„WIR WERDEN NICHT AUFHÖREN, BIS WIR DEN LEUTEN SO RICHTIG AM ARSCH GEHEN UND SIE NICHT MEHR AN UNS VORBEIKOMMEN” – CUPIDITAS IM MICA INTERVIEW

Verträumter Indie-Pop trifft auf Alternative Rock, süße Melodien auf Gitarrendruck und irgendwo dazwischen wird aus Zuckerbrot schnell die Peitsche. Mit ihrer neuen EP „Zuckerbrot und Peitsche“ (VÖ: 25.09.26 auf Tape Capitol Music) schlagen CUPIDITAS ein neues Kapitel auf: Erstmals singt die Wiener Band auf Deutsch und wird damit direkter und persönlicher. Im Interview mit Ania Gleich sprechen MARVIN PAWLOWSKI, MICHAEL BAUER, SOPHIA AITZETMÜLLER und PAUL TOTH mit Ania Gleich über Coming-of-Age und den Wechsel ins Deutsche, gemeinsames Wachsen als Band, das High des Live-Spielens und Zuckerbrot-und-Peitsche-Momente in der Musikindustrie.

Wie habt ihr euch ursprünglich kennengelernt und wie ist daraus
Cupiditas entstanden?

Marvin Pawlowski: Das war noch in der Schulzeit. Ich wollte bei einer Schulveranstaltung auftreten und diesmal unbedingt mit einer Band spielen. Jakob (Anm. Heuberger, nicht beim Interview anwesend) und ich kannten uns damals schon länger aus der Schule, hatten aber eigentlich kaum miteinander geredet. Ich wusste nur, dass er Gitarre spielt, und er wusste das auch von mir. Also habe ich ihn gefragt: „Hey, lass uns dort gemeinsam spielen.“ Er hat sofort Ja gesagt – was im Nachhinein ziemlich gut war. Jakob kannte einen Schlagzeuger, Julian (Anm. Resch – ehemaliger Schlagzeuger), der in Mattersburg gelebt hat. Dort haben wir dann auch geprobt. Am Anfang waren wir zu dritt.

Julian hat eigentlich schon seit der ersten Probe gesagt, dass er einen Bassisten namens Michi (Anm. Bauer) kennt. Ich war zunächst eher dagegen, weil ich nicht wollte, dass wir eine Coverband werden, und für mich hat sich das irgendwie danach angehört. Jakob kannte noch einen anderen Bassisten, aber der hatte wegen der Matura keine Zeit. Bei einer der nächsten Proben hat Julian dann einfach unangekündigt Michi mitgebracht. Ich habe ihn gesehen und war schockverliebt. Noch bevor er gespielt hat, war für mich klar: Das ist der Bassist.

Bild der Band Cupiditas
Cupiditas © Pope

Das heißt, du hast ihn zuerst gecancelled und dann doch geliebt?

Michael Bauer: Er hat mein Maxi-Marko-T-Shirt gesehen und sich gedacht: Wow, wir sind interlinked!

Marvin Pawlowski: Genauso war es. Und er war auch noch super am Bass, also hat es gepasst. Dann waren wir zu viert. Das ging zwei, drei Jahre so, bis es mit unserem damaligen Schlagzeuger nicht mehr gepasst hat. Wir wollten immer professioneller werden und streben schon eine Musikkarriere an. Natürlich soll es Spaß machen, aber wir machen das nicht nur als Hobby. Irgendwann hat es sich ein bisschen angefühlt, als würden wir auf der Autobahn mit angezogener Handbremse fahren. Schließlich hat er selbst gemerkt, dass es nicht mehr passt, und wir haben uns nach jemand anderem am Schlagzeug umgesehen.

Michael Bauer: Durch meine Uni-Connections – ich habe begonnen, Instrumental- und Gesangspädagogik zu studieren – bin ich dann auf Soffel (Anm. Sophia Aitzetmüller) gekommen. Wir hatten Try-outs mit mehreren Schlagzeuger:innen, haben uns aber für sie entschieden, weil es mit ihr einfach am besten gematcht hat.

Und wie kam Paul dazu?

