„WIR WOLLEN EIN KUNSTRAUM SEIN UND KEIN BÜROKRATIEORT“ – ANGÉLICA CASTELLÓ, SANDRO NICOLUSSI, STEFAN VOGLSINGER, MORITZ MORAST (KOLLEKTIV KOJE) IM MICA-INTERVIEW

Elf Jahre lang war der SETZKASTEN WIEN ein Ort für intermediale Kunst, experimentelle Musik, Workshops und Residencies (im vergangenen Jahr haben wir mit mica bereits auf seine Geschichte zurückgeblickt). Steigende Mieten, sinkende Kulturförderungen und der Wunsch nach Veränderung brachten schließlich eine Transformation ins Rollen: Seit September 2025 wird der ursprüngliche Setzkasten-Raum von der neu gegründeten KOJE (Kollektive Organisation für Jetztzeit-Experimente) bespielt. Hinter ihr stehen ANGÉLICA CASTELLÓ, SANDRO NICOLUSSI, STEFAN VOGLSINGER und MORITZ MORAST, die dort gemeinsam ein vielfältiges Programm mit Schwerpunkt auf experimenteller Musik und Klangkunst gestalten. Der SETZKASTEN selbst besteht unterdessen weiter und hat seinen Vereinssitz vollständig in den angrenzenden Raum, das MODUL, verlegt, wo der Fokus heute stärker auf Kooperationen mit externen Festivals, Workshops und internationaler Vernetzung liegt. Im Interview mit Ania Gleich spricht das KOJE-Kollektiv darüber, wie Räume künstlerische Arbeit prägen, warum die Wiener Experimentalszene kleine, unabhängige Orte braucht und welche Freiheiten selbstorganisierte Kulturarbeit eröffnet.

Wofür steht die Koje für euch – als Verein, als Kollektiv und als Ort?

Stefan Voglsinger: Die Koje steht für experimentelle Kunst und multimediale Experimente, sie ist ein sozialer Knotenpunkt für die freie experimentelle Szene und Nischenmusik.

Angélica Castelló: Der Ort ist wahnsinnig super und hat eine große Geschichte. Stefan hat hier elf Jahre lang mit dem Verein Setzkasten ein Netzwerk aufgebaut und Nachfolger für den Werkstattraum gesucht, was auch logisch war, weil er mit dem zweiten Raum modul nebenan gut ausgelastet war. Der erste Impuls war also: Nein, es kann nicht sein, dass dieser besondere Ort einfach weg ist. Dann habe ich angefangen, mit Stefan zu sprechen, und wir haben noch Leute gesucht. Es sollte aber auch ein Studio sein, ein Ort, an dem gearbeitet wird, wo man sich vernetzt und trifft, Projekte anfängt – alles irgendwie niederschwellig. Für mich war es auch wichtig, weil ich ganz in der Nähe wohne, einen Ort zu haben, an dem ich einfach Konzerte, Listening Sessions oder Gespräche wie dieses machen kann. Die Aura dieses Ortes ist ganz besonders. Es kam nicht infrage, dass er einfach verschwindet.

Stefan Voglsinger: Genau,Angélica hat mich bereits im Juni 2024 gefragt, ob sie das Schaufenster des Setzkastens mit ihren elektronischen „Totem“-Ausstellungen für 2 Jahre nutzen kann. Aus der Ausstellung wurde eine Konzertreihe und dies führte in weiterer Folge zur Neudefinition des Raumes und zur Gründung der Koje.

Ihr nennt euch „Organisation für Jetztzeit-Experimente“. Wofür steht dieser Begriff für euch?

Moritz Morast: Jetztzeit-Experimente sind für mich immer etwas, das im Moment passiert. Ein Hauptpunkt unseres Programms ist Livemusik, und die passiert immer im Moment. Sie ist nichts Fixes, sondern passiert hier und jetzt. Gleichzeitig gibt es experimentelle Formate. Ich glaube, dass sich die Leute hier eher auf Experimente einlassen, weil es so ein kleiner, intimer Rahmen ist. Es gibt keine große Bühne – eigentlich gibt es nicht einmal eine Bühne. Es ist einfach ein Raum, in dem man etwas ausprobieren kann. Dieser Werkstatt-Aspekt ist ein Teil der Identität des Raums. Es ist tatsächlich eine Werkstatt, in der auch gebaut wird. Der Selbermachen-Gedanke, der DIY-Gedanke und das Selbstorganisierte stehen im Vordergrund. Es ist kein großer Veranstaltungsraum, in dem wir alle Regeln vorschreiben, sondern man kann Dinge gemeinsam mit den Künstler:innen erarbeiten. 

Stefan Voglsinger: Aus dem sperrigen Akronym ist Programm geworden! Ich finde, es beschreibt die Dinge, die dort passieren, ganz gut.

Und was bedeutet dieser experimentelle Charakter für euch?

Sandro Nicolussi: Für mich kann auch die soziale Begegnung, die hier stattfindet, einen experimentellen Charakter haben. Wir vier kommen aus unterschiedlichen Szenen, haben bisher unterschiedliche Sachen in Wien gemacht und bringen jeweils eigene Netzwerke mit. Diese Leute treffen hier jetzt aufeinander. Das war für mich im vergangenen Jahr der gemeinsamen Arbeit mit das Interessanteste. Wenn ich in den letzten Jahren selbst etwas veranstaltet habe, kam es eher selten vor, dass ich in einen Raum gekommen bin und niemanden kannte. Hier passiert das nach wie vor. Wir machen auch nicht immer alles selbst, sondern lassen andere Leute oder Initiativen etwas veranstalten. Es ist schon vorgekommen, dass ich hier reingekommen bin und wirklich niemanden gekannt habe. Das finde ich total geil. Hier treffen Leute aus unterschiedlichen Generationen der Kulturarbeit und des Kulturkonsums aufeinander. Das ist für mich sehr wertvoll.

