Chris Gelbmann: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber sie stirbt.

KünstlerInnen in Österreich haben es in vielerlei Hinsicht nicht leicht. Das in der Bevölkerung weit verbreitete Klischee die Kunstschaffenden, seien es nun MusikerInnen, Schauspieler, Literaten usw., würden wenig arbeiten und trotzdem genügend Geld verdienen, bewahrheitet sich bei genauerer Betrachtung natürlich nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Einer der mit dem Problem bestens vertraut ist, ist der Musiker Chris Gelbmann. Folgender Text stammt von seinem Blog und lässt erkennen, wie es im Leben eines heimischen Künstlers tatsächlich aussieht. Mit Sicherheit kein Einzelfall.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber sie stirbt.

 

Das Waldviertel – unendliche Weiten – blüht auf. Wenigstens das Klima wird milder. Neues aus der Heimat der Schrammelmusik von Christoph Gelbmann.

 

Haugschlag (20. Mai 2009) – Der Billa-Chef in Litschau ist ein feiner Kerl. Man geht gerne einkaufen dorthin, wird immer freundlich gegrüßt, immer gut bedient, und wenn er gerade in der Nähe ist, hilft er Dir auch sehr gerne, die Bierkiste ins Wagerl zu hieven oder plaudert kurz mit Dir. Vor ein paar Monaten trafen wir den Reinhard beim Wirtn. Nach ein paar Bieren [ich Bier, er nicht, er ist Abstinenzler] hab ich ihm meine neue CD “Songster” geschenkt, und der gute Kerl ist sofort in sein Auto gegangen und hat sie sich von vorne bis hinten angehört [weil der CD-Player beim Wirtn nicht funktionierte], kam dann zurück und war ganz begeistert von meiner Musik, ehrlich begeistert. Seitdem grüßt er uns noch freundlicher, wenn wir wieder mal bei ihm einkaufen. In letzter Zeit sehen wir ihn nicht mehr so oft, weil der Billa ja doch nicht ganz so billig ist.

 

Als Einkaufsprofi, der ich schon längst bin, weiß ich sehr genau, wo man was einkaufen muß, um das Haushaltsbudget nicht übermäßig zu beanspruchen. Dennoch achten wir darauf, immer wieder zum Reinhard einkaufen zu gehen, weil er einfach ein feiner Kerl ist. Und ich gebe zu, daß ich auch einen kleinen Hintergedanken hab: Vielleicht, wenn alle Stricke reißen, hat er ja einen kleinen Job für mich …

 

Immer öfter denke ich nämlich an die Möglichkeit, mir durch Regale-Einschlichten oder Leergut-Schleppen ein paar Euro dazuzuverdienen. Für einen Chef wie ihn zu arbeiten, würde ich nicht als demütigend empfinden. Es ist nicht sarkastisch gemeint, wenn ich schreibe, daß mir das Mut macht. Mit meiner Musik die paar hundert Euro verdienen zu können, die ich zu unserem Haushaltsbudget beisteuern sollte, hab’ ich mir nämlich mittlerweile abgeschminkt.

 

Hoffnung, Mut – und Schafe

 

Ebenso viel Hoffnung und Mut wie der feine Billa-Chef aus Litschau machen mir unsere Schafe: Sie haben nun schon zwei Lämmchen gesund und munter auf die Welt gebracht, und wer schon mal erlebt hat, wie schnell die Kleinen wachsen, kommt aus dem Staunen kaum raus. Das Gemüse ist angepflanzt und die Enten, Hühner und Kaninchen vermehren sich auch wie dieselben, daß es eine reine Freude ist. In wenigen Wochen geht es an die erste Heuernte, und wenn sich das Wetter weiter so prächtig entwickelt, steht uns überhaupt ein gutes Erntejahr bevor. Alles Gründe zur Freude und zur Hoffnung. Viel Arbeit, ja, aber das stört mich in keinster Weise.

 

Ich würde auch gerne auf gute Ernte in Bezug auf meine Musik hoffen können. Wie schön das doch wäre! Aber da stehen die Vorzeichen sehr viel schlechter. Gestern hab ich mit einem Freund telefoniert, und er war wahrlich erstaunt, daß ich nicht schon mehr als ein “Geheimtipp” bin, denn aus den Kritiken und Rezensionen über meine Musikveröffentlichungen würde er schließen, daß sich mit meiner Musik mein super-sparsames Leben, wenn schon nicht finanzieren, so zumindest subventionieren ließe. Weit gefehlt. Ich mußte ihm erklären, daß mich all das viel mehr Geld gekostet hat, als es eingebracht hat.

 

Bitte, nicht falsch verstehen – deshalb gleich deutlich zur Klarstellung: Ich weiß sehr, sehr gut, wieviel [besser gesagt: wie wenig] man in diesem Land mit Musik – und damit meine ich alle Einkommens-Quellen, die es gibt – verdienen kann. Ich kenne AKM-, LSG-, AuMe-, Label-, Konzert-, Lizenz- und sonstige Abrechnungen in- und auswendig. Been there, done that.