Michael Bauer: Mit Pauli (Anm. Toth) hatten wir davor schon einen Gig gespielt, zunächst als zusätzlichen Gitarristen. Wir wollten noch einen Musiker dabei haben, der Marvin live ein bisschen die Gitarre abnehmen kann, weil er gleichzeitig singt.

Marvin Pawlowski: Ich schwitze bei Live-Konzerten extrem viel und irgendwann kann ich die Gitarre nicht mehr richtig greifen. Darunter hat dann teilweise auch der Sound gelitten. Wir haben uns gedacht, es wäre schlauer, wenn mir bei manchen Songs jemand die Gitarre abnimmt. Pauli hat das direkt übernommen und kann es auch besser als ich.

Das heißt, eure aktuelle Besetzung besteht aus Bass, Schlagzeug, Gesang und zwei Gitarren?

Michael Bauer: Genau. Wobei wir da auch flexibel sind.

Wie würdet ihr eure Musik jemandem beschreiben, der euch noch nicht kennt? 

Michael Bauer: Es ist wie eine Persönlichkeitsstörung aus süßem Indie-Pop und Punk oder eher alternativem Rock. Man ist sich nicht ganz sicher, was es ist, aber das ist auch gut so.

Sophia Aitzetmüller: Ich glaube, ich würde das Wort „Störung“ weglassen.

Marvin Pawlowski: Es ist ziemlich verträumt.

Sophia Aitzetmüller: Verträumter Punk!

Marvin Pawlowski: Vielleicht der Blick eines naiven Kindes, das keine Ahnung hat, was auf es zukommt, aber trotzdem denkt, alles zu checken.

ALLES SCHÖNE HAT AUCH EINE SCHATTENSEITE.”

Diese Ambivalenz schlägt sich ja auch im Titel der EP nieder. Deshalb muss ich natürlich fragen: Was ist auf „Zuckerbrot & Peitsche“ das Zuckerbrot und was die Peitsche?

Sophia Aitzetmüller: Ich glaube, das kommt eigentlich in jedem Song ein bisschen vor.

Marvin Pawlowski: Alles Schöne hat auch eine Schattenseite. Das war am Anfang gar nicht so bewusst, aber wenn man sich mit den Songs beschäftigt, kommt man schnell darauf. Es geht zum Beispiel um Liebe oder um dieses System, in dem man immer funktionieren muss.

Sophia Aitzetmüller: Kapitalismuskritik.

Michael Bauer: Vor allem auch die Musikindustrie. Oder diese zwei Seiten eines gesellschaftlich auferlegten Idealbilds davon, wie ein Mann zu sein hat.

Marvin Pawlowski: Auch beim Nachtleben oder dem Macho-Dasein irgendwelcher Männer. Man muss bei den Songs aber auch verstehen, dass es nicht immer um die Person geht, die sie geschrieben hat. Wir spielen viel mit einem lyrischen Ich.

Wie entstehen eure Songs? Gibt es meistens jemanden, der eine Idee mitbringt, die ihr dann gemeinsam ausarbeitet, oder ist das jedes Mal anders?

Marvin Pawlowski: Es kommt darauf an. Manche Ideen entwickeln wir sofort gemeinsam. Normalerweise ist der Approach aber so, dass entweder Michi oder ich eine Skizze anfertigen. Die zeigen wir uns zuerst gegenseitig und fragen: Ist das überhaupt worth it to go on? Dann überlegen wir, in welche Richtung es gehen könnte, und bringen die Idee mit einer gewissen Vorstellung zur Band. Alle geben ihren Senf dazu und dann kommt ein gescheiter Song raus.

Wie war das bei den Songs auf „Zuckerbrot & Peitsche“? Welche davon sind besonders stark gemeinsam als Band entstanden?

Paul Toth: Zeitlich waren wir bei dieser EP noch nicht so involviert, wie wir es bei den neuen Nummern sein werden. Die Songs waren eigentlich schon geschrieben, als ich dazugekommen bin. Ausgebaut haben wir sie aber auf jeden Fall gemeinsam.

Sophia Aitzetmüller: Genau, vor allem die einzelnen Instrumente. Da hat jede:r noch eigene Ideen eingebracht.