Stefan Voglsinger: Ein utopisches Biotop, das den derzeitigen Entwicklungen der Kulturpolitik trotzt. Das ist für mich ein Aspekt des experimentellen Arbeitens und ein signifikanter Charakter von Räumen dieser Art. Wir lassen uns nicht schubladisieren oder bewerten. Wir machen was, wir wollen, ohne uns abhängig zu machen.

Moritz Morast: Manchmal kommen Leute zu Veranstaltungen, weil sie den Raum noch von früher kennen, als er noch nicht Koje geheißen hat. Die erzählen dann, dass sie früher oft hier waren, ein paar Jahre nicht in Wien gelebt haben und jetzt zurückgekommen sind. Das freut mich immer sehr. Die Leute freuen sich, dass es den Ort noch gibt. So kommen auch die alten Stammgäste wieder vorbei.

Angélica Castelló: Zum Charakter gehört auch, dass es eine Werkstatt, aber gleichzeitig wie ein Shop ist. Da sind diese Schaufenster mit lauter Klumpert und Zeug, und das ist sehr geheimnisvoll. Manchmal mache ich kurz das Fenster auf und die Leute auf der Straße schauen herein und wollen etwas kaufen. Es kommen also nicht nur Leute, die zu Konzerten gehen. Da sind auch die Menschen, die in der Bar nebenan trinken, und das mischt sich sehr stark. Die Geografie des Raumes ist dadurch sehr interessant.

Wie seid ihr als Kollektiv zusammengekommen? Kanntet ihr euch davor schon? 

Stefan Voglsinger: Das hat sich sehr organisch ergeben.Wie schon erwähnt, habe ich zuerst Angélica eingeladen, dann ist Moritz dazugekommen und der hat dann noch Sandro vorgeschlagen. Fertig war das Dream-Team.

Angélica Castelló: Ich glaube, der Kern ist Stefan. Ich kannte Moritz und Sandro davor nur von Konzerten oder vom Sehen, aber nicht so gut. Stefan kannte ich besser. Er ist ein Netzwerker und hat uns ein bisschen zusammengebracht.

Moritz Morast: Ich war mit Stefan gemeinsam in Barcelona, und da hat er mir erzählt, dass er Leute sucht, die den Raum mit ihm übernehmen. Er wollte den Raum aber auch nicht aufgeben. Wer weiß, was sonst damit passiert wäre – vielleicht wäre er leer gestanden oder es wäre etwas ganz anderes reingekommen. Das wäre schade gewesen, weil es in Wien nicht unendlich viele Räume für Konzerte oder nischige Kultur gibt. Davon kann es eigentlich nie zu viele geben. Ich hatte damals ein Studio im 16. Bezirk, aber das war ein reines Tonstudio. Ich wollte immer einen Ort haben, an dem auch Kulturveranstaltungen stattfinden können, und das war dort nicht möglich. Deshalb dachte ich mir: Das ist ideal. Der Raum hat diese Vorgeschichte, und gleichzeitig ist genug Platz, dass ich mir hinten ein kleines Studio einrichten kann. Stefan hat mir dann erzählt, dass Angélica auch Interesse bekundet hatte. Also haben wir noch nach einer weiteren Person gesucht, und irgendwann habe ich gehört, dass Sandro interessiert ist. So kam eines zum anderen.

Sandro Nicolussi: Ich war damals noch im Sandkasten Syndikat. Darüber gab es auch eine Verbindung zum Setzkasten, weil wir mit unserem Ladenlokal ganz in der Nähe in der Jörgerstraße waren. Dort mussten wir raus und sind dann in die Semmelweisklinik gezogen. Da hatte ich ein ähnliches Problem: Der Kollektivraum war nicht wirklich ein Proberaum. Ich hatte aber Bedarf an einem Proberaum und wollte Konzerte veranstalten. Die Räume, die in der Semmelweisklinik zur Verfügung standen, waren wiederum zu groß für die Konzerte, die ich mache. Ich war damals an einem Punkt, an dem ich überlegt habe, aus dem Kollektiv auszusteigen, was ja auch immer ein trauriger Prozess ist. Moritz kannte ich schon länger, Stefan nur oberflächlich. Moritz hat mir dann erzählt, dass er gehört hatte, dass ich überlege auszusteigen, und gefragt, ob ich Lust hätte, hier einzusteigen. Angélica kannte ich von ihrer Arbeit und war ein riesiger Fan – bin ich noch immer! Stefan und der Setzkasten waren für mich außerdem wichtige Anker in der Wiener Experimentierszene. Ich war einmal, als wir noch im Sandkasten waren, mit unserer Crew im Setzkasten. Das war für mich einer der frühen Berührungspunkte mit experimenteller Livemusik. Aras L. Seyhan und Markus Schneider haben 2022 mit Ferro Taylor im Setzkasten gespielt. Das war für mich ein Schlüsselmoment! Stefan hat mir gleich völlig enthusiastisch alles gezeigt, wie er das eben macht: So dieses „Komm mit, ich zeige dir alles“ und dann wirst du ihn fast nicht mehr los. Damals hat jemand mit gerettetem Essen gekocht, das es dann gegen freie Spende gab. Ferro Taylor haben ihre CD präsentiert, und danach habe ich Markus Schneider gefragt, was er da mit den Kluppen auf seinen Gitarrensaiten macht. Er meinte einfach: „Nimm eine, probier’ es selber aus“, und hat mir eine in die Hand gedrückt. Ich war an diesem Abend total elektrisiert. Diese Kluppe habe ich seitdem in meiner Geldbörse! Als dann die Frage kam, ob ich an genau diesem Ort etwas machen will, war das für mich eigentlich ein No-Brainer.

ICH BIN GERADE DESHALB EINGESTIEGEN, WEIL DER ORT SO IST, WIE ER IST“

Die Koje ist also relativ schnell aus der Situation rund um den bestehenden Raum entstanden. Wann wurde es konkret?

