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Stephan Kondert (c) Richard Louissaint

„[…] bei diesem Projekt verspüre ich dann doch ein wenig mehr.“ – STEPHAN KONDERT (SK INVITATIONAL) im mica-Interview

Es ist ein Album, das doch etwas aus dem Rahmen fällt. Der in New York lebende Musiker STEPHAN KONDERT, den man mit seinem Projekt SK INVITATIONAL als versierten und Bass spielenden Hip-Hop-Freigeist kennt, erfüllt sich mit „SK×ANGELITE“ einen lang gehegten Traum, nämlich die eigene Musik mit Aufnahmen des legendären Frauenchors THE BULGARIAN VOICES ANGELITE zu verbinden. Hip-Hop trifft auf traditionelle bulgarische Volkslieder. Ungewöhnlich und spannend. STEPHAN KONDERT sprach mit Michael Ternai über seine Liebe zur Chormusik, der Bedeutung von Energie in der Musik und über Omas, die ihn am Bass ordentlich laut abgehen sehen wollen.

Zunächst einmal, wie geht es dir? Du lebst ja in New York im aktuellen Epizentrum der Corona-Krise. 

Stephan Kondert: Eigentlich gut. Ich bewege mich sehr wenig draußen. Ich fahre vielleicht alle zwei Wochen einmal aus New York raus, um einzukaufen. Die meiste Zeit verbringe ich aber zu Hause im meinem Studiozimmer und jetzt natürlich auch auf Protestmärschen für die “Black Lives Matter”-Bewegung gegen Polizeigewalt und Machtmissbrauch. Viele Lokale und Geschäfte haben immer noch zugesperrt. Doch man merkt, dass es im Moment etwas lockerer wird und die Leute wieder mehr unterwegs sind. Mal sehen, wie es weitergeht und wie sich die Covid-Infektionszahlen in den nächsten Wochen entwickeln.

„Ich war sofort in den Sound verliebt […]“

Kommen wir zum deinem neuen Album „SK×ANGELITE“, das dann doch überrascht, zeigst du dich auf diesem doch von einer musikalisch ganz neuen Seite. Du warst bis jetzt jemand bekannt, der vor allem im Hip-Hop-Umfeld unterwegs war. Auf „SK×ANGELITE“ machst du mit der Zusammenarbeit mit dem legendären Frauenchor The Bulgarian Voices Angelite ein für dich neues musikalisches Kapitel auf. Wie ist es zu dieser doch sehr ungewöhnlichen Zusammenarbeit gekommen? 

Stephan Kondert: Ich habe den Frauenchor Angelite vor langer Zeit live gesehen. Damals als ich mit Mono & Nikitaman auf Tour war und im Treibhaus in Innsbruck gespielt habe. Der Chor hatte dort am gleichen Tag sein Konzert. Ich hatte bis zu meinem Auftritt noch etwas Zeit und bin dann zufällig in das Konzert des Chores reingestolpert. Was ich dort geboten bekommen habe, hat mich extrem begeistert. Diese Frauen hatten so viel Energie und haben einfach beeindruckend gut gesungen. Ich war sofort in den Sound verliebt und habe gleich mit dem Handy ein paar Momente aufgenommen, aus denen ich noch während meiner Tour mehrere Beats gebastelt habe.

Und wie ist aus der Begeisterung schließlich ein Projekt geworden?

Stephan Kondert: Ein Jahr nach dem unglaublichen Live-Erlebnis stellte ich den Kontakt zu dem Management vom Chor her. Und auch sie waren sofort von meiner musikalischen Herangehensweise bei diesem Projekt begeistert. Sie gaben mir schließlich das Okay, die Aufnahmen zu verwenden und auch zu veröffentlichen. Das Projekt ist dann einige Zeit mehr oder weniger in der Schublade gelegen, bis ich eben vor zwei Jahren beschloss, es wieder hervorzuholen und mit Musikerinnen und Musikern in New York, meiner zweiten Heimat, komplett neu aufzunehmen und fertig zu produzieren.

Interessant ist auch, dass „SK×ANGELITE“ ein instrumentallastiges Album geworden ist. Die von dir verwendeten Aufnahmen beinhalten zwar Gesang und auch Vokalisten liefern ihren Beitrag, aber dennoch ist es die Musik, die einzig im Vordergrund steht.

Stephan Kondert: Für mich transportieren die Aufnahmen des Chores eine ganz spezielle Stimmung, eine ganz bestimmte Atmosphäre, sie erzählen ihre eigenen Geschichten. Wenn man zu ihnen rappt oder singt, muss das Gesagte schon eine besondere Bedeutung haben. Wie zum Beispiel bei dem Song So Be It”, der den Rapper John Robinson featured. Die anderen Songs von dem Album fokussieren sich mehr auf den Chor, meine Kompositionen und auf die instrumentalen Features. Zudem wollte ich anfänglich an den Aufnahmen nicht allzu viel verändern. Es sollte nur da und dort etwas dazukommen. Letztlich ist dann doch etwas komplett anderes aus den Original Aufnahmen entstanden, aber ich denke, es ist mir gelungen, die Grundstimmung beizubehalten oder zu verstärken.

Biold Stephan Kondert
Stephan Kondert (c) Richard Louissaint

„Es ist vor allem die Energie, die von einem Chor ausgeht, die mich fasziniert.“

Wie sehr war es eine Herausforderung, deine musikalische Welt mit der des Chores zu verbinden? Quasi sie zum gemeinsamen Funktionieren zu bringen. 