Michael Bauer: Ich finde, am besten sieht man das bei „Funktionieren“. Da hatten wir instrumental schon ein Grundgerüst, das wir auch im Studio bearbeitet haben. Dann hat Pauli seinen Senf dazugegeben und damit das Ganze noch einmal ein bisschen umgeschmissen. Soffel hat ihren eigenen Groove draufgehauen und dadurch ist der Song jetzt wirklich so, wie er ist.

Michael Bauer: Die Parts und die grundsätzliche Form sind schon gleich geblieben, aber der Vibe ist ein ganz anderer. Das ist das, was die Band ausmacht: Dieser Touch von allen kommt noch dazu.

Vorhin ist schon die Kritik an der Musikindustrie gefallen. Wie sind eure bisherigen Erfahrungen damit? Gerade von jungen Bands hört man immer wieder, dass sie in der Industrie schnell verheizt werden. Wie erlebt ihr das selbst?

Marvin Pawlowski: Je länger man in einer Band ist und je mehr Zeit man im Underground verbringt, desto mehr bekommt man mit, wie der Laden läuft. Ganz am Anfang stellt man sich das noch etwas naiver vor und denkt: Nächstes Jahr kommt schon der Durchbruch. Aber der Weg ist anscheinend wesentlich länger als gedacht. Man merkt auch, dass nicht alles so fair abläuft, wie man es sich vielleicht erhofft hat. Es kommt nicht immer nur auf die Qualität der Musik an, sondern auch auf das Marktgeschehen und darauf, welche Connections man hat. Da wir wirklich bei null gestartet haben, war es nicht einfach, uns einen Namen zu machen. Aber langsam haben wir das Gefühl, dass es in die richtige Richtung geht.

Michael Bauer: Ich finde, unsere Geschichte mit der Musikindustrie ist selbst ein bisschen wie Zuckerbrot und Peitsche. Manchmal erlebt man extrem schöne Seiten, einem wird Honig ums Maul geschmiert und man denkt: Jetzt sind wir wieder ein Stück näher dran. Direkt danach kommt die Kippe und man fliegt wieder runter und startet gefühlt bei null. Das passiert in einer Karriere wahrscheinlich ziemlich oft. Man muss einfach weitermachen. Es ist kein Sprint, sondern wirklich ein Marathon.

Marvin Pawlowski: Ein gutes Beispiel ist, als wir mit den Leftovers als Support in mehreren deutschen Städten gespielt haben. Dort sind die Leute mit uns umgegangen, als wären wir wirklich Stars. Wir haben hunderte Autogramme gegeben und Selfies gemacht.

Manchmal braucht es nur das richtige Zugpferd.

Marvin Pawlowski: Voll. Es war wunderschön und dann sind wir zurück nach Wien gekommen und alles war wieder beim Alten. Das war ein ziemlicher Humbling-Prozess.

Paul Toth: Das sind trotzdem Meilensteine. Wie ihr vorher gesagt habt: Ein großer Traum war damals, einmal im Chelsea zu spielen. Dann erreicht man das und vergisst es wieder ein bisschen, weil man schon weiter will. Aber eigentlich sind das schon sehr coole Meilensteine.

Dieses Video auf YouTube ansehen.
Hinweis: Mit dem Abspielen des Videos laden sich sämtliche Cookies von YouTube.

Vielleicht muss man die Entwicklung auch gar nicht immer als Aufstieg sehen, sondern eher als ein Ausufern in verschiedene Richtungen.

Marvin Pawlowski: Das Problem ist eher, dass wir sehr zielstrebig und ehrgeizig sind. Ich sehe mich da ein bisschen wie die Raupe Nimmersatt: Am Anfang ist sie mit dem Blatt zufrieden, das sie bekommt. Aber dann kommt ein zweites und ein drittes und irgendwann ist das auch schon wieder zu wenig – man will immer mehr.

Zurück zu „Zuckerbrot & Peitsche“: Nach welchen Kriterien habt ihr die vier Songs für die EP ausgewählt?

Marvin Pawlowski: Die meisten Songs waren ursprünglich auf Englisch geschrieben. Wir fanden sie aber so gut und waren gleichzeitig fest entschlossen, dass wir jetzt den Switch ins Deutsche machen wollen. Deutsch ist einfach nahbarer und direkter. Ich glaube, es nimmt einen kürzeren Weg zum Herzen, weil es unsere Muttersprache ist.