Angélica Castelló: Das ist ziemlich schnell passiert. Vielleicht im Juni letzten Jahres? Dann haben wir gesagt: Ab September ziehen wir es durch! Und so war es auch. Im September haben wir angefangen, die ersten Dinge zu schreiben und zu organisieren.

Ihr habt keinen neutralen, leeren Raum übernommen, sondern einen Ort mit viel Geschichte und einer starken Prägung durch den Setzkasten. Wie geht ihr mit diesem Erbe um, und wo beginnt für euch etwas Neues?

Angélica Castelló: Das ist ein schleichender Prozess. Ich glaube nicht, dass die Idee war, etwas ganz Neues zu machen. Ich bin gerade deshalb eingestiegen, weil der Ort so ist, wie er ist. So einen Ort gibt es nirgendwo sonst in Wien. Natürlich gibt es viele Orte für Kultur, aber dieser hier hat ein bestimmtes Flair. Es schaut ein bisschen aus wie meine Wohnung – da gibt es keinen großen Unterschied. Dadurch ist es ein bisschen wie zu Hause. Ich bin auch nicht der Typ, der sagt: Jetzt machen wir Tabula rasa und etwas komplett Neues. Daran glaube ich nicht. Man muss mit den Dingen leben, und es braucht Zeit, bis man weiß, was daraus entsteht. Unsere Leute, unsere Sprache, unsere Crazyness kommen sowieso hinein. Und Stefan bleibt auch da. Das ist das Beste überhaupt. Es ist also eher eine Weiterführung, eine Übernahme. Trotzdem hat sich der Ort schon wahnsinnig verändert. Stefan war hier sehr präsent und es war viel Arbeit für ihn, einen Teil seiner Sachen wegzugeben. Es steht noch immer viel von ihm herum, aber inzwischen sind es zunehmend auch unsere Sachen. Ich glaube, diese Objekte, die hier herumstehen, sind sehr wichtig für den Ort. Auch technisch hat sich einiges verändert. Vor allem Moritz hat viel mit den Lautsprechern und der Anlage gemacht. Der Klang hat sich wahnsinnig verbessert: der Raum klingt jetzt irrsinnig gut für Musik. Es gibt also Verbesserungen und Veränderungen, aber keinen komplett neuen Weg.

Moritz Morast: Tabula rasa fände ich hier auch schwierig, gerade wegen der Geschichte. Aber der Raum hat noch viel Potenzial, sich weiterzuentwickeln. Es ist kein abgeschlossenes Ding. Man kann schrittweise Sachen austauschen und verändern. Es lässt sich auch gar nicht vermeiden, dass wir andere Dinge hineinbringen. Es kommen andere Menschen, wir machen Platz für andere Sachen. Für mich ist zum Beispiel die Anlage etwas ganz Prinzipielles. Wir sind alle Musiker:innen und Sound ist für uns zentral.

Sandro Nicolussi: Es ist ein ambivalenter, eigenartiger Prozess. Manchmal stehe ich hier und denke mir: Schön wäre es, wenn dieses Regal einfach leer wäre und man sich nicht darum kümmern müsste. Gleichzeitig habe ich einen tiefen Respekt für die Arbeit, die hier schon passiert ist. Diese inneren Prozesse finde ich wichtig. Was ich unglaublich stark finde, ist, dass Stefan hier über zehn Jahre voll reingehackelt hat und den Raum jetzt ganz selbstverständlich und vertrauensvoll ein Stück weit aus der Hand gibt. Es ist, als würde er jemanden in sein Wohnzimmer einladen und sagen: Nimm alles, was du brauchst. Er verborgt ständig Sachen. Wenn du etwas anschaust und es gefällt dir, schenkt oder borgt er es dir. Das ist schon echt krass.

Natürlich hat es auch einen gewissen Charme, wenn du mit deinem ganzen Scheiß in einen leeren Raum kommst, alles griffbereit hast und nicht erst auf eine Leiter steigen musst, um irgendein Kabel zwischen den Sachen herauszuziehen. Aber dann könnte ich auch allein ein Studio nehmen und dort herumgrundeln. Da würden sich nicht dieselben Sachen entwickeln wie hier. Ich hätte nur das Zeug zur Hand, das ich selbst mitgebracht habe, und würde damit meinem eigenen Pfad folgen. Ich merke schon, dass die Arbeit hier meine Ästhetik verändert. Manchmal ist das ganz banal: Letztens habe ich eine Installation gebaut und musste ein Holzteil lackieren. Hätte ich dafür einen Lack gekauft, hätte ich sicher eine andere Farbe genommen als die von dem Kameralack, den ich hier im Regal gefunden habe. Also habe ich den verwendet und plötzlich ist ein Teil dieses Raumes in meiner Arbeit vorhanden, einfach weil er da war. Der Raum nimmt mir Entscheidungen ab und greift dadurch in meine Arbeit ein. Und auch die Energie des Raumes – das klingt jetzt ein bisschen esoterisch – macht etwas mit mir. Hier steht so viel stuff herum, der einfach geil aussieht. Hinten steht zum Beispiel eine Röhrentonbandmaschine, die ich mir ursprünglich nur besorgt habe, um ein Teil für eine Installation auszubauen. Jetzt denke ich mir: Das schaut nice aus, wo stelle ich es hin? Statt dass es einfach auf dem Sperrmüll landet. Der Raum macht etwas mit dir, und das finde ich sehr spannend.

Kuato
Kuato © Koje

Umgekehrt: Was bringt ihr als unterschiedliche Personen jeweils in die Koje mit? Und welche neuen Verbindungen entstehen dadurch?

Angélica Castelló: In erster Linie bringen wir die Menschen mit, die wir kennen – unsere Crews, unsere Peers. Dadurch entsteht ein Austausch. Die Leute, die ich kenne, lernen etwas von den anderen und von Stefan kennen und umgekehrt. Die Community ist ein ganz wichtiger Faktor.