Stephan Kondert: Das Projekt hat ursprünglich „Heritage“ geheißen. Unter anderem weil mein Opa aus Rumänien stammt und ich durch meine Familie generell schon früh mit unterschiedlichsten Volksmusiken und auch sonst verschiedenen Musiken in Berührung gekommen bin. Meine Mutter hat mich schon früh zu klassischen Konzerten mitgenommen. Und ich habe auch schon als Kind in Chören gesungen, wodurch ich auch bald großen Gefallen an Chormusik gefunden habe. Es ist vor allem die Energie, die von einem Chor ausgeht, die mich fasziniert.

Im Grunde genommen schwirrte die Idee, etwas mit Musik, die mich von meiner Kindheit an beeinflusst hat, zu machen, immer schon in meinem Kopf herum. Nur war ich mit meinen verschiedenen Projekten so beschäftigt, dass es bis jetzt eben nicht zustande gekommen ist. So gesehen habe ich es auch nicht so sehr als Challenge empfunden, meine Musik mit Chormusik zu fusionieren. Ich will mit dem Album einfach auch zeigen, wie vielschichtig diese Chormusik ist und aus welch unterschiedlichen Richtungen man sich an diese annähern kann.

Bedurfte es viel Überzeugungsarbeit, Musikerinnen und -musiker für dieses Projekt zu gewinnen? Und welche Vorgaben hat du ihnen gegeben?

Stephan Kondert: Nein, groß überzeugen musste ich niemanden. Die Idee hat eigentlich allen gefallen. Vorgaben habe ich den Musikerinnen und Musikern wenige gegeben. Alleine aus dem Grund, da sich die musikalische Richtung durch mein vorproduziertes sehr aussagekräftiges Layout mit Chor, Synths, Schlagzeug und Bass schon ergeben hatte. Was mir aber wichtig war, war, dass die Musikerinnen und Musiker, so viel wie möglich von ihrem eigenen Charakter einbringen. Und das haben sie wirklich ganz wundervoll getan.

Du hast vorher erwähnt, dass für dich in der Musik von Angelite etwas Besonderes mitschwingt, etwas vielleicht auch Spirituelles. Wann hat sich die Bedeutung der Musik des Chores für dich erschlossen?

Stephan Kondert: Ich war von Anfang an in den Bann gezogen. Nach und nach vertiefte sich mein Wissen und die Beziehung zu den Liedern. Nachdem ich die Musik zu den Chor-Samples schon komponiert hatte, habe ich eine Freundin, die auch hier in New York lebt und aus Bulgarien stammt, gebeten, mir die Texte meiner Versionen dieser Lieder zu übersetzen. Und auch sie war sehr überrascht darüber, wie sehr sich in den Texten die Geschichte und die Mentalität der Leute widerspiegelt.  Bulgarien ist ein Land, das immer irgendwie dazwischengestanden ist, viele Kriege erlebt hat und von viel Leid geplagt war. Aber dennoch haben die Leute nicht den Mut verloren. Speziell die Frauen, deren Männer im Krieg waren und die sich zu Hause um alles kümmerten, taten das nicht. Und genau diese Einstellung, diese Lebensenergie transportieren diese Volkslieder und in weiterer Folge die Songs von “SKxAngelite”.

Eine ähnliche Energie verspüre ich zum Beispiel, wenn ich hier in New York in der Kirche spiele. Derzeit spiele ich in drei, vier unterschiedlichen Kirchen. Anfangs ging es mir einfach darum, die Musik, die dort gespielt wird, auszuchecken. Mittlerweile ist mehr daraus geworden und ich übe für die Auftritte sehr intensiv. Neben dem Geld, das ich dafür bekomme, tue ich es vor allem wegen der positiven Energie und der Stimmung, die dort geteilt wird. Die Leute haben einen ganz anderen Zugang zur Kirche und Musik als in Österreich und erwarten sich, dass da am Sonntag etwas im positiven Sinne passiert. Neben der gegenseitigen Unterstützung, dem geteilten Wissen und Geschichten spielt Musik eine sehr große Rolle. Es ist sogar so, dass die feiernden Leute von Kindern bis Omas richtiggehend wollen, dass ich mit meinem Bass richtig laut abgehe. Jeder will soviel wie möglich den Moment spüren und aufnehmen. Ich liebe es einfach. Die Gemeinschaft ist richtig stark und auch die daran beteiligten Musikerinnen und Musiker sind unglaublich talentiert. Das Spirituelle daran ist, dass man das nur gemeinsam erreichen kann und dann eben auch die positive Energie teilt, die dann über die nicht so einfachen Zeiten hinweghilft.

Kann man vielleicht sagen, dass dieses Album persönlich das bislang wichtigste deiner Karriere ist?

Stephan Kondert: Alle meine bisher veröffentlichten Alben haben eine spezielle Bedeutung für mich. Musik hatte für mich immer schon eine große Bedeutung. Sie begleitet mich ja praktisch mein ganzes Leben lang. Aber ja, bei diesem Projekt verspüre ich dann doch ein wenig mehr. Die Nummern des Albums haben alle eine sehr spezielle Energie und diese will ich mitteilen. Und ich denke, dass diese gerade in der aktuell schwierigen Situation manchen Menschen Kraft geben wird.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Michael Ternai

 

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