Sophia Aitzetmüller: Es ist einfach noch einmal persönlicher.

Marvin Pawlowski: Ich schreibe bei uns die Texte und denke auf Deutsch ganz anders darüber nach. Beim Englischen habe ich das Gefühl, dass es weiter weg ist. Ich kann über alles schreiben und es ist mir relativ egal, wie es ankommt. Bei Live-Konzerten hatte ich außerdem oft das Gefühl, dass die Leute sowieso nicht so genau auf die englischen Texte achten. Bei den deutschen Songs ist das anders: Da versteht mich jede und Leute sprechen mich nach der Show darauf an, was ich mit einer bestimmten Stelle gemeint habe. Das finde ich sehr schön. „sieben vor acht“, „Bussi Baba“ und „Was auch immer“ waren ursprünglich englische Songs. Wir hatten schon beschlossen, sie aufzunehmen, bevor wir uns für den Wechsel ins Deutsche entschieden haben. Also haben wir die Texte neu geschrieben. Die Themen sind dabei auch nicht immer gleich geblieben.

Ihr habt die Texte also nicht einfach übersetzt?

Marvin Pawlowski: Nein, das wäre ur trocken geworden. Wir haben uns noch einmal mit den Songs auseinandergesetzt: Was wollen wir eigentlich damit sagen? Dadurch sind noch einmal neue Farben dazugekommen.

Spannend, dass die Songs ursprünglich auf Englisch waren. Warum war es euch wichtig, gerade diese Instrumentals in die neue Phase mitzunehmen?

Michael Bauer: Wir fanden die Instrumentals einfach wirklich gut und es wäre schade gewesen, sie in einem alten Kapitel zurückzulassen. Sie haben eingängige Hooks und der Sound beschreibt uns ziemlich gut. Ich finde, die EP ist eine gute Introduction zu Cupiditas und das war auch ein Grund, warum es genau diese vier Songs geworden sind. Sie zeigen uns als Band ziemlich gut. „Bussi Baba“ ist sehr Indie-Pop-mäßig und ein bisschen dreamy. Dann gibt es mit „Funktionieren“ etwas, das eher in Richtung Kraftklub geht.

Sophia Aitzetmüller: „Was auch immer“ geht für mich fast ein bisschen in Richtung Die Ärzte.

Michael Bauer: Die Ärzte und irgendwie James Bond.

Sophia Aitzetmüller: Und Mario Kart!

Michael Bauer: Genau. Und „sieben vor acht“ ist dann irgendwie ein Mix aus allen vier Songs. Deshalb ist die EP auch eine gute Introduction in diese neue Ära von Cupiditas.

Habt ihr „sieben vor acht“ auch deshalb für das Musikvideo ausgewählt, weil der Song euren neuen Sound so gut zusammenfasst?

Michael Bauer: Auf jeden Fall. Außerdem ließ sich das Thema am besten als Musikvideo umsetzen. Insofern war es fast ein bisschen vorgegeben.

Marvin Pawlowski: Es wird auch noch ein zweites Musikvideo geben.

Und die beiden hängen thematisch zusammen?

Marvin Pawlowski: Ja, die hängen auch thematisch zusammen.

ES MUSS REAL SEIN UND IRGENDEINEN PERSÖNLICHEN BEZUG HABEN.”

Die Ästhetik von „sieben vor acht“ hat für mich etwas Punkiges, aber gleichzeitig auch diese Coming-of-Age-Storyline.

Michael Bauer: Coming-of-Age ist allgemein ein Riesenthema auf der EP. Wir haben da ein bisschen uns selbst verarbeitet.

Marvin Pawlowski: Es muss real sein und irgendeinen persönlichen Bezug haben. Wenn man über etwas schreibt, von dem man wirklich gar keine Ahnung hat und bei dem man nichts fühlt, kann auch nichts wirklich Gutes daraus entstehen.

Wie ist die Idee für das Musikvideo zu „sieben vor acht“ entstanden?