Moritz Morast: Es vermischt sich neu. Es gibt diese unterschiedlichen Szenen in Wien, und manchmal braucht es einen Ort, an dem die Karten ein bisschen neu gemischt werden. Dann entstehen neue Symbiosen: Leute lernen sich kennen und machen künstlerisch etwas miteinander, oder es entstehen einfach Freundschaften und Partnerschaften.

Angélica Castelló: Wichtig finde ich auch das Generationenübergreifende. Ich bin ein bisschen älter, arbeite als Lehrende, aber viel mit sehr jungen Leuten. Ich habe oft gesehen, wie schnell alle in ihren jeweiligen Generationen-Bubbles bleiben: Die Jungen gehen an andere Orte, die Älteren bleiben dort, wo sie immer waren, und es findet wenig Kommunikation statt. Hier sind wir selbst schon aus unterschiedlichen Altersgruppen, und das finde ich sehr schön. Konkret bringen wir peu à peu auch eine andere Ordnung und eine andere Linie hinein. Aber, wie gesagt, sehr langsam und schleichend. Wir sind alle sehr beschäftigt, die Koje ist nicht unser Hauptding. Dabei ist es schwer, in diesem Raum etwas Neues zu machen, das es hier noch nie gegeben hat, weil eigentlich schon fast alles einmal da war. Was wir gerne noch mehr machen würden, sind Ausstellungen in den Schaufenstern und mehr bildende Kunst. 

Sandro Nicolussi: Es sind auch Kleinigkeiten, aus denen sich rote Fäden entwickeln. Physische Medien gab es hier zum Beispiel immer schon. Stefan hatte ein paar Tapes zum Tauschen und Platten. Ich mache mit Andreas Haslauer gemeinsam das Label Epileptic Media und habe irgendwann beschlossen: In dem Kasten hinten bei der Tür könnte man doch eine Distro [Anm. Distribution] machen. Ein bisschen etwas von Stefan war schon da, jetzt sind auch unsere Kassetten drinnen. Leute kommen herein, sehen das und fragen: „Kann ich eine Platte dazustellen?“ Mittlerweile sind dort verschiedene Medien aus Wien, Freiburg oder Japan. Das finde ich schön, weil wir dadurch ein bisschen von dieser Präsentationsfläche weitergeben können. Es ist eine sehr niederschwellige Distro. Man kann hier unsere Kassetten abholen, aber Leute können auch ihre eigenen Sachen dalassen. Wenn sie wollen, gebe ich ihnen weiter, was dafür gespendet wird. Manchen geht es auch einfach darum, dass ihre Sachen in die Welt kommen. So wird die Koje zu einem Distributionsort, an dem jemand hineingreifen, etwas mitnehmen und an dieser Kultur physischer Tonträger teilhaben kann.

„MAN MUSS SICH VOR AUGEN FÜHREN, DASS WIR VIER ZUSAMMENGERECHNET SCHON ÜBER EIN HALBES JAHRHUNDERT KULTURARBEIT GEMACHT HABEN.“

Moritz, was bringst du aus deiner eigenen Arbeit und deinem Umfeld in die Koje mit?

Moritz Morast: Für mich ist es auch dieses Hereinholen von Leuten aus unseren jeweiligen Szenen. Mir ist aufgefallen, wie viele den Raum vorher gar nicht kannten. Manche kommen rein und sagen: „Urgeil, ich war noch nie da.“ Und ich denke mir: Schön, dass du jetzt da bist – du hast zwar schon viele tolle Sachen verpasst, aber es gibt ja weiterhin genug zu sehen.

Ihr organisiert die Koje kollektiv. Wie trefft ihr Entscheidungen, teilt Verantwortung und geht mit Uneinigkeiten um?

Angélica Castelló: Wir sind noch sehr jung. Vielleicht zerfetzen wir uns irgendwann noch, aber ich glaube es nicht. Ich habe schon in vielen Gruppen gearbeitet und glaube, eine gewisse Nase dafür zu haben, was funktionieren kann. Stefan ist zum Beispiel ein sehr großzügiger Mensch, der Dinge nicht persönlich nimmt. Ich glaube, wir vier sind uns darin ähnlich. Wenn etwas ist oder ein Missverständnis entsteht, besprechen wir es sehr schnell. Das Wichtigste ist für mich, dass die Kommunikation transparent ist. Wir waren von Anfang an auch beim Geld sehr transparent. Ich glaube, man merkt bei Gruppen oft schon früh, wenn etwas nicht stimmt. Ich könnte mir auch vorstellen, dass das Kollektiv irgendwann größer wird und noch jemand dazukommt. Wobei der Raum dafür fast ein bisschen zu klein ist.

Sandro Nicolussi: Man muss sich auch vor Augen führen, dass wir vier zusammengerechnet schon über ein halbes Jahrhundert Kulturarbeit gemacht haben. Manche mehr, manche weniger, aber in Summe sind es locker über 50 Jahre. Ich glaube, es funktioniert auch deshalb gut, weil wir alle wissen, was wir wollen und schon Erfahrung damit haben, das einigermaßen professionell umzusetzen. Wir wissen alle, wie anstrengend es ist, wenn man solche Sachen schleißig nebenher macht. Es hilft, dass alle eine eigene Idee für den Raum und den entsprechenden Drive haben. Gleichzeitig stellt der Raum keine wahnsinnig großen Anforderungen. Wenn wir einen Club bespielen würden und es für jedes Event vier Leute bräuchte, wäre es viel schwieriger. Dann müssten immer alle bei Dingen mitmachen, auf die sie vielleicht gar keine Lust haben. Hier kannst du easy going allein ein Konzert veranstalten. Manchmal hilft dir jemand, manchmal machst du es allein. Manchmal bucht jemand etwas und kann dann selbst nicht – dann sagt eine andere Person: „Passt, mache ich.“ Die Ansprüche, die der Raum an unsere Arbeit stellt, sind sehr niederschwellig. Du kannst im Grunde jemandem den Schlüssel in die Hand drücken, kurz erklären, wo der Amp eingeschaltet wird und dass es nicht ins Rote gehen soll, und sagen: Mach halt.