 

Daß es durchaus möglich ist, in Österreich von der Musik zu leben, ohne sich prostituieren zu müssen und natürlich auch, ohne reich zu werden, das weiß ich. Es ist möglich, wenn man einen Mix aus Genügsamkeit, Medienunterstützung und Konzertaktivitäten verbunden mit Eigenverkauf von CDs und sonstigem Merchandising zustande bringt. Es muß dieser Mix sein, an dem kein Element fehlen darf, weil sich die einzelnen Faktoren gegenseitig befruchten können müssen.

Überleben in der Krise

 

Ein Beispiel: Wer ein bißchen Airplay und gleichzeitig auch Live-Aktivitäten hat, verdient an Urheberrechts-Tantiemen ]so man Anspruch auf Urheberrechte hat] gleich auch am Kuchen der so genannten mechanische Rechte mehr. Für “Normalverdiener” sind diese Summen allesamt “peanuts”, für Lebenskünstler wie mich sind das durchaus respektable Beträge. Und das ist nur ein Beispiel.

 

Wer den Mix aus Airplay, Live, Selbstvermarktung und Minimarketing hinkriegt, der hat eine realistische Chance, ein Einkommen zu generieren, das zwar noch immer unter der Armutsgrenze rangiert, aber einem Menschen wie mir ein – wie ich finde – feines Leben ermöglicht. Und somit auch weiteren kreativen Output fördert; und somit weitere Wertschöpfungen ermöglicht; und somit auch die Kreativwirtschaft, klein aber fein, mitankurbelt.

 

Aber all das ist gegen den Wind gesprochen bzw. geschrieben, all das stößt auf taube Ohren seitens der Entscheidungsträger. Es gibt nun mal nicht nur schwarz oder weiß, arm oder reich, erfolgreich oder nicht erfolgreich, es gibt nun mal nicht nur Powerplay oder Ignoranz. Es gibt eine ganze Menge Nuancen dazwischen. Nein, wir Kreativen haben keinen automatischen Anspruch auf Erfolg. Anerkennung, Wertschätzung und Geliebt-Werden kann man nicht erzwingen; und Feinde muß man sich verdienen.

 

Die Problem- und Fragestellung ist aber eine völlig andere: Was passiert mit der derzeit agierenden Generation hochkreativer Pop-Musiker und Musikmacher aus und in Österreich, zu der ich mich auch zähle, wenn weiterhin von Seiten der allermeisten Radio- und TV-Sender, aber auch von Seiten der meisten Fördergeber, derart lieb- und respektlos mit ihr umgegangen wird? Was ist uns als Musikland [ja, auch ich muss diesen Ausdruck jetzt strapazieren] diese Kreativ-Generation wert, und wie sehr wollen wir, dass all das prosperieren kann?

 

Jetzt werde ich polemisch, warum auch nicht?: Wenn Lehrer zwei Stunden länger im Klassenzimmer stehen sollen, sorgt das für größte Diskussionen, Kontroversen – und Berichterstattung in allen Medien. Wenn großartige Musiker in diesem Land aufgeben müssen, ermüden, weinen, lamentieren und aus absolut nachvollziehbaren Gründen mehr Öffentlichkeit für ihr Werk fordern -, dann sorgt das auch für eine gewisse Berichterstattung, aber auch für Unverständnis und durchaus fragwürdige Argumentationen.

 

Gewinn liegt im Verzicht

 

Ich, Chris Gelbmann, bin – und das ist durch meinen Lebensweg ganz einfach zu beweisen – zu sehr vielen Zugeständnissen bereit. Ich verzichte gerne auf Geld, Macht und Einfluß, um als Künstler leben zu können. Es ist meine freie Entscheidung, wie ich mein Leben lebe. Aber ich plädiere klar und deutlich dafür, daß es nicht die Entscheidung einzelner sein darf, wer in diesem Land gehört werden darf und wer nicht, wer erlebt werden darf und wer nicht. Es muß Schluß sein mit diesen Feigenblatt-Aktionen und politischen Versteckspielen. Es steht hier eine kreative Generation auf dem Spiel und sehr wohl auch eine potenziell prosperierende Zukunft der Popmusik aus Österreich, die dann in Folge auch exportiert werden könnte, wenn sie hier endlich einmal anständig Gehör finden könnte. Es geht hier um Visionen über eine Zukunft, die es ermöglichen könnte, Popmusik aus Österreich zu einem veritablen Wirtschafstfaktor in absehbarer Zeit anwachsen zu lassen. So viele kreative und wirtschaftliche Kräfte waren in diesem Land auf diesem Gebiet und für dieses Anliegen noch nie gebündelt. Wenn diese Chance vertan wird, ist diesem Land diesbezüglich für mindestens eine Dekade nicht mehr zu helfen.

 

Es muß Schluß sein … Nicht mißverstehen, bitte: Wenn ich muß und er mich läßt, gehe ich gerne zum Reinhard, dem feinen Billa-Chef in Litschau, hackeln. Ich bin mir auch keineswegs zu gut dafür, meine Ställe selbst auszumisten.

 

PS: Aber lieber tät’ ich mich mit dem über Wasser halten, was ich noch viel besser kann: Musik machen.

 

Fotos ©  Dieter Brasch