Michael Bauer: Das Grundkonzept kam von unserem Videografen Kevin Papst. Wir nennen ihn auch „den Papst“. Er ist ein cooler, lieber Typ, der uns sehr unterstützt und dem wir wirklich viel zu verdanken haben. Wir haben ihn gefragt, ob er das Video machen möchte, und er meinte sofort, dass er schon sehr viele Ideen hat. Dann hat er uns zu sich ins Büro eingeladen und eine ganze PowerPoint vorbereitet: Wer ist Cupiditas? Was macht uns aus? Dazu hat er verschiedene visuelle Ideen und Pinterest-Bilder gesammelt. Gemeinsam haben wir dann versucht, einen roten Faden zu finden. Im Video gibt es zum Beispiel Szenen in einem Auto. Ursprünglich wollten wir tatsächlich während der Fahrt drehen, aber das ist in Wien mit Drehgenehmigungen und allem Drumherum gar nicht so einfach. Also mussten wir das ein bisschen faken.

Michael Bauer: Wir hatten eine riesige Halle, eine Leinwand und das Auto und haben die Fahrszenen dort nachgestellt. Kevin hatte also dieses Grundgerüst und wir haben alle unseren Input dazugegeben und gemeinsam überlegt, was wir daraus machen können. 

Eine Frage habe ich noch gar nicht gestellt: Warum heißt ihr eigentlich Cupiditas?

Michael Bauer: Das ist eigentlich eine gute Geschichte. Wir hatten damals, ich glaube bei unserer zweiten Bandprobe überhaupt, ein Gigangebot von meiner Musikschule bekommen und mussten dafür einen Bandnamen bekannt geben. Marvin hatte schon eine Idee.

Marvin Pawlowski: „Sweet Alora“ oder „My Alora“. „Alora“ heißt auf Bengalisch anscheinend „Traum“. Ich wollte irgendetwas, das mit Träumen zu tun hat, weil ich sehr besessen von diesem Traum war, Musik zu machen.

Michael Bauer: Gleichzeitig musste ich damals für eine Latein-Vokabelwiederholung lernen. Mein Lateinprofessor war urstreng und ich habe mich in Latein wirklich schwergetan. Plötzlich ist mir dieses Wort wie ein Vietnam-Flashback eingeschossen: Cupiditas. Wir fanden, dass es interessant klingt, haben gegoogelt, was es alles bedeutet, und sind auf eine riesige Bedeutungsbreite gestoßen. Es kann Wunsch, Verlangen, Begierde oder Gier bedeuten.

Marvin Pawlowski: Das Gute daran ist, dass diese Bedeutungen sowohl positiv als auch negativ sein können. Das passt eigentlich ziemlich gut zu uns und auch wieder zu „Zuckerbrot & Peitsche“. Verlangen kann etwas Schönes sein, aber auch schnell ins Negative kippen, wenn daraus Gier wird. Es ist sehr double-sided. Und damals fanden wir den Namen natürlich auch einfach edgy. Wir haben uns gedacht: Das sind wir. 

Marvin Pawlowski: Und wir kannten keine andere Band mit einem lateinischen Namen und dachten, damit sind wir zumindest ein bisschen anders.

Michael Bauer: Und es klingt nicht zu stark nach Latein, als wären wir jetzt irgendeine Heavy-Metal-Band. 

Live zu spielen ist für euch als Band wahrscheinlich ein ziemlich wesentlicher Teil. Was macht für euch einen richtig guten Cupiditas-Gig aus?

Marvin Pawlowski: Man merkt eigentlich schon nach dem ersten oder zweiten Song, ob die Crowd Bock hat. Das macht sehr viel aus. Dieses High, das man auf der Bühne erlebt, kann man nirgendwo anders reproduzieren. Das ist einmalig und wahrscheinlich auch einer der Hauptgründe, warum wir das so gerne machen.

Michael Bauer: Für mich hat ein perfekter Auftritt viele verschiedene Ebenen. Es beginnt schon damit, wo man spielt, wie man dort ankommt und wie die Leute mit einem umgehen. Wir hatten schon Situationen, in denen das Personal von Anfang an sehr abgefuckt war. Dann fühlt man sich gleich ein bisschen unwohl. Umgekehrt macht es natürlich viel aus, wenn die Leute freundlich sind. Auch die Tontechniker:innen spielen eine große Rolle. Und dann kommt noch dazu, wie wir uns an dem Tag als Band verstehen und wie wir drauf sind. Es gibt Tage, da ist jemand müde oder kommt zu spät und jemand anderes ist davon genervt. Es können einfach nie alle Parameter stimmen.