Moritz Morast: Das ist ein großer Vorteil des Raums. Wir sind kollektiv organisiert, können darin aber ziemlich autonom arbeiten. Natürlich klären wir Sachen miteinander ab, aber grundsätzlich kann jemand sagen: „Ich mache an diesen Tagen Konzerte.“ Vielleicht hat jemand Zeit zu helfen, wenn nicht, kann man es auch gut allein abwickeln. Wir machen viele Dinge eigenständig, und daraus entstehen eigentlich kaum Konflikte. Wir hatten zum Beispiel auch schon eine Konzertüberschneidung. Aber selbst das ist irgendwie cool, weil dadurch wieder zwei unterschiedliche Welten zusammenkommen.

Im Endeffekt teilen wir eine gemeinsame Vision und ziehen an einem Strang. Wir wissen, dass wir zusammenarbeiten müssen, damit wir den Raum so haben können, wie wir ihn haben wollen. Dafür müssen aber nicht immer alle gleichzeitig dabei sein. Das spielt sich ganz organisch zusammen: Das Schild draußen haben wir zu dritt neu gemacht und abmontiert, Sandro und ich haben die Leinwand aufgehängt, dann haben wir etwas mit den Boxen gemacht, ein anderes Mal habe ich mit Stefan zusammengeräumt. Wir spielen uns gegenseitig die Bälle zu.

Stefan Voglsinger: Sowohl das Schild als auch der neue Name für den Raum und das Kollektiv waren mir sehr wichtig. Identifikation kann meiner Meinung nach nur dann stattfinden, wenn man einen persönlichen Bezug hat. Das ist viel wichtiger, als auf bestehende Strukturen zu beharren und versuchen etwas hochzuhalten, das dich in der Vergangenheit geprägt hat. Hier geht es um das Nutzen von gewachsenen Strukturen, ums Loslassen und Kräfte vereinen. So kann es weitergehen, ohne sich in festgefahrene Muster oder Machtgefälle zu verstricken.

Sandro Nicolussi: Wichtig ist auch, dass niemand von uns verbissen ist. Es ist alles sehr verspielt. Das hier ist kein Karriereraum, wo jemand sagt: „Ich muss jetzt unbedingt proben, weil ich dieses riesige Konzert habe.“ Wir haben alle noch andere Netzwerke und Möglichkeiten auszuweichen. Wir sind flexibel. Das fordert einen manchmal auch heraus. Wenn wir ein Kalenderproblem haben, muss ich mich eben fragen: Kann ich die Show, die auf mich zukommt, auch mit einem Tag weniger Probe spielen? Was kann ich stattdessen machen? Dann wird es ein bisschen spicy. Aber das ist auch geil. Ich glaube, es ist wichtig, bei so etwas nicht dogmatisch zu sein. Auch das ist wieder Teil dieses Experiments, über das wir gesprochen haben.

Angélica Castelló: In einem Kollektiv muss man Kompromisse machen können. Wir vier sind alle sehr beschäftigt mit unserer musikalischen Arbeit und haben daneben auch noch Jobs. Deshalb kann es für uns nur funktionieren, wenn es chill bleibt. Es geht nicht um die große Vision, mit der wir die Welt verändern wollen. Wir treffen uns hier, machen Sachen zusammen und es soll etwas Positives bleiben.

Stefan Voglsinger: Für mich geht es immer darum, die Welt zu verändern und Utopien zu realisieren. Auch wenn es im kleinen Rahmen passiert. Leute zu inspirieren und das Staunen nicht zu verlernen, finde ich essentiell.

Moritz Morast: Wir haben schon eine gemeinsame Vision für den Raum, aber kein fixes Ziel, auf das wir unbedingt hinarbeiten müssen. Es soll sich schrittweise entwickeln. Das habe ich auch ein bisschen von Stefan gelernt: Wenn man mit ihm künstlerisch arbeitet, ist alles ein ewiges Work-in-Progress. Genauso sehe ich diesen Raum. Der wird nie fertig sein, sondern bleibt immer in Bewegung. Das passt auch zur Umgebung. Hier ist die Hernalser Hauptstraße, alle fahren hinunter in die Stadt, niemand bleibt wirklich stehen. Mit der Tankstelle und allem drumherum ist das ein Transitort, an dem ständig etwas in Bewegung ist.

Sandro Nicolussi: Der Raum limitiert uns auch, und das ist eigentlich ganz gut. In kreativer Arbeit ist es oft wichtig, nicht unendlich viele Möglichkeiten zu haben. Wenn hier ein Konzertsetup aufgebaut ist, ist die Bude mit 35 Leuten knackevoll. Viel größer können wir also gar nicht werden – wir sind quasi schon am Ende der Fahnenstange. Stay underground! Das macht es gleichzeitig total entspannt. Wir halten den Raum unabhängig, indem wir ihn mit unserem privaten Geld finanzieren. Dadurch können wir machen, was wir wollen, und haben nicht den ökonomischen Druck, bei jeder Veranstaltung unbedingt die Bude füllen zu müssen.

Moritz Morast: Als Konzertraum ist er eigentlich komplett unrentabel, weil er zu klein ist. Aber so, wie wir es machen, funktioniert es. Es geht hauptsächlich darum, die Unkosten für die Künstler:innen zu decken. Mit ein bisschen Förderung können wir bei diesen kleinen Konzerten meistens auch ganz okay Gagen bezahlen.

Was findet in der Koje statt? Wie habt ihr den Raum bisher genutzt und was kann man hier in nächster Zeit erwarten?

Angélica Castelló: Wahnsinnig unterschiedliche Sachen.

Könnt ihr jeweils ein Beispiel dafür nennen, was ihr hier veranstaltet oder umsetzt?

Angélica Castelló: Mein Schwerpunkt war zuletzt die „Totem Series“. Dafür habe ich dieses Radio-Dings hier, einen Altar, gebaut, der Teil des PEEK-Forschungsprojekt „Spirits in Complexity – Making kin with experimental music systems“ ist, das im September 2026 zu Ende geht. Ich habe verschiedene Künstler:innen eingeladen, damit zu spielen. Im September ist das Projekt vorbei, danach werde ich wahrscheinlich mehr freie Improvisationskonzerte organisieren. Eigentlich habe ich aber mehr Lust, andere Leute zu unterstützen, als selbst viel zu kuratieren. Wenn jemand kommt und einen Raum braucht, schaue ich, ob ich Zeit habe, und dann kann die Person hier spielen. Oder wenn Kolleg:innen aus dem Ausland in Wien vorbeikommen, kann sich etwas ergeben. Gemeinsam haben wir außerdem die kleine Reihe „Sonic Twins“ gegründet.

Moritz Morast: Es gab auch einige Workshops. Zum Beispiel einen Field-Recording-Workshop, der zum Teil hier stattgefunden hat, und einen Rübezahl-Electronics-Workshop zum Bau von Synthesizern. Wir sind außerdem Teil des ACME-Forschungsprojekts, darüber könnte im Herbst noch ein weiterer Workshop stattfinden.

Stefan Voglsinger: Es finden ganz viele spannende Konzerte im Bereich der experimentellen Musik statt.Ich nutze die Koje momentan hauptsächlich für Workshops und arbeite in der Dunkelkammer-Küche zur Entwicklung von 35mm- und 16mm-Analog-Filmen. Einige Veranstaltungen finden auch in Zusammenarbeit mit dem Setzkasten-Programm statt. Das ermöglicht es, Ressourcen zu teilen. Zum Beispiel den Flick-a-Record-Workshop, den ich im Frühling gemeinsam mit der kanadischen Medienkünstlerin Stephanie Castonguay gehalten habe. Er war als kollaboratives Labor konzipiert und beschäftigte sich mit einer Neuinterpretation eines alltäglichen Mediums – der Schallplatte, um deren Potenzial als grafische Oberfläche, Klangskulptur und kinetisches Objekt zu erkunden. Frühe Animationstechnik trifft auf Holzleim-Schallplatte. Ich genieße es auch, für das Konzertprogramm, das ich nicht selbst kuratiert habe, mit Technik und Raumlogistik einzuspringen. 

Angélica Castelló: Wichtig sind auch die Verbindungen zu anderen Kollektiven und Orten – nicht nur zum Setzkasten, sondern auch zu kv.r. und den Westbahnstudios. Wir sind ziemlich gut vernetzt, vor allem mit kv.r., die gerade sehr aktiv sind.

Stefan Voglsinger: Auch das 1bm, die beste Aftershow-Location der Welt!

Sandro Nicolussi: Ich nenne es hier ja liebevoll die Hernalser Kulturmeile.

Angélica Castelló: Es ist wirklich super, was gerade im 17. Bezirk passiert. Wir wollen auch mehr Workshops und Listening Sessions machen. Eine gab es bereits mit meinen Studierenden im Rahmen einer Kassettenpräsentation. Da war es hier voll mit jungen Leuten, und sie haben gemeinsam eine Listening Session gemacht. Das war sehr schön.

Sandro Nicolussi: Viele Konzerte und Sessions, die hier stattgefunden haben, haben wir auch aufgenommen. Die kann man auf unserer Bandcamp-Seite anhören und gratis herunterladen oder etwas dafür spenden, damit wir uns wieder neue Kabel oder Gaffa kaufen können. Insgesamt ist es ein buntes Treiben. Es kann auch sein, dass man vorbeikommt, das Licht brennt, die Tür offen ist und jemand gerade eine Installation baut oder etwas lötet. Man kann manchmal einfach reinschneien, sich etwas anschauen oder eine Kassette mitnehmen. Es muss nicht immer ein Event stattfinden, damit hier etwas passiert. Manchmal kommen sogar Leute rein und fragen, ob wir ihren Beamer reparieren können, weil es hier wie eine Beamer-Werkstatt aussieht.

Moritz Morast: Einmal ist jemand reingekommen und meinte: „Endlich habt ihr einmal offen!“ Er geht offenbar oft vorbei und dachte, das hier sei ein Geschäft mit normalen Öffnungszeiten. Wir sind aber eher am Nachmittag oder Abend da. Er war total fasziniert von allem, was herumsteht. Ich hatte gerade eine alte Bandmaschine, die ich loswerden wollte, und habe ihn gefragt: „Willst du eine Bandmaschine?“ Er meinte: „Ja, die will ich haben.“ Dann habe ich sie ihm für 20 Euro verkauft.

FÜR MICH BEGINNT IDENTIFIKATION MIT PERSÖNLICHEM ENGAGEMENT“

Wie ist das Verhältnis zum Setzkasten im Raum nebenan? Warum habt ihr euch für einen neuen Verein und einen neuen Namen entschieden?

Stefan Voglsinger: Für mich beginnt Identifikation mit persönlichem Engagement und dazu gehört auch ein eigener Name. Oft wird an bestehenden Strukturen und gewachsenen Raumkonzepten festgehalten, das hilft auf den ersten Blick, weil man sich in ein „funktionierendes“ System eingliedert oder es gewissermaßen weiterdenkt. Allerdings hindert das auch manchmal daran, freie Transformation und intrinsische Veränderungen zuzulassen, ohne das Stammpublikum zu enttäuschen. Anders gesagt, fällt es mit neuem Namen leichter, individuelle Wege zu beschreiten. Zum Verhältnis: Ich bin gewissermaßen das verbindende Element, da ich Teil von beiden Kollektiven/Vereinen bin.

Sandro Nicolussi: Die Vereinsstrukturen sind getrennt. Der Setzkasten besteht weiterhin und macht drüben weiter Programm – das ist ein eigener Verein mit mehreren Leuten. Wir sind ebenfalls ein eigener Verein. Über Stefan gibt es manchmal Synergien, aber es ist keine wirkliche Vereinskooperation. Wir sind noch nie mit allen Leuten aus beiden Vereinen zusammengesessen und haben gemeinsam etwas geplant.

Moritz Morast: Das wird wahrscheinlich irgendwann passieren. Es gab immer wieder Abende, an denen beide Räume bespielt wurden, und das fand ich sehr super. Ich wäre sehr motiviert, so etwas wieder zu machen.

Angélica Castelló: Für Events ist das eigentlich das beste Setting. Im Mai habe ich mit einem meiner Ensembles gespielt und wollte ursprünglich hier spielen. Wir waren aber fünf Leute mit Schlagzeug und es wäre viel zu eng gewesen. Da meinte Stefan nur: „Bist du verrückt?“ Also hat er seine Kolleg:innen gefragt, ob wir das Konzert drüben machen können. Der Setzkasten ist momentan noch sehr voll mit Sachen, weil Stefan weiterhin am Umorganisieren ist. Gleichzeitig wollen die anderen Vereinsmitglieder dort nicht mehr so viele Events machen. Die haben über die Jahre sehr viel veranstaltet und sind damit ein bisschen gesättigt.

Moritz Morast: Dass wir einen neuen Namen haben, hängt damit zusammen, dass wir einen neuen Verein gegründet haben. Wir wollten den Ort deshalb umbenennen. Das hat auch mit den Förderstrukturen zu tun: So vermischt sich nichts und es gibt eine klare Trennung.

Der Raum war lange als Setzkasten bekannt. Sorgt die neue Konstellation noch für Verwirrung?

Stefan Voglsinger: Es ist gar nicht kompliziert. Der Werkstattraum war aufgrund seiner ästhetischen Beschaffenheit – dunkle Holzvertäfelung und Apothekerkästen einer ehemaligen Parfümerie – wegweisend für die Namensgebung des Setzkasten Wien. Durch die Expansion in den zweiten Raum hat sich die Setzkasten-Vereinstätigkeit auf beide Räume und externe Orte verlagert und intensiviert. Es war nur eine Frage der Zeit, ein neues Kapitel zu beginnen. Ich finde es fantastisch, wie nahtlos sich die Transformation vom Werkstattraum Setzkasten zur Koje vollzogen hat. Der Setzkasten ist ja weiterhin im modul und in Form des Setzkasten KUBUS aktiv. Ästhetisch, menschlich und künstlerisch könnte ich mir nichts Schöneres für die Zukunft des ehemaligen Setzkasten-Werkstattraums vorstellen.

Moritz Morast: Aber es wird wahrscheinlich noch ein paar Jahre für Verwirrung sorgen.

Angélica Castelló: Trotzdem haben sich die Leute schon ziemlich an Koje gewöhnt.

Moritz Morast: Der Name ist schön kurz und prägnant und geht gut über die Lippen.

Angélica Castelló: Für Leute, die nicht so gut Deutsch sprechen, ist Koje auch einfacher als Setzkasten.

Sandro Nicolussi: Wobei der Begriff „Koje“ selbst ja auch nur im Deutschen funktioniert. Ich habe hier einmal etwas mit Exposure Therapy gemacht, einem Kollektiv aus den USA. Die haben eine Live-Session gehostet, bei der ich gespielt habe, und den Ort als „Coach Workshop“ angekündigt. Da dachte ich mir: Ah, okay, das hätte ich vielleicht vorher erklären sollen. Das ist schon öfter passiert, dass nicht deutschsprachige Leute fragen: „Koje – was heißt das eigentlich?“ Diese Schiffs-Konnotation gibt es eben nur auf Deutsch. Aber eigentlich ist das auch wurscht. Jede Person kommt ohnehin mit ihren eigenen Konnotationen herein.

Wenn ihr ein Jahr in die Zukunft schaut: Was würdet ihr euch wünschen, was bis dahin in der Koje gewachsen oder entstanden ist?

Angélica Castelló: Das nächste wichtige Ziel ist eine Putzaktion. Die müssen wir machen. Und dann geht es darum, dem Raum mehr von unserer eigenen Ordnung zu geben. Ich finde das Chaos hier total wichtig, aber wir wollen ihn uns noch mehr aneignen und manche Dinge anders gestalten. Außerdem soll es mehr Möglichkeiten für Sound geben, zum Beispiel quadrophonische oder mehrkanalige Set-ups.

Moritz Morast: Das wäre ein kleines Projekt für das nächste Jahr: Ich fände es cool, wenn wir hier mehrkanalige Konzerte machen könnten. Ich weiß nicht, wie gut das in so einem kleinen Raum funktioniert, weil Mehrkanaligkeit da natürlich schwierig ist. Aber gerade, weil es ein experimenteller Ort ist, kann man das ausprobieren. Man könnte dazu auch Workshops machen. 

Koje Außenansicht
Koje Außenansicht © Koje

Angélica Castelló: Seit dem Anfang will ich da oben auch eine mexikanische Schlafkoje machen. Solche Dinge eben: sich den Raum mehr aneignen. Und natürlich wäre es schön, mehr Geld zu haben, damit wir ein bisschen freier sind.

