sommerauer: Ungewöhnliche Konzertlocations hinterfragen Publikumserwartungen. Dadurch entstehen neue Erfahrungen – sowohl für uns als auch für die Audience. Das war etwa beim minus20degree-Festival auf der Skipiste der Fall oder auch bei unserem Auftritt im Sozialamt Salzburg. Dort fand das Publikum sich durch die Location plötzlich selbst in der Rolle von Sozialamtsklient:innen wieder. Am ersten Abend versuchten die Leute buchstäblich zu flüchten, am zweiten tanzte ein anderes Publikum verschwitzt und euphorisch zu unserer Musik – trotz Sommerhitze in stickigen Räumen.

„Unübliche Konzert-Locations hinterfragen Publikumserwartungen.“

Bei euren Konzerten stehen mitunter bis zu zehn Mitwirkende auf der Bühne, die nicht nur mitsingen, sondern auch Choreografien und akrobatische Einlagen liefern. Wie entsteht so eine Live-Show?

MISZ SPUTNIK: Von Anfang an waren unser Freund Bernhard Vierthaler und meist auch die bildende Künstlerin Magdalena Heller als Performende dabei. Als die Bühnen größer wurden, überlegten wir, wie wir unsere elektronischen Tracks ohne Live-Instrumente performen könnten. Außerdem gab es zu Beginn jedes Konzerts schon früh einen eigenen Performance-Teil mit wechselnden Themen. Wir wollten jedenfalls nicht pseudohaft irgendwelche Audiogeräte bedienen.

Deshalb fragten wir Menschen aus unserem Umfeld in der bildenden Kunst, ob sie Teil einer „Space Crew“ sein möchten, die sich frei im Raumschiff – also auf der Bühne – bewegt. Wir machen Vorschläge, vieles entsteht aber auch direkt aus den Ideen der Beteiligten selbst. Gerade Choreografien und Abläufe hätten wir alleine nie planen können. Viele der Performenden arbeiten ohnehin in eigenen Kunstkollektiven und sind Kooperationen gewohnt.

Ihr kommt beide aus der bildenden Kunst und den Visual Arts. Wie kam es dazu, nun auch Musik zu machen?

Bild des Duos Misz Sputnik
Misz Sputnik © Sven Kristian Wolf

Sigrid Langrehr: Frühere Berührungspunkte mit Musik gab es bei uns beiden schon lange. Als wir zu Sputniks – also Weggefährt:innen – wurden, überlegten wir, an welchem gemeinsamen Projekt wir arbeiten könnten. Musik bot sich aus vielen Gründen an.

Als Videokünstlerin habe ich immer schon mit Sound und Timelines gearbeitet, später zunehmend auch mit Geräuschen, die ich für Videos zu Songs verarbeitet habe. Außerdem entwickelte ich als Teil der Salzburger Audio-Performance-Gruppe Psyschwestern Audio- und Videospuren, während wir parallel mit akustischen Instrumenten spielten. Der Umgang mit Musiksoftware war mir also bereits vertraut – nur das Arbeiten mit Vocals und das Abmischen kamen später dazu.

Welche Unterschiede gibt es zwischen den Sparten? Lassen sich Praktiken aus der bildenden Kunst oder Video-Art einfach eins zu eins auf Musikproduktionen übertragen?

Sigrid Langrehr: Vieles lässt sich tatsächlich übertragen, besonders wenn man auch in der bildenden Kunst zeitbasiert arbeitet. Der größte Unterschied zur Musik ist für mich allerdings der Rhythmus und die Wiederholung. Beides fasziniert und irritiert mich zugleich. Diese vielen Wiederholungen in Popsongs und das strenge Grundschema, dem viele Songs folgen, haben in mir anfangs regelrecht Widerspruch ausgelöst – und teilweise ist das heute noch so.

Mit der Zeit konnten wir uns allerdings stärker darauf einlassen, geduldiger werden und müssen nicht ständig Erwartungen brechen. Zum Trotzdem passiert es uns noch immer schnell, dass uns etwas zu fad wird. Gleichzeitig merke ich aber inzwischen auch eine wachsende Zuneigung zu Taktstrichen und Wiederholungen.

„Selfmade mischt sich mit Found Footage und Gekauftem. Die Kombination macht den Look.“

Bei euren Live-Shows wird schnell klar, dass Musik nur ein Teil der Performance ist. Ihr arbeitet auch viel mit dem Bühnenbild und vor allem mit Kostümen und Masken. Macht ihr das alles selber oder plündert ihr dafür auch gelegentlich Cosplay- und Faschingsshops?