Und manchmal werden gerade die Auftritte, bei denen am Anfang etwas schiefgeht, besonders gut.

Sophia Aitzetmüller: Bei unserem Release-Gig war das so! Ich habe mit Jakob einen Einsatz verpasst und dann war irgendwann klar: Okay, wir spielen jetzt einfach weiter. Egal, wir jammen jetzt.

Bild der Band Cupiditas
Cupiditas © Pope

Paul Toth: Für mich spielt auch die Erwartungshaltung eine große Rolle. Wenn ich auf die Bühne gehe und denke, ich muss jetzt bestimmte Leute beeindrucken, ist das für mich schon fast nicht mehr wirklich Musik. Viel wichtiger ist, dass wir untereinander gut sind.

Michael Bauer: Die letzten Gigs waren für mich einige der besten unserer bisherigen Karriere, weil uns mittlerweile klar geworden ist: Wir müssen im Moment sein. Wir spielen hier für uns und versuchen, unsere Musik an die Leute weiterzugeben, aber nicht so zwanghaft. Wir versuchen einfach, das Beste von uns zu zeigen und das weiterzugeben. Das ist etwas, dessen man sich irgendwann bewusst werden muss.

Sophia Aitzetmüller: Ich finde es am schönsten, wenn man auf der Bühne mit den anderen Bandmitgliedern interagiert und merkt, dass man gerade gemeinsam Spaß hat. Dann ist es mir teilweise sogar egal, ob die Crowd es fühlt oder nicht. Diese Momente mit den anderen auf der Bühne sind meine Lieblingsmomente.

Paul Toth: Wir haben letztens irgendwo im Burgenland gespielt und die ganze Crowd war ziemlich skeptisch. Alle standen in einer Ecke zusammengedrängt und haben uns ein bisschen verwirrt angeschaut. Ich fand den Gig trotzdem ziemlich gut.

Sophia Aitzetmüller: Mich hat es beim Schlagzeugspielen sogar fast vom Hocker zurückgehauen, weil es irgendwann so abgegangen ist. 

Marvin Pawlowski: Es ist auch lustig, wenn man merkt, dass man die Crowd nicht mehr wirklich holen kann, weil die Leute schon mit einer bestimmten Erwartung dort hingekommen sind und uns komisch anschauen. Das ist aber gar nicht so schlimm. Man ist schließlich nicht alleine auf der Bühne, sondern mit seinen besten Freund:innen. Dann schaut man sich gegenseitig an und weiß genau: „Merkst du? Die fühlen uns gerade gar nicht.“ Und dann macht man es fast erst recht. Uns geht es in erster Linie darum, dass wir oben Spaß haben. Und wenn wir oben Spaß haben, haben meistens auch die Leute unten Spaß.

WIR SIND GERADRE WIE BILDHAUER:INNEN, DIE NOCH AN IHRER ARBEIT SITZEN”

Wo steht ihr für euch persönlich gerade als Band?

Marvin Pawlowski: Wir sind gerade in einer Zwischenphase, glaube ich. Es kommt natürlich darauf an, wie die EP ankommt. Gleichzeitig schreiben wir eigentlich schon die Songs für das Album fertig und sind mit dem Kopf schon voll dort. Ich denke meistens zwei Schritte voraus, bevor wir den ersten überhaupt fertig gemacht haben.

Michael Bauer: Wir sind gerade wie Bildhauer:innen, die noch an ihrer Arbeit sitzen. Es ist eine Vorbereitungsphase, auch was unseren Sound angeht.

Paul Toth: Gleichzeitig haben wir gerade ur viel vor. Wir haben die Flex-Show, das Album und können momentan einfach sehr viel machen. Wir wissen noch nicht genau, was daraus entstehen wird.

Marvin Pawlowski: Gerade beim Album, das noch gar nicht aufgenommen ist, haben wir zum Beispiel den Synthesizer für uns entdeckt. Den wollen wir auch in die Live-Show integrieren. So gesehen sind wir gerade ordentlich in Fahrt und probieren beim Songwriting viel aus.