Sandro Nicolussi: Ich finde, wir könnten kaum freier sein als jetzt. Wenn wir mehr Geld von außen bekommen, sind wir möglicherweise sogar weniger frei, weil wir den Förderstellen gegenüber mehr Verpflichtungen haben. Kulturarbeit in Wien macht sich meiner Meinung nach viel zu abhängig von Förderungen. Natürlich braucht experimentelle Kunst oder Nischenkunst Unterstützung, weil sie wirtschaftlich nicht rentabel ist und das auch nicht sein soll. Aber ich finde es schwierig, wenn experimentelle Räume sofort mit den Armen rudern, sobald Förderungen gekürzt werden, weil es keine Antwort auf die Frage gibt: Was machen wir, wenn das irgendwann alles weg ist? Wir haben durchaus Förderungen bekommen, und die helfen uns, Künstler:innen hier faire Gagen zu zahlen. Aber wir können diesen Raum auch mit null Euro aus öffentlicher Hand betreiben. Dann halten wir ihn eben selbst und hackeln dafür natürlich auch. Wenn Leute auf Tour sind, kommen sie her, spielen, bekommen das Geld aus dem Hut und fahren weiter. Das ist wirtschaftlich nie rentabel, aber auf eine Art trotzdem funktional. Mein kleines Projekt für das nächste Jahr wäre deshalb, dass wir in Österreich und Europa den Lohnarbeitszwang überwunden haben und alle mehr Zeit in solchen Räumen verbringen können, anstatt in Lohnarbeit, um unsere Miete zu zahlen. Ein Jahr ist vielleicht ein bisschen sportlich, aber die Utopie soll ja auch nicht zu kurz kommen!

Moritz Morast: Auch wenn ohne Förderungen die Gagen kleiner ausfallen, wäre es für die Szene noch schlimmer, solche Räume einfach zuzusperren. Es gibt nicht viele davon, und die Szene lebt von diesen kleinen Räumen und ihren Netzwerken. Das ist für mich auch ein Hauptgrund, warum ich hier dabei bin. Ich habe meine Netzwerke in Europa und will für diese Leute Räume offenhalten, weil sie umgekehrt für mich anderswo Räume offenhalten. Dadurch kann ich als Künstler auch woanders hinfahren. Das ist ein gegenseitiges Support-Netzwerk. Wir hängen alle miteinander zusammen.

Sandro Nicolussi: Und wir wollen letztlich ein Kunstraum sein und kein Bürokratieort. Natürlich kann man Honorarnoten einsammeln, einreichen, alles argumentieren und um Geld bitten. Aber in derselben Zeit können wir auch drei Konzerte machen und eine gute Zeit haben.

Stefan Voglsinger: Ich wünsche mir, unseren Künstler:innen angemessene Gagen zahlen zu können und dass sich der Raum alleine erhält. Es muss endlich Schluss sein mit dem Prekariat.

Wie lässt sich eure Unabhängigkeit mit dem Anspruch verbinden, Künstler:innen fair zu bezahlen?

Moritz Morast: Man macht sonst vielleicht Sachen, die man eigentlich gar nicht machen will, sondern weil sie rentabel sind. Hier ist es anders: Gerade weil es nicht rentabel ist, kann ich sagen, ich mache nur die Sachen, von denen ich weiß, dass sie mir wirklich Spaß machen. Dann stehe ich auch gerne hier. Alles andere kann ich ablehnen. Für uns gibt es keinen Zwang, hier Konzerte zu veranstalten. Wir machen es, weil wir es machen wollen.

Angélica Castelló: Das ist ein schwieriges Thema. Für mich ist es vollkommen okay, den Raum so zu haben und diese Unabhängigkeit zu genießen. Gleichzeitig denke ich an die Leute, die spielen. Denen würde ich gerne mehr Geld zahlen können. Für mich selbst ist der Raum mein pleasure. Aber diese Freiheit sollte erhalten bleiben.

Moritz Morast: Und natürlich sollen die Leute fair bezahlt werden, wenn es möglich ist. Aber der Raum ist klein. Mit 35 Personen sind wir wirklich an der absoluten Kapazitätsgrenze. Wenn hier zwei Acts mit insgesamt vier Personen spielen und jede Person im Publikum zehn Euro spendet, müssen sie sich 350 Euro teilen.

Angélica Castelló: Deshalb kommen wir wieder zu dem zurück, was wir ganz am Anfang gesagt haben: Das ist ein Raum zum Experimentieren und Arbeiten. Die Leute sollen hier proben können. Unsere Kolleg:innen haben einen Raum, ein Studio, in dem sie kostenlos arbeiten und das Ergebnis anschließend präsentieren können. Darin liegt auch ein Wert.

Sandro Nicolussi: Ich muss auch einräumen, dass meine zugespitzte Haltung dazu in gewisser Weise ein privilegierter take ist. Ich habe Zugang zu einer Arbeit, mit der ich in möglichst wenig Zeit genug Geld verdienen kann, um meine Fixkosten zu decken und daneben das hier zu machen. Viele Leute haben es in Wien nicht so easy. Gleichzeitig übersieht man bei der Diskussion schnell, dass wir alle im Kapitalismus gefangen sind. Solange wir den nicht überwunden haben, reden wir sowieso nur im Klein-Klein herum: „We can’t have fun in capitalism.“ Über Fair-Pay und Gagen zu reden und irgendwo ein Fair-Pay-Siegel draufzuklatschen, ist für mich keine grundsätzliche Lösung. Diejenigen, die es können, sollten ihre Privilegien nutzen, um solche Räume zu erhalten und zugänglich zu machen und damit Leuten Raum geben, für die es aus welchen Gründen auch immer schwieriger ist, zu sagen: Ich arbeite Teilzeit und mache daneben Kunst. Oder die das gar nicht wollen, sondern full-time abgefuckte Sachen in ihrem Studio machen wollen. Davon profitieren wiederum wir, weil wir uns Leuten und ihrer Arbeit aussetzen können, die genau das machen. Nur so können neue Dinge entstehen!

Das klingt doch mal nach einem guten Schluss, oder? 

Moritz Morast: Ja, das war sehr schön.

Sandro Nicolussi: Power to the people!

Stefan Voglsinger: Alles muss sich ändern, damit alles bleibt, wie es ist.

Vielen Dank euch für das Gespräch!

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Ania Gleich 

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