Hubert Sommerauer: Es ist richtig, dass die Musik nur ein Teil unserer Live-Shows ist, sie muss aber auch ohne unseren ganzen „Zirkus“ allein für sich bestehen können!

Sigrid Langrehr: Der Umgang mit Maske und Bühnenbild ist ähnlich wie mit dem Videomaterial. Selfmade mischt sich mit Found Footage und Gekauftem. Die Kombination macht den Look. Und das Unterschiedlichste funktioniert auch gut nebeneinander. Wir lieben Verkleidungen und wir lieben es überraschende Kontexte herzustellen. Selbst zu Bauen und Vorgefertigtes mit einzubauen. Da kommt z.B. eine Weichgummimaske neben einer fein ausgearbeiteten Papiermaske ins Visier.

Ihr seid mittlerweile auch in Berlin aktiv und widmet der Stadt mit „Mind The Gap“ sogar den Titelsong des Albums. Dort habt ihr auch Kurt Dahlke vom legendären NDW-Label Ata Tak kennengelernt, das unter anderem Alben von Deutsch Amerikanische Freundschaft, Andreas Dorau, Fehlfarben oder Der Plan veröffentlicht hat. Unter seinem Künstlernamen Pyrolator steuerte er nicht nur einen Remix bei, sondern brachte euch schließlich auch zu Ata Tak. Wie ist es dazu gekommen?

MISZ SPUTNIK: Wir bekamen im Sommer 2024 von der befreundeten Berliner Künstlerin Beate Terfloth den Tipp, einen Plattenladen in der Berliner Yorckstraße zu besuchen, in dem der POP-Verein regelmäßig Konzerte veranstaltete. Dort trafen wir nicht nur unsere späteren Freunde Ha Neu und Das Frenk, sondern auch Pyrolator alias Kurt Dahlke von Fehlfarben und Der Plan. Er engagierte uns daraufhin für ein erstes Konzert im November 2024, aus dem sich weitere Auftritte in der Kugelbar, im Freudenhaus und im BAIZ entwickelten.

Relativ schnell waren wir uns mit Kurt einig, unser neues Album gemeinsam mit seinem Remix von „Pegel steigen“ auf dem legendären hauseigenen Label Ata Tak zu veröffentlichen.

„Jedes Element einer Collage trägt aus anderen Realitäten kommend, im Kontext zur Aussage des Songs bei – so auch die Videos.“

Abgesehen von der Größe: Was unterscheidet für eine Band wie eure Berlin von Salzburg?

Hubert Sommerauer: Als weitgehend unbekannte Band war es für uns in Salzburg anfangs schwieriger, mit dem Publikum in Austausch zu treten als in Berlin. Ein Teil des Publikums schien bei unseren ersten Auftritten von Musik und Bühnengeschehen regelrecht überfordert zu sein und ordnete den Sound sowie unsere Bühnenpräsenz mit Videos, Kostümen und Masken schlicht als zu schräg ein, um sich darauf einlassen zu können.

Das hat sich inzwischen völlig verändert, und die Partystimmung schwappt mittlerweile regelmäßig von der Bühne auf die Audience über. In Berlin wurden wir dagegen von Anfang an ohne Vorbehalte aufgenommen. Das Publikum, das wir dort kennengelernt haben, schien keinerlei Berührungsängste zu besitzen. Vielleicht hat dabei auch unser doppelter Exotenbonus als Ösi-Alpen-Aliens geholfen.

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Wie finanziert ihr euch eigentlich das Ganze? Gerade live wirkt das ja nicht unbedingt wie aus Flohmarkt- und Secondhand-Funden zusammengebastelt.

MISZ SPUTNIK: Der größte Teil des Projekts ist tatsächlich selbstgemacht. Wir komponieren, singen, mixen, performen, choreografieren, zeichnen, nähen, bauen, collagieren, layouten, filmen, schneiden, montieren, organisieren, telefonieren – kurz gesagt: Wir machen alles, was gerade anfällt. Das bedeutet natürlich unzählige Arbeitsstunden. Würden wir all das auslagern, wäre das Projekt kaum finanzierbar.

Erst wenn wir an einen Punkt kommen, an dem wir selbst nicht weiterwissen, holen wir professionelle Unterstützung dazu, die selbstverständlich bezahlt werden muss. Gleichzeitig investieren wir mit der Zeit auch in immer besseres Equipment. Wir reichen Förderanträge ein und haben bereits zweimal die Tonträgersonderförderung der Stadt Salzburg erhalten. Unterm Strich bleibt finanziell trotzdem ein Minus. Aber solange wir es uns leisten können, unsere eigene Kunst zu machen – und solange wir Lust darauf haben –, machen wir weiter.

„Wir stehen nicht explizit auf Trash oder Lo Fi, verwenden aber neben den „Sounds of Now“ auch spontan aufgenommene oder frühere Audiospuren.“

Bei euren Live-Konzerten gibt es ja nicht nur viel Action auf der Bühne, sondern auch jede Menge Visuals, abgestimmt auf die jeweiligen Songs. Wie wichtig sind diese Visuals für euch?

Sigrid Langrehr: Auch in der bildenden Kunst ist die Collage für uns beide eine zentrale Technik. Die Visuals verstehen wir daher als Teil eines Gesamtkonzepts, das im Idealfall Sound, Performance, Bühnenbild und Bewegtbild miteinander verbindet. Da es live manchmal sehr viel „Action“, wie du es nennst, gibt, reduziere ich die Videos vor einem Auftritt gelegentlich bewusst, um Szenen unserer Mitwirkenden auf der Bühne stärker hervorzuheben.

Im Netz verdeutlichen oder konterkarieren die Videos wiederum die Grundaussage eines Songs. Jedes Element einer Collage bringt – aus unterschiedlichen Realitäten kommend – etwas Eigenes in den Kontext eines Songs ein. Das gilt genauso für die Videos.

Nachdem heutzutage schon mit einem guten Handy professionell wirkende Videos produziert werden können, würde mich interessieren, wo ihr – auch als bildende Künstler*innen – zwischen Equipment und Idee die Prioritäten seht. Eure Musikvideos besitzen ja durchaus einen trashigen Low-Fi-Charakter, der sehr gut zur Musik passt. Wie entstehen diese Arbeiten und wie viel davon basiert auf Open Source oder Found Footage?

Sigrid Langrehr: Inzwischen können solche Begriffe leicht missverständlich wirken, weil unter Trash oder Lo-Fi heute oft bewusst eingesetzte technische Unvollkommenheit verstanden wird – also etwas, das einer Arbeit künstlich hinzugefügt wird, um ihr etwa durch einen „Human-Verwackelungsfilter“ die abweisende Glätte und Perfektion zu nehmen.

In deiner Frage stecken mehrere Begriffe, über die man lange diskutieren könnte. Ich versuche mich kurz zu fassen: Ein Blick auf die Malerei zeigt etwa, dass die technische Innovation der Acrylmalerei die Ölmalerei nicht vollständig verdrängt hat. Ebenso wird eine ältere Technik nicht automatisch unprofessionell, nur weil eine neue hinzukommt. Eine Technik verschwindet nicht einfach, weil eine andere entsteht. Es ist vielmehr eine bewusste künstlerische oder ökonomische Entscheidung, welche Technik man verwendet oder ob man auf Bildmaterial aus früheren technischen Epochen zurückgreift. Das mache ich sehr gerne, weil ich selbst seit vielen Jahren filme und dadurch über ein großes Archiv an Videomaterial aus unterschiedlichen Technikgenerationen verfüge.

Mich interessiert in der Videomontage besonders die Kombination unterschiedlicher Materialien – dazu gehört auch Found Footage, das ich so verwende, wie es vorhanden ist, ohne es künstlich up- oder downzugraden.

In der Musik verhält es sich ähnlich. Wir stehen nicht explizit auf Trash oder Lo-Fi, verwenden aber neben aktuellen Sounds auch spontan aufgenommene oder ältere Audiospuren. Beim Mix und Master arbeiten wir dann gemeinsam mit Christoph Filip im Studio weiter und feilen mit zeitgemäßer Technik an unseren Tracks.

Danke für das Interview.

Didi Neidhart

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Misz Sputnik: Album-Release „Mind the Gap!“ (Ata Tak)
Im Rahmen von Local Heroes (feat. Stirnbänd, Pferd Pferd, Echo Blossom)
Fre, 19.06.2026 – 19:30
Rockhouse Salzburg
Schallmooser Hauptstraße 46
5020 Salzburg

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