Sophia Aitzetmüller: „Curious“ ist vielleicht das richtige Wort. Wir schauen neugierig und positiv darauf, was kommt.

Marvin Pawlowski: Ich glaube, die schwerste Zeit haben wir schon hinter uns. Wir haben jetzt die richtige Formation gefunden, in der alles harmonisch funktioniert und alle dieselbe Vision verfolgen. Das war früher nicht so. Jetzt fühlt es sich richtig an und das merkt man auch bei den Proben und Live-Auftritten. Alle wollen mitziehen. Wir wissen natürlich nicht, was in den nächsten Monaten passiert. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sich früher oder später einiges verändern wird. Ich spüre immer stärker, dass wir gerade auf dem richtigen Weg sind. Es könnte morgen passieren oder erst in ein paar Jahren.

Sophia Aitzetmüller: Machen wir morgen!

Marvin Pawlowski: Wir werden jedenfalls nicht aufhören, bis wir den Leuten so richtig am Arsch gehen und sie nicht mehr an uns vorbeikommen!

Zum Abschluss: Gibt es etwas, das ihr als Band unbedingt erreichen wollt – abgesehen davon, den Leuten so lange am Arsch zu gehen, bis sie nicht mehr an euch vorbeikommen?

Marvin Pawlowski: Arena Open Air. Das ist der real shit.

Sophia Aitzetmüller: Das wäre schon cool.

Marvin Pawlowski: Ich nehme mir auch gerne die Karriere von Bilderbuch als Motivation. Die haben ungefähr zehn Jahre gebraucht, bis sie quasi über Nacht zu Stars wurden. Maurice Ernst hat das selbst einmal so gesagt. Sie haben lange als Band gearbeitet, bevor dann mit „Maschin“ der große Durchbruch kam. Deswegen denke ich mir: Wir sind jetzt seit ungefähr vier Jahren dabei – also nur noch sechs Jahre! Ich glaube, aller Anfang ist schwer und dieser erste Anfang ist bei uns jetzt langsam vorbei. Wir gehen sozusagen in die nächste Phase.

Michael Bauer: Die Volksschule ist fertig, jetzt kommen wir in die Mittelstufe.

Und als Nächstes steht dann das Album an?

Michael Bauer: Davor kommen auf jeden Fall noch Singles. Wir haben schon ein paar Songs in der Hinterhand.

Habt ihr schon eine ungefähre Timeline für das Album?

Michael Bauer: Mit der Arbeit daran wollen wir auf jeden Fall gegen Ende des Jahres beginnen. Das ist das Ziel.

Sophia Aitzetmüller: Jetzt machen wir erst einmal die Songs gescheit fertig und dann gehen wir richtig rein.

Marvin Pawlowski: Was auf jeden Fall passieren wird: Wir wollen beim Veröffentlichen keine Pause machen, sondern die ganze Zeit aktiv bleiben. Auch wenn das Album noch nicht fertig aufgenommen ist, wollen wir zwischendurch in einem anderen Studio ein paar Singles aufnehmen und rausbringen. Wir haben schon ein paar Songs in der Hinterhand. Diese langen Pausen bringen niemandem etwas und wir wollen natürlich auch nicht, dass die Leute uns vergessen. Mittlerweile bekommen außerdem immer mehr Leute aus der Musikindustrie von uns mit. Das motiviert uns und zeigt uns, dass wir nicht mehr ganz am Anfang stehen. Langsam ebnet sich der Weg. Es ist noch ein großes Dunkel: Man weiß nicht, ob das Licht am Ende des Tunnels die Lichtung ist oder ein anderer Zug, der auf den Schienen auf einen zufährt. 

Wie? 

Michael Bauer: Zu viel Star Wars in letzter Zeit.

Das lasse ich jetzt einfach so stehen. Vielen Dank euch!

Alle: Danke dir!

Die EP-Release-Show vonZuckerbrot und Peitschefindet am 12. November im Flex in Wien statt. 

+++

Ania Gleich 

+++

Links:
Cupiditas (Instagram)
Cupiditas (Youtube)
Tape Capitol Music – Label (Youtube)
Tape Capitol Music